Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
7/1996/4: Welches Österreich


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Editorial

Welches Österreich

Heiss Gernot
Im "Reich der Unbegreiflichkeiten". Historiker als Konstrukteure Österreichs, ÖZG 7/1996/4, 455-478. [Abstract]

Daim Falko
Archäologie und Ethnizität. Awaren, Karantanen, Mährer im 8. Jahrhundert, ÖZG 7/1996/4, 479-497. [Abstract]

Mattl Siegfried
Gesellschaft und Volkscharakter. Austria engendered, ÖZG 7/1996/4, 499-515. [Abstract]

Bernold Monika
ein paar österreich. Von den "Leitners" zu "Wünsch dir was". Mediale Bausteine der Zweiten Republik, ÖZG 7/1996/4, 517-532. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 7/1996/4, 533-534.

Diskussion

Berger Peter u. a
Welche Wirtschaft? Eine Auseinandersetzung mit Roman Sandgrubers 'Ökonomie und Politik', ÖZG 7/1996/4, 533-553.

Forum

Heiss Hans
Welche Nation? Eine Auseinandersetzung mit Ernst Bruckmüllers 'Nation Österreich', ÖZG 7/1996/4, 554-561.

Unowsky Daniel
Welche Juden? Eine Auseinandersetzung mit Steven Bellers 'Wien und die Juden', ÖZG 7/1996/4, 562-569.

Melichar Peter
Welche Schlacht? Eine Auseinandersetzung mit Michael Kumpfmüllers 'Schlacht um Stalingrad', ÖZG 7/1996/4, 570-576.

Cole Lawrence
Vom Glanz der Montur. Zum dynastischen Kult der Habsburger und seiner Vermittlung durch militärische Vorbilder im 19. Jahrhundert. Ein Bericht über 'work in progress', ÖZG 7/1996/4, 577-590.


Editorial, ÖZG 7/1996/4, 453-454

Es ist vorbei und gutgegangen. Das Jubiliäum "50 Jahre Zweite Republik", das doch viel weniger Probleme zu bergen schien, hat - die Wehrmachtsausstellung einbezogen - die blauen Flecken gebracht, nicht das Millennium. Auch jene, die im Aufarbeiten der Schattenseiten "unserer" Vergangenheit die wichtige erzieherische Leistung der historischen Gedenkfeiern und -ausstellungen sehen, konnten in der Präsentation der tausend Jahre Bereiche finden, die für sie gestaltet waren. Sie konnten betroffen und erschüttert sein, zusätzlich zum tolerant-verständnisvollen und kreativen Österreicher auch den untertänigen, verhetzt-aggressiv-gewalttätigen sehen, zum Österreicher auch die Österreicherin, sich daraus eine ambivalente Nation konstruieren, und aus dem einen, für sie guten Teil der Nation ihre nationale Tradition beziehen.

Zur Geschichte Österreichs wurde vieles berichtet. Viele Personen, Ereignisse und Ideologien wurden analysiert und beschrieben. Anders war es mit dem Objekt selbst, mit der "tausendjährigen Geschichte Österreichs". Sie und ihre Konstruktionsprinzipien scheinen für die Ausstellungsmacher kein Problem gewesen zu sein. Dieses "tausendjährige Österreich" wurde gemacht und nicht beredet.

Mit der Frage, welches Österreich Historiker in den letzten 120 Jahren als Ausgangs- und Endpunkt ihrer Konstruktionen nahmen, über welches Österreich sie schrieben, welche Strukturen, welcher Sinn in der gegenwärtigen oder ersehnten Form zur Erfüllung kommen sollte, beschäftigt sich Gernot Heiss in seinem Beitrag über Historiker als Konstrukteure Österreichs. Der Treue zum 'Gesamtstaat' der Habsburger entsprachen sie, indem sie zwischen 1866 und 1918 Reichsgeschichten über die Ausdehnung der Herrschaftsrechte der Habsburger und mit der These von der rechtlichen Sonderentwicklung seit dem privilegium minus von 1156 vorlegten. Nach 1918 fand sich fast keiner von ihnen mit der kleinstaatlichen Realität ab. Sie schrieben - im Sinne der Anschlußbewegung - von den historischen Bindungen Deutschösterreichs zum Deutschen Reich und von mitteleuropäischen Aufgaben der Österreicher als Teil des deutschen Volkes in Vergangenheit und Gegenwart. Auch nach 1945 fanden sich noch Spuren dieser Sicht auf die Geschichte Österreichs, zunehmend wurde jedoch die Republik in ihren Grenzen zum Ausgangspunkt der Konstruktion, zur endlich feststehenden und sinnstiftenden Konstante.

Gibt es Möglichkeiten, "Ethnizität", die Selbstzuordnung und -abgrenzung von Personengruppen, aus der Archäologie zu bestimmen? Falko Daim, der die Landesausstellung zum Millennium Awaren + Hunnen des "jüngsten Bundeslandes der Republik Österreich" (als ob dieses Österreich so viel älter wäre) wissenschaftlich betreute, untersucht diese Frage an den Awaren, zeigt die Vermischung von Kulturen des byzantinischen Ostens und des bayrisch-fränkischen Westens, die sich in den Gräberfunden materialisiert, sowie die Unsicherheiten, die sich bei deren Zuordnung ergeben.

In der Situation nach 1945, in der es österreichische Politiker und Publizisten für besonders wichtig hielten, ein Österreichbewußtsein durchzusetzen beziehungsweise zu aktivieren, vergegenständlicht sich diese Imagination in Beschreibungen Österreichs, der Österreicher (kaum der Österreicherinnen) und des Österreichischen. Siegfried Mattl zeigt die radikale Umorientierung in der Beschreibung des "österreichischen" Charakters zu einer positiven Besetzung jener als weiblich vorgestellten Züge, die vordem in der Beschreibung 'nationaler Eigenschaften' nur pejorativ verwendet worden waren. Diese Effeminierung des Österreichers, die keine Konsequenzen etwa in der Gesetzgebung hatte, sondern ganz in den Bildern blieb, war in der Abgrenzung vom 'virilen' Deutschen von Bedeutung.

Um die historische Kontingenz in den Repräsentationen "der" österreichischen Familie beziehungsweise "des" Paares in den Fernsehserien Familie Leitner und Wünsch dir was geht es im Beitrag von Monika Bernold. Sie untersucht den Wechsel von der Serie mit der "authentischen" österreichischen Familie Leitner zum "Fernsehspiel" mit den kompetitiven Familien, die ihre Länder Österreich, Bundesrepublik Deutschland und Schweiz vertreten, und dem modernen Quizmaster-Paar auf seinen Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er Jahre und auf seine Beispielhaftigkeit für die Veränderungen in der "Wir"-Konstruktion, für die 'Modernisierung' des Selbstbildes der Österreicher/innen.

Bereits aus der Perspektive dieser Spezialstudien wird deutlich, warum wir im weiteren fragen: Welche Wirtschaft? Welche Juden? Welche Schlacht? Welcher Glanz? Welche Nation? Welches Österreich?

Gernot Heiss, Wien

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Abstracts, ÖZG 7/1996/4, 533-534

Gernot Heiss, The "Empire of the Inconceivable" Historians Constructing Austria

Structure and meaning of Austrian history has always been determined by the configuration of the state existing at the time historians were writing or in periods when historians rejected the form of the Austrian state, by an idealised version thereof. Before 1918, the prevailing paradigm was the organic development of the Habsburg Monarchy. The extension of the territorial sovereignty of the Habsburg dynasty provided the narrative basis for the constitutional history of the Empire. After 1918, a großdeutsch orientation predominated, influenced by the desire for the Anschluß of German-Austria to Germany. Habsburg history was now interpreted as the fulfilment of a German mission to bring order and civilisation to central Europe. Traces of this tradition were still visible in the period after 1945, despite the fact that that interpretation had been used to justify the expansion of the National Socialist dictatorship in the region. Gradually, however, historians have come to take the current borders of the Austrian Republic as the starting-point for constructing their historical narratives.
ÖZG 7/1996/4, 455-478
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Falko Daim, Archaeology and Ethnicity: Avars, Caranths and Moravians in the 8th Century

The author poses the question as to whether or not it is possible to draw conclusions about the ethnic consciousness of the Avars on the basis of archaeological findings from the 8th century. As currently used in the historical and social science literature the term 'ethnicity' usually refers to communities who differentiate themselves from other groups in terms of their language, history, origins, religion, dress, material culture etc., and who create a sense of belonging together from that consciousness. The author outlines the present state of knowledge about the Avars, which is predominantly based on the results of excavations of Avar burial sites. Avarian culture emerged in the Carpathian basin from the 6th century onwards at a point where the byzantine culture of the east came into contact with the bavarian-frankish culture to the west. However, owing to the fact that most of our knowledge of the Avars' culture is based upon fragmentary material evidence - nothing of their oral traditions has survived - it is very difficult to come to any firm conclusions as to their sense of ethnicity.
ÖZG 7/1996/4, 479-497
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Siegfried Mattl: Society and National Character. Austria Engendered

The author tries to analyse certain key texts in order to elucidate the (concealed) principles that form the basis for the construction of an "Austrian Nation". The semantic analysis shows that the self-image of an historically-rooted Austrian "cultural nation" - an image that has primarily been constructed by historians - is closely linked to a process of differentiation from stereotypical representations of the "German nation". This process of differentiation has its origins in the Prussian defeat of Austria in 1866 and the subsequent formation of the German Empire. During that process, the rise of Germany was connected with what were seen as "naturally male" characteristics. The pejorative association of the "Austrian character" with supposedly "female" qualities (a description which was understood to include political passivity and an incapacity for leadership) was then intensified through the use of borrowings made from turn-of-the-century antifeminist theories. Paradoxical as it may seem, most theorists positively identified with this complex of characteristics after 1945. This proved to be politically successful, thanks the fact that it remained tied to the realms fo the imagination.
ÖZG 7/1996/4, 499-515
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Monika Bernold: A Couple of Austria. From "Leitners" to "Wünsch dir was." Media Elements of the Second Republic

Taking two highly successful Austrian television programmes - the soap-opera Familie Leitner and the game-show Wünsch dir was - as case-studies, this article describes major shifts in Austrian culture in the 1960s and 1970s, which found their expression in changes in the television system. The discontinuation of the soap-opera on the one hand and the enormous success of the game-show on the other point to the existence of a slowly consolidating middle-class in Austria, for whom the idea of private consumption was closely linked to their sense of national identity in a modern, industrial welfare state. The basis for this identity was embodied in representations of the "television family" in the 1950s and 1960s. This image then took on a new, gender politically encoded quality at the start of the self-consciously "modern" 1970s in the form of the "game-show couple".
ÖZG 7/1996/4, 517-532
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