Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
5/1994/4: Biographie und Geschichte
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Editorial

Biographie und Geschichte

Scheuer Helmut
Biographische Modelle in der modernen deutschen Literatur, ÖZG 5/1994/4, 457-487. [Abstract]

Rosenthal Gabriele
Zur Konstitution von Generationen in familienbiographischen Prozessen. Krieg, Nationalsozialismus und Genozid in Familiengeschichte und Biographie, ÖZG 5/1994/4, 489-516. [Abstract]

Langthaler Ernst
Heinrich, die Kamera und die Militärzeit. Ein Versuch, die Kriegs-Bilder eines jugendlichen Dorfbewohners zu verstehen, ÖZG 5/1994/4, 517-546. [Abstract]

Völter Bettina
"Ich bin diesen Feind noch nicht losgeworden". Verschärfter 'Identitätsdruck' für ostdeutsche junge Erwachsene vor und nach der Wende, ÖZG 5/1994/4, 547-566. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 5/1994/4, 567-568.

Forum

Botz Gerhard
Die Aufrechterhaltung einer sozialen Identität. Michael Pollak (1948 - 1992) und sein Beitrag zur Erforschung des Überlebens in Nazi-Konzentrationslagern, ÖZG 5/1994/4, 569-576.

Entner Brigitte
Spurensuche einer Region. Dornbirner Geschichtstage, ÖZG 5/1994/4, 577-580.

Langthaler Ernst
Die Mythen und ihre Jäger. Reflexionen zum Symposion "Niederösterreich/Südmähren 1945" (4.7. - 7.7.1994), ÖZG 5/1994/4, 581-585.

Rezension

Nieden zur Susanne, Alltag im Ausnahmezustand (M. Bernold), ÖZG 5/1994/4, 586-589.


Editorial, ÖZG 5/1994/4, 453-456

Lange Zeit hatten Schriftsteller/innen und Historiker/innen keinen Zweifel daran, daß der Sinn der Geschichte des einzelnen, des Landes, der Nation, des "Menschengeschlechts" im Gang der Geschichte inbegriffen sei. Die an sich sinnhafte Geschichte fände in ihrer Erzählung als 'Geschichte' adäquaten sprachlichen Ausdruck. Der Glaube an den immanenten Sinn von 'persönlicher' wie von 'allgemeiner' Geschichte wurde - so referiert der Germanist Helmut Scheuer im ersten Beitrag dieses Heftes - zuerst für einige Literaten fragwürdig. Lange vor den Historikern erhoben sie zu Beginn unseres Jahrhunderts Einwände gegen die Erzählbarkeit von Geschichte als einer Entwicklung auf ein Ende hin, verbunden mit dem Anspruch, 'das Ganze', die 'Totalität' oder auch nur 'das Wesentliche' eines Geschehens in Geschichte(n) zu fassen. Sie riefen die "Krise des Romans" aus und suchten nach neuen Erzähltechniken, die anstelle der Konstruktion einer finalen "Entwicklung" die Brüche und Abbrüche, die Widersprüche, die Gleichzeitigkeit des Vergangenen und des Gegenwärtigen zu erfassen und zu präsentieren vermögen. Robert Musil war einer der herausragenden Autoren, die wiederholt gegen die "primitive Epik" der Geschichte als "Entwicklung" anschrieben. Die Reflexionen, die er seinem Ulrich oder seinem Törleß in den Mund gelegt hat, lassen sich etwa so zusammenfassen: Die perspektivischen Verkürzungen, die jeder Erzähler unvermeidlich produziert, weil er von seinem Standpunkt auf das Früher seiner imaginierten Vergangenheit, auf das Jetzt seiner imaginierten Gegenwart und auf das Später seiner imaginierten Zukunft blickt, täuschen ihm einen immanenten Sinn seiner Geschichte als "Entwicklung" vor. Die Folge ist - für jede Sozialwissenschaft eine Herausforderung - Geschichtsklitterung: Die Lücken schließen sich, die Widersprüche verschwinden, die Lebenserzählung verspricht die sinnhafte Entwicklung des Lebens auf seine Erfüllung hin, sei es in der Form des Dramas, der Komödie oder der Satire. Pierre Bourdieu behauptet, daß sich der einzelne darin mit seinem literarischen oder wissenschaftlichen Biographen treffe: Beide seien auf der Suche nach der "Entwicklung" der Person. Der Akteur und sein Biograph seien Komplizen in einem illusionären Projekt der Biographie, biographische Forschung in der Sozialwissenschaft daher ein fragwürdiges Unterfangen.

Inwieweit dies für die Seite des Akteurs und für die Seite seines sozialwissenschaftlichen Biographen (ob Soziologe, Historiker oder Ethnologe) zutrifft, läßt sich an den weiteren Beiträgen in diesem Heft gut überprüfen. Gabriele Rosenthal zeigt, daß die Geschichte, die sich ein Akteur gibt, nicht nur aus seiner Perspektive als einzelner formuliert wird, sondern auch in der Kommunikation mit ihm nahestehenden Personen 'ausgehandelt' wird. Am Fall einer Familie und der realen und phantasierten Verstrickung ihrer Mitglieder in die Verbrechen des "Dritten Reichs" demonstriert sie, daß die Lebenserzählung nicht nur - im Sinne Bourdieus - zugunsten einer kohärenten Vorstellung vom "eigenen" Leben als "Entwicklung" konstruiert wird, sondern auch aus einer intergenerationellen Dynamik, die sich dem Gestaltungswillen des einzelnen weitgehend entzieht: Schuldgefühle, Angstsymptome und Entlastungsstrategien werden von der NS-Generation an die Kinder und Enkelkinder 'vermittelt', doch dabei in der Kommunikation, im Verschweigen und in den ausgelösten Phantasien transformiert. Lesen wir diese Fallanalyse im Hinblick auf Bourdieus Diktum von der Illusion der Biographie, ist daraus zu folgern, daß die Vorstellung, der einzelne konstruiere zwar perspektivisch, aber er konstruiere seine Lebensgeschichte immerhin selbst, noch einen gehörigen Rest idealistischen Denkens enthält.

Die Alternative zur "primitiven Epik" der Lebenserzählung als Entwicklungsgeschichte, die Literaten wie Robert Musil oder auch Filmtheoretiker wie Siegfried Kracauer schon in den zwanziger und dreißiger Jahren angeboten haben, war die Aufspannung von Handlungs- und Interpretationsmöglichkeiten im roman nouveau, im biographischen roman vrai Sartres oder im Film. Neuere sozialwissenschaftliche Methoden der Textanalyse wie die objektive Hermeneutik bedienen sich analoger Methoden der Pluralisierung von Sinn: Sie unterscheiden zwischen dem vom Erzähler gemeinten Sinn einer Äußerung und anderen denkbaren Bedeutungen, ihrem latenten Sinn. Damit wird das Subjekt zu einem Akteur, der für sich aus einer Mehrzahl von Möglichkeiten einen bestimmten Sinn realisiert. Ernst Langthaler überträgt in seinem Beitrag diesen Grundsatz der objektiven Hermeneutik auf die Analyse von Bildern und Texten eines Soldaten der Deutschen Wehrmacht. Um die Fotos auf ihre vom Soldaten und von seinem Freund, dem Photographen, realisierten und auf ihre für uns, die Betrachter, möglichen (latenten) Bedeutungen befragen zu können, müssen sie zunächst wie ein Text Zeile für Zeile gelesen und in Text übersetzt werden, ehe sie im Verfahren der objektiven Hermeneutik Sequenz für Sequenz interpretiert werden können. Die mit derselben Methode vorgenommene Analyse von schriftlichen und mündlichen Erinnerungstexten soll überprüfen, inwieweit diese Art der Analyse von Bildern zu einer Theorie des Falles führt, die sich in der Analyse seiner schriftlichen und mündlichen Texte bestätigt.

Die Leistung dieses Beitrags liegt nicht zuletzt darin, die Methode der objektiven Hermeneutik "unterwegs", "an der Arbeit" zu zeigen und nicht - wie sonst üblich - bloß die am Ende gebildete These zur Struktur des Falles als fertiges Ergebnis zu präsentieren. Der Vergleich zwischen den Lesarten, hier noch dazu der Vergleich zwischen Lesarten zu Bildern und geschriebenen und erzählten Texten, wird mancher Leserin und manchem Leser umwegig und übertrieben aufwendig erscheinen. Der viel zu selten möglich gemachte Blick in die Werkstatt des Interpreten scheint aber nützlich, um die Reflexivität in bezug auf den Vorgang der Textinterpretation zu erhöhen. Schließlich ist die Geschichtswissenschaft eine Textwissenschaft, die Texte interpretiert und Texte produziert. Entwicklung und Anwendung von Methoden der Textinterpretation, die das philologische Niveau des 19. Jahrhunderts übertreffen, sollten daher keine Marotte von "Grenzgängern" zwischen den Disziplinen, sondern ein zentrales Anliegen in den Geschichtswissenschaften sein.

Inwieweit und in welcher Weise der einzelne Akteur bei der Konstruktion seiner Lebensgeschichte - über die Kommunikation mit seinen nahen Angehörigen hinaus - Handlungs- und Deutungsbedingungen ausgesetzt ist, die wir als "gesellschaftlich" bezeichnen, ist auch eine zentrale Frage im Beitrag von Bettina Völter. Am Fall eines ehemaligen Offiziers der Nationalen Volksarmee und am Fall einer ehemaligen Krankenschwester aus der DDR zeigt sie, wie die gesellschaftlichen und staatlichen Transformationsprozesse der "Wende", der "Wiedervereinigung" der beiden deutschen Staaten und der neuen sozio-kulturellen und ökonomischen Konkurrenz der "Ost-" und "Westbürger" Deutschlands von den ausgewählten Akteuren bearbeitet werden. Ihr Befund - "erhöhter Identitätsdruck" - resümiert die ungewöhnlich hohe Fragwürdigkeit der biographischen Elemente vor, während und nach der "Wende": Die Erfahrungen bei den DDR-Pionieren und in der Freien Deutschen Jugend, das Engagement in der ostdeutschen Friedensbewegung, die Scheidung der Eltern, die von der DDR-Propaganda geschürte und zugleich familiengeschichtlich begründete Angst vor "denen im Westen" im Fall der Krankenschwester, die Abschottung des Offiziers im disziplinierenden System der Nationalen Volksarmee, danach sein politisches Engagement in der PDS oder sein Jura-Studium sind 'Verbindungen' der jeweiligen Biographie mit der 'allgemeinen' Geschichte. Staat und Gesellschaft werden umgebrochen, doch der Bekennungsdruck bleibt. Die neue fremde Welt des "Westens" fordert - wie die alte vertraute der DDR - ein klares Bekenntnis zu ihr. Die Art, wie man damit umgeht, ist verschieden: Aggression gegen diesen Druck im Fall der ehemaligen Krankenschwester, Abschottung gegenüber "dem Westen" im Fall des ehemaligen NVA-Offiziers, dessen alte Tugenden der Einordnung in ein Kollektiv in der Leistungsgesellschaft des vereinigten Deutschland nicht mehr zählen.

Die beiden Fallanalysen zeigen, daß gesellschaftliche Umbrüche dieses Ausmaßes in den Akteuren die Illusion einer kohärenten biographischen Entwicklung geradezu provozieren, um im Umbruch von Gesellschaft und Staat nicht unterzugehen. Ihre Versuche, die erfahrenen Widersprüche in einem eindeutigen Weltbild aufzulösen, fragwürdig gewordene Praktiken durch nachträgliche Umdeutungen (Reparaturstrategien) auszuscheiden und damit einen durchgehenden (Lebens-) Sinn zu konstruieren, werden wieder im Wege der sequentiellen Textanalyse rekonstruiert.

Alle drei textanalytischen Beiträge in diesem Heft zeigen: In der Suche nach dem latenten Sinn, den der Erzähler nicht weiß und nicht sagen will, zerbricht die Komplizität zwischen ihm, der um seine Biographie ringt, und der Sozialwissenschaft, die seine biographischen Strategien rekonstruiert und analysiert. Die von Bourdieu behauptete Komplizität zwischen dem Akteur und seinem wissenschaftlichen Biographen beschränkt sich also, so läßt sich resümieren, auf ihr gemeinsames Interesse an biographischen Texten; allerdings zu einem ganz verschiedenen Ende: Der Erzähler erzählt aus dem praktischen Interesse, sich selbst zu verstehen, der Sozialwissenschafter analysiert die Erzählung, um auf dem Weg der Rekonstruktion und Interpretation zu verstehen, wie erleidende und handelnde Akteure ihre Welt und damit die Geschichte strukturieren.

Reinhard Sieder

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Abstracts, ÖZG 5/1994/4, 567-568

Helmut Scheuer: Biographical Models in Modern German Literature

Having realized the untenableness of a quasi-omniscient biographical perspective, traditional historiography as well as the traditional novel are both faced with the same problem. Biographers have to abandon timehonoured patterns of teleological narrative techniques. In the literary field this led to the socalled crisis of the novel, which during the course of the twentieth century was eventually overcome by the insertion of fictitious passages, speculative interpretations and personal statements by the author, which in turn produced a new type of biographical novel, Sartre's socalled roman vrai. By this development biographers were pushed into the twilight zone between literature and historiography. Prismatic depictions of history from alternative perspectives of inherent - but never realized - possibilities, at times flashing back and forth between past and present and introducing a clearly recognizable element of personal comment and interpretation have been achieved.
ÖZG 5/1994/4, 457-487
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Gabriele Rosenthal: Constituting Generations in Family-Biographical Processes. War, National-Socialism and Genocide in Family History and Biography

The article analyses collective as well as family memory concerning the period of National-Socialism in families of victims, culprits and fellow travellers of the Third Reich. In all the cases the processes of dialogue and the tradition of memory among the generations were determined by the involved individual's position on the generation scale as well as the constellation of generations within the family. The author presents two models of typical generation constellations and their characteristic memory patterns of the NS-aera. In the first model (Growing-Up During the War), the grandparents' generation experienced World War I as juveniles or young grown-ups, their children normally were members of the Hitlerjugend and their grandchildren were usually born during the economic boom of the 1950ies. In the second generation model (Childhood During the War) the grandparents were still children during World War I, their children were born during or shortly after World War II and their grandchildren were already members of our modern consumers' society, experiencing the social and economic crisis of the 1970ies as adolescents. The article presents a case-study demonstrating how in family tradition and memory World War I is instrumentalised in order to exculpate the family from its involvement in the Nazi-system.
ÖZG 5/1994/4, 489-516
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Ernst Langthaler: Heinrich, the Camera and Military Service. An Attempt to Understand the Wartime Photography of an Adolescent Villager

Social historians increasingly adopt a new perspective by concentrating on behavioural clusters, and attempt to reconstruct "alien" social worlds on the basis of written, oral and visual "texts" and the help of new hermeneutical tools. The author tries to reconstruct relevant mental structures of adolescent villagers in the military context of the Second World War by analysing the war photography of a soldier of the German Wehrmacht. Abroad - ambivalently experienced as fascinating and threatening - Heinrich produces a specific identity. His capital resources - his truck, his professional logic as a mechanic, the relationship with like-minded "comrades" - enable him to distance himself, at least partially, from the type of the "German soldier". He can not free himself, however, from his entanglement in the military organization. Heinrich does not want to be a soldier; but this is exactly how he becomes a "Mechaniker-Soldat", a mechanic-soldier.
ÖZG 5/1994/4, 517-546
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Bettina Völter: "I'm Still Dealing With This Enemy". Intensified pressure to develop a new identity, viewed as a behavioral problem among East-German young adults before and after the Wende

Case histories of a former military officer and a nurse who campaigned for civil rights in the former GDR suggest that both aggression and a kind of "internal exile" are two possible reactions to the process of reunification. The author reconstructs their life histories in order to demonstrate the importance of family background and the post-World War II division of Germany on the development of these respective personal adaptation strategies. The author also suggests that the structural denominators common to both cases indicate that both of the individuals studied were under pressure to adopt a certain identity even prior to reunification. This pressure was presumably specific to their generation and was exacerbated by the conditions resulting from the pre-reunification changes in the East. The question is then raised whether the aggressive reaction - which appears more problematic at first glance - might be a more constructive solution than the less conspicuous strategy of "internal exile".
ÖZG 5/1994/4, 547-566
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