Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
9/1998/4: "1848" Revolution Geschlecht
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Editorial

"1848" Revolution Geschlecht

Nancy A. Hewitt
Re-Rooting American Women's Activism. Global Perspectives on 1848, ÖZG 9/1998/4, 457-470. [Abstract]

Gabriella Hauch
"Wir hätten ja gern die ganze Welt beglückt". Politik und Geschlecht im demokratischen Milieu 1848/49, ÖZG 9/1998/4, 471-495. [Abstract]

Carola Lipp
Zur sozialen Reproduktion des Honoratiorensystems in den offenen Wahlen des Vormärz, ÖZG 9/1998/4, 496-524. [Abstract]

Carolyn J. Eichner
"To Assure the Reign of Work and Justice". The 'Union des Femmes' and the Paris Commune of 1871, ÖZG 9/1998/4, 525-555. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 9/1998/4, 423-424.

Forum

Laura Strumingher Schor
'La voix des femmes': Women and the Revolution of 1848 in France, ÖZG 9/1998/4, 558-567.

Sabine Freitag
"Rasende Männer und weinende Weiber". Friedrich Hecker und die Frauenbewegung, ÖZG 9/1998/4, 568-575.

Carola Lipp
Politische Kultur, generatives Verhalten und Verwandtschaft (Projektbeschreibung), ÖZG 9/1998/4, 576-582.

Sabine Freitag
The German 1848 Revolution - 150 years: The German-American Dimension (Tagungsbericht), ÖZG 9/1998/4, 583-586.

Rezensionen

Hans Heiss u. Thomas Götz, Am Rand der Revolution. Tirol 1848/49 (Laurence Cole), ÖZG 9/1998/4, 587-593.

Pierre Bourdieu u. a., Das Elend der Welt (Alexander Mejstrik/Sigrid Wadauer), ÖZG 9/1998/4, 594-601.
 


Editorial, ÖZG 9/1998/4, 453-455.

Fragestellungen in der Revolutionsgeschichtsschreibung, die explizit die Konstituierung des m„nnlichen Geschlechtscharakters thematisieren, sind weitgehend noch nicht entwickelt. Die Frauenforschung zu 1848/49 - zumindest in Europa - charakterisierte eine Art Stillstand in den Jahren vor diesem "150-Jahre-Jubiläum", das u. a. mit Revolutionsbier und historisierendem Comix begangen wurde. Dieser marginale Stellenwert von Revolution als Forschungsgegenstand ist mit der Diskussion um das Ende der Gewiáheiten auf wissenschaftlicher Ebene und der gleichzeitigen Desavouierung von mit Revolution konnotierten sozialen Utopien in Zusammenschau zu bringen.

Die Geschlechter- und Frauenforschung verabschiedete sich in der letzten Dekade nachhaltig vom Kollektiv-Subjekt der "Wir-Frauen", betonte vor allem die De-Konstruktion von Geschlecht und deren Interaktionen mit den Kategorien Klasse, Nation, Ethnizität, Konfession, Alter und sexuelle Orientierung, die die Trennlinien zwischen Frauen markierten. Die notwendige Differenzierung implizierte jedoch nicht, den gesellschafts- und wissenschaftskritischen Impetus der feministischen Wissenschaften aufzugeben. Denn ein Blick auf den gesellschaftspolitischen wie wissenschaftsgeschichtlichen Befund zum Thema Geschlechtergerechtigkeit/en am Ende des 20. Jahrhunderts zeigt deutlich, daß der 'Sonderfall Frau/en' auf der Ebene der Politik ebenso wie der Status der geschlechtsspezifischen Forschungsansätze als 'Partikulargeschichte' nach wie vor den Umbau von Politik und der 'allgemeinen' Geschichtsschreibung unabdingbar macht.

Revolutionen setzen Marksteine in den gesellschaftspolitischen Transformations- und Reformationsprozessen der Moderne. Was die in ihnen zur Verhandlung stehenden Machtverhältnisse für geschlechtsspezifische Handlungsräume von Männern und Frauen bedeuteten, muß jeweils neu bestimmt werden. Dem Revolutionsjahr 1848 kommt jedoch in der Entwicklung von Geschlechterverhältnis und Politik eine besondere Bedeutung zu. Denn international wurde in diesem kurzen Jahr der bürgerlichen Freiheiten im Zeitraffer deutlich, wie sich Geschlecht im 19. Jahrhundert zu einer gesellschafts- und rechtspolitischen Ordnungskategorie ersten Ranges entwickelte. Auf den Ebenen der sozialen Praxis wie auf der des Diskurses werden implizit und explizit via Geschlecht hierarchisierende Differenzen und damit Machtverhältnisse immer wieder neu hergestellt. Diese Erkenntnis, in Varianten formuliert, bildete die Initialzündung und den Motor der im 19. Jahrhundert entstandenen Frauenemanzipationsbewegungen und gilt auch als konstitutives Moment in der Politisierung von Männern und Frauen.

Dem Forschungsstand zu Revolution, Politik und Geschlecht widmen sich die Beiträge dieses Heftes. Die geschlechtsspezifische Bedeutung des Jahres 1848 geht über Europa hinaus. Nancy A. Hewitt unterzieht die Traditionsbildung von Seneca Falls, wo 1848 die Declaration of Sentiments, die erste amerikanische Frauenrechts-Erklärung veröffentlicht wurde, und ihre Gallionsfiguren, wie Elisabeth C. Stanton, einer kritischen Bilanz. Sie bricht die in der US-Historiographie eingeschriebene Lesart der frauenspezifischen Emanzipationslinie auf und kontextualisiert 1848/Seneca Falls in die politischen Turbulenzen am amerikanischen Kontinent und in die Auswirkungen der Emigration von europäischen Revolutions-Aktivist/inn/en und bezieht zeitgenössisch relevante Kategorien wie Konfession und Ethnizität in ihre Sichtweise des "Re-Rooting" ein. Diese Neuverortung impliziert schließlich die Frage, wie revolutionär die Frauenrechtserklärung von Seneca Falls eigentlich war.

Die Problematisierung der Konsistenz des revolutionären Impetus führt im nächsten Beitrag über den Ozean mitten in das euphorisch bejubelte Kollektiv-Wir der 1848er/innen. Die Geschlechterverhältnisse 1848/49 verharrten keineswegs in den komplementären Grenzziehungen von Männer- und Frauen-Räumen, sondern markierten die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft von Beginn an durch Ungleichzeitigkeiten und Ambivalenzen. Gabriella Hauch zeigt dies anhand der Ausnahme von der Regel und den Zwischenräumen in Sachen 'Männern die Politik und Frauen die Wohltätigkeit' im demokratischen Milieu in Wien. Auch Carola Lipp sucht über die Analyse einer städtischen Gesellschaft Antworten auf die Frage: Wie geschah Politisierung? - diesmal im Falle eines Mannes, Jacob Levi.

1848 droht in der Geschlechtergeschichte von Revolutionen und Aufstandsbewegungen hinter der großen Französischen Revolution zu verschwinden, besonders im Falle von Frankreich. In noch viel gravierenderem Ausmaße gilt dies für die kurzen Monate der Pariser Commune von 1871. Carolyn Eichner betritt in ihrem Beitrag, der einen Teilaspekt einer umfassenden Arbeit zur Geschlechtergeschichte der Pariser Commune darstellt, historisches Neuland. Sie diskutiert soziale Praxis und Diskurs einer geschlechtsspezifischen Interessenorganisation, der Union des femmes, also einer Frauengewerkschaft, mit der Frauen selbstbestimmt einen Handlungsspielraum setzten.

Laura Strumingher Schor untersucht im Forum die Leserinnenbriefe in der ersten feministischen Tageszeitung La Voix des Femmes, die 1848 in Paris erschien, mit der Fragestellung, was Frauen von der Revolution erwarteten. Daß der berühmteste und oft als 'schönster' 1848er Deutschlands gefeierte Friedrich Hecker kein friktionsfreies Verhältnis zu seinen Zeitgenossinnen auszeichnete, zeigt Sabine Freitag. Sie berichtet auch über eine Tagung, die im Frühjahr 1998 in Minneapolis, USA, stattfand und einen weitgehend stiefmütterlich behandelten Aspekt von Revolution/en, auch der von 1848/49, zum Thema hatte: die Emigration und das Exil ihrer Protagonist/inn/en. Mögliche weitere Forschungsperspektiven skizziert Carola Lipp am Beispiel einer community study.

In Paris wurde 1848 proklamiert: "Was ist die Freiheit? - Eine Frau! - Die Republik? - Eine Frau! - Warum überlassen wir die Macht dann den Männern?"

Gabriella Hauch, Linz

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Abstracts, ÖZG 9/1998/4, 423-424.

Nancy Hewitt: Re-Rooting American Women's Activism: Global Perspectives on 1848, 457-470.

The Seneca Falls Woman's Rights Convention of 1848 is considered the birthplace of women's rights in the United States. Historians of women's rights, including both pioneer feminists like Elizabeth Cady Stanton and modern scholars like Eleanor Flexner and Ellen DuBois, have highlighted the links between the demand for woman suffrage made at Seneca Falls and the achievement of women's rights to vote by constitutional amendment seventy-two years later. Rarely, however, has the birth of the women's rights movement been linked to such contemporaneous events as the revolutionary upheavals in Europe, the Mexican-American war, the abolition of slavery in the French West Indies, the massive immigration of the Irish, Germans, and Chinese to the U.S., or transformations in Native American societies. This article explores precisely these connections and argues that contextualizing the women's rights movement in this way offers a more accurate reading of nineteenth-century developments for historians and a more multifaceted legacy for modern-day feminists.
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Gabriella Hauch: "We would have loved to make the whole world glad". Politics and Gender within the Democratic Circles in the Revolution of 1848, 471-495.

The construction of the bourgeois gender relations marked the political dimensions of the Revolution of 1848, which was accepted as a common project by contemporary free women and men. The analysis of the complexity of politics requires - in the sense of a "new political history" - not only the consideration of the socio-economic context, of legal structure contexts, but also of the social milieu and of social relations and life-stories. This article deals with gender-specific ambivalences of democratic politics in 1848 with a special focus on social networks, constituted by male and female activists. This makes clear that in the context of exceptional cases e. g. the revolution in Vienna women were able to cross the boundaries of the inability to participate in institutionalized politics often ascribed to women. The Wiener Demokratische Frauenverein (Viennese democratic women's club) was accepted within the democratic milieu as a equal partner and was integrated in the process of the creation of a central committee of the political clubs, the Zentralausschuß der politischen Vereine.
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Carola Lipp: On Social Reproduction of the Notabilities' System in Public Elections in the German 'Vormaerz', 496-524.

This article is based on the empirical reconstruction of individual voting behavior of a whole community in midnineteenth century Wurttemberg. The central question is, whether before the Revolution of 1848 liberalism succeeded in dissolving the local structures of the notabilities' system and whether voting behavior tended towards strict partisan decision-making. The empirical results show that - although liberalism became more popular and got an enormous amount of votes in community council elections - individual voting, in important aspects, still followed the classical patterns of a Weberian notabilities' system. Voters preferred candidates of wealth and education who were experienced in local administration. Until 1848 there was no group that voted strictly and exclusively liberal - not even the organised liberals themselves. This voting behavior changed in the process of the Revolution of 1848/49, and subsequently reflected the emergence of political parties.
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Carolyn Eichner: "To Assure the Reign of Work and Justice". The `Union des femmes' and the Paris Commune of 1871, 525-555.

On April 11, 1871, an "Appeal to the Women Citizens of Paris" summoned the women of the Paris Commune "To arms! The nation is in danger." This call led to the formation of the 'Union des Femmes pour la defense de Paris et les soins aux blesses', a socialist and feminist organization devoted not only to the immediate defense of Paris, but also to the fundamental reordering of socio-economic and gender relations. Operating within a transitional and discrepant milieu, the 'Union des Femmes' leaders constructed a socialist feminist critique of both the pre-Commune capitalist world and the nascent socio-economic order of the Commune. The Union des Femmes members seized the revolutionary moment to begin to reconceptualize and reorganize women's labor. They saw the recognition of their lives as full participants within the public, laboring world as essential to their access to economic independence, their primary goal. Facing the immediate reality of working class women's economic needs, and their understanding of the Commune as a developing, evolving society, the 'Union des Femmes' took a pragmatic and transitional stance, while planning for their ideally conceived future.
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