Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
7/1996/1: Wissenschaftsgeschichte Wissenschaftsforschung

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Editorial

Wissenschaftsgeschichte Wissenschaftsforschung

Müller Karl H.
Sozialwissenschaftliche Kreativität in der Ersten und in der Zweiten Republik, ÖZG 7/1996/1, 9-43. [Abstract]

Felt Ulrike
"Öffentliche Wissenschaft. Zur Beziehung von Naturwissenschaften und Gesellschaft in Wien von der Jahrhundertwende bis zum Ende der Ersten Republik, ÖZG 7/1996/1, 45-66. [Abstract]

Fleck Christian
Autochthone Provinzialisierung. Universität und Wissenschaftpolitik nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich, ÖZG 7/1996/1, 67-92. [Abstract]

Stadler Friedrich
Wissenschaft und Österreichische Zeitgeschichte. Methodologische und metatheoretische Untersuchungen zu einer historischen Wissenschaftsforschung, ÖZG 7/1996/1, 93-116. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 7/1996/1, 117-118.

Gespräch

Hybride Wissenschaften: Wissenschaftsforschung und Wissenschaftsgeschichte. Ein Gespräch zwischen Helga Nowotny und Albert Müller, ÖZG 7/1996/1, 119-133.

Forum

Beckermann Ruth u. Wolfgang Reiter
Heimatfibel: Der lange Schatten der Provinz, ÖZG 7/1996/1, 135-143.

Langthaler Ernst
Die Mythen und ihre Jäger II. Reflexionen zur Ausstellung "Menschen nach dem Krieg" (Schallaburg), ÖZG 7/1996/1, 144-148.

Rezensionen

Benetka Gerhard, Psychologie in Wien (Ch. Fleck), ÖZG 7/1996/1, 149-153.

Lerner Gerda, Frauen finden ihre Vergangenheit (I.Bauer), ÖZG 7/1996/1, 153-157.

Feldbauer Peter, Die islamische Welt 600-1250 (G. Liedl), ÖZG 7/1996/1, 157-161.

Giddens Anthony, Soziologie (A. Müller), ÖZG 7/1996/1, 161-163.

Lehmann Hartmut u. a., Paths of Continuity (A. Müller), ÖZG 7/1996/1, 163-166.

Lehmann Hartmut u. a., An Interrupted Past (A. Müller), ÖZG 7/1996/1, 163-166.

Epstein Catherine, A Past Renewed (A. Müller), ÖZG 7/1996/1, 163-166.


Editorial, ÖZG 7/1996/1, 5-8

Es ist ein gut beobachtbarer Umstand, daß das weite Feld "Wissenschaft" in sozialgeschichtlichen Untersuchungen (und gar: gesellschaftsgeschichtlichen Synthesen), aber auch in Arbeiten zur Kulturgeschichte nur relativ selten und relativ marginal thematisiert wird. Dies läßt sich für Österreich - auch für diese Zeitschrift -, aber ebenso für den deutschsprachigen Raum insgesamt behaupten, ohne eine detaillierte Zitationsanalyse heranziehen zu müssen. Weniger leicht als die Konstatierung dieses Umstandes fällt seine angemessene Erklärung. Werden Wissenschaften nicht als ein Teil der Gesellschaft angesehen? Haben historische und gegenwärtige Wissenschaftsbetriebe nicht ausgeprägte und gut sichtbare soziale Strukturen, die sich vor allem aus unterschiedlichen Machtpotentialen ergeben, ebenso wie eine recht spezifische Kultur? Wenn diese zweifellos ein wenig naiven Fragen erwartungsgemäß positiv beantwortet werden können, fällt die Erklärung der weitgehenden Ignoranz gegenüber dem Feld Wissenschaft umso schwerer. Aus vielen möglichen Erklärungsfaktoren sollen hier nur einige wenige herausgegriffen werden.

- Wissenschaftsgeschichte wurde vom Mainstream der Geschichtswissenschaften relativ lange ignoriert. Erst vergleichsweise spät - im wesentlichen seit den 70er Jahren - konnte sie sich in Österreich im Universitätsrahmen - meist aufgrund bemerkenswerter organisatorischer Einzelinitiativen - institutionell etablieren. Dafür wurde wohl ein doppelter Preis bezahlt: Einerseits wurde eine scharfe Abgrenzung des Gegenstandsbereichs gegenüber den bereits etablierten Bereichen vorgenommen, was intensive Kommunikation und wechselseitige Inspiration tendenziell behinderte, andererseits wurde ein prononcierter Methodenkonventionalismus favorisiert, der sich - wohl um Akzeptanz sicherzustellen - zumeist auf den alten Positivismus historistischer Façon beschränkte. Auch dies beeinträchtigte Interaktionen mit den sich gerade im Methodenbereich öffnenden Richtungen vor allem sozial- und kulturgeschichtlicher Provenienz.

- Wissenschaftsgeschichte setzt, wird sie kritisch betrieben, Wissenschaft immer wieder aufs Spiel. Daß beispielsweise der Wissenschaftsbetrieb generell Rationalitätskriterien unterliege, kann auf der Basis wissenschaftshistorischer Untersuchungen gutenteils in Zweifel gezogen werden. Aber nicht nur so wird die oft eifrig gehütete Reputation der Wissenschaften kontaminierbar; gerade auch im zeithistorischen Kontext werden Hinweise auf die politische Involvierung von Wissenschaftern und Institutionen der Wissenschaft immer noch als allzu brisant angesehen. Immer wieder wurden kritische wissenschaftsgeschichtliche aber auch wissenschaftssoziologische Analysen als eine Art Bruch des Zunftgeheimnisses angesehen, statt diese systematisch als eine mögliche Grundlage zur Selbstreflexion, zu der sich Wissenschaften ja verpflichtet fühlen, zu nutzen.

- Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftssoziologie oder auch Wissenschaftsforschung haben ein spezifisches Problem gemeinsam: Die Beobachter des Wissenschaftssystems sind in diesen Fällen zwangsläufig Teil des Systems, das beobachtet werden soll, und eine - klassischen Methodologien folgend - Meta-Ebene, ein externer Standpunkt, von dem gleichsam aus sicherer Entfernung beobachtet werden könnte, ist hier kaum konstruierbar. Dieses Dilemma wurde gerade in der Wissenschaftsgeschichte, die im eigentlichen Wortsinn als Selbstthematisierung verstanden werden sollte, immer wieder sichtbar. Für sie sind Jubiläen möglicherweise noch mehr Anlaß für Forschungs- und Publikationstätigkeit als in anderen Bereichen der Geschichtswissenschaft. Und dies heißt auch: Nicht Beobachten (oder Kritik), sondern Konsekration waren ihre so oft erbrachten wie oft erwünschten Leistungen für das System Wissenschaft.

Dieses Heft der ÖZG beschränkt sich auf Themen aus der Wissenschaftsgeschichte Österreichs im 20. Jahrhundert, womit - nicht zuletzt - dem wissenschaftsgeschichtlichen Defizit der österreichischen Zeitgeschichte wie dem zeitgeschichtlichen Defizit der österreichischen Wissenschaftsgeschichte Rechnung getragen werden soll.

Karl H. Müller beschäftigt sich mit dem Problem wissenschaftlicher Kreativität und zieht Vergleiche zwischen der Ersten und der Zweiten Republik. Die kreative Verwendung von Kreativitätstheorien läßt dabei gerade auch die der Zweiten Republik langsam aber sicher lieb gewordenen "Geistesgrößen" der Ersten in neuen Kontexten erscheinen. Auch wenn die Geschichte der kreativen Leistungen der Wissenschaften der Ersten Republik sich nicht wiederholen mag, formuliert Müllers Beitrag eine Reihe von Voraussetzungen für neue - und das heißt zukünftige - kreative Schübe.

Ulrike Felts Beitrag arbeitet an der Zeit vor 1938 das prekäre Verhältnis von "Wissenschaft" und "Öffentlichkeit" anhand von Problemformulierungen, die auch für die Gegenwart von Bedeutung sind, heraus: Wie und warum wird Wissenschaft kommuniziert, wenn dies nicht wissenschaftsintern geschieht? Welcher Institutionen und welcher Medien (im weitesten Sinn) bedarf es, um einen Kommunikationsfluß zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu bewerkstelligen? Wer kann und soll diese intermediären Stellen im Kommunikationsprozeß besetzen, und wie kann und soll dieser Prozeß gesteuert werden?

Der mehrfache Systembruch (nicht nur) in den Wissenschaften von der Ersten zur Zweiten Republik ist Thema des Beitrags von Christian Fleck, wobei die ersten Jahre nach 1945 den Schwerpunkt bilden. Flecks institutionenhistorische Analyse stellt die für alle weiteren Bereiche zentrale Frage nach den Strategien der Wiederbesetzung von Professorenstellen, die nach der notwendig gewordenen politischen "Säuberung" nach 1945 zur Disposition standen. Während die allgemeine Richtung und das Ergebnis der damaligen Berufungspolitik vielen in groben Zügen bekannt sind - jüdische und "linke" Wissenschaftsemigranten konnten nicht zurückkehren, überproportional viele Stellen wurden von Vertretern konservativer Katholizismen aber auch von "minderbelasteten" NS-Mitläufern besetzt - bietet Flecks genaue und auf bisher unbekannten Quellen basierende Analyse einen Einblick ins Innere dieses folgenreichen Prozesses.

Friedrich Stadler unternimmt es schließlich, auf der Basis einer intensiven Auseinandersetzung mit theoretischen Fragen ein Forschungsprogramm zur Diskussion zu stellen und zu begründen, wie Wissenschaft konsequent zum Thema der österreichischen Zeitgeschichte gemacht werden könnte. Die traditionelle Dichotomie von Wissenschaftstheorie, die nach Geltung von Erkenntnis, und Wissenschaftsgeschichte, die nach deren Entstehungszusammenhang fragt, kann zwar nicht aufgelöst, ein ganz pragmatischer Weg aber vorgeschlagen werden. Kurz, Stadler versucht eine Historische Wissenschaftsforschung zu entwerfen, in der Geltung und Werden von wissenschaftlicher Erkenntnis zugleich zum Thema gemacht werden können.

Im Forum wird die Debatte um Ernst Hanischs "Der lange Schatten des Staates" fortgeführt (vgl. dazu ÖZG 1/95, 3/95, 4/95). Diesmal wird das Buch von zwei geschichtswissenschaftlichen "Laien", die Hanisch ja explizit als intendierte Rezipienten apostrophierte, diskutiert. Weder die Filmemacherin und Autorin Ruth Beckermann noch der Physiker und Ministerialrat im Wiener Wissenschaftsministerium Wolfgang Reiter haben im engeren Sinn kontinuierlichen Anteil am geschichtswissenschaftlichen Betrieb. Diesen Beitrag in der ÖZG zu veröffentlichen, war in der Redaktion nicht unumstritten. Aber selbst die bisweilen polemischen Formulierungen und zugespitzten Hypothesen stehen hier in einem Argumentationszusammenhang, der die Diskussion insgesamt weiterführt und um neue Fragen bereichert, die über den Anlaß, Hanischs Buch, hinausführen und an weitere Teile der Disziplin gestellt werden können.

Das Problem historischer Ausstellungen bleibt ebenfalls in Diskussion. Ernst Langthaler setzt sich für die ÖZG in schon bewährter Weise mit einem der einschlägigen Events des letzten Jahres auseinander.

Ein Gespräch zwischen Helga Nowotny und Albert Müller thematisiert noch einmal eine der Fragen, die dieses Heft durchziehen: Was denn die Wissenschaftsgeschichte von der Wissenschaftsforschung lernen könnte. Darüberhinaus wird eine Reihe von Problemen der gegenwärtigen und zukünftigen Wissenschafts- und Universitätssysteme zur Debatte gestellt.

Die Leserinnen und Leser werden bemerken, daß der Anteil an professionellen Historikerinnen und Historikern unter den Autoren dieser Ausgabe einer Zeitschrift, die sich den Geschichtswissenschaften widmet, vergleichsweise gering ist. Der Unterzeichnete hält eine solche Komposition jedenfalls für eine unter mehreren Möglichkeiten, den inter- und transdisziplinären Ansprüchen des Programmes dieser Zeitschrift praktisch Genüge zu tun.

Albert Müller, Wien

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Abstracts, ÖZG 7/1996/1, 117-118

Karl H. Müller: Creativity in the Social Sciences in the First and Second Republic

The article takes its starting point from the remarkable creative difference in social sciences during the First and Second Republic and aims at formulating a theoretical framework for the production of eminent scientific and intellectual achievements. The author applys the instruments of network-theory to a specifically Viennese segment of the intellectual scene, the socalled informal discussion groups and circles, in order to explain the emergence of scientific and intellectual innovations. Models thus constructed, can then be successfully applied to a series of Viennese innovations such as Neurath's pictogram statistics, Goedel's theorem and Popper's criteria of falsification.
ÖZG 7/1996/1, 9-43
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Ulrike Felt: Public Sciences. The Relationship between Sciences and Society in Vienna 1900-1938

Sciences produce data which - even if they should meet with public interest beyond their direct sphere - are not readily accessible. It is in this context that institutions and channels of communication acquire a crucial role. On the basis of extensive empirical research the author depicts the specific forms of these institutions and lines of communication in the city of Vienna and finds the situation dominated by several peculiarities: i.e. the efforts of eminent scientists to popularize the findings of the natural sciences, the central role of the labour movement in setting up special institutions of adult education, the socalled Volkshochschulen, the People's Highschools and the large interest these topics met within the media of the comparatively small segment of the liberal bourgeoisie. This popularizing of the sciences is being viewed as a multidimensional problem which has repercussions on the sciences themselves, increases the impact of sciences and technology on everyday life, furthers the evolution of a science-technology-complex and last but not least serves as a collateral in securing ideologies such as socialism or liberalism.
ÖZG 7/1996/1, 45-66
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Christian Fleck: Autochthonous Provincialisation. University, Science and Research Policy After the End of the Nazi Era in Austria

The article retraces the repercussions of Austrian political cleavages within the Austrian university system, especially in the sphere of academic personnel and recruiting. 1938 it was predominantly Jews and political opponents of the Nazi party, who were forced out of their academic positions - and often into exile -, whereas 1945 the universities faced the problem of political cleansing: about 200 academic positions and chairs had to be reappointed. But the reconstruction of academic careers from the original files produces very surprising and sobering results: quite a few academics who had lost their positions because of their involvement in Nazi politics could after a moderately decorous lapse of time return to their teaching positions, but only members of the non-Jewish, Catholic-conservative group among the emigrated scientists and academics were offered adequate possibilities for return and for a continuation of their academic careers. Such a selective policy did not come about by chance but was the result of a conscious strategy of the responsible educational administrators during the Second Republic, a strategy which for decades turned Austrian universities into a domain of conservativism.
ÖZG 7/1996/1, 67-92
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Friedrich Stadler: Science and Austrian Contemporary History. Methodological and Metatheoretical Investigations on a Historical Science of Science

The author starts by pointing to a problematic gap in Austrian historiography, the history of science, which in spite of its temporary importance never became the subject of systematic historiographic research in this country. He then argues for a historical research of science as a mediator between what he sees as the two complementary fields of theory of science and social and cultural history. The article finishes by discussing an extensive thematic catalogue which applies the depicted concept of a historical research of sciences to the Austrian scene of the First and Second Republic.
ÖZG 7/1996/1, 93-116
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