Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
6/1995/3: Macht-Wissen Geographie
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Editorial

Macht-Wissen Geographie

Harvey David
Zeit und Raum im Projekt der Aufklärung, ÖZG 6/1995/3, 345-365. [Abstract]

Gregory Derek
Imaginierte Geographien, ÖZG 6/1995/3, 366-425. [Abstract]

Binder Elisabeth
Mutterland und Vatersprache. Überlegungen zum Androzentrismus in der Geographie, ÖZG 6/1995/3, 426-445. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 6/1995/3, 446.

Forum

Zeilinger Reinhard
Tradition und Dissens. Zur Rekonstruktion einer Disziplingeschichte der Geographie, ÖZG 6/1995/3, 447-452.

Tantner Anton
Internet für Historiker/innen (III), ÖZG 6/1995/3, 453-456.

Replik

Hanisch Ernst
Anklagesache: Österreichische Gesellschaftsgeschichte, ÖZG 6/1995/3, 457-466.

Rezensionen

Schreiber Horst, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Nazizeit in Tirol (Franz Mathis), ÖZG 6/1995/3, 467-473.

Walser Harald, Bombengeschäfte. Vorarlbergs Wirtschaft in der NS-Zeit (Franz Mathis), ÖZG 6/1995/3, 467-473.

Weitensfelder Hubert, Interessen und Konflikte in der Frühindustrialisierung (Hermann Zeitlhofer), ÖZG 6/1995/3, 473-476.

Klíma Arnost, Industry and Society in Bohemia (Jana Englová), ÖZG 6/1995/3, 476-479.

Studer Brigitte, Un parti sous influence (Berthold Unfried), ÖZG 6/1995/3, 479-481.


Editorial, ÖZG 6/1995/3, 343-344

Eine flinke mediale Kritik hat längst die Stichworte geliefert: global village, global factory, global production ... Gemeint sind qualitativ neue Prozesse der weltweiten ökonomischen Arbeitsteilung, der interregionalen Vernetzung, der funktionalen Eingliederung neuer Räume, die neue ökonomische, politische und kulturelle Abhängigkeiten und Ungleichzeitigkeiten verursachen. Allen diesen Strategien, die durch eine politisch-militärische 'Neue Welt-Ordnung' abgesichert werden sollen, ist der Versuch gemeinsam, den Raum zu beherrschen. Gilt also nicht mehr, wie in der Anfangszeit des Kapitalismus, daß Zeit Geld sei?

Wenn noch in den ersten Dezennien des zwanzigsten Jahrhunderts das Problem der Zeit die wirtschaftliche, politische und ästhetische Frage gewesen war, so verlagerte sich seither das Hauptgewicht mehr und mehr auf Probleme des Raums und seiner Wahrnehmung, ja machte 'Spatialität' zur emblematischen Figur der gesamten Debatte über die Moderne. Die Postmoderne hat schließlich alle bisherigen Modi der Zeit- und Raumwahrnehmung grundsätzlich in Frage gestellt, und zwar deshalb, weil die Kategorien des Raums jene der Zeit zu dominieren, ja zu zerstören drohen. Frederick Jameson und andere haben die Vermutung formuliert, es sei dies ein Prozeß, dem wir mit unseren Sinnen nicht mehr folgen könnten. Wir verfügten noch gar nicht über den Wahrnehmungsapparat, der einem 'Hyperspace' überhaupt gewachsen wäre - teils, weil unsere Wahrnehmungsgewohnheiten in jenem älteren Raum entstanden waren, den man als den Raum der Moderne bezeichnen kann.

Ein Thema mit Variationen: Im Beitrag Zeit und Raum im Projekt der Aufklärung, der das Heft eröffnet, verfolgt David Harvey die diskursive Konstruktion dieses Raumes und den Beginn der für die Moderne so prägenden 'Verdichtung' von Zeit und Raum. Die Entdeckung einer neuen Welt, die es militärisch, ökonomisch, ästhetisch anzueignen und zu erobern galt, und die Durchsetzung der Zentralperspektive konstituierten eine radikal neue Sichtweise - mit unübersehbaren Folgen auf alle Bereiche der Gesellschaft und Felder der Repräsentation, was Harvey vor allem an Beispielen der kartographischen Repräsentation des Raumes demonstriert. Kartographische Präzision und exakte Zeitmessung lieferten nicht nur die Mittel, durch die sich eine rationale Ordnung von Zeit und Raum begründen ließ, sondern auch die Werkzeuge für eine globale Beherrschung und Kontrolle im Zeitalter des warenproduzierenden Kapitalismus.

Auf ihren Weltentwurf hin befragt zeigt sich, daß alle bisherigen Geographien einem bestimmten Projekt von Herrschaft verbunden waren. Diese Geographien, so Derek Gregory in seiner sorgfältigen Re-Analyse des Werks von Edward Said, errichteten "textuelle Reiche" als "schriftliche Fortifikationen"; sie hätten den Prozeß der ökonomischen und kulturellen Inbesitznahme kolonialer Territorien von Anfang an begleitetet. In der Rekonstruktion der 'imaginierten Geographien' des 'Orients' zeigen sich Strategien des gewaltsamen 'Entschleierns', durch das Räume und Territorien sichtbar, begreifbar und beherrschbar gemacht werden sollen. Aber die Territorien des imaginierten 'Westens' und 'Osten' überlappen sich, genauer: Der 'Westen' dringt in den 'Osten' ein, hat seine vorgeschobene Stützpunkte ebenso wie moderne Verbindungslinien an die Front zwischen 'Zivilisation' und 'Wildnis'. Nicht zufällig sind diese Vorposten der Moderne zugleich die bevorzugten Standorte einer literarischen Aneignung der peripheren und abhängigen Territorien durch die Metropolen. Sie ermöglichen jene Ästhetisierung der kolonialen und imperialistischen Praktiken und jene "panoramatische" Perspektive, die nach Michel Foucault Voraussetzung für den aneignend-kontrollierenden Blick der Moderne ist.

Offenbart sich hier die enge Beziehung zwischen Textualisierung, Visualisierung und Inbesitznahme, so entfaltet der koloniale Gestus dieser Geographien auch in einem anderen Bereich seine verräterische Metaphorik: dem Territorium der Geschlechterbeziehungen. Elisabeth Binder fragt in ihrem Beitrag nach den textuellen Praktiken, visuellen Tropen und Strategien, welche die Geographie zu einer andropozentrischen Wissenschaft, zu einer weißen, Männer- und middle-class-dominierten Veranstaltung machen.

Reinhard Zeilingers Beitrag im Forum skizziert die Schwierigkeiten einer Aufarbeitung der Disziplingeschichte vor dem Hintergrund einer erfolgreichen Marginalisierung alternativer und kritischer Geographien insbesondere im deutschsprachigen Raum. Ernst Hanischs Replik auf unsere Besprechung seines Buches zur österreichischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts führt die Debatte um die 'Gesellschaftsgeschichte' fort. Mit den Rezensionen, diesmal vorrangig wirtschaftshistorischen Arbeiten gewidmet, kehrt das Heft zur Frage der räumlichen Strukturen in der Geschichte zurück.

Gerald Sprengnagel, Salzburg

PS: Eine längere Erkrankung des Heftverantwortlichen hat das Erscheinen des vorliegenden Heftes über Gebühr verzögert. Wir ersuchen unsere Leser/innen und Abonnent/inn/en, dies zu entschuldigen.

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Abstracts, ÖZG 6/1995/3, 446

David Harvey: The Time and Space of the Enlightenment Project

Modernity developed a strong sense of time-space compression - that ist, a sense of shrinking of the spatial world and of a shortening of time-horizons. The author first analyzes the transition that prepared the way for Enlightenment thinking of time and space. The voyages of discovery indicated a finite and knowable globe, and the rules of perspective broke radically with the practices of medieval art and architecture and shaped the ways of seeing for the next four centuries. Perspectivism had reverberations in all aspects of social life and in all fields of representation, which is extensively demonstrated by examples of cartographic representations. The conceptual foundations for the Enlightenment project were laid by the Ranaissance revolution in concepts of space and time. Accurate maps and chronometers became essentials tools not only for a rational order of space and time, but also for domination and social control in an age of commodity capitalism.
ÖZG 6/1995/3, 345-365
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Derek Gregory: Imaginative Geographies

Reanalyzing the work of Eward Said the essay illuminates the complexity and fractured formation of Orientalism as a constellation of power, knowledge and geography. In doing so the author reconstructs Saids's geographical imagination and its groundings in both a specific intellectual biography and the current situation in Palestine. In a second step Gramsci and Foucault are invoked, in order to emphasize the importance of spatial sensivity for Said's work. In a close analysis of the Description de l'Égypt and the Cairo premiere of Verdi's opera Aida the author reworks Said's main theme, in order to reinforce the physicality and materiality of his argument.
ÖZG 6/1995/3, 366-425
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Elisabeth Binder: Motherland and Father Tongue

The general critique of the androcentric structure of social science research leaves the question of the specific conditions of production and reproduction of androcentrism within the disciplines unanswered. Androcentrism within geography can be traced back to the conditions under which geography became an academic discipline in the 19th century. The historical proximity of geographic research to life-world experience and common sense theories over-emphasized the particular subject positions of those who were establishing geography: white middle-class men. Therefore the gender bias (together with class and ethnic biases) influenced the geographic `world-view' more directly than might be the case in the other social sciences.
ÖZG 6/1995/3, 426-445
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