Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
10/1999/2: Im Osten nichts Neues?


Archiv zurück weiter Sequenz: ÖZG - Einzelhefte /  ÖZG-Home Page

Editorial

Im Osten nichts Neues?

Lucian Boia
Eintritt nach Europa. Geschichte, Ideologie und Mythologie im Rumänien des neunzehnten Jahrhunderts, ÖZG 10/1999/2, 183-209. [Abstract]

Éva Kovács
Mythen und Rituale des ungarischen Systemwechsels, ÖZG 10/1999/2, 210-237. [Abstract]

Gerhard Baumgartner
Einfach weg. Zum 'Verschwinden' der Romasiedlungen des Burgenlandes 1938-1945, ÖZG 10/1999/2, 238-259. [Abstract]

Gerald Sprengnagel
Nationale Kultur und die Selbsterschaffung des Bürgertums. Am Beispiel der Stadt Prostejov in Mähren 1848-1864, ÖZG 10/1999/2, 260-291. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 10/1999/2, 292-293.

Gespräch

Antoni Maczak, Gerhard Baumgartner, Erich Landsteiner, Albert Müller
Patrone, Klienten und einige andere Fragen des sozialen Lebens, ÖZG 10/1999/2, 294-303.

Forum

Attila Melegh
Haus des Horrors? Demographie und Politik in Rumänien, ÖZG 10/1999/2, 304-312.

Davor Miskovic
Zur Struktur kroatischer Märchen , ÖZG 10/1999/2, 313-319.

György Kövér
Der István Hajnal-Kreis, ÖZG 10/1999/2, 320-330.

Alois Ecker
Wohin treibt die Geschichte ohne Histomat? Zur Reform des Geschichtsunterrichts in Ost- und Südosteuropa, ÖZG 10/1999/2, 331-335.
 


Editorial, ÖZG 10/1999/2, 181-182.

Viele Länder Mittel- und Osteuropas erlebten in den Jahren nach der Wende 1989 die Wiederkehr längst totgeglaubter historischer Debatten. In den neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas wurden die Topoi nationaler Geschichtsschreibung zu heiß umkämpften Themen der politischen Diskussion. Einerseits galt es die Geschichte der Nachkriegszeit neu zu schreiben, andererseits mußten die einst als reaktionär und konterrevolutionär verdammten Diskurse des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts auf ihre Tauglichkeit überprüft werden. Und schließlich konnte man, wie die populistischen Politiker der verschiedensten Couleurs schnell erkannten, mit den Versatzstücken der nationalen Geschichtsschreibung vorzüglich Wähler gewinnen.

Die Historiker sahen sich großen Herausforderungen gegenüber, galt es doch die Geschichte eines halben Erdteils neu zu schreiben. Wie selten in einer historischen Epoche war sich die Mehrheit der Bevölkerung mit den Historikern einig, daß es dringend einer neuen nationalen Geschichte bedurfte. Historische Expertise war gefragt und zahlreiche Historiker wurden zu tonangebenden Beratern der führenden politischen Köpfe, wenn nicht zu führenden Politikern selbst, wie Präsident Franjo Tudjman in Kroatien oder Ministerpräsident József Antal in Ungarn. In dem Maße aber, in dem die Geschichte zum nationalen Projekt und zum Objekt tagespolitischer Debatten wurde, sahen sich die Historiker mit einem Dilemma konfrontiert. Waren diese Anforderungen der wissenschaftlichen Forschung vereinbar mit jenen Anforderungen, die sich aus der Bindung an ein nationales Programm ergaben? Viele Historiker sahen sich nach der Vorlage neuerer Forschungen zu wenig bekannten Kapiteln der nationalen Geschichte mit beißender öffentlicher Kritik konfrontiert, andere wiederum flüchteten in sichere, das heißt politisch nicht umkämpfte Themenbereiche. In seinem Beitrag hat György Kövér diese Diskussionen für Ungarn exemplarisch nachgezeichnet.

Ein Beispiel für die Neubewertung der nationalen Historiographie hat der rumänische Historiker Lucian Boia in den letzten Jahren vorgelegt. Lange Zeit beruflich marginalisiert, weckte er mit seinen panoramaartigen Überblicken bald das Interesse der einheimischen Kollegenschaft und der internationalen Fachwelt. Seine hier vorgelegte Arbeit über die wechselseitigen Beziehungen zwischen Geschichte, nationalen Mythen und Ideologien zeichnet nach, wie im Interesse einer Annäherung an Westeuropa die politischen Eliten Rumäniens im neunzehnten Jahrhundert verschiedene historische Diskurse kreierten, mit deren Hilfe sie die Zugehörigkeit Rumäniens zu einer westeuropäischen Kulturtradition beweisen wollten. In diesem Rahmen entstanden zahlreiche bis heute noch fortwirkende, durch wissenschaftliche Forschung nicht begründbare und oft auch schon widerlegte Topoi der rumänischen Nationalgeschichte, wie etwa der Mythos von der Kontinuität zwischen römischen Kolonen des dritten nachchristlichen Jahrhunderts und der bäuerlichen rumänischen Bevölkerung der Neuzeit.

Welche sozialen und politischen Funktionen nationale Mythen im Kontext von Klassenbildung und nationaler Identitätsfindung spielen, demonstriert Gerald Sprengnagel in seinem Artikel über die 'Selbsterschaffung' des tschechischen Bürgertums in einer mährischen Provinzstadt. Anhand des Bücherbestands eines patriotischen Lesevereins zeigt er, wie diese Mythen angeeignet, transformiert und für die Legitimationsbedürfnisse der jeweiligen Gegenwart adaptiert werden. Die Aneignung dieser Elemente einer 'nationalen Kultur' grenzt die tschechischen 'Patrioten' nicht nur von der hegemonialen deutschen Kultur ab, sondern gleichzeitig von den tschechischsprachigen Unterschichten - sie erfinden sich als Bürgertum.

Die Funktion historischer Themen in den politischen Diskussionen der letzten zehn Jahre und die Bedeutung historischer Rekurse für die Konstituierung der neuen politischen Systeme beleuchten die Beiträge von Éva Kovács und Davor Miskovic. Für Ungarn beschreibt Éva Kovács, wie liberale Gruppierungen bereits vor 1989 nationale Symbole der Revolutionen von 1848 und 1956 für die Legitimierung ihrer Forderungen und Positionen instrumentalisierten und dadurch unter anderem zu einem Abrücken klerikalkonservativer Kreise von den Traditionen der Revolution 1956 beitrugen. Die Schließung des berühmten Budapester "56er Institutes" durch die konservative Regierung Viktor Orbáns steht exemplarisch für diese Entwicklung. Davor Miskovic analysiert in seinem Essay den Kult rund um den kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman, dessen Stilisierung zum mythischen Kulminationspunkt einer tausendjährigen kroatischen Geschichte weitreichende Folgen für die ausbleibende Demokratisierung vielfältiger Bereiche des öffentlichen Lebens nach sich zieht.

Die Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung der gesellschaftlichen Realität der Reformstaaten wird jedoch nicht nur durch die lokalen politischen und historischen Diskussionen, sondern massiv durch die internationalen, medial vermittelten Auseinandersetzungen beeinflußt. Am Beispiel der Bevölkerungspolitik Rumäniens während der Ceausescu-Diktatur und ihrer medialen Ausschlachtung durch die Bildmedien nach 1989 demonstriert Attila Melegh das Zusammenspiel wissenschaftlicher Theoriestränge und medial vermittelter Diskurse.

Gerhard Baumgartner, Wien

 Top


Abstracts, ÖZG 10/1999/2, 423-424.

Lucian Boia: Entry into Europe. History, Ideology and Mythology in Romania during the 19th Century, 183-209.

Social and political development in 19th century Romania was characterised by the endeavours of the Romanian elite to bring their country up to Western European standards. Young members of the social elite introduced western models, ideologies, political institutions and fashions. Between 1830 and 1860 the country left the fold of Eastern European culture and replaced its Cyrillic alphabet by a Latin one. The revolution of 1848 and the unification of Moldavia and Valachia in 1859 set the country on the road to modernisation and capitalisation of its economy. The arguments for the severe social changes, as proposed by the different political elites, were mainly historical. These contemporary social projects were projected into an imaginary Romanian past, different political orientations resulting in different historical perspectives. Although or rather because there were no or very little historical facts available, the question of early Romanian history, the fate of the Roman settlers after the retreat of the Roman troops from Dacia in 274 A. D. and the question of continuity of these societies into modern Romanian society dominated the Romanian historical debate for more than a century.
Top

Éva Kovács: Myths and Rituals during the Hungarian Transformation 1989-1999, 210-237.

Starting from the analysis of a small political demonstration in a Hungarian village in 1989 the author develops a pattern for the interpretation of public political action in Hungary in the years immediately before and after the collapse of the Communist regime. She describes how the first public demonstrations organised by the opposition groups established a ritual for political protest by usurpating the monuments and the actual sites of the Hungarian Revolution of 1848 and the Hungarian Uprising of 1956. Making use of the selfexplanatory symbolism of theses places, it became virtually unnecessary to announce the meeting places and routes of demonstrations since everybody knew the procedure by heart. The same kind of analysis is applied to one of Budapest's main squares, Hösök tere (Heroes' Square), and to the newly created park for old socialist and communist monuments in Nagytetény, outside Budapest. The author argues that, by reverting to place- and street-names dating from the 19th century and by exhibiting their socialist past in a museum, Hungarians have found a way to historysize the era of Communist rule in Hungary and to divert attention from their active involvement and participation in it, especially during the later decades of the Kádár regime.
Top

Gerhard Baumgartner: Simply Gone. The `Disappearance' of Gypsy Settlements in Burgenland 1938-1945 and the Problems of Reconstructing their Property Relations, 238-259.

Austrian historiography has long neglected the question of property confiscated during the Nazi period. Apart from Austrian Jewry, the second largest group to suffer near complete destruction were Austria's Gypsies. While most of them perished in the concentration camps of Lodz, Chelmo and Auschwitz their settlements in Burgenland were in most cases completely razed from the ground. The few survivors could not believe their eyes, when on their return they found their settlements, sometimes housing up to 280~people, completely destroyed. Attempts to reconstruct these Gypsy settlements are proving extraordinarily difficult, since in most cases the buildings had been erected on common land in the last decades of the 19th century and had never been entered into the Grundbücher, the official property registers. Documentation of their number, size and quality can be detected in local archives, contemporary photographic records and US and Soviet air force aerial maps of the region dating from World War II.
Top

Gerald Sprengnagel: National Culture and the Self-Invention of a Czech Bourgeoisie in the Regional Town of Prostejov in Moravia 1848-1864, 260-291.

The article focuses on the inherent ambiguities and disparities in the development of nation, national culture and small town bourgeoisie, here demonstrated for the regional town of Prostejov in central Moravia. By analysing the library of the local Czech reading club between 1848 and 1862 the author shows, how the books and reading materials were received by the reading patriots and forged into a tool of interpretation and recreation of contemporary reality. A socio-critical analysis illustrates in which manner historical myths were adapted in order to fulfil the contemporary need for social legitimation. In a second step the author analyses the social profile of the members of the reading club in order to reveal the unconscious function, the `second meaning', which the reading club fulfils for its members. According to him this `second meaning' lies hidden in the integrative force of the organisation, manifested through the shared experiences in acquiring a common nation culture. The construction of a Czech national culture at the same time constitutes a sharp demarcation from the lower classes. By reinventing themselves as a nation, the Czech patriots simultaneously invented themselves as a bourgeoisie.
Top
 


Archiv zurück weiter Sequenz: ÖZG - Einzelhefte /  ÖZG-Home Page