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Die Wiener Romanistik und der Totalitarismus
Zu Texten und Bildern einer Ausstellung


Das Projekt einer Ausstellung zur Geschichte des Wiener Instituts für Romanistik unter besonderer Berücksichtigung der Zeit unter dem Nationalsozialismus entwickelte sich aus der Zusammenarbeit zwischen der romanistischen Fachbibliothek und einigen Lehrenden, von denen die meisten seit langem am Institut tätig waren und sich den Herausforderungen einer Aufarbeitung zum Teil selbsterlebter Vergangenheit mit besonderem Engagement – gewissermaßen als Betroffene – stellen wollten. Wichtige Publikationen und Jubiläen während der 80er und 90er Jahre wie die Einrichtung einer Gedenktafel für Elise Richter (1985), die Abfassung und Verbreitung einer  wegweisenden Studie von Maria Aldouri-Lauber (1988) [1] oder die 100-Jahr-Feier des Instituts (1991) [2] haben die Idee einer kreativen Auseinandersetzung mit der Institutsgeschichte reifen lassen. Zu den Faktoren, die das Sommersemester 2001 für ein solches Unternehmen günstig erscheinen ließen, gehörte ein in den letzten Jahrzehnten fühlbarer werdendes Engagement diverser Universitäten in Deutschland und Österreich im Sinne einer Aufarbeitung der Zeit unter dem NS-Regime, die wissenschaftsgeschichtliche und institutionsgeschichtliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigte. In diesem internationalen Zusammenhang hat die Romanistik dann und wann  die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit auf sich gezogen. Einerseits durch den Welterfolg der Tagebücher des Viktor Klemperer, die mit beklemmender Eindringlichkeit den Weg vom Status eines deutschen Ordinarius für romanische Literaturwissenschaft zum Überlebenskampf eines Ausgestoßenen nachzeichnen. Andererseits aber auch durch das Schicksal der Wiener Romanistin Elise Richter, die als erste Habilitierte und erste Professorin in Österreich und Deutschland eine Pionierrolle in der Frauengeschichte spielte, als Jüdin von den Nazis verfolgt wurde und 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt umkam. Eine Reihe von Studien, die mit Frank-Rutger Hausmanns großangelegter Synthese im Jahre 2000 ihren vorläufigen Höhepunkt fand, [3] hat die Geschichte der Romanistik aus deutscher Sicht beleuchtet und österreichische Verhältnisse mehr oder weniger eingehend mitberücksichtigt.  Aber auch in Österreich selbst intensivierte sich das seit langem bestehende Interesse an den Verstrickungen der Universitäten in der Zeit des Nationalsozialismus. Zuletzt fand im März 2001 ein von Historikern an der Universität Wien organisiertes Kolloquium über das Thema Hochschulen und Wissenschaften im Nationalsozialismus und danach – „Konstruierte Kontinuitäten“ ? statt.

Die Ausstellung wendete sich an alle, die sich für die Geschichte eines großen und traditionsreichen Instituts der Wiener Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften interessierten, besonders natürlich an Lehrende und Studierende des Instituts selbst. Sie bestand aus mehr als einem Dutzend großer Schautafeln zur Institutsgeschichte mit chronologischer Strukturierung und einem Spiel innerer Verweise, sowie aus Vitrinen, Plakatwänden und Bücherregalen. Die BesucherInnen konnten eine Videoanlage mit Dokumentationsmaterial aus der Zeit des italienischen Faschismus in Betrieb nehmen. Eine beim Eingang verteilte Informationsmappe enthielt u. a. eine Bibliographie der Veröffentlichungen von Instituts-angehörigen zum Problemkreis des Totalitarismus. Materielle Unterstützung erhielten die OrganisatorInnen seitens des Dekanats der Geistes- und Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Bei der Darstellung der früheren Perioden in der Institutsgeschichte, von der „ersten Blütezeit“ um die Jahrhundertwende bis zum zweiten Weltkrieg, wurde zunächst der ideologische Druck, dem die Universität Wien in ihrer Funktion als zentrale Institution des geistigen Lebens unter der Monarchie und während der Ersten Republik ausgesetzt war, besonders hervorgehoben. In dem Maße als der chauvinistisch-antisemitische Wellenschlag die Gesellschaft erfaßte, mußte gerade ein Fach wie die Romanistik, die sich mit rivalisierenden „Fremdkulturen“ befaßte, in eine Abseitsposition und damit unter Rechtfertigungszwang geraten. Aus heutiger Sicht skurril erscheint eine Episode rund um die international gefeierte Lehrer- und Forscherpersönlichkeit von Wilhelm Meyer-Lübke. Derselbe hatte 1903 als Obmann eines neugegründeten Vereins für wissenschaftliche Ferialkurse einen Aufruf unterzeichnet, in dem die Verbundenheit Österreichs mit Deutschland besonders hervorgehoben wurde. Bald darauf erschien im Deutschen Volksblatt ein Hetzartikel gegen den “Juden“ Meyer-Lübke; [4] der angegriffene Ordinarius hat dann in Leserbriefen betont, kein Jude zu sein und den alemannischen Ursprung seiner Familie bis ins 17. Jahrhundert belegen zu können. Was Leo Spitzer betrifft, diese Leitfigur der romanistischen Literaturwissenschaft, so hat er über das antisemitische Klima in Wien geklagt, bevor er 1925 den Ruf nach Marburg annahm; von hier ging er später nach Köln, wo ihn Demütigung und Vertreibung erwarteten. Episoden dieser Art liefern Erklärungen für den Umstand, daß so mancher Ordinarius (nicht nur der Romanistik und nicht nur in Wien) auf den Druck von außen durch Konzessionen an den nationalen Zeitgeist reagierte und sich durch Alibihandlungen den nötigen Spielraum für  wissenschaftliche Tätigkeit fern aller Politik sichern wollte. Aber der Elfenbeinturm bot den Wiener Romanisten keine verläßliche Zuflucht. [5]

Ein weiterer Aspekt, der im Lauf der Ausstellungsgestaltung mehr und mehr an Bedeutung gewann, bezieht sich auf Besonderheiten des Verlaufes der Institutsentwicklung. Unbeschadet der starken Ausstrahlung einzelner Persönlichkeiten und Gruppierungen erscheint die Geschichte der Wiener Romanistik nämlich eher durch Diskontinuität geprägt als durch kontinuierliche Entwicklung. Da finden sich Perioden überbordender Vitalität ebenso wie bescheidenes Die-Stellung-Halten. Dies mag z. T. damit zusammenhängen, daß die Romanistik im Konzert der geisteswissenschaftlichen Disziplinen an der Universität Wien während der Zwischenkriegszeit und noch einige Zeit nach 1945 eher eine Randposition einnahm. Unter dem Naziregime war die gedeihliche Entwicklung des Instituts durch die Ausschaltung bedeutender Gelehrter wie Elise Richter beeinträchtigt. Noch in den 50er Jahren wies die Romanistik Züge eines verträumten Orchideenfachs auf, bis sich mit dem Einzug studentischer Massen und z. T. aus dem Ausland berufener ProfessorInnen sozusagen ein  Horizont der unbegrenzten Möglichkeiten öffnete. Den Naziprofessor, der unbehelligt auf seinem Lehrstuhl über das Dritte Reich hinaus sitzen bleibt, hat es an der Wiener Romanistik jedenfalls nicht gegeben. Wenn die Ausstellung etwas deutlich macht, so ist dies die Notwendigkeit, bei der Beurteilung dieser Institutsgeschichte nach differenzierenden Positionen zu suchen. Es galt, Versagen und Unmenschlichkeit nicht zu beschönigen, andererseits aber auch vorschnelle Urteile zu vermeiden. Was soll man davon halten, daß Josef Gruber 1943 seinem Dekan im Jahre 1943 meldete, er wolle aus Empörung über den „Verrat Italiens“ eine Dantevorlesung absagen ? Bei Kriegsende machte Huber eine recht jammervolle Figur, als er sein zerstörtes Institut besuchte und die Behörde vergeblich um Wiedereinstellung anflehte. Andererseits konnte der überzeugte und militante Nazionalsozialist Moldenhauer seine Universitätskarriere in Argentinien fortsetzen und als Vertreter der Universität Buenos Aires 1965 an den Feierlichkeiten zum 600sten Jubiläum der Universität Wien teilnehmen. Derlei Kontraste und Ambivalenzen suchte die Ausstellung zu beleuchten. Besondere Aufmerksamkeit wurde allerdings den Opfern des Nationalsozialismus, namentlich Elise Richter, Wolfgang Wurzbach und Stefan Hofer, zuteil. Damit ergab sich ein recht buntes und widersprüchliches Gesamtbild: ProfessorInnen waren Täter, Mitläufer, Angepaßte und Opfer. Nach dem Krieg fühlten sich die noch Aktiven  verantwortlich für den Wiederaufbau, flüchteten sich als mehr oder weniger „Belastete“ in die Wissenschaft, nicht selten dorthin wo die Wissenschaft besonders politikfern war, machten „Realpolitik“ wie das ganze offizielle Österreich auch.

Eine besondere Herausforderung stellte die Auseinandersetzung und Aufarbeitung des institutsgeschichtlichen Profils von Georg Rabuse im Rahmen der Ausstellungsgestaltung dar, zumal Friederike Hassauer in einem Zeitungsartikel gerade diesen Fall als Paradebeispiel für das Versagen der Romanistik in den deutschsprachigen Ländern hinsichtlich der Abrechnung mit dem Nazitotalitarismus präsentiert hatte. [6] Als verantwortlicher Mitarbeiter des Deutschen Instituts in Paris gehörte Rabuse zweifellos zu den schwer „Belasteten“. Viele Indizien deuten andererseits darauf hin, daß Rabuse sich Anfang der 40er Jahre um eine gewisse Liberalisierung der Kulturpolitik des Naziregimes in Frankreich bemühte [7] und 1943, als ihm die Tragweite seiner Illusion bewußt wurde, die Konsequenzen ziehen wollte, indem er sich zum Frontdienst meldete, statt einen sicheren Schreibtischposten anzustreben. Nach Kriegsende, im Rahmen der „Entnazifizierung“, hatte Rabuse beträchtliche Nachteile hinsichtlich seiner akademischen Laufbahn hinzunehmen, bis er auf Umwegen wieder Fuß fassen konnte. 

Von den 60er Jahren an ist das Institut qualitativ wie quantitativ geradezu explodiert. Nach einer Periode, in der das Institut mit bescheidensten Mitteln den Alltag einer winzigen Gemeinde von Lehrenden und Studierenden zu bewältigen hatte, kam der Übergang zum Status eines Massenfaches. Hatten schon seit 1959 aus dem Ausland berufene Persönlichkeiten wie Carl Theodor Gossen und Alfred Noyer-Weidner starke Impulse für einen Neubeginn geliefert, so erfolgte ab  den 70er Jahren ein rasanter und nicht selten konfliktträchtiger Umbau der theoretisch-methodologischen Positionen des Wiener Instituts. Generell bestand die Tendenz, den überlieferten Dualismus von romanischer Sprach- und Literaturwissenschaft zu sprengen, interdisziplinäre Perspektiven zu öffnen und die Nähe zur Aktualität zu suchen. In diesem Kontext setzte auch die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und, ganz allgemein, die Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus in der Romania ein. Die Ausstellung von 2001 stellt eine Etappe in einem Reflexionsprozeß dar, der im Jahre 1980 eröffnet wurde, als Marie-Thérèse Kerschbaumers Buch Der Weibliche Name des Widerstandes erschien. [8] Angesichts der Liste von Wiener Publikationen zur Institutsgeschichte fällt auf, daß es in erster Linie AbsolventInnen und Angehörige des akademischen Mittelbaus waren, die sich mit den politischen Verstrickungen der Wiener Romanistik während der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert auseinandersetzten. Allerdings läßt sich in den letzten Jahrzehnten bei allen Kategorien von Institutsangehörigen  eine stärkere Sensibilisierung für gesellschaftspolitische Themen und damit auch für Fragen, die den Totalitarismus betreffen, erkennen. Das Interesse für Themenkreise wie Faschismus in Italien, Rumänien oder Lateinamerika, Literaturgeschichte im Lichte soziokultureller Dominanzrelationen, Kulturkontakte und Kulturkonflikte im Lichte der kolonialen Vergangenheit Europas, Sprachminderheiten, usw. beschränkt sich längst nicht mehr auf einzelne Pioniere, sondern bezieht sich auf Schwerpunkte in Forschung und Lehre, die das Profil des Gesamtinstituts prägen.

                                                                                                          Fritz Peter Kirsch


[1]   Maria Aldouri-Lauber, Die Fachbibliothek für Romanistik. Retro-Perspektive einer wissenschaftlichen Institution, Universität Wien, Institut für Romanistik, 1988.

[2]     Vgl. Fritz Peter Kirsch, „100 Jahre Romanistik in Wien“, Deutscher Romanistenverband Mitteilungen 1 1992, 36 - 44.

[3]     Vgl. Frank-Rutger Hausmann, „‘Vom Strudel der Ereignisse verschlungen‘. Deutsche Romanistik im ‚3. Reich‘“, Analecta Romanica 61 2000.

[4]    „Die Pflege freier deutscher Wissenschaft bot für das Judentum eine günstige Gelegenheit, den in der deutschen Studentenschaft verlorenen Boden wieder zu gewinnen und mit dem Deckmantel der „Freiheit der Forschung“ alte konfessionelle Hetze gegen das Christentum mit neuem Erfolg fortzusetzen. Ein jüdischer Professor um den anderen taucht plötzlich in den Tagen der wissenschaftlichen Ferialkurse auf, und als man sich schließlich den Schaden besah, war Professor Dr. Meyer-Lübke, ein Jude, Obmann eines Vereines, der in seinem Programm vom „deutschen Wesen“, „Geistesfreiheit“ und den „heiligen Pflichten“ des deutschen Jünglings sprach“ (zit. in: Dieter Messner, „Wilhelm Meyer-Lübke in Salzburg“, Scripta romanica natalica. Zwanzig Jahre Romanistik in Salzburg, hg. v. D. M., Salzburg 1984, 35 f.).

[5]    Bemerkenswert erscheint der Fall von Walter Küchler, der den Wiener Lehrstuhl für romanische Literaturwissenschaft 1922 bis 1927 innehatte und danach nach Hamburg ging wo er wegen seiner pazifistischen und frankreichfreundlichen Gesinnung mit nationalsozialistisch orientierten Studierenden in Konflikt geriet. 1933 hat Küchler vergeblich versucht, sich in der Zeitschrift Die neueren Sprachen unter Berufung auf eine Reichstagsrede Hitlers für Völkerverständigung einzusetzen. Er verlor seinen Lehrstuhl, seine Position als Dekan und wurde im selben Jahr zwangspensioniert.

[6] Vgl. Friederike Hassauer, „Romanistik unterm Hakenkreuz“, Der Standard, 13. Dezember 2000; Id., „Die Konjunkturritter der Romanistik“, Die Zeit 25 2001 („Ein Kulturpropagist (sic!) wie Georg Rabuse macht anstandslos Karriere vom Nazi-Paris in die Donaumetropole, wo er als langjähriger Lehrkanzlist und Institutsführer unangefochten bis 1972 amtiert“)

[7]   „Ferner gestaltete Georg Rabuse die Seite „Connaître l’Europe“ in der Wochenzeitschrift Comoedia, einer, allerdings gemäßigten, kollaborationistischen Kulturzeitschrift, die bereits vor dem Krieg erschienen war. Dort ließ er, dies sei zu seiner Ehre gesagt, auch die Bücher verbotener Autoren wie Jean Paulhan und Jean Giraudoux besprechen.“ (Frank-Rutger Hausmann, ‚Vom Strudel der Ereignisse verschlungen‘).

[8]    Dieses Buch enthält ein Kapitel über das Schicksal von Elise Richter.