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Peter Cichon:

Bewältigung(sversuche) von Sprachkonflikten
 im Bewußtsein bilingualer Sprecher

(Attempts at) The resolution of language conflict in the consciousness of bilingual speakers

Language consciousness is the main internal agent controlling our entire language behaviour. In order to fulfil its task language consciousness has to be three things simultaneously: firstly, it is a knowledge store where knowledge of language, rules of application, experiences and meta-linguistic knowledge are kept available as procedural knowledge. Secondly, language awareness is a controlling agent ensuring adequate use of language according to relevant norms in order to ensure the speaker’s lasting integration into his or her speech community. Thirdly, it is an operative agent transforming the individual’s cognitive and affective disposition into scripts for linguistic action and judgement. Language consciousness is characterised by the tendency to strive for a balanced integration of its various components. In bilingual speakers whose two languages are in societal conflict this integration is frequently rendered impossible leading to distortions and disruptions. Attempts to overcome them can be described as representing three types of “meaning-generating” strategies. The first strategy is ‘assimilation’ i.e. turning away from the minority language in order to exclusively embrace the majority language. The second strategy, ‘segregation’ is characterised by an attempt of far-reaching ideological and communicative denial of the majority language in favour of the minority language. The third strategy can be described as “non-perception of conflict”. The conflict may be denied altogether or it is hierarchically “resolved” by the differentiation into a “language of the heart” (minority language) and a “language of reason” (majority language).

Vor allem zwei Fragen sollen im folgenden behandelt werden:

Wie kommt es zu Konflikten im Bewußtsein bilingualer Sprecher?

Wie gehen die Sprecher mit diesen Konflikten um?

Vorweg eine kurze Definition von bilingualen Sprechern: darunter verstehe ich im weiteren all jene, die sich in ihrer täglichen Kommunikation zweier unterschiedlicher Sprachen bedienen. Wenn ich damit eine weitgefaßte Definition von Bilingualität benutze, dann deshalb, weil zum einen die sog. "echte" Bilingualität, also die muttersprachliche Beherrschung und anteilsgleiche Verwendung von zwei Sprachen, eher selten ist, zum andern, weil Sprachkonflikte, von denen hier die Rede ist, auf einer sozial asymmetrischen Verteilung von Sprachen beruhen und sich diese Asymmetrie meist auch bei den Sprechern in einer ungleichen Kompetenz und Performanz niederschlägt. Und halten wir uns vor Augen, daß die meisten europäischen Staaten einer doktrinären Monolingualität anhängen, so wird klar, daß "echte" Zweisprachigkeit nicht nur selten, sondern zugleich ziemlich fragil ist, zwar immer wieder neu entsteht, aber meist schon in der Generationsfolge, manchmal sogar noch früher, wieder verlorengeht.

Kommen wir zur ersten Frage: Wie kommt es zu Konflikten im Bewußtsein bilingualer Sprecher? Zur Antwort gelangen wir über eine weitere Frage: Wozu dient und wie funktioniert unser Sprachbewußtsein?- Wir können es uns vorstellen als das zentrale interne Steuerungsinstrument unseres gesamten Sprachverhaltens. Seine Aufgabe besteht darin, unsere Integration in die eigene Sprachgemeinschaft zu leisten und sie zugleich dauerhaft abzusichern. Um dies zu erreichen, muß das Sprachbewußtsein dreierlei sein:

-         zum ersten muß es Wissensspeicher sein, in dem Sprachkenntnis, Kommunikationsregeln, sprachliche Erfahrungen sowie metasprachliches Wissen und Urteilen als jederzeit abrufbares Handlungswissen bereitgehalten wird;

-         zum zweiten muß es Kontrollorgan für unser Sprechen sein, einmal im Sinne grammatischer Korrektheit zur Unterscheidung zwischen richtigem und falschem Sprechen – dies ist unabdingbare Voraussetzung für unsere gleichberechtigte Integration in die eigene Sprechergemeinschaft – zum andern zur Unterscheidung zwischen eigenem und fremdem Sprechen (seien es andere Sprachen oder dialektale Varianten der eigenen Sprache) - diese Fähigkeit benötigen wir für die Ausbildung unserer sprachlich-kulturellen Identität;

-         zum dritten muß es operative Instanz sein, in der, situativ immer wieder neu, Wissen, Erfahrung und Bewertung zu Anleitungen für konkretes sprachliches Handeln und sprachbezogenes Urteilen umgewandelt werden.

Die Komplexität des Konzeptes ´Sprachbewußtsein´ zeigt sich in folgenden vier dichotomischen Charakteristika:

bewußt - unbewußt: Das Sprachbewußtsein leitet zwar unser gesamtes sprachliches Handeln, doch geschieht diese Steuerung nur teilweise bewußt. Vor allem die richtige, regelgerechte Verwendung der Sprache ist durch unsere tägliche Sprechpraxis in einem solchen Maße automatisiert, daß unser Wissen um diese Regeln ein weitgehend implizites geworden ist, doch läßt es sich durch Reflexion explizit machen. (Deutlich wird dies an dem Unterschied zwischen Sprachkennen und Sprachkönnen, d.h. wir können sprechen, sind also in der Lage, die Bildungs- und Verwendungsregeln unserer Muttersprache richtig anzuwenden, kennen sie aber oft nicht bzw. wissen sie nicht explizit zu benennen. Grund dafür ist, daß wir sie zumeist implizit erworben haben - Ausnahme: Schule - und ihre Anwendung sosehr automatisiert haben, daß wir sie zu ihrer expliziten Benennung gewissermaßen aus dem Bereich des Vorbewußten zurückholen müssen.) Anders verhält es sich mit bestimmten Formen des Sprech- und Kommunikationsverhaltens, etwa den Bedingungen für code-switching. Hier liegen die Steuerungsfaktoren großenteils im Unbewußten, was sicherlich ein Grund dafür ist, daß wir bisher über keine erschöpfende Erklärung des code-switching verfügen.

kollektiv - individuell: Unser Sprachbewußtsein ist das Ergebnis sprachlich-kultureller Prägungen, die wir über die Kommunikation mit anderen aus dem Kollektivbesitz einer Sprach- und Kulturgemeinschaft übernehmen. Die Sprache als Vehikel sozialer Integration verlangt dabei vom Einzelnen die Orientierung an gesellschaftlich vorgegebenen Sprach- und Verhaltensnormen. Diese muß er respektieren, weil er sonst riskiert, sich sprachlich-sozial zu isolieren. Auf der anderen Seite erfolgt die Internalisierung sprachlicher Normen im Rahmen der Sozialisation des einzelnen Sprechers und gewinnt in diesem Spannungsverhältnis zwischen dem nach Selbstverwirklichung drängenden Ich und den Anforderungen seiner sprachlichen Umgebung seine spezifische Ausprägung. Daß dabei eine Vielzahl von Sprachbewußtseinsformen entstehen, es letztlich ebenso viele Formen des Sprachbewußtseins wie Sprecher gibt, rührt daher, daß die an seiner Entstehung beteiligten Konstituenten sich nicht in schlichter Addition auf immer gleiche Art zusammenfügen, sondern die anteilige Gewichtung jedes Segmentes von Sprecher zu Sprecher variiert und zugleich jede inhaltliche Modifizierung nur eines Segmentes das Gesamtgefüge des Bewußtseins verändert.

konstant - veränderlich: Dieses auf den ersten Blick paradox anmutende Begriffspaar soll darauf verweisen, daß das Sprachbewußtsein eine gewisse Stabilität besitzt und dadurch auf gleiche sprachlich-soziale Reize in der Regel in der gleichen Weise reagiert, zugleich jedoch diesen Prozeß analysierend begleitet und die Analyseergebnisse zu neuen sprachlichen Verhaltensweisen (und Urteilen über Sprache) verarbeitet. Hintergrund dieses Prozesses ist die bereits erwähnte zentrale Aufgabe des Sprachbewußtseins, nämlich die dauerhafte Sicherung der sprachlich-sozialen Integration der Sprecher. Zu dieser gehören bedarfsweise 'Kurskorrekturen'. Solche können sich durch jeden Sprechakt ergeben, man könnte auch sagen, durch jede Herausforderung des Sprachbewußtseins. In jedem Sprechakt nämlich wird die Angemessenheit der verinnerlichten Sprachnormen auf die soziale Probe gestellt. Jede Reaktion der sprachlichen Umgebung ist gekoppelt mit neuen Erfahrungen, die die Disposition des eigenen Sprachbewußtseins beeinflussen, entweder im Sinne einer Stabilisierung oder im Sinne einer Modifizierung, die dann in einer neuerlichen Sprechsituation gleichen oder ähnlichen Typs zu einem veränderten Sprachverhalten führen kann. Das Sprachbewußtsein funktioniert mithin nicht linear, sondern zirkulär, ist selbstregulierend und entsprechend dynamisch.

Für unsere weitere Betrachtung besonders wichtig ist die vierte Dichotomie:

homogen - heterogen: Sprachwissen und sprachliche Erfahrungen werden im Sprachbewußtsein zu einem möglichst kohärenten inhaltlichen Ganzen zusammengefügt. Dahinter steht das Bestreben jeden Sprechers, kognitive Spannungen abzubauen, die dann entstehen, wenn neue Wissens- oder Erfahrungselemente ins Bewußtsein eindringen, die nicht in das bestehende Klassifikations- und Bewertungsschema passen. Zum Zweck des Spannungsausgleichs werden sie entweder so reinterpretiert, daß sie passen (Piaget nennt das ´Akkomodation´) oder aber das Klassifikations- und Bewertungsschema wird so verändert, daß die neuen Elemente integriert werden können (Piaget spricht hier von ´Assimilation´). Für den Monolingualen verläuft dieser Prozeß meist ebenso unproblematisch wie unbemerkt ab, da er seine eine Sprache unhinterfragt als Sinneinheit wahrnimmt. Schwieriger gestaltet sich dieser Prozeß beim Bilingualen, vor allem dort, wo er es mit zwei Sprachen zu tun hat, die sich in einem gesellschaftlichen Konflikt miteinander befinden und er versuchen muß, in seinem Bewußtsein zwei konfrontative Bewertungssysteme zu integrieren. Wo dies (erwartetermaßen) nicht gelingt, kommt es zu Verzerrungen und Brüchen im Sprachbewußtsein.

Wie reagieren nun bilinguale Sprecher in ihrem Bewußtsein auf solche Konflikte?

"Echt" Bilinguale machen sich von klein auf mit beiden Sprachsystemen vertraut und entwickeln ein kompliziertes Wechselspiel zwischen Sprachmustern und Kommunikationsstrategien, die sie für beide Sprachen gemeinsam, und sprachlichen Teilsystemen, die sie jeweils einzelsprachlich, also parallel benutzen (s. dazu Glinz 1989:61f). Analog dazu bilden sie, vorausgesetzt, sie erleben eine konfliktfreie Zweisprachigkeit, ein eher unproblematisches, teils inter- teils bikulturelles Sprachbewußtsein aus. Anders die Situation bei konsekutiv entstehender diglossischer Zweisprachigkeit. Je stärker hier der Anteil der dominierenden Sprache A an der Kommunikation der Sprecher der dominierten Sprache B wächst, desto stärker werden diese mit der unterschiedlichen sozialen Relevanz und Bewertung der beiden Sprachen konfrontiert. Besonders gravierend ist dabei, daß das monolinguale Umfeld in der A-Sprache in seiner Monokulturalität auf Abgrenzung aufbaut bzw. ethnische Grenzen als identitätsstiftendes Moment braucht. In der Folge kann es dazu kommen, daß sprachliche Grenzgänger als eigene Bedrohung angesehen und marginalisiert werden (s. Dorfmüller-Karpusa 1993:29ff). Angesichts solcher Kontextbedingungen den Glauben an die  Werthaftigkeit der eigenen Bilingualität nicht zu verlieren, in ihr nicht orientierungslos zu werden und nicht sprachökonomischem Denken zu erliegen, verlangt von dem einzelnen Sprecher einen hohen persönlichen Aufwand, den viele nicht aufbringen können oder wollen und sich lieber dem monolingualen Mainstream anpassen.

In typisierter Form lassen sich bei Zweisprachigen drei Reaktionsweisen auf den Sprachkonflikt unterschieden:

-         Assimilation, d.h. ein willentlicher Bruch mit der eigenen Sprachgruppe und die gleichermaßen ideologische wie sprachliche Integration in die andere;

-         Segregation, d.h. eine weitestmögliche ideologische und kommunikatorische Abwendung von der anderen Sprachgruppe und die ausschließliche Ausbildung sprachlich-kultureller Identität auf der Grundlage der eigene Sprachgruppe (in Gesellschaften mit einer fortgeschrittenen Diglossie, in der gesellschaftliche Relevanzbereiche wie Schule, Berufsleben, Medien und Amtsgeschäfte mehrheitlich in der dominierenden Sprache funktionieren, wird dies für die Sprecher von B-Sprachen wohl nur um den Preis sozialer Einbußen möglich sein);

-         Nichtwahrnehmung des Konfliktes, bei der die Sprecher den Konflikt als solchen verdrängen bzw. das Aufeinandertreffen der Sprachen für sich als harmonisch reinterpretieren.

Natürlich handelt es sich hier, wie bereits erwähnt, um typisierte Bewältigungsstrategien, die in der sprachlichen Wirklichkeit in einem breiten Spektrum von Varianten existieren, wobei ´Assimilation´ und ´Segregation´ gewissermaßen die beiden Pole derselben Strategieebene darstellen, während mit der ´Nichtwahrnehmung des Konfliktes´ ein anderer ´Lösungsweg´ beschritten wird, nämlich der der Apologie des Status quo.

Wenn in der sprachlichen Wirklichkeit häufig eine Kluft zwischen ´Sein´ und ´Bewußtsein´ herrscht, d.h. das Bewußtsein oft ´radikaler´ in Richtung Assimilation bzw. Segregation ausgerichtet ist als das sprachliche Handeln, so zeigt dies, daß es weniger die eigene Praxis an sich ist, sondern die Wahrnehmung und Bewertung dieser Praxis durch das Bewußtsein, die über die Selbstzuweisung sprachlicher Identität entscheidet – und damit über das weitere Sprachverhalten. Wie oft treffen wir auf Darstellungen, in denen sich ehemals Bilinguale bereits als vollständig in die dominierende Sprache und Kultur integriert definieren, obwohl ihre Praxis noch nicht so weit ist, ebenso wie andere, die sich in ihrer Identität als völlig unbeeinflußt von der Kontaktsprache und –kultur beschreiben, obwohl auch bei ihnen die Realität eine andere ist. Hier antizipiert das Bewußtsein eine getroffene Entscheidung zur Lösung des Sprachkonfliktes als bereits vollzogen.

Akzeptanz und ´Erfolg´ jeglicher Strategie zur Überwindung von Sprachkonflikten hängt vor allem davon ab, ob sie im Bewußtsein des bilingualen Sprechers eine Sinngebung erfährt. Besonders anschaulich wird dies im Phänomen des sog. ´sprachlichen Selbsthasses´, einer Art kognitivem Sprungbrett für die Assimilation, konkret einer ausgeprägten Form der Ablehnung der eigenen B-Sprache und des Wunsches nach möglichst rascher und vollständiger Integration in die A-Sprache. Der Begriff geht zurück auf Theodor Lessing (1930), der ihn allerdings auf einen ganz anderen Gegenstandsbereich, nämlich den jüdischen Selbsthaß, anwendet. Für unsere Betrachtung interessant am Konzept von Lessing ist seine Erklärung des Selbsthasses als Ausdruck des Strebens nach Sinn bzw. nach Erklärung für etwas, das eigentlich widersinnig ist, in seinem Fall die jahrhundertelange Verfolgung der Juden im Abendland. Die "Sinngebung des Sinnlosen" (Lessing 1930:14), erfolgt dadurch, daß das eigene Leid als Strafe bzw. als Sühne im Sinne der angenommenen eigenen Schuld interpretiert wird und damit das erlittene Unrecht zum Recht des anderen umgedeutet wird. Neuerlich auf den Sprachbereich übertragen, finden wir einen solchen Mechanismus, daß dem Widersinnigem Sinn gegeben wird und die Bestrafung als Sühne akzeptiert wird, z.B. in der Bekämpfung der nichtfranzösischen Regionalsprachen nach Einführung der strikt einsprachigen französischen Pflichtschule im Jahre 1881, als Schüler, die im Unterricht eine andere Sprache als Französisch sprechen (in dieser Zeit haben große Teil der Bevölkerung, vor allem in der Peripherie Frankreichs, noch eine andere Sprache als Französisch als Mutersprache), ein ´Schuldzeichen´ umgehängt bekommen, dessen Trägerschaft mit verschiedensten Strafarbeiten verbunden ist. ´Schuld´ haben sie auf sich geladen, weil sie sich am Einsprachigkeitsgebot der französischen Sprache vergangen haben. Da es Kinder sind, die noch nicht in der Lage sind, an der Rechtmäßigkeit dieser Bestrafung zu zweifeln, nehmen sie sie als Sühne an und legen damit in ihrem Bewußtsein den Keim für die ideelle und soziale Erosion der französischen Regionalsprachen, die sich in ihren wesentlichen Zügen innerhalb nur einer Generation, zwischen 1881 und dem ersten Weltkrieg, vollzieht.

Sprachlichen und jüdischen Selbsthaß zu vergleichen ist sicherlich nicht ganz unproblematisch, da zum einen erhebliche Unterschiede im Ausmaß des erlebten Leides bestehen, zum andern der jüdische Selbsthaß tragisch ist, da er ohne Lösung bleibt, der sprachliche hingegen mit der vollzogenen Assimilation überwunden wird, wenngleich auch er seinen Preis hat. Entsprechend wird in der wissenschaftlichen Diskussion für den hier skizzierten Sachverhalt anstelle des zwar griffigen, jedoch etwas grellen Begriffs ´sprachlicher Selbsthaß´ von vielen der Begriff der ´sprachlichen Entfremdung´ bevorzugt.

            Die Verbreitung des Phänomens sprachlicher Segregation zeigt sich darin, daß wir sie auch dort antreffen, wo wir sie eigentlich nicht vermuten – etwa in der Schweiz. Gerade dieses Land dient vielen von uns als beliebte Projektionsfläche für idealisierte Vorstellungen von gelebter Interlingualität und Interkulturalität. Dies ist jedoch ein zwar schöner, aber leider falscher Mythos. Wohl die Schweiz als Land, nicht aber die Schweizer sind mehrsprachig. Vielmehr existiert hier auf der Grundlage des Territorialitätsprinzips, das die kantonale Mehrheitssprache zur einzigen Amts- und Schulsprache macht und – mit wenigen Ausnahmen – die Sprecher von Minderheitensprachen ebenso wie Sprachgebietswechsler zur Anpassung an die Mehrheitssprache zwingt, statt des Mit- mehr ein Nebeneinander der Sprachgruppen, das sich kaum von dem zwischen monolingualen Staaten unterscheidet. Und selbst in Städten wie Biel und Freiburg im Üchtland, beide direkt an der deutsch-französischen Sprachgrenze in der Schweiz gelegen und per Gesetz zweisprachige Gemeinden, haben die Sprecher parallel funktionierende Infrastrukturen in beiden Sprachen aufgebaut und beschränken interlinguale Praxen strikt auf den Bereich sozialer Notwendigkeit, d.h. vor allem auf Beruf und Öffentlichkeit. Zweisprachigkeit wird zwar als Idee gutgeheißen, in der eigenen urbanen Kommunikation jedoch eher als Handicap gesehen. Paradoxerweise beschreiben die Sprecher gerade diese Segregation, dieses mehr Neben- als Miteinander, als Bedingung für eine friedliche Koexistenz der Sprachgruppen in der Schweiz. Neuerlich dokumentiert sich damit der Primat des Bewußtseins über die Praxis, denn nicht die urbane Zweisprachigkeit ist es, die ein proportionales Bewußtsein schafft, vielmehr ist es das in beiden Sprachgruppen dominierende monokulturelle Bewußtsein, das die soziale Wirklichkeit in seinem Sinne reorganisiert.

´Nichtwahrnehmung des Sprachkonfliktes´ ist von den drei typisierten Umgangsformen mit dem Spachkonflikt die einzige, die eine integrative Lösung zumindest versucht, wenngleich auf nicht wirklich überzeugende Weise. Dennoch sollte das verhaltenspraktische Potential einer Autosuggestion, die den Konflikt als für sich nicht gegeben interpretiert oder aber im Sinne von ´Sprache des Herzens´ (Sprache B) und ´Sprache der Vernunft´ (Sprache A) gewissermaßen hierchisch versöhnt, nicht unterschätzt werden. Sie muß nicht notwendig auf der Ebene von Apathie und Fatalismus verharren (vgl. Ninyoles 1969:108), sondern kann durchaus Impulsgeber für das Bemühen sein, eine eigene bilinguale Praxis dauerhaft gegen einen anderslaufenden Mehrheitstrend zu behaupten. In diesem Sinne birgt jedes Sprachbewußtsein zumindest virtuell ein gewaltiges Emanzipationspotential in sich. Ob dieses jedoch für die Mehrheit der Sprecher der B-Sprachen praktisch wird, ist fraglich. Zu schwer lastet die in Europa allerorten herrschende staatliche Monolingualität auf dem Bewußtsein Bilingualer. Sicherlich fehlt es nicht an klugen Vorschlägen, etwa von Europarat und Europäischem Parlament, wie die B-Sprachen in ihrer sozialen Praxis gestärkt werden können, zuletzt in der 1992 vorgelegten Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Auch haben die Sprachgruppen selbst inzwischen zahlreiche Anstrengungen zur Verbesserung ihrer Situation unternommen (Kodifizierungen, Verbesserung des Wissens über die eigene Sprache, Aufbau medialer und schulischer Infrastrukturen etc.). Letztlich entscheidend ist jedoch die Frage, ob es gelingt, den doktrinären Monolinguismus der Mehrheitsbevölkerung der europäischen Staaten und deren Angst vor Alterität zu überwinden.

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Peter Cichon

Zuerst veröffentlicht in: Jozef Stefanik (Hg.), Bilingvizmus - minulost, prítomnost a budúcnost, Bratislava 2002, 29-36