Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
10/1999/1: Hochschulen im Nationalsozialismus


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Editorial

Hochschulen im Nationalsozialismus

Peter Berger
Die Wiener Hochschule für Welthandel und ihre Professoren 1938-1945, ÖZG 10/1999/1, 9-49. [Abstract]

Juliane Mikoletzky
"Mit ihm erkämpft und mit ihm baut deutsche Technik ein neues Abendland". Die Technische Hochschule in Wien in der NS-Zeit, ÖZG 10/1999/1, 51-70. [Abstract]

Peter Jan Knegtmans
Die Universität von Amsterdam unter deutscher Besatzung, ÖZG 10/1999/1, 71-104. [Abstract]

Mitchell G. Ash
Die Wissenschaften in der Geschichte der Moderne, ÖZG 10/1999/1, 105-129. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 10/1999/1, 130-131.

Gespräch

Götz Aly, Werner Lausecker, Albert Müller
Historiographischer Optimismus, ÖZG 10/1999/1, 132-146.

Forum

Werner Lausecker
Bericht über einige Wahrnehmungen. Zur Sektion "Deutsche Historiker im Nationalsozialismus" am Deutschen Historikertag, ÖZG 10/1999/1, 147-156.

Erich Landsteiner
Microstoria und 'longue duree'. Zu Andreas Suters Entwurf einer Sozialgeschichte des politischen Ereignisses am Beispiel des Schweizerischen Bauernkriegs von 1653, ÖZG 10/1999/1, 157-168.

Rezensionen

Jakob Vogel, Nationen im Gleichschritt (Peter Walkenhorst), ÖZG 10/1999/1, 169-174.

Holger Thomas Gräf u. Ralf Pröve, Wege ins Ungewisse (Harald Tersch), ÖZG 10/1999/1, 173-175.
 


Editorial, ÖZG 10/1999/1, 423-424.

Im April 1946 forderte das österreichische Unterrichtsministerium die Rektorate aller Universitäten und Hochschulen des Landes auf, Daten über den Beitrag von Hochschulangehörigen zum Widerstand gegen das NS-Regime zu sammeln. Die Informationen sollten im Zuge der Erstellung eines amtlichen "Rotbuches" über den NS-Terror 1938-1945 verwertet werden. Das Ministerium vergaß in seinem Erlaß nicht, explizit darauf hinzuweisen, daß für Widerstandshandlungen gegen die deutsche Besatzung in Österreich andere Maßstäbe gelten sollten als für Akte der Resistenz in vom Dritten Reich okkupierten nicht-deutschsprachigen Ländern. Offenbar wollte man die Hochschulleiter mit dieser Feststellung dazu ermutigen, auch bescheidenere Äußerungen des Protests gegen die nationalsozialistische Herrschaft zu dokumentieren. Das Resultat der Rückmeldungen scheint diese Vermutung zu bestätigen. Wer immer von den Professoren und Assistenten sich in den Kriegsjahren einen Hauch von Nonkonformismus geleistet hatte - egal, ob aus prinzipieller Mißbilligung der braunen Diktatur oder aus anderen, weniger politischen Gründen - konnte damit rechnen, als "Widerstandskämpfer" aufzuscheinen.

In Wahrheit lagen die Dinge viel komplizierter, wie die zwei Österreich gewidmeten Beiträge zum vorliegenden Heft über "Universitäten und Hochschulen im Nationalsozialismus" illustrieren. Den Anlaß zur Wahl dieses Themenschwerpunktes bot das hundertjährige Jubiläum der Wiener Wirtschaftsuniversität im Oktober 1998, mit deren Geschichte sich der Beitrag von Peter Berger auseinandersetzt. Als K. K. Exportakademie zwei Dezennien vor dem Untergang der Habsburgermonarchie gegründet (deren Machtaspirationen in Südosteuropa und in der Levante durch eine verbesserte Kaufleuteausbildung gefördert werden sollten), leistete die 1919 in "Hochschule für Welthandel" umbenannte Anstalt ihren Beitrag zur deutschnationalen Prägung des akademischen Lebens in der Ersten Republik und später, als der Anschluß ein Fait accompli geworden war, zur Ostexpansion Hitlerdeutschlands. In der Ära des Austrofaschismus 1934-1938 gehörten prominente Vordenker des Korporatismus und ständischen Universalismus zum Professorenkollegium der "Welthandel", Leute, die von den Nazis "hinausgesäubert" und nach 1945 wieder an die Hochschule zurückgeholt wurden. Daß sie trotz ihrer erwiesenen antidemokratischen Einstellung in den dreißiger Jahren bei den Bildungsverantwortlichen der Zweiten Republik kaum mit Bedenken rechnen mußten, gehört ebenso zu den Eigentümlichkeiten des österreichischen Umgangs mit der Vergangenheit wie der Umstand, daß 1948, als die Hochschule für Welthandel fünfzig Jahre alt wurde, eine Festschrift erschien, die alle Protagonisten der nationalsozialistischen Ära im selben Atemzug lobte: den einzigen in Nazihaft umgekommenen Professor ebenso wie die enragiertesten Nationalsozialisten des Lehrkörpers (letztere wegen ihres "Widerstands" gegen die Einführung deutscher Studienpläne und Prüfungsnormen).

Daß gerade bei fanatischen Parteigängern Hitlers unter den "ostmärkischen" Universitätsprofessoren die Enttäuschung über die Arroganz der deutschen Hochschulbehörden zum Entstehen einer Art von Österreich-Nostalgie führte, zeigt Juliane Mikoletzky in ihrem Beitrag über die Technische Hochschule in Wien. Vor allem die Aushöhlung der institutionellen Autonomie der TH durch das NS-Regime löste nostalgisch gefärbte Mißfallenskundgebungen aus, die freilich nicht mit grundsätzlicher Abkehr von den Zielen des Nationalsozialismus oder gar mit Bedauern über die 1938 erfolgte Tilgung Österreichs von der europäischen Landkarte gleichgesetzt werden dürfen. Die "Hoffnung auf eine großartige Zukunft" unter dem Hakenkreuz wurde weiter gepflegt. Erst die Apriltage 1945 machten aus unzufriedenen Nationalsozialisten österreichische Patrioten.

In den Niederlanden, wo die fünfjährige deutsche Präsenz von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung als aufgezwungene Fremdherrschaft ohne jede sprachliche oder kulturelle Legitimation empfunden wurde, fand akademischer Widerstand ganz andere Ausgangsbedingungen vor als in Österreich. Er erreichte (vor allem auf der Ebene der individuellen Aktionen von Professoren, Dozenten und Studenten) auch eine andere Größenordnung, wie aus Peter Jan Knegtmansï Beitrag über die Universität von Amsterdam ersichtlich wird. Daß es die niederländischen Universitäten in toto dennoch verabsäumten, zur Speerspitze der politischen und moralischen Resistenz gegen den Nationalsozialismus zu werden, lag an einer spezifischen Art von Berufsethik, die den weltabgewandten Charakter wissenschaftlicher Tätigkeit betonte. In einem der berührendsten niederländischen Romane über die Zeit von 1940-1945, Maarten t'Harts Die Netzflickerin, bekommt der Held der Erzählung, der eine Dissertation über Antisemitismus in der deutschen Philosophie einreichen will, von seinem Professor den Rat, kein derart praktisches, sondern lieber ein epistemologisches Thema zu wählen. Gewollte Distanz zu aktuellen Ereignissen - auch wenn sie nicht aus Konfliktscheu, sondern im Namen "reiner Wissenschaftlichkeit" angestrebt wurde - machte aus den Hohen Schulen der Niederlande, solange sie ihren Betrieb aufrecht halten konnten, tendenziell anachronistische Elfenbeintürme (wo nichtsdestoweniger bewundernswerte Akte der Solidarisierung mit den NS-Opfern gesetzt wurden).

Ein Beitrag dieses Hefts hat nicht unmittelbar, wohl aber am Rande mit dem Thema "Universitäten im Nationalsozialismus" zu tun. Die Antrittsvorlesung von Mitchell G. Ash am Institut für Geschichte der Universität Wien thematisiert im Rahmen eines Überblicks über die Wissenschaften in der Geschichte der Moderne unter anderem auch die wechselseitigen Beziehungen von epistemologischen und politischen Umbrüchen. Der auch für das Schwerpunktthema dieses Heftes relevante Befund von Ash lautet, daß Wissenschaften beim Arrangement mit politischer Macht grundsätzlich zwei Optionen haben: Sie können eine vorweg existierende inhaltliche Affinität zwischen ihren Zielen und Methoden und der jeweils vorherrschenden Weltanschauung behaupten oder - ganz konkret - Forschungsleistungen als Mittel zur Erreichung politischer Ziele anbieten. Belege dafür lassen sich in den Aufsätzen über die Wiener Technische Hochschule und die Hochschule für Welthandel reichlich finden.

Peter Berger, Wien

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Abstracts, ÖZG 10/1999/1, 423-424.

Peter Berger: The "Hochschule für Welthandel" in Vienna and its professors, 1938-1945, 9-49.

In 1898 a specialized commercial school ("Exportakademie") was established in Vienna to promote the Habsburg Monarchy's foreign trade with southeastern Europe and the Levant area. Renamed into "Hochschule für Welthandel" (HWH), the institution was granted university status in 1930 and, during the economic depression of the thirties, became a hotbed of academic pangermanism and antisemitism. The fact that (Jewish) private business had an important say in the management of the HWH could not prevent repeated acts of violence of Nazi students against their Jewish and foreign colleagues, but it put an effective brake on some professors' inclinations to openly side with the pan-German cause.

After the "Anschluß" in March 1938 the HWH faculty was purged of its members considered foes of National Socialism, and of Jews. (This affected only the staff of lecturers, as no Jew held a regular professorship in 1938.) Among those forced to retire were two renowned economists who had helped to formulate austro-fascist and corporatist doctrines, Walter Heinrich and Richard Kerschagl. Both were reinstalled as professors after the Second World War. The German Ministry of Gducation, which took full responsibility for the HWH in February 1940, first considered of shutting it down altogether, then tried to merge it with the much bigger University of Vienna. Both plans were dropped, however, and the HWH was allowed to prove its value for Germany's imperialistic ambitions. With the financial aid of German industry, it set up an ambitious training programme for future "merchants into the East", who were expected to replace the Jews in East European trade.
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Juliane Mikoletzky: The 'Technische Hochschule' (Technical University) in Vienna during the Nazi Period, 51-70.

Most official publications on the Vienna Technical University (TH) do not deal extensively with the period between 1938 and 1945. Rare references to the war years usually emphasize the faculty members' determination to resist German attacks on universitarian autonomy. The Nazi's also tried to sever the traditional links between Austrian industry and higher technical education by removing industrial experts from the TH's examination boards. By such measures they aroused suspicion even among the ranks of decidedly pro-German TH-professors, who after Hitler's defeat claimed to always have been sceptical about national socialist university politics.

Yet this was clearly not the case. The annexation of Austria by Germany in March 1938 made hopes of the TH soar. Immediately following the "Anschluss" and the subsequent purge of Jewish professors and students, the Rector presented the German authorities an ambitious project of renewal and enlargement, both of the university building and the staff. Such plans were frustrated in the course of the following years. Resulting disappointment on the part of the TH-professors should not be misinterpreted as fundamental opposition against Nazism, however.
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Peter Jan Knegtmans: The University of Amsterdam under German rule, 71-104.

Among the ten institutions of academic education existing in the Netherlands prior to World War II, the University of Amsterdam stood out as the only one run by a city. Its professors were appointed by the Mayor and City Council of Amsterdam, whose attitudes were traditionally more liberal than elsewhere in the country. Due to this fact, but also because of its cosmopolitan student clientele, the University of Amsterdam gained a reputation to be slightly unconventional - without giving up the traditional Dutch reluctance to let politics enter the sacred halls of science. When the Germans occupied Holland in May 1940, all universities were confronted with a dilemma. Should they actively take part in political protests against the prosecution of Jews and the recruitment of Dutch forced labor by Nazi authorities? Or should they steer a more cautious course, waiting till German oppression left no other way but open resistance? The University of Amsterdam opted for the latter, under the guidance of two rectors (Brouwer and Deelman) whose mind was fixated on the need to maintain order and discipline. However, there were courageous acts of civil disobedience of individual academics, professors as well as students. Consequently, many of them died in German concentration camps. Students who awaited the end of the War in Amsterdam had the opportunity to follow clandestine courses held by professors living as "submarines". After the liberation of Holland, such "underground studies" were officially recognized by academic authorities. Like all other Dutch Universities the University of Amsterdam redefined its public role after 1945, accepting a high degree of responsibility for a prospering democratic society.
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Mitchell G. Ash, The Sciences in the History of Modernity, 105-129.

The essay assesses the implications of recent work in history of sciences for a general history of modernity. Part one treats social historical aspects of the topic, including the institutional structures of modern research establishments, the network of national and international scientific associations and the normative discourses of value-neutrality which, taken together, signal the emergence of the sciences as professions. Part two considers cultural historical aspects. On the micro level, these include the increasing standardisation, instrumentalisation and objectification of research practices. Emphasised on the macro level are public representations of scientific and technical progress and the use of metaphors such as energy conservation, evolution and objectivity in both the scientific and cultural spheres. The final section analyses the implications of these social and cultural histories for the relations of the sciences and political power in the modern era.
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