Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
9/1998/3: Homosexualitäten


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Editorial

Homosexualitäten

Gert Hekma
Die Verfolgung der Männer. Gleichgeschlechtliche männliche Begierden und Praktiken in der europäischen Geschichte, ÖZG 9/1998/3, 311-341. [Abstract]

Helmut Puff
Überlegungen zu einer Rhetorik der "unsprechlichen Sünde". Ein Basler Verhörprotokoll aus dem Jahr 1416, ÖZG 9/1998/3, 342-357. [Abstract]

Harry Oosterhuis
"Plato war doch gewiss kein Schweinehund". Richard von Krafft-Ebing und die homosexuelle Identität, ÖZG 9/1998/3, 358-383. [Abstract]

Geertje Mak
'Passing Women' im Sprechzimmer von Magnus Hirschfeld. Warum der Begriff "Transvestit" nicht für Frauen in Männerkleidern eingeführt wurde, ÖZG 9/1998/3, 384-399. [Abstract]

Albert Müller/Christian Fleck
'Unzucht wider die Natur'. Gerichtliche Verfolgung der "Unzucht mit Personen gleichen Geschlechts" in Österreich von den 1930er bis zu den 1950er Jahren, ÖZG 9/1998/3, 400-422. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 9/1998/3, 423-424

Interview

Randolph Trumbach
Die Entstehung der Homo- und Heterosexuellen, ÖZG 9/1998/3, 425-436.

Sammelrezension

Harry Oosterhuis
Deutsche Homosexualität?,ÖZG 9/1998/3, 437-443.

Rezension

Peter Gay, Die Macht des Herzens (S. Regener), ÖZG 9/1998/3, 444-447.
 


Editorial, ÖZG 9/1998/3, 423-424.

Seit den siebziger Jahren erfuhr die Geschichte der Homosexualität eine massive Politisierung. Angetrieben durch die schwule und lesbische Emanzipationsbewegung bildeten sich zwei Positionen: Vertreter des Essentialismus meinen, die gleichgeschlechtliche Begierde gehe - wie jede andere Form von Sexualität - auf eine natürliche Ursache zurück und sei damit dem Sozialen nur sekundär unterstellt. Konstruktivisten sehen in den Varianten sexuellen Handelns sozial und kulturell bedingte und damit wandelbare Phänomene. Zur Untermauerung ihrer Standpunkte beriefen sich beide Seiten immer wieder auf historische Entwicklungen. Essentialisten holten dabei weit aus und verwiesen darauf, daß es homosexuelle Frauen und Männer bereits in der Antike und im Mittelalter gegeben hätte. Konstruktivisten sahen gerade in den historisch und sozial stark differierenden Identitäten und Erscheinungsformen gleichgeschlechtlicher Liebe und Sexualität eine Bestätigung ihrer Auffassung. Beide konstatierten, daß die Geschichtswissenschaft bislang wenig über die Ausbildung homosexueller Identitäten wisse. Sie erachten es deshalb als ihre zentrale politische Aufgabe, die auf Foucault zurückgehende Hypothese zu prüfen, die gleichgeschlechtliche Begierde habe sich von leiblicher Lust zu psychischer Eigenart entwickelt, aus der Tat sei also eine Identität geworden.

Die Beiträge dieses Heftes präsentieren diese Diskussion auf unterschiedliche Weise. Gert Hekma stellt in seinem weit ausholenden Überblick die Frage nach der Selbst- und Fremddefinition der gleichgeschlechtlichen Begierde von Männern in der europäischen Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart. Er zeigt, daß im Gegensatz zu den derzeit vorwiegenden homosexuellen Beziehungen, die reziprok und egalitär sind und Personen ähnlichen Alters und gleicher Geschlechtsidentität umfassen, in früheren Zeiten nach Alter und Geschlecht hierarchisierte Verhältnisse vorherrschten, vornehmlich in päderastischen Beziehungen und in solchen, bei denen ein Partner die 'normale' Geschlechterrolle ablegte und ins "dritte Geschlecht" wechselte. Der Differenz von sexueller Handlung und sexueller und geschlechtlicher Identität sowie der Frage, wann und wie sie zur Synthese gelangten, geht auch Randolph Trumbach im Interview nach. Die Mitherausgeber dieses Heftes, Gert Hekma und Harry Oosterhuis, diskutieren mit ihm seine provokante These, wonach eine explizite heterosexuelle Identität erst als Reaktion auf die Ausbildung einer homosexuellen Identität um 1700 entstanden sei.

Gleichgeschlechtliches Begehren und Handeln tauchen bereits in mittelalterlichen Textquellen auf, werden dort jedoch nicht expliziert. In seiner Analyse eines Basler Verhörprotokolls aus dem Jahr 1416 zeigt Helmut Puff, wie das Unbenennbare trotz strikter Sozial- und Sprechkontrolle in die Texte einfloß und wie eine genaue Interpretation dies erschließen kann. Harry Oosterhuis geht anhand der Fallgeschichten des Psychiaters und Sexualpathologen Richard von Krafft-Ebing der Frage nach, wie sich die autobiographischen Bekenntnisse der betroffenen "Perversen" und die psychiatrischen Krankheitskonstruktionen gegenseitig beeinflußten. In teilweisem Widerspruch zur vorherrschenden Meinung, das homosexuelle Subjekt sei ein Produkt des medizinischen Diskurses, belegt Oosterhuis, daß es zu einem bedeutenden Teil durch die Introspektion der Homosexuellen und deren Emanzipationsdiskurs konstruiert wurde.

Mediziner und Sexualwissenschaftler wurden bei der Konstruktion sexueller Subjekte in hohem Maß durch den zeitgenössischen Geschlechterbias beeinflußt - das demonstriert auch Geertje Mak an der Bildung des Begriffs "Transvestit" durch Magnus Hirschfeld. Der berühmte Sexualforscher hatte zwar in der medizinischen Praxis mehrmals mit Frauen in Männerkleidern zu tun, erklärte den Transvestiten aber unter Umgehung weiblicher Erfahrungswelten zu einem Mann, dessen angeblich weibliche Persönlichkeit im Drang nach andersgeschlechtlicher Verkleidung erkennbar wird. Wie die meisten frühen Sexualwissenschaftler trug Hirschfeld damit zur Umdeutung einer sozial devianten (sexuellen) Handlung in eine spezifische, scheinbar triebhaft gesteuerte Identität bei. Auch Strafgericht und Polizei konstruierten am homosexuellen Subjekts mit. Albert Müller und Christian Fleck untersuchen über zweitausend Gerichtsprozesse wegen Unzucht mit dem gleichen Geschlecht in Österreich von den dreißiger bis zur Mitte der fünfziger Jahre und kommen zu dem Schluß, daß es bislang zuwenig beachtete Traditionen in der Verfolgung von Homosexuellen gab. Homosexuelle Identität wurde vor Gericht vielfach erst geschaffen, Handlungen wurden oft erst dort zu einer psychischen 'Eigenart' verdichtet. Die Verfolgung von Frauen, weniger als fünf Prozent aller Fälle, unterschied sich deutlich von den Mustern, nach denen Männer belangt wurden.

Die Beiträge dieses Heftes zeigen, daß die Beziehungen zwischen sozialen Praktiken und Identitätsangeboten vielfältiger und komplexer waren als man lange Zeit glaubte und daß das homosexuelle Subjekt sowohl von den Betroffenen als auch von den professionellen Wahrheitsproduzenten konstruiert wurde. Angesichts dessen wird man bei der weiteren Erforschung des gleichgeschlechtlichen Begehrens jedenfalls nicht mehr von "der" Homosexualität sprechen können.

Franz X. Eder, Wien

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Abstracts, ÖZG 9/1998/3, 423-424.

Gert Hekma: The pursuit of men. Male same-sex desires and practices in European history, 311-341.

The author provides an overview of the history of male homosexuality in Europe. The literature on this subject reveals significant move from pederasty to effeminacy, and ultimately, to relations between men of a similar age. The article points out a number of important historical trends, notably the growing criminalization of male same-sex acts since the Middle Ages. While their punishment has basically become less severe since the French Revolution, the number of cases brought before criminal courts has actually risen in many countries. Many people from the late 19th century onwards have viewed male homosexual behavior not just as a sin and a crime, but as a disease as well. Others, however, began to think of male homosexuality simply as a variation in nature and started to establish emancipation movements. More recent developments indicate some progress in this direction, even if tolerance of male homosexuality does still not necessarily mean acceptance in practice.
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Helmut Puff: Reflections on the rhetoric surrounding the "unspeakable sin". A Basel interrogation protocol from 1416, 342-357.

The article examines a document from late medieval Basel, which records a legal investigation against Heinrich von Rheinfelden, a Dominican monk accused of sodomy. Unlike other sodomy cases in the German lands during the later Middle Ages, when sodomites were persecuted much more systematically than before, the document from Basel is characterized by the extensive testimony of six witnesses, all of them servants of the monastery. The servants' accounts reveal the existence of numerous barriers in the employment of a full linguistic repertoire pertaining to male-male sexuality, both in face-to-face communication and in writing. By reconciling sociolinguistic and historical approaches the article argues for more comprehensive analyses of language in the study of sexualities.
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Harry Oosterhuis: 'Plato certainly was no swine'. Richard von Krafft-Ebing and homosexual identity, 358-383.

As the author of the famous "Psychopathia sexualis" (1886), the German-Austrian psychiatrist Richard von Krafft-Ebing (1840-1902), played a key role in the medical construction of the modern concept of (homo)sexuality. The creation of homosexual subjects cannot be seen as the result of medical interference alone. Medicalization has to be viewed as a process in which new meanings were attached to existing behaviors, feelings and senses of self-understanding. Case histories and the autobiographies of Krafft-Ebing's patients indicate that these new meanings were developed within the context of existing social practices and with the active involvement of the people concerned. Patients often furnished psychiatrists with the life stories and sexual experiences upon which medical explanations were founded.
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Geertje Mak: 'Passing women' in the consulting room of Magnus Hirschfeld. On why the term "transvestite" was not employed for cross-dressing women, 384-399.

In 1910, Magnus Hirschfeld divided the concept of 'sexual inversion' into homosexuality and 'transvestism'. He included only one woman in his transvestite case histories. The article is based on the cases of four women whom Hirschfeld knew while writing his book on transvestites. Hirschfeld was mainly interested in the urge to wear the clothes of the opposite sex. This new concept turned out to be not really applicable to women, because for women the main issue was their conflict with authorities, rather than an urge to live as men. While Hirschfeld made a sharp distinction between transvestism and homosexuality, this distinction was not applied to 'masculine women'. Hirschfeld continued to regard the 'masculinity' of feminists as the hallmark of their completely inverted sexual identity. This reflects a tacit difference between the sexes which had developed in the 19th century: namely, that men have a sex/sexual function whereas women are a sex/sexual function.
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Albert Müller/Christian Fleck: 'Adultery contrary to nature'. Legal persecution of 'adultery with persons of the same sex' in Austria from the 1930ies to the 1950ies, 400-422.

The article is based on the analysis of more than 2.000 case histories of same sex acts. Although the 'Anschluss' of 1938 marks a significant rise in the persecution of 'homosexuals', Austria has its own - hardly acknowledged - continuity in the persecution of same sex acts stretching from the First to the Second Republic. What was actually meant by 'homosexuality' in this context and how it manifested itself in the act of "adultery" was the result of negotiations in court, involving presiding judges, consulting medical doctors and the accused themselves. The persecution of women, alltogether not more than five percent of all cases, exhibits quite different patterns of persecution, which reflect gender relations in general.
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