Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
7/1996/3: Kulturen der Krankheit

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Editorial

Kulturen der Krankheit

Foucault Michel
Die Politik der Gesundheit im 18. Jahrhundert, ÖZG 7/1996/3, 311-326. [Abstract]

Reichert Ramón
Auf die Pest antwortet die Ordnung. Zur Genealogie der Regierungsmentalität 1700:1800, ÖZG 7/1996/3, 327-357. [Abstract]

Landsteiner Günther u. Wolfgang Neurath, Zur Regulation gefährdeten Lebens. Strategien und Modelle der Tuberkulosebekämpfung 1880-1910, ÖZG 7/1996/3, 359-384. [Abstract]

Stolberg Michael
"Mein äskulapisches Orakel!" Patientenbriefe als Quelle einer Kulturgeschichte der Krankheitserfahrung im 18. Jahrhundert, ÖZG 7/1996/3, 385-404. [Abstract]

Wolff Eberhard
"Volksmedizin" als historisches Konstrukt. Laienvorstellungen über die Ursachen der Pockenkrankheit im frühen 19. Jahrhundert und deren Verhältnis zu Erklärungsweisen in der akademischen Medizin, ÖZG 7/1996/3, 405-430. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 7/1996/3, 431-433.

Forum

Eder Franz X.
Vom Staat, der Krankheit und den Geheimnissen des Lebens. Drei Publikationen zur Sexualitätsgeschichte, ÖZG 7/1996/3, 434-442.

Rezensionen

Cattaruzza Marina, Trieste nell' Ottocento (R. Nassiri), ÖZG 7/1996/3, 443-446.


Editorial, ÖZG 7/1996/3, 309-310

Wenn hier 'Kulturen der Krankheit' zur Sprache kommen, ist nicht nur die grundlegende historisch-kulturelle Besonderheit von Krankheitserfahrungen zur Diskussion gestellt. Der Selbstverständlichkeit enthoben und der Befragung ausgesetzt wird hier auch die Konstituierung jenes spezifischen Wissens- und Praxiskomplexes in modernen westeuropäischen Gesellschaften, der unter der Ägide der Einfluß gewinnenden wissenschaftlichen Medizin sowohl den Körper des Einzelnen als auch den Gesellschaftskörper thematisch werden läßt. Für eine Sozialgeschichte, welche die hier ausgebildeten Sichtweisen, Institutionen und Praktiken zu fassen sucht, hat der Begriff der Medikalisierung der Gesellschaft (M. Foucault) wesentliche Bedeutung erlangt. Mit diesem "relativ jungen Neologismus", wie Jean Pierre Goubert noch 1982 bemerken konnte, eröffnete sich ein Feld, das die Verfahrensweisen der herkömmlichen Medizingeschichte als Fortschritts-, Entdeckungs- und Heroengeschichte hinter sich läßt. Gesundheit, Krankheit und Tod rücken als privilegiertes Feld von Herrschafts- und Machtausübung in den Blick. Der Entstehung einer spezifisch modernen 'Gesundheitsmentalität' und dessen, was heute 'Public Health' genannt wird, wird vor allem entlang einer bürgerlichen Setzung von Gesundheitsstandards, der Formierung öffentlicher Gesundheits- und Sozialpolitik und der Entfaltung des wissenschaftlich-klinischen Apparats nachgegangen.

Während sich die diesbezügliche Forschung in Frankreich eher zwischen Mentalitäten- und Wissenschaftsgeschichte positioniert, orientiert sie sich im deutschsprachigen Raum mehr an den Konzepten der Rationalisierung, der Disziplinierung und der Professionalisierung. Der wünschenswerte Brückenschlag zwischen einer Sozial- und Kulturgeschichte der Medizin und einer Wissenschaftsgeschichte scheint sich dabei nur zaghaft zu vollziehen.

Wenn die deutschsprachige Sozialgeschichte der Medizin von Disziplinierung spricht, so greift sie öfters - freilich meist implizit - auf das Medikalisierungskonzept Michel Foucaults zurück. Da dieses Konzept in keinem der in deutscher Sprache vorliegenden Bücher Foucaults im Detail ausgeführt ist, erschien es uns geboten, im vorliegenden Heft denjenigen Aufsatz erstmals in deutscher Sprache zu veröffentlichen, der vor mittlerweile zwanzig Jahren erschien und sich pointiert mit dem Prozeß der Medikalisierung auseinandersetzt. Bislang bereits leichter zugängliche Konzepte wie jene der Archäologie des ärztlichen Blicks, der Geburt der Klinik, der Medizinisierung des Sex oder der medizinischen Wissensformen und Institutionen in der Formierung neuzeitlicher Disziplinarregime werden hier um wesentliche Aussagen bereichert.

Die weiteren Beiträge dieses Hefts markieren Positionen gegenwärtiger Forschung. Der gesellschaftliche Umgang mit der Bedrohung der Pest im achtzehnten Jahrhundert wird von Ramón Reichert analysiert. In Pestordnungen und Pestpredigten findet sich die Entstehung eines Seuchendiskurses, der auf den fundamentalen Herausforderungscharakter der Epidemie antwortet. Dieser Diskurs problematisiert die traditionellen Vorstellungen von der Ordnung der Gesellschaft.

Günther Landsteiner und Wolfgang Neurath gehen der Tuberkulosebekämpfung des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts nach. Verschiebungen im medizinischen Wissen, die sowohl die Auffassung von der Tuberkulose als auch die neue Perspektivierung des ärztlichen Blicks betreffen, ergeben sich durch die Erfahrung mit den Volksheilstätten. Die Problematisierungen kreisen dabei um die Frage einer effizienten Regulierung einer von endemischen Krankheiten bedrohten Gesellschaft.

Michael Stolberg verfolgt anhand von Patientenbriefen des Schweizer Arztes Tissot das Verhältnis von ärztlichem Wissen und der Thematisierung von Krankheit durch Laien. Die individuelle Wahrnehmung physischer ebenso wie psychischer Veränderungen zeigt sich hier als selektiver Prozeß, der überwiegend durch vorherrschende Konzepte der medizinischen Krankheitslehren geprägt war. Die Durchsetzbarkeit der Krankheitskonzepte gegenüber dem bürgerlichen Publikum verweist zugleich auf ihre kulturelle Einbettung.

Eberhard Wolff zeigt in seinem Beitrag die wechselseitige Verbundenheit von Laienvorstellungen über das Wesen der Pocken und darauf bezogenen medizinischen Deutungsmustern. Sowohl die Prägung des Laienwissens durch von Ärzten vertretene Theorien als auch die Befruchtung der sich formierenden wissenschaftlichen Medizin durch Laienwissen machen deutlich, so der Autor, daß die Vorstellung von einer präexistenten, selbständigen 'Volksmedizin' unzutreffend ist.

Günther Landsteiner und Wolfgang Neurath, Wien

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Abstracts, ÖZG 7/1996/3, 431-433

Michel Foucault, The politics of health in the eighteenth century

In this short essay, which was first published as an introduction to a historical documentation of the genealogies of the modern hospital, Foucault starts out by arguing that 'private' and 'socialised' medicine both derive from the same universal strategy. Health and sickness were problematised in the eighteenth century through the initiatives taken by a number of social institutions and groups, which lead to the emergence of a form of noso-politics. Conceived in terms of the health of all being a priority for all, noso-politics turns the state of health of a given population into a general objective of policy. The sudden importance assumed by medicine in the eighteenth century stems from the point of intersection of a new, 'analytic' economy of assistance with the emergence of a more general form of 'Medicinal-Policey' (medical policy).
Two main characteristics of noso-politics are identified: The special attention accorded to the child and the medicalisation of the family. The health of children becomes one of the family's most overriding concerns. From the second half of the eighteenth century onwards, the family becomes the target for great efforts towards a process of medical acculturation as well as becoming the agent of medicalisation. During the eighteenth century the idea of a pathogenic urban space inspired a new set of research in this field. In a more precise and localised fashion, the needs of hygiene required authoritarian medical intervention in what were regarded as the favoured breeding-grounds for disease.
ÖZG 7/1996/3, 311-326
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Ramón Reichert, Order responds to plague

This analysis of 18th century plagues stresses the importance of a discursive approach to the analysis of illness, in order to understand the components of health policy as a rational technology, which brings out social positivities and facilitates the observation and evaluation of the population as a whole. Here, the genealogical investigation of plague discourse concentrates on the emergence of a specific biopolitical rationality, which makes it possible to regulate the population and control individuals. The article looks at the emergence of this way of thinking, how it was employed and the way in which it functioned (in terms of its techniques of observation and description), such that this discursive process can be seen to have created an exemplary set of preconditions for how AIDS is confronted today. The discourse on plagues is interpreted as a means of constructing illness, whereby its epidemical characteristics are seen as being linked to the structure of its meanings. The discursive space should ideally be permeated by a completely discursive typology of infection, which makes it possible to examine the biotechnical colonisation of the population. The discourse surrounding epidemics therefore always requires that the discourse anticipates the epidemic, prescribes the symbolic forms of infection and excludes no-one, so that it can speak to everyone. In this way, the qualities and characteristics of epidemic illnesses are subsumed within the expressive categories of plague discourse, in order to create a text which itself functions as a form of symbolic infection.
ÖZG 7/1996/3, 327-357
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Günther Landsteiner/Wolfgang Neurath: On the regulation of endangered life. Strategies and models for fighting tuberculosis 1880-1910

When looking at the discussion surrounding the disease tuberculosis, it is possible to identify a crucial shift in medical reasoning at the end of the nineteenth century, as regards its modes of perception, its subjective content, its social location and also the positioning of the medical gaze. Beginning with the implementation and experience of the model "Volksheilstätten" (sanatoria for the lower classes), for which there was a strong demand, there gradually emerged a critical evaluation of the model's ability to fight tuberculosis. The problems posed in this context center on the workings of a regulating ratio: An individual ratio confronted with the global risk from the disease and a universal strategic ratio which evaluates tactics in fighting the illness. For medicine 'care of the self' and gouvernementalité become topical. Through the process of pedagogisation and the hygienicisation of the body of the population, new techniques of medical politics emerged as a process leading from the understanding of individual lives and life-styles to the constitution of a complex of knowledge relating to the social and to techniques of 'caring'.
ÖZG 7/1996/3, 359-384
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Michael Stolberg, "Mein äskulapisches Orakel!" Patient letters as a source for the cultural history of patient experience in the 18th century

In this article, letters written by patients in the late 18th century asking the famous Swiss physician Tissot for medical advice are used to illustrate the extensive amount of space that contemporary medicine devoted to the patient's own experience and interpretation of disease. The individual perception of physical and psychological changes was in fact a highly selective process, which was predominantly shaped by prevailing concepts of humoral and nervous pathology. These concepts seem to have owed much of their appeal to bourgeois notions of "sensitivity" and the ability to attain perfect health by means of a rational, "civilized" lifestyle. The attempts made by certain patients to make sense of their disease (in some cases by drawing on Tissot's repression theory relating to the diseases stemming from masturbation) illustrate that the creation of attractive explanatory models was a particularly efficient means of facilitating medical acculturation which at the same time helped to further the internalisation of behavioural norms.
ÖZG 7/1996/3, 385-404
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Eberhard Wolff, "Folk medicine" as a historical construction. The causes of smallpox as seen through the eyes of the early 19th century public and their relationship to the explanations provided by medical science

The article investigates some of the ideas held by the non-specialist general public as to the causes of smallpox. By using medical reports of early 19th century physicians on smallpox epidemics, it is possible to analyse some of these popular theories, such as the possibility of material transmission of the disease from person to person, the role played by feelings of "disgust" when confronted with a person suffering from the disease, the potential implications of innate impurities in the blood or of rotten blood left in the umbilical cord after birth, and so on. These ideas are then compared to the explanations given by contemporary doctors. The comparison shows that lay and academic explanations were actually very similar and were closely related to each other in a number of ways. This is demonstrated by looking at several examples of the mutual exchange of ideas between both types of explanation for the etiology of smallpox. Texts which try to emphasize the differences between lay and academic interpretations of the disease should therefore be understood as part of a historical construction of "folk medicine" as a symbolic and supposedly irrational set of ideas and practices, which have been handed down from generation to generation in an unchanging fashion.
ÖZG 7/1996/3, 405-430
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