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Ingeborg Bachmann und Giuseppe
Ungaretti. Zwei Sprachen, zwei Kulturen - eine lyrische Stimmung.
Ingeborg Bachmann und Giuseppe Ungaretti. Zwei Sprachen, zwei Kulturen
- eine lyrische Stimmung.
Auch wenn die sehr umfangreiche Forschungsliteratur zum Werk Ingeborg
Bachmanns ihren Übersetzungen nicht die gleiche Bedeutung zuzugestehen
scheint wie ihren eigenen Werken, sollte bewusst bleiben, dass ihre äußerst
wichtige Beziehung zum stilistisch revolutionärsten italienischen
Dichter des 20. Jahrhunderts, Giuseppe Ungaretti, gerade in ihrer Übersetzungstätigkeit
besteht. Ihre deutschsprachige Auswahl von Ungarettis Gedichten aus den
fünf Sektionen seines Lebenswerks Vita di un uomo [Leben eines Mannes/Menschen]
zeigt, dass Bachmanns Auseinandersetzung mit Ungarettis Lyrik auf einer
höheren Ebene stattfindet als jener einer rein sprachlichen Übersetzungsaufgabe,
geht es doch um einen literarischen und menschlichen Kulturdiskurs zwischen
Ungarettis Italienisch- und Bachmanns Österreichischsein. Die geistige
Verwandtschaft der beiden Autoren ist nur durch eine vergleichende Untersuchung
der Berührungspunkte ihrer Persönlichkeiten und ihrer Lyrik
verständlich, die in Ungarettis Gedichten Allegria di naufragi (1917)
[Freude der Schiffbrüche] und Il Porto sepolto (1916) [Der begrabene
Hafen] zu finden ist. Äquivalenzen' d.h. semantische kulturelle
Ähnlichkeiten, die dem Konzept des modernen Übertragens als
Spiegel der Interkulturalität entsprechen, beleuchten die literarische
und menschliche Kongruenz zwischen Verfasser und Übersetzer jenseits
von Lexikon und Grammatik. Schon Anfang der 60er Jahre untersuchte Eugene
A. Nidas in Toward a Science of Translating (1964) das Übersetzen
als interdisziplinäres Wissen und gelangte zu der Schlussfolgerung,
dass "in transferring the message from one language to another, it
is the content which must be preserved at any cost; the form, except in
special cases, such as poetry, is largely secondary [
]" . In
den 70er und 80er Jahren vertieften Katharina Reiß und Hans J. Vermeer
das Konzept der Übersetzung als "kulturellem Transfer"
. Wenn also das Übersetzen nicht nur die Übertragung von einer
Sprache in eine andere oder von einem Ausgangstext in einen Zieltext,
sondern vielmehr der Transfer zwischen Kulturen ist, dürfen die verschiedenen
Formen des Kontakts zwischen den in Frage stehenden Kulturen nicht außer
Acht gelassen werden. Die Übersetzungstätigkeit überwindet
in diesem Sinn die sprachlichen Schwierigkeiten und richtet ihr Hauptinteresse
auf die Menschen und ihre Beziehungen. Man spricht von einer inneren und
äußeren Eigenschaft des Übersetzens, wobei die erste sich
auf den Gegenstand, den man übersetzt, also auf den Text bezieht,
die zweite hingegen auf die Kon-texte, und zwar jene, aus denen man und
in die man übersetzt. Die verhüllte menschliche Dimension des
Übersetzens trägt einen interaktiven Wert in sich, dessen Verwirklichung
nur durch einen menschlich-ergänzenden Prozeß möglich
ist. Das Mittelpunkt-Ich, das Selbst, Durchgangsstadium und Knotenpunkt,
das sich intensiv mit sich und mit seiner hybriden Identität beschäftigt,
das eine kulturelle Ich-Synthese sucht, und das zugleich keine wirkliche
eigene Selbstdimension besitzt, wird erhört und als reine Durchgangsinstanz
gleichzeitig zurückgenommen. Das Übersetzen wird ein ontologischer
Identifikationsprozeß, in dem das Ich sich kennenlernt, sich mit
dem Anderen' auseinandersetzt und ergänzt. Wie im Narziß-Mythos
spiegelt der Übersetzer sich in dem zu übersetzenden Text wider
und findet seine eigene Dimension als Mensch und als Dichter wie im Fall
Bachmanns, deren Entscheidung, Ungarettis Gedichte ins Deutsche zu übersetzen,
ihrem Wunsch nach der Überwindung der sprachlichen Komplexität
des modernen Gedichts durch die Suche nach einem neuen lyrischen Vorbild
entspricht.
Es gibt nichts Einschüchternderes für jemand, der selbst Gedichte
geschrieben hat, als über die zeitgenössische Lyrik Rede und
Antwort zu stehen, die Kenntnis ist meist geringer als man annimmt, [
]
und dies nicht nur so, weil Gedichte seltener übersetzt werden; [
]
so gibt es eine Blicktrübung in der Gegenwart für Gedichte .
So Ingeborg Bachmann 1960 in ihrer zweiten Frankfurter Vorlesung Über
Gedichte, als sie die Schwierigkeit, Auskunft über das Schaffen zeitgenössischer
Lyriker aus anderen Ländern und Kulturen zu geben, betonte. Eine
Schwierigkeit, die in dem getrübten' Blick der Gegenwart auf
Gedichte liegt, dessen Auswirkung man auch in Bachmanns lyrischer Produktion
spürt. Die Autorin schrieb tatsächlich in der letzten Phase
ihres künstlerischen Lebens fast nur Prosatexte , und antwortete
einem Interviewer, der im Januar 1962 fragte, warum Gedichteschreiben
so unglaublich schwer und belastend für sie geworden war, mit folgender
Bemerkung:
Ich habe nichts gegen Gedichte, aber Sie müssen sich denken, dass
man plötzlich alles dagegen haben kann [
] Dass man es ersticken
möchte, damit man noch einmal prüfen kann, was daran ist, was
es ist, was es sein sollte. [
] verdächtige die Worte, die Sprache,
das habe ich mir oft gedacht, vertiefe diesen Verdacht - damit eines Tages,
vielleicht, etwas Neues entstehen kann - oder es soll nichts mehr entstehen
.
Bachmanns pessimistische Adorno' Vision, dass es nicht mehr möglich
sein könnte, ein Gedicht zu schreiben, treibt die Autorin in die
Richtung der Übersetzungstätigkeit, die sie schon in den 50er
Jahren mit der deutschen Übermittlung des englischen Dramas Manhouse
(das Herrschaftshaus) von Thomas Wolfe und dem Hörspiel The Dark
Tower (Der schwarze Turm) von Louis McNeice aufgenommen hatte. Es ist
merkwürdig, wie Ingeborg Bachmann ihre früheren Übersetzungstätigkeiten
verdrängt hat, da sie sich nur an eine einzige, nämlich die
in Bezug auf Giuseppe Ungaretti erinnert.
Ich habe nur ein einziges Mal übersetzt, und zu meinem Vergnügen.
Die Gedichte, vor allem die früheren, von Giuseppe Ungaretti. Ungaretti
ist eine Schlüsselfigur der italienischen Lyrik. Er hat zu Anfang
dieses Jahrhunderts die erstarrte italienische Lyrik revolutioniert. Und
da man ihn bei uns kaum kennt, schien es mir wichtig, ihn zu übersetzen
.
Die Begründung Ingeborg Bachmanns, Ungarettis frühe Gedichte
wegen seines mangelnden Bekanntheitsgrades im deutschsprachigen Raum ins
Deutsche zu übersetzen, verstärkt die Rolle des Übersetzers
als Mittler zwischen den Kulturen und pointiert auch gleichzeitig die
erste Affinität zwischen beiden Autoren. Begriffe wie Übersetzen'
und Sprache' finden in Bachmanns und Ungarettis Text und Kontext'
ihre Erklärung. Die poetologische Metapher aus Simultan , wo das
Übersetzen das Bemühen ist, sich dem Anderen anzunähern,
um eine gemeinsame Sprache zu finden , fokussiert nicht nur den Wunsch
der Protagonistin von Simultan, Nadja, sondern auch Bachmanns und Ungarettis
Wunsch, deren ganzes Leben der Suche nach dem Wort geweiht war. Entfernung
von der chaotischen und zerstörerischen Weltvision der Futuristen
und Surrealisten und Rückkehr in die italienische Vergangenheit bedeuten
für Ungaretti das Zurückdenken an positive und negative Erfahrungen,
deren Vergessen zu vermeiden ist, denn das Gedächtnis muss evokativ
sein - behauptet er - sonst bleibt es nur eine Leidensquelle. Nicht nur
die Wiederentdeckung vergangener literarischer Motive oder von Sprach-
und Denkmodellen aus unterschiedlichen Kulturen (zum Beispiel romantische
Züge bei Giacomo Leopardi oder dekadente Aspekte in Mallarmés
Dichtung) kennzeichnen Ungarettis Suche nach der Vergangenheit, sondern
auch sein persönliches Bedürfnis, die eigene multikulturelle
Herkunft in jedem Lebensbereich aufzuspüren. Seine im ägyptischen
Alexandria verbrachte Kindheit und Jugendzeit, wo die Wüste, die
trockene Erde, der Wind und die glühende Sonne eine Landschaft wie
in T.S. Eliots Waste Land entstehen lassen, sind in vielen seiner Gedichte
wie z.B. Ricordo d'Africa (Erinnerung an Afrika), und Canto del beduino
(Beduinenlied) wahrzunehmen. Seine dramatische Erfahrung im Ersten Weltkrieg,
die das Gedichtschreiben von Il Porto sepolto (1916) und Allegria di Naufragi
(1919) inspirierte; die Entfernung von seiner Heimatstadt Alexandria und
die Übersiedlung nach Paris werden als kulturelle Schocks erlebt.
Schwierig und widersprüchlich ist auch Ungarettis Beziehung zu Rom
Anfang des 20. Jahrhunderts wegen der barocken Stadtarchitektur, die seinen
künstlerischen Geschmack nicht befriedigte . Ungarettis lange Suche
nach der lyrischen Loos'schen Ornamentlosigkeit' betrachtet die
Opulenz und den Glanz des römischen Barock als Zerstörung all
seiner lyrischen Anstrengungen. Nur nach dem Verstehen des unordentlichen
Reichtums der barocken Kunstdarstellungen, die durch das Übereinanderlegen
vieler architektonischer Elemente als Spiegelung des modernen Kitsch-Geschmacks'
zu übersetzen' ist, findet er in Michelangelos Kunst das Vorbild
für seine zweite lyrische Phase. Kein Hermetismus mehr, sondern die
Rekonstruktion von lexikalischen und grammatikalischen Strukturen, welche
die Hochsprache' des Gedichtbandes Sentimento del tempo (1933) [Zeitgefühl]
kennzeichnen. Diese stilistischen Merkmale sind auch in seinem letztem
Gedichtband Il Dolore (1947) [Das Leiden] beibehalten, dessen dichterische
Motive mit familiären schmerzhaften Ereignisse wie dem Tod seines
neunjährigen Sohns Antonietto (1939) in Brasilien verknüpft
sind. Aufenthalte in der Toskana und in Neapel sowie in Sao Paolo in Brasilien,
wo Ungaretti die schwierigen Jahren der faschistischen Diktatur in Italien
(1936-1942) als Universitätslehrer für italienische Literatur
verbrachte, sind nicht nur Etappen seiner Lebensreise, sondern auch Quellen
von Emotionen, Leiden, Freuden und Hoffnungen in seiner Lyrik. Nicht zufällig
heißt Ungarettis Gesamtwerk Vita d'un uomo (1969) [Leben eines Mannes].
Das Übersetzen erscheint nicht nur als sprachliche oder inhaltliche
Übermittlung eines Ausgangtextes in einen Zieltext, sondern als ein
Transfer ohne Sprache' von persönlichen Erfahrungen. Ungarettis
Lyrik bietet eine neue Dimension der Bedeutung des Übersetzens an,
die sich gerade innerhalb des Ausgangstextes verwirklicht. Die Farben,
die Klänge, die Gerüche, der Geschmack der Landschaften schaffen
in Ungarettis Dichtung eine Harmonie von lyrischen Stimmen, die an Elias
Canettis Erzählung Stimmen von Marrakesch denken lassen . Das Lied
bzw. der Singsang des Beduinen in der Wüste, der die Tage des jungen
Ungaretti belebt und inspiriert , der Gesang der sudanesischen Amme Bahita
und die kroatische Stimme des Dienstmädchens der Familie, Anna, begleiten
nicht nur das ganze Leben Ungarettis in der Erinnerung, sondern auch die
sonore Atmosphäre seiner Dichtung. Die Bedeutung der Melodie bzw.
der Musik als Sprachergänzung, die nicht nur für den italienischen
Dichter entscheidend ist, sondern auch für Ingeborg Bachmann , wurde
schon 1963 von Adorno postuliert . Wie bei Ungaretti stammt die Liebe
und die Leidenschaft für Musik auch bei Bachmann aus der eigenen
Lebenserfahrung. Kein Beduinenlied in der Wüste in ihrem Fall - wenn
auch die exotische Faszination der ägyptischen Landschaft ihre Kunst
geprägt hat (vgl. z.B der Roman Der Fall Franza ) - , sondern das
Treffen 1956 in der Mailänder Scala bei der von Visconti inszenierten
Aufführung von La Traviata mit der Sopranistin Maria Callas, deren
stimmliche Besonderheit und musikalisches Talent Ingeborg Bachmann faszinierten
; keine sudanesische Amme oder kroatisches Dienstmädchen prägten
die Musikleidenschaft der Kärntnerin, sondern die tiefe Freundschaft
und librettistische Zusammenarbeit mit dem deutschen Komponisten Hans
Werner Henze, den Ingeborg Bachmann 1952 auf Schloß Berlepesch bei
Göttingen bei einer Lesung der Gruppe 47 kennen gelernt hatte. Obwohl
Ungarettis Auseinandersetzung mit der Musik ursprünglicher, emotionaler
und ungebildeter als bei Ingeborg Bachmann ist, bleibt Italien das verbindende
Glied dieser musikalisch-kulturellen Begegnung . Während aber Ungarettis
Italianität die Fremdheit der Wüste durchschimmern lässt,
erfahren Bachmanns Österreichischsein und ihre Leidenschaft für
Italien keinen Transfer, sondern bleiben auf einer getrennten Ebene. Wann
immer es aber um einen kulturellen Transfer geht, wo die Übertragung
der Worte durch die der Stimmen ersetzt wird, sind beide Autoren - trotz
ihres Wanderns und Flanierens in verschiedenen Kulturen und Ländern
- in ihrer ursprünglichen Herkunft fest verankert.
Das schwer Erklärerische ist aber, daß ich zwar in Rom lebe,
aber ein Doppelleben führe, denn in dem Augenblick, in dem ich in
mein Arbeitszimmer gehe, bin ich in Wien und nicht in Rom. [
] Aber
ich bin besser in Wien, weil ich in Rom bin, denn ohne diese Distanz könnte
ich es mir nicht für die Arbeit vorstellen .
Das Eintauchen in eine fremde, wenn auch im Fall Bachmanns nicht unbekannte
Kultur - denn Italien war für sie kein echtes fremdes Land - gibt
beiden, Dichter und Übersetzer, die Gelegenheit, die Dichtung - entweder
in der Form eines eigenen Schaffens oder als Übersetzungstätigkeit
- als Produkt der kulturellen Verschmelzung zweier Welten, zweier Kulturen,
aber im Einklang einer einzigen Stimme, der des Inneren, zu erleben. Zwei
Beispiele, Allegria di naufragi und Il Porto sepolto in Bachmanns und
Aigners Übertragungen bestätigen diese gemeinsame lyrische Stimme.
Die Entscheidung, auch Aigners Version herranzuziehen, gründet sowohl
auf der Aktualität seiner Übersetzung (2003) als auch auf meinem
Versuch, Helga Pöcheims Diplomarbeit Die italienische Bachmann. Studie
zum Aspekt der Übersetzung bei Ingeborg Bachmann (1997) zu ergänzen.
Sowohl Bachmanns als auch Aigners Gedichtauswahl enthalten ein Nachwort,
in dem die zwei Autoren Ungarettis Biographie skizzieren. Während
Bachmann Ungarettis Leben traditionell darstellt, indem sie nur seine
wichtigsten Lebensstationen und lyrischen Veröffentlichungen aufzählt,
porträtiert Aigner Ungaretti durch eine Ich-Metamorphose, eine Reinkarnation.
Aigner übersetzt' nicht nur Ungarettis Gedichte in seine Muttersprache,
sondern er transferiert' auch Ungarettis Leben in seines. Sowohl
Bachmann als auch Aigner betonen in ihren biographischen Skizzen über
Ungarettis Leben die theoretischen Aspekte seiner Lyrik, die eine entscheidende
Rolle in ihrer Gedichtauswahl und ihren Übertragungsarbeiten spielen.
Das betrifft z.B. die Herkunft des Begriffs Dichtung, dessen semantische
Wurzeln in Ungarettis Beduinennatur, in seiner Leidenschaft für das
Wandern und Nomadisieren zu finden sind. Die Begegnung mit unterschiedlichen
Landschaften, Völkern und Kulturen wie der orientalischen und der
europäischen wecken in Ungarettis Lyrik die Erinnerung an Orte, Stimmen
und Gegenstände seiner Kindheit im ägyptischen Alexandria, seiner
Jugend in Paris, und seinen späteren Jahren in Brasilien und Rom.
Hinter Ungarettis Auseinandersetzung mit der Fremdheit versteckt sich
ein Prozess der Akklimatisierung, der Integration, der sich durch die
Musikalität der fremden Kultur verwirklicht . Gerade diese sprachliche
Musikalität erlaubt beiden Übersetzern die linguistische Schwierigkeit
zu überspringen, die schon im Titel von Ungarettis erstem Gedichtband
zu finden ist. "Allegria" ist, wie Ingeborg Bachmann im Nachwort
ihrer Übertragung erklärt, "ein Wort, das man uns allerdings
kaum zu erklären vermag. Hätten wir auch ein entsprechendes
Wort, so fehlte uns doch - allegria. Das ist Heiterkeit, Munterkeit, Freude
[
] Eine Tempobezeichnung steckt auch darin; an das allegro in der
Musik dürfen wir denken. Allegria gibt es bei Mozart, überhaupt
manchmal in unserer Musik, aber sonst wohl kaum, weder in den Menschen,
noch unter Menschen. Es ist ein Fremdwort für uns und wird nie für
eine Wirklichkeit stehen" . Das Wort Allegria in Kombination mit
dem Wort naufragi bildet ein Oxymoron, das Ungaretti selber erklärt.
Allegria, perché Allegria di naufragi? Ebbene, perché, insomma,
la poesia, l'uomo in tutte le sue imprese anche quando crede di essere
arrivato in porto, sì ci arriva, ma ci arriva da naufrago, ci arriva
dopo aver lasciato molte illusioni se non dopo aver subìto dei
veri disastri. Ma il fatto di essere comunque arrivato in porto anche
dopo il naufragio, dà un certo piacere, no? Dà un'allegria.
Ecco: Allegria di naufragi. [Allegria, warum Allegria di naufragi? Also,
weil, im Grunde genommen, der Mensch die Dichtung schafft im Laufe all
seiner Erfahrungen, und wenn er auch glaubt, im Hafen gelandet zu sein,
ja er ist angekommen, aber wie ein Schiffbrüchiger, der viele Illusionen
verloren und echte Katastrophen erlebt hat. Aber die Tatsache, dass er
schließlich im Hafen ist nach dem Schiffbruch, bereitet ein Vergnügen,
nicht wahr? Eine Freude. Also: Freude der Schiffbrüche.] -
Ingeborg Bachmann, die allegria mit dem deutschen Wort Freude übersetzt,
versteht wie Ungarettis "Freude, mit einem hellen Ton gedacht"
sein sollte, da es um eine Freude geht "die man in die Luft werfen
kann und die einen gehen macht, leben macht - ein Geschenk von niemand"
. Aigner, der hingegen das deutsche Adjektiv unbeschwert wählt, wird
sowohl lexikalisch als auch grammatikalisch Ungaretti untreu. Erstens:
Weil das deutsche Wort unbeschwert - wörtlich auf italienisch spensierato
- nur eine psychische Komponente in sich trägt, während das
Gefühl der Allegria aus körperlichen Erfahrungen - im o.g. Zitat
spricht Ungaretti über imprese d.h. Erfahrungen, Aufgaben - stammt.
Zweitens: Weil der Begriff unbeschwert einen menschlichen Entwicklungsprozeß
impliziert, den Ungaretti in seiner oben zitierten Bedeutungserklärung
nicht meint, da der Mensch nach Ungarettis Weltanschauung ewig auf der
Suche nach seinem Hafen' ist. Vom grammatikalischen Gesichtspunkt
aus stimmt Aigners Übersetzung mit Ungarettis Original auch nicht
überein, da Ungaretti die oxymorische Struktur absichtlich durch
ein wörtliches Gleichgewicht strukturiert (allegria=Substantiv und
naufragi=Substantiv), um zu sagen, dass einerseits der Mensch im gleichen
Maß sich freut und leidet, und andererseits, dass sich die menschlichen
Impulse des Sich-Freuens und des Leidens auf der selben Ebene befinden.
Mit Aigners Entscheidung, Ungarettis Substantiv durch ein Adjektiv zu
ersetzen, bleibt das grammatikalische Gewicht der Bedeutung allein auf
dem Substantiv Schiffbruch, als ob Aigner nur den negativen Aspekt von
Ungarettis Botschaft anerkennen wollte . Bachmanns Titel und Übertragung
von Ungarettis Gedicht Allegria di naufragi ist hingegen Ungarettis sprachlicher
Struktur treuer: Freude der Schiffbrüche.
In zwei weiteren Aspekten werden die Inkongruenzen der zwei Übersetzungen
im Verhältnis zum Original deutlich. Das ist der Fall beim italienischen
Adverb subito, das Bachmann mit plötzlich und Aigner mit schon übersetzt.
Bachmanns plötzlich sowie auch das italienische Adverb subito tragen
in sich eine semantische Geschwindigkeit der Aktion, die dem Gedicht lyrische
Lebendigkeit und Spannung schenken, während Aigners schon nicht nur
die vom Original nicht ausgedrückte Wiederholung der lyrischen Aktion
impliziert, sondern auch ein Verlangsamen der lyrischen Intensität.
Auch in Ungarettis Gedicht Il Porto sepolto (1916) wird Aigners Übersetzungsfreiheit
im Gegensatz zu Bachmanns Treue deutlich. In den ersten drei Zeilen des
Gedichts schafft er eine Inversion - er verschiebt das Satzkonstrukt alla
luce von Zeile 2 zu Zeile 3 - mit der Folge, dass nicht mehr der Dichter
mit seinen Liedern zum Licht wiederkommt, sondern die Lieder werden ins
Licht verstreut. Ungarettis lyrisches Bild und poetische Botschaft der
Allegria wird nicht respektiert, denn Aigner richtet die Aufmerksamkeit
nicht auf das helle' und warme Gefühl des Sonnenlichts, das
dem Menschen eine innere Freude nach einem Schiffbruch' schenkt.
Auch im zweiten Teil des Gedichts gibt es eine Divergenz zum Original,
da Aigner das italienische Wort nulla mit dem deutschen negativen Konstrukt
nicht Greifbares übersetzt. Die Folge ist, dass die Stärke und
Intensität sowie die Kürze von Ungarettis einzigem Wort nulla
in zwei Worte zersplittert und verlängert wird. Die Version Bachmanns
hingegen respektiert in beiden zitierten Fällen Ungarettis Original,
auch wenn sie Ungarettis dritte Person Singular (vgl. riprende) im ersten
Vers des Gedichts mit einem Du' ersetzt. Wie Pöcheim anmerkt,
handelt es sich hier um ein von Bachmann "bewusst eingesetztes Stilmittel"
, denn "es könnte hier einen Zusammenhang mit der Aufbruchsthematik
ihrer eigenen Gedichte geben. Die beiden Gedichte aus dem Band Die gestundete
Zeit (1952), die das Aufbruchsmotiv direkt mit dem Auslaufen eines Schiffes
verbinden, haben die zweite Person Singular (Du) zum Subjekt". Bachmanns
eigene Schreib- und Lebenserfahrungen verleihen ihrer Interpretation des
Gedichts eine dialogische Struktur, die das Übersetzen als Nachdichten
im Sinne eines kreativen Prozesses durchscheinen lässt. Je mehr etwas
Dichtung' ist, umso mehr arbeitet es mit den Eigentümlichkeiten
der Sprache und umso weniger lässt es sich übersetzen. Das übersetzte
Werk ist ein gemischtes Gebilde, ein Konglomerat zweier Strukturen: Auf
der einen Seite stehen der Bedeutungsinhalt und die formale Kontur des
Originals; auf der anderen Seite das ganze System der an die Sprache gebundenen
Züge, die der Übersetzer dem Werk mitgegeben hat. Beide Schichten
stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, und dies kann zu
Konflikten führen, die Entscheidungen nach persönlichen Prioritäten
des Übersetzers notwendig machen. Ingeborg Bachmanns Übertragung
von Ungarettis Gedichten ist eine exakte und poetisch kongruente Wiedergabe
des Inhalts und der Form, während Aigners Version eher eine persönliche
poetische Interpretation zu sein scheint. Das sollte nicht überraschen,
wenn man an Aigners Einführung in Ungarettis Lebensbild zurückdenkt.
Dort identifiziert er sich mit Ungaretti selbst, was zu einer neuen Form
des Schaffens führt, indem er Ungarettis lyrische Botschaft auf ihre
Essenz reduziert.
Man extrahiert das Skelett aus dem Körper. In einem solchen Fall
will ich mich der Übersetzung enthalten .
Ester Saletta (Università di Bergamo)
Literaturverzeichnis:
Adorno, Theodor W.: Musik, Sprache und ihr Verhältnis im gegenwärtigen
Komponieren. In: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Rolf Tiedemann. Bd.16
Frankfurt a/Main: Suhrkamp 1978
Aigner, Christoph W: Giuseppe Ungaretti. Zeitspüren. Gedichte. München:
Deutsches Verlag-Anstalt 2003
Albrecht, Monika/Dirk Göttsche (Hrsg.): Bachmann-Handbuch. Weimar:
Metzler 2002
Bachmann, Ingeborg: Der Fall Franza. In: Ingeborg Bachmann. Werke. Bd.3
Hrsg. von von Christine Koschel und Inge von Wiedenbaum. München:
Piper 1983 pp. 415-482
Bachmann, Ingeborg: Giuseppe Ungaretti. Gedichte. Italienisch-Deutsch.
Übertragung und Nachwort von Ingeborg Bachmann. Frankfurt a/Main:
Suhrkamp 1961 p.154
Bachmann, Ingeborg: Wir müssen wahre Sätze finden. Hrsg. von
Christine Koschel und Inge von Wiedenbaum. München: Piper 1983 p.104
Bachmann, Ingeborg: Hommage à Maria Callas. Entwurf. In: Gesammelte
Werke. Hrsg. von Christine Koschel und Inge von Weidenbaum. Bd.4 München:
Piper 1978 pp.342-3
Bachmann, Ingeborg: Biographisches. In: Vermischte Schriften. In: Gesammelte
Werke. Ebda. Bd.4 p.301
Bachmann, Ingeborg: Simultan. Neue Erzählungen. München: Piper
1972 S.7-45
Bachmann, Ingeborg: Frankfurter Vorlesungen. Probleme zeitgenössischer
Dichtung. München: Piper 1980
Caduff, Corina: Dadim dadam - Figuren der Musik in der Literatur Ingeborg
Bachmanns. Wien: Böhlau 1998
Canetti, Elias: Die Stimmen von Marrakesch. Frankfurt a/Main: Fischer
1978
Gazzetti, Maria: "Eine italienische Lektüre. Zur Bachmann-Rezeption
in Italien". In: Du. Heft 9/1994 Zürich
Guglielmi, Guido: Interpretazione di Ungaretti. Bologna: Il Mulino 1989
Helbig, Hanno: Giuseppe Ungaretti. Die Heiterkeit. L'Allegria. Gedichte.
München: Hanser 1990
Marschall von Biberstein, Michael: Giuseppe Ungaretti. Ich suche ein unschuldiges
Land. Gesammelte Gedichte Italienisch-Deutsch. München: Piper 1988
Mauro, Walter: Vita di Giuseppe Ungaretti. Milano: Camunia 1990
Menapace, Walter: Die Ungaretti-Übertragungen I.Bachmanns und P.Celans.
Inssbruck: Diplomarbeit 1980
Nida, Eugene A.: Toward a science of Translating. Leiden: Brill 1964
Pöcheim, Helga: Die italienische Bachmann. Studie zum Aspekt der
Übersetzung bei Ingeborg Bachmann. Wien: Diplomarbeit 1997
Vermeer, Hans J: "Übersetzen als kultureller Transfer".
In: Übersetzungswissenschaft - eine Neuorientierung. Hrsg. von Mary
Snell-Hornby. Tübingen: Francke 1986 pp.30-53.
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