Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
6/1995/1: Österreich im Kopf

Archiv zurück weiter Sequenz: ÖZG - Einzelhefte  /  ÖZG-Home Page

Editorial [PDF]

Österreich im Kopf [PDF]

Botz Gerhard u. Albert Müller
Identität/Differenz in Österreich. Zu Gesellschafts-, Politik- und Kulturgeschichte vor und nach 1945, ÖZG 6/1995/1, 7-40. [Abstract] [PDF]

Ziegler Meinrad
Erinnern und Vergessen. Zum Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Zweiten Republik, ÖZG 6/1995/1, 41-60. [Abstract]
[PDF]

Cole Laurence
Province and Patriotism: German National Identity in Tirol, 1850-1914, ÖZG 6/1995/1, 61-83. [Abstract]
[PDF]

ÖZG-Redaktion
Der lange Schatten der Historiographie oder: Barocke Aufklärung. Ernst Hanischs "Der lange Schatten des Staates". Eine Kritik, ÖZG 6/1995/1, 85-118. [Abstract]
[PDF]

Abstracts, ÖZG 6/1995/1, 119-120. [PDF]

Forum

Mattl Siegfried
Österreich im Kopf und in den Beinen: Opernball, ÖZG 6/1995/1, 121-124.
[PDF]

Maderthaner Wolfgang
Österreich in den Beinen und im Kopf: Fußball, ÖZG 6/1995/1, 125-130.
[PDF]

Dressel Gert u. Katharina Novy
Frei-sprechen. Lebensgeschichtliche Bildungsarbeit mit alten Menschen, ÖZG 6/1995/1, 131-134.
[PDF]

Komlos John
Die fünfundzwanzigste Lektion für einen streitbaren Rebel(len), ÖZG 6/1995/1, 135-138.
[PDF]

Ernst Wolfgang
Die Unschreibbarkeit von Imperien. Theodor Mommsens römische Kaisergeschichte (und Heiner Müllers Echo), ÖZG 6/1995/1, 139-144.
[PDF]

Eder Franz X.
Internet für Historiker/innen Teil I, ÖZG 6/1995/1, 145-149.
[PDF]

Rezensionen

Gehmacher Johanna, Jugend ohne Zukunft (Michael Gehler), ÖZG 6/1995/1, 150-153. [PDF]

Hutter Clemens M., Kaprun (Georg Riegele), ÖZG 6/1995/1, 153-158. [PDF]

Kittsteiner Heinz D., Entstehung des modernen Gewissens (Elisabeth List), ÖZG 6/1995/1, 158-165. [PDF]

Alexander Helmut, Stefan Lechner u. Adolf Leidlmair, Heimatlos (Hans Heiss), ÖZG 6/1995/1, 166-170. [PDF]

Claussen Detlev, Was heißt Rassismus? (Stephan Ganglbauer), ÖZG 6/1995/1, 170-174. [PDF]


Editorial, ÖZG 6/1995/1, 5-6

Mit Jahreswechsel begann in Österreich eine zweijährige Phase öffentlichen historischen Gedenkens und Feierns, in deren Mittelpunkt zwei Anniversarien stehen: 1995 jährt sich zum fünfzigsten Mal die Wiederherstellung Österreichs als Zweite Republik nach dem Sieg der Alliierten über das NS-Regime und das "Dritte Reich"; 1996 wird dann das tausendjährige Jubiläum der erstmaligen urkundlichen Erwähnung des Namens 'Österreich' ('Ostarrîchi') begangen werden. Wir stehen also am Beginn einer Periode, die ausreichend Gelegenheit geben wird, lokale Geschichtskulturen und Geschichtsmentalitäten 'im Feld' zu studieren, zumal es dazu schon in den letzten zwei bis drei Jahren einiges zu beobachten gab.

Immer wieder erstaunlich, irritierend und längst nicht ausreichend erforscht erscheint dabei jene Metaphysik der runden Zahl, die die Logik der Zeitmessung - und zwar die diskrete der Annalistik wie die stetige der klassischen Physik - sozial und kulturell unterläuft, um nicht zu sagen: korrumpiert. Nicht gerade eine verschwindende Minderheit unter professionellen Historiker/inne/n lehnt es allerdings ab, gegen diese gesellschaftliche Konvention, die den Interessen einer problemorientierten Geschichtswissenschaft ja einigermaßen widerspricht, anzutreten, sondern versucht - nicht ohne Erfolg - damit Arrangements zu treffen.

Bei früheren Anlässen, so konnten wir feststellen, waren historische 'Jubiläen' gerne Medien für ritualisierte Formen der Selbstdarstellung, die ganz klar beanspruchten, Selbstdarstellung des Kollektivs zu sein und das Wir-Gefühl zu stimulieren, indem ausgestellte, geschriebene, inszenierte Geschichte als (mehr oder minder) verbindlich für das Publikum erklärt wurde. Darin unterscheidet sich Jubiläums-Geschichtsschreibung, trotz aller damit möglicherweise verbundenen wissenschaftlichen Bemühungen und Leistungen, vom 'normalen' Diskurs der Geschichtswissenschaften, die ja gehalten sind, ihre Ergebnisse der Kritik auszusetzen.

Das vorliegende Heft widmet sich, und dies ist durchaus ungewöhnlich für diese Zeitschrift, fast ausschließlich Österreich-zentrierten Themen. Die Beiträge gehen in je unterschiedlicher Weise dem blinden Fleck (von Foerster) kollektiver Identitäten nach. Gerhard Botz und Albert Müller beschäftigen sich mit Problemen der in den letzten Jahren häufig, aber nur zum Teil kontrovers diskutierten Identität der Zweiten Republik. Neben inhaltlichen Annäherungen an die wechselnden Identitäten wird vor allem von der These ausgegangen, daß die Möglichkeit, Identitätskonstruktionen zu behaupten, eng damit zusammenhängt, Differenz auszubilden, die die Form einer Identität bestimmt. Die Unterscheidungen wir/die anderen, für das "österreichische Selbstgefühl" (Karl Kraus) schon lange von großer Bedeutung, spielt dabei sicher die primäre Rolle, bedeutsam erscheint aber auch die jeweilige Unterscheidung Gegenwart/Vergangenheit, die zum 'historischen Bewußtsein' gerinnt. Die 'Schlüsseljahre' der österreichischen Zeitgeschichte bilden dabei 'Widerlager', auf denen Identitäten ruhen.

Peter Burke hat vor einigen Jahren im Zuge einer Analyse des von Maurice Halbwachs geprägten Begriffs des 'kollektiven Gedächtnisses' die These aufgestellt, daß dem (selektiven) Vergessen, das er als 'soziale Amnesie' beschrieb, ebenso große Bedeutung zukomme wie dem kollektiven Erinnern. Mit genau diesem Problem beschäftigt sich Meinrad Ziegler in seinem Beitrag über das 'Vergessen' der NS-Periode in Österreich. Ziegler bemüht neben soziologischen auch ethnopsychoanalytische Ansätze, um zu erklären, wie es zu jener ganz spezifischen Lückenhaftigkeit des 'österreichischen Gedächtnisses' kommen konnte.

Auch wenn das 'Ganze' nicht mit der Summe seiner Teile verwechselt werden darf, spielten Teil-Identitäten in der Geschichte Österreichs stets eine erhebliche Rolle. Laurence Cole befaßt sich mit einer ihrer regionalen Ausprägungen: mit dem 'Landesbewußtsein' und seinem Verhältnis zu (deutsch-)nationaler Identität und zum Habsburg-Patriotismus bis zum Anfang des Ersten Weltkriegs. Die detaillierte Analyse eines Festes wie der Tiroler Jahrhundertfeier (1909) erweist nicht bloß den ritualhaften Charakter kollektiven historischen Gedenkens, sondern auch die ideologisch amalgamierende, mehrere zunächst widersprüchliche Identifikationsmuster zusammenführende, wie auch formierende Funktion der 'Erfindung der Tradition', hier des spezifisch "Tirolischen".

Mit der gegenwarts(historiographie)geschichtlichen Dimension von Geschichtsschreibung als intentionalem Akt der Identitätsstiftung befaßt sich nicht zuletzt der Beitrag der ÖZG-Redaktion über Ernst Hanischs Österreichische Gesellschaftsgeschichte. Dies ist aber bloß eine der Dimensionen der Auseinandersetzung mit diesem - aus ganz verschiedenen Gründen - großes Interesse hervorrufenden Buch. Kaum eine Arbeit hat zuletzt mehr Anlaß zu Diskussionen geboten als dieser Versuch einer Synthese der österreichischen Zeitgeschichte.

Die ÖZG wird in den nächsten beiden Jahren der Problematik der Anniversarien und der dabei zentralen Rolle der österreichischen Geschichtsforschung und Historiographie ihre kritische Aufmerksamkeit widmen.

Albert Müller

Top


Abstracts, ÖZG 6/1995/1, 119-120

Gerhard Botz/Albert Müller: Identity/Difference in Austria. Society, politics, and culture before and after 1945

The article discusses some problems of collective identities in Austria's contemporary history. The basic argument is, that persisting identities depend on the ability to establish difference, margins and distinctions against 'the other' and against 'history' as well. Some of the key-dates of Austrian history are analysed as 'abutments' of historical identities. The authors emphasize the basic role of social and political structures and the existence of moral and cultural entrepreneurship in the process of the construction and maintenance of (more or less) stabile identities. Bargaining for what 'Austrian' legitimately means became a more and more eminent element in that process.
ÖZG 6/1995/1, 7-40
Top

Meinrad Ziegler: Remembering and forgetting. The perception of National-Socialism in the Second Republic

The author attempts to approach the problem of remembering Austria's Nazi-past on both, a structural-social as well as on an individual-biographical level. After 1945, a collective memory has been institutionalized in Austria which understands national socialism as a system not belonging to the country's history. This process of "externalizing" national socialism can be a structuring resource for the work of individual remembering. By such means, emotional bonds and those of identification which were built up within different roles and in the adoption of certain ideas of the Nazi-regime are excluded from the reflexive conscience. On the basis of a case study, the article attempts to show in what ways the problem of the general culture of memory is represented in the problem of individual remembering and forgetting. To make terminologically plausible the relation between collective and individual aspects of memory, the author extends the socio-structural approach by an ethno-psychoanalytic perspective.
ÖZG 6/1995/1, 41-60
Top

Laurence Cole: Province and patriotism: German national identity in Tirol in the years between 1850 and 1914

The paper tries to analyse the national identity of the German-speaking population of Tirol in the period 1850-1914. Understanding national identity as an area of cultural discourse in which different social groups compete to produce a dominant interpretation of identity, it focuses primarily on a national festival held in Tirol in 1909, and this is briefly compared with an earlier festival held in 1863. The 1909 festival illustrates the different and mutually reinforcing permutations of Tirolian provincial consciousness, German cultural identity and Austrian dynastic loyalty felt by various social groups. The 1909 celebration was intended as a form of patriotic social integration, and was primarily organised by the Catholic-Conservative elites. However, many of the cultural forms manifested at the festival were linked to a Heimat tradition fostered by the Tirolian bourgeoisie: though the bourgeoisie contested some aspects of the festival, it was above all an opportunity for them to assert their dynamic economic and social role and manifest their strongly-held sense of German identity. This contrasts strongly with the earlier festival which had been a bitterly contested ideological confrontation between Liberalism and Catholic-Conservatism and different political visions of the future of Germany. Two of the major differences between the two festivals were the change from an elite to a mass structure of politics (where the peasantry argued for inclusion on its own terms), and the altered nature of the Catholic-Conservative attitude towards the political centre.
ÖZG 6/1995/1, 61-83
Top

ÖZG-Redaktion: The long shadow of historiography, or baroque Enlightenment: Ernst Hanisch's book 'Der lange Schatten des Staates'. A critique

The ÖZG-team discusses the question why a book like Ernst Hanisch's Der lange Schatten des Staates usually gets popular and how it contributes to the permanent re-writing of national identity. It seems that historiography as a 'master narrative' is only derivable from using unclear notions, from mixing up different epistemic approaches and from using everyday language. The antagonism Baroque vs. Enlightenment turns out to be Hanisch's central concept. This, however, does not entirely coincide with recent results of research but is much more a dramaturgical tool of the book. Religion, 'Heimat', women, sexuality and body experiences are not subjects of analysis, but more often remain mythic elements of the plot. The conclusion is, that historiography as a unifying master narrative on the one side and research as an innovative revision of conventional historical imaginations on the other cannot be conducted simultaneously.
ÖZG 6/1995/1, 85-118
Top


Archiv zurück weiter Sequenz: ÖZG - Einzelhefte  /  ÖZG-Home Page