Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
7/1996/2: Formalisierung der Welt


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Editorial

Formalisierung der Welt

Porter Theodore M.
Statistics, Social Science, and the Culture of Objectivity, ÖZG 7/1996/2, 177-191. [Abstract]

Fröschl Karl Anton
Die Kohärenz des Virtuellen. Zum Konzept der Kohärenz, ÖZG 7/1996/2, 193-217. [Abstract]

Hamberger Klaus u. Harald Katzmayr
Herrschaft der Zahl - Krieg der Natur. Zur Mathematisierung der Sozialwissenschaften in England 1800-1900, ÖZG 7/1996/2, 219-246. [Abstract]

Eckert Daniel u. Leonhard Bauer
Die "soziale Frage" more geometrico beantwortet. Zur sozialphilosophischen Motivation der Begründung der mathematischen Ökonomik durch Léon Walras, ÖZG 7/1996/2, 247-265. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 7/1996/2, 266-268.

Gespräch

Wieso menstruieren Männer? Ein Gespräch zwischen Gianna Pomata und Thomas Burg, ÖZG 7/1996/2, 269-281.

Forum

Meißl Gerhard u. Alfred Pfoser
Die Ermüdung der Männer. Anson Rabinbachs Beitrag zur Geschichte der Arbeitskraft. Mit einem Interview, ÖZG 7/1996/2, 282-286.

Rezensionen

Macrae Norman, John von Neumann (M. Gaunerstorfer), ÖZG 7/1996/2, 287-289.

Porter Theodore M., Trust in Numbers (R. Pfundner), ÖZG 7/1996/2, 290-292.

Cole John W. u. Eric R. Wolf, Die unsichtbare Grenze (M. Verdorfer), ÖZG 7/1996/2, 292-295.

Sieder Reinhard u. a., Hg., Österreich 1945-1995 (E. Hanisch), ÖZG 7/1996/2, 296-298.


Editorial, ÖZG 7/1996/2, 173-176

1935 hielt Edmund Husserl in Wien einen Vortrag unter dem Titel Die Krisis des europäischen Menschentums und die Philosophie. Husserl hat nicht exakt zum Ausdruck gebracht, was denn nun, in der Zeit der nationalsozialistischen Machteroberung und latenten Kriegsstimmung, diese Krisis sei, doch er hat zum Thema gemacht, was der erstmaligen Erfahrung einer unterbrochenen Entwicklung und der davon ausgehenden Erschütterung der mentalen Strukturen zugrunde lag. Die europäische Philosophie, argumentierte Husserl, habe das Problem der Wahrheit in die Unendlichkeit verlegt. "Die Unendlichkeit wird entdeckt, und zuerst in Form der Idealisierung der Größen, der Maße, der Zahlen, der Figuren, der Geraden, der Pole, Flächen usw. Die Natur, der Raum, die Zeit werden ins Unendliche idealiter erstreckbar und ins Unendliche idealiter teilbar. Aus der Feldmeßkunst wird die Geometrie, aus der Zahlenkunst die Arithmetik, aus der Alltagsmechanik die mathematische Mechanik usw. Nun verwandelt sich, ohne daß ausdrücklich eine Hypothese daraus gemacht wird, die anschauliche Natur und Welt in eine mathematische Welt, die Welt der mathematischen Naturwissenschaften."

Die Mathematisierung der Welt wurde hier nicht zum ersten und letzten Mal zum Gegenstand der historischen Betrachtung und Kritik. Die Kritik am neuzeitlichen kartesianischen Weltverständnis gehört vielmehr zu den großen Themen historiographischer und soziologischer Tradition im 20. Jahrhundert, man denke nur an Oswald Spengler, Martin Heidegger oder, bei aller Gegensätzlichkeit zu den beiden konservativen Theoretikern der Moderne, an Max Horkheimer und Theodor Adorno und ihre Dialektik der Aufklärung. Husserl forderte, die Wissenschaft müsse sich selbst beobachten. (Allerdings zieht dies den Einwand nach sich, daß Husserls Kritik, so wie sie oben wiedergegeben wurde, die Binnendebatte der Mathematiker über den objektiven oder den intentionalen Charakter der Mathematik, über die Geschlossenheit oder Offenheit sowie die Widerspruchsfreiheit des bedeutungsfreien Zeichensystems nicht reflektiert hat; ebensowenig zwingend ist es, eine Genealogie von der Geometrie, die recht eigentlich ein 'bildhaftes' Denken war, zur reinen Mathematik anzunehmen. Für die Historiographie ist aber, unabhängig von solchen immanenten Einwürfen, die Suche nach einem 'richtigen' bzw. 'falschen' Bewußtsein hinter dem formalen Denken richtungweisend geblieben.) Dieses Programm ist in den letzten zwei, drei Jahrzehnten in der Wissenschaftsgeschichte äußerst fruchtbar aufgenommen worden, aber in einer ganz anderen Richtung, als sie der von der Phänomenologie inspirierte Positivismusstreit zunächst einschlug. Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte, oder sagen wir mit der angezeigten Bescheidenheit besser: einige Denkrichtungen, die für die Historiographie neue Möglichkeiten schaffen, haben begonnen, die Formalisierungsprozesse und deren Rückwirkungen nicht mehr nur ontologisch zu betrachten, sondern kulturalistisch. Während die längste Zeit fast exklusiv zur Debatte stand, ob das Verhältnis von (physikalischer) Welt und Mathematik durch Identität oder Isomorphie gekennzeichnet sei, steht nun unter system-funktionalistischen Aspekten die Emergenz eines Zeichensystems zur Erforschung, das durch Eindeutigkeit seiner Elemente, schematischen Gebrauch seiner Symbole und Interpretationsfreiheit seiner Grundeinheiten gekennzeichnet ist. Formales Denken, so können wir diese Überlegungen resümieren, schafft einen höheren Grad an Sicherheit und hängt engstens mit der sozialen Organisationsweise zusammen. In dieser, nennen wir sie kommunikativen Funktion liegt letztlich die überzeugungstiftende Kraft, und nicht im Nachvollzug einer scheinbar natürlichen zahlenförmigen Ordnung.

Im vorliegenden Heft zeigt Theodore Porter, wie sich das statistische Denken eng mit nationalstaatlich organisierten politischen Kulturen verklammert. Die Berufung auf objektive Zahlen gegenüber einer bloß auf subjektiver Erfahrung und Introspektion beruhenden Rationalitätsform steht in Zusammenhang mit der Legitimitätsproblematik. Eine demokratische Tradition wie die in den USA fördert die Bereitschaft, Entscheidungshandeln an impersonalen, 'interesselosen' Kriterien wie zum Beispiel mathematisch prognostizierbaren Parametern auszurichten, während die kontinentaleuropäische Tradition dazu tendiert, Souveränität an die personalisierte Entscheidungsmacht zu binden. Es handelt sich, wie gesagt, um zwei Kulturen, in denen der quantitativ-rationalistischen Argumentation als Regulativ im politischen und sozialen Leben ein unterschiedlicher Status zukommt. Die Erklärung für das Überhandnehmen von 'Expertenkulturen' kann also nicht allein mit der Überlegenheit formaler Methoden begründet werden, sondern, plausibler, mit kulturell bedingten Glaubensakten.

Außerhalb einer herkömmlichen Genealogie der Mathematik und der Formalisierung siedelt auch Karl Anton Fröschl seine Skizze zur Entwicklung der digitalen Symbolwelten an. Wissenschaftliche Welterklärung verdankt sich nicht einer wachsenden Annäherung von objektiv-realen Sachverhalten an deren mentale 'Abbildung', sondern folgt der Anforderung, möglichst ökonomische Ordnungsmodelle auf komplexe, höher ausdifferenzierte Umwelten zu projizieren. 'Naturgesetze', das behauptet dieser geraffte Gang durch die Geschichte aus informationstheoretischer Perspektive, sind das Ergebnis von Selektions- und Organisationsleistungen einer scientific community, die selbst wiederum im kulturellen Kontext agiert. Allerdings wendet sich mit der Verfügbarkeit des digitalen Symbolsystems Wissenschaft von der Auslegung oder Interpretation der Welt zu deren (Teil-)Konstruktion hin. Der Erfolg der kartesianischen Wissenschaften beruht eben darauf, daß immer größere Bereiche der Welt durch effektiv konstruierte (künstliche) Systeme ausgetauscht werden, die selbst wiederum den Tendenzen der Ausdifferenzierung und Emergenz neuer Eigenschaften unterliegen. In diesem Sinne sind auch soziale Systeme als 'Erfindungen' anzusprechen. (Francois Ewald hat dies am Zusammenspiel von Versicherungsmathematik und Wohlfahrtsstaat in Frankreich überzeugend demonstriert.)

Damit kommen wir auf die Pointe zu sprechen, die allen Beiträgen zueigen ist: Es ist, obwohl diese Vorstellung in der Wissenschaftsgeschichte und insbesondere in der Philosophie der Geschichtsschreibung so suggestiv wirkt, nicht die Physik bzw. die Naturwissenschaft, aus deren Praxis mittels Methodentransfers die Formalisierung und Quantifizierung auf die anderen Wissenschaften übergreift, sondern es gibt für diese ein genuin sozial- und humanwissenschaftliches Interesse. Klaus Hamberger und Harald Katzmair konstatieren anhand der Wissenschaftsentwicklung in Großbritannien im 19. Jahrhundert, daß die wesentlichen Impulse zur Anwendung formaler Methoden in den Gesellschaftswissenschaften weitgehend unabhängig von naturwissenschaftlichen Idealen zustandekamen und sich relativ präzisen politischen Konzepten über die 'Tatsachen-Struktur' sozialer Sachverhalte, insbesondere der Demographie und Eugenik, verdankten. Daniel Eckert zeigt in seinem Beitrag über die Herausbildung der Ökonometrie, daß die Formalisierung dieser Wissenschaft durch Walras nicht dem Vordringen einer nomothetischen Wissenschaftskultur generell zuzurechnen ist, sondern vom Bestreben seinen Ausgang nimmt, die normativen Elemente des Naturrechts - insbesondere das Privateigentum - mittels höherer, nämlich mathematischer Vernunft gegen die diversen historischen Schulen zu legitimieren. Als Phänomen der Repräsentation stellt sich auch hier der Effekt einer Wissenskultur ein, die die Gewißheit ihres Wissens an ihrem Formalisierungsgrad mißt.

Die phänomenologische Kritik, die von Husserl ihren Ausgang nahm, hat bei der 'Verstellung' des Blicks auf das Wesen der erkennenden Vernunft durch Empirismus und Positivismus angehalten. Sie ist 'fundamental' und kulturkritisch geblieben in den vielen Spielarten, in denen sie den Zusammenhang von zahlenförmigem Denken, Warenproduktion, Technokratie und 'Ideologie' hervorgehoben hat - am nachhaltigsten wohl in der Dialektik der Aufklärung und deren Angriffen auf das Regime der Zahl, worunter alles Differente kommensurabel wird. Im neuen Kontext der Informationstechnologie und ihrer Sprachen, der von Effizienz statt von Wahrheit regiert wird, unterliegt diese Kritik an der Formalisierung der Welt, die lange Zeit der Selbstvergewisserung der Geisteswissenschaften erfolgreich gedient hat, selbst einer Historisierung. Sie wird heute überlagert durch pragmatische und kulturalistische Überlegungen, die die Entwicklung formaler Systeme vor allem unter dem funktionalistischen Gesichtspunkt analysieren, wie die Informationen aus einer komplexen und dynamischen Umwelt am besten zu organisieren und zu kommunizieren sind. Einige Möglichkeiten einer anderen Art von Kultur- und Wissensgeschichte, die an solche Grundannahmen anknüpfen könnte, wollen wir mit diesem Heft skizzieren.

Siegfried Mattl, Wien

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Abstracts, ÖZG 7/1996/2, 266-268

Theodore M. Porter: Statistics, Social Science, and the Culture of Objectivity

Contrary to the presumption common in the social sciences, that culture and rationality are in opposition and mutually exclusive of each other - a presumption shared by such different approaches as game theory, rational choice theory and cultural anthropology -, the author emphazises that cultures always have their own rationalities. Standards of reasonableness cannot be thought of as universal, but inevitably reflect culture. Rationality is conditioned, so the author argues, by political forms, economic circumstances, institutions, laws, and customs. This is also true for cultures of objectivity, which are based on the rejection of what is usually conceived of as subjective, linked to emotions and to the personal. The examples of the historic struggles relating to the profession of accountants and the invention of cost-benefit analysis in the United States enable the author to put forward the argument that the quest for objectivity is in itself the cultural expression of a need emerging within societies where political order is not self-evident. Not only bureaucracies impose general standards of administration to avoid severe political conflicts, but various outsiders in different spheres of a society try and manage to gain credibility by escaping what is tainted by personal interest and subjectivity. From this perspective, the author identifies the insistence on impersonal rules in science as a cultural response to conditions of distrust within the corresponding disciplines and in the larger society, and discusses the uses made of statistics in the social sciences characterised by the reduction of quantification to impersonal, unitary, almost mechanical, strategies of analysis.
ÖZG 7/1996/2, 177-191
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Karl Anton Fröschl: The Coherence of the Virtual

Starting from the premise that one of man's essential living conditions is his social ability to generate 'coherent', self-integrating and self-supporting patterns of sensual perception which establish meaningful realities, it is argued that the joint emergence of Cartesian thinking and natural philosophy, with its strict emphasis on empirical, depersonalized evidence has resulted in Western society perpetrating in a digital-contructivistic 're-engineering' of reality that penetrates all aspects of sociality and of individual self-images alike. While in general, the modes of collective reality creation and the respective milieu ('cultures' in both intellectual and material terms) brought forth in history exhibit a considerable variation, the article concentrates on the shift from a mythical-theological to a rational-technological social paradigm in literate Western society by pointing at the coherence-bearing virtues of the 'new way' of viewing the world.
ÖZG 7/1996/2, 193-217
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Klaus Hamberger and Harald Katzmayr: The Dominance of Numbers - Nature's War. On the Mathematicization of the Social Sciences in England, 1800-1900

The article sketches the evolution of mathematical social sciences in Great Britain, focussing on Political Economy and Social Statistics. The formal methods which were later to become of greatest importance in these sciences (differential calculus and probability theory) were mainly imported from continental mathematics at the beginning of the 19th century. The emergence of Political Economy and the transformation of classical Political Arithmetic into Statistics roughly coincided with this "catching-up" process. Moreover, the "Cambridge Network of Scientists" (Cannon), with its protagonists Whewell, Herschel, Babbage and Peacock, played a central role in the adoption of French mathematics as well as in the early attempts to place the social sciences on a methodologically sound basis. Not surprisingly, the Cambridge Scientists (gathered mainly in the Cambridge Philosophical Society and the Cambridge Astronomical Society) were among the first to use mathematical methods in dealing with "the complicated conduct of our social and moral relations" (Herschel). However, the mathematicization of the social sciences cannot be seen as a smooth, continuous process of successively applying formal techniques to social phenomena. The application of the general equilibrium framework of analytical mechanics to the study of man's desires and actions, and the use of probability theory in explaining (not just describing) the synthesis and development of social aggregates, required an essential precondition: a new kind of analysis of "man", such as had emerged in geology and physiology since the late 1830s. Using the principles of natural selection and reflex action, it became possible to view human societies simultaneously as random samples and systems of forces, to which mathematical techniques now became reasonably applicable. The rise of Economics and Eugenics (founded by Jevons and Galton, respectively) towards the end of the 19th century can thus be perceived as a late consequence of this "anthropological turn". Therefore, the evolution of mathematical social sciences is not a symptom of a "mechanistic" view of man (usually associated with Cartesian epistomology), but simply another result of the very dissolving of classical "mathesis" (Foucault), which entailed the appearance of "man" as a privileged object of knowledge.
ÖZG 7/1996/2, 219-246
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Daniel Eckert and Leonhard Bauer: The "Social Question" answered 'more geometrico'. On the Social and Philosophical Inspiration of the Foundation of Mathematical Economics by Léon Walras

Mainstream economics tends to view its historical process of mathematicization as a "powerful, irresistible current of thought" (Debreu), perfectly motivated by the application of deductive methodology to a quantified object-domain.
This interpretation stands in sharp contrast to the historical background of mathematical economics as founded by Léon Walras: the French school of political economy following J.-B. Say combines deductivism with a strong resistance to mathematicization.
Rather than simply being an emulation of rational mechanics, Walrasian general equilibrium theory is motivated by natural law issues related to the "social question".
ÖZG 7/1996/2, 247-265
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