Abstract
Kasusmarkierung und Argumentstruktur im Berber
Axel Fleisch
(Universität Leipzig)
In einer Reihe von Berbersprachen werden zwei
morphologische Kasus unterschieden. Das Kasussystem ist als marked
nominative-System beschrieben worden (König 2006). Solche Systeme sind dadurch
gekennzeichnet, dass das direkte Objekt im unmarkierten Fall steht (Absolutiv).
Daneben besteht ein besonderer Subjektkasus – eben ein markierter Nominativ. In
denjenigen Berbersprachen, die ein solches System aufweisen, erfüllt dieser
Kasus allerdings neben der Markierung des Subjekts noch weitere Funktionen. So
stehen z.B. auch Komplemente von Präpositionen und durch Numeralia modifizierte
Substantive im markierten Nominativ. Formal wird der markierte Nominativ durch
Vokalablaut oder –tilgung aus dem Absolutiv abgeleitet.
Mit Blick auf die Entstehung dieses Systems sind zwei unterschiedliche
Gesichtspunkte von großer Bedeutung. Einerseits erinnert die Situation im Berber
klar an das im Afroasiatischen weit verbreitete System der Unterscheidung
zwischen Absolutiv und Subjektkasus (Sasse 1984); es bestehen dabei nicht nur
funktionale, sondern auch konkrete formale Ähnlichkeiten zur Morphologie von
Sprachen außerhalb des Berber. Andererseits wird für viele Sprachen mit
markiertem Nominativ davon ausgegangen, dass sie aus einem ursprünglich
ergativischen System hervorgegangen sind, indem die Ergativmarkierung von A,
also dem (typischerweise Agens-)Subjekt des transitiven Satzes, unter bestimmten
Bedingungen auf S, also das Subjekt des intransitiven Satzes, ausgedehnt wird (Dimmendaal,
pers. comm.).
In meinem Beitrag werde ich zunächst die Funktionen der beiden morphologischen
Markierungen im Berber beschreiben. Anschließend werden Hinweise auf die
diachrone Entwicklung diskutiert, die zur Entstehung dieses Systems und seiner
Morphologie im Berber geführt hat. Neben den genannten Gesichtspunkten spielen
hier der Vorschlag, es handele sich um ein split ergative bzw. ein split active
System (Aikhenvald 1995), und die Frage nach der Argumentstruktur bei
unterschiedlichen Verbtypen (z.B. Unergativität und Unakkusativität) eine Rolle.
Auf dieser Grundlage wird deutlich, dass eine Position, die davon ausgeht, dass
das markierte Nominativsystem im Berber in recht geradliniger Weise aus dem
Afroasiatischen ererbt wurde, zu kurz greift. Dies bedeutet auch, dass
Berbersprachen, die heute keine morphologische Kasusunterscheidung vornehmen,
nicht zwangsläufig das Endstadium einer Entwicklung sein müssen, wie sie die
kasusunterscheidenden Sprachen (z.B. Taqbaylit, Tuareg, Tachelhit) durchlaufen
(vgl. König 2006; Gensler, pers. comm.).
Literatur:
Aikhenvald, Aleksandra Yu 1995. 'Split Ergativity in Berber Languages'. St.
Petersburg Journal of African Studies (Sankt Peterburgskii Zhurnal Afrikanskikh
Issledovanii) 4: 39-68.
Dimmendaal, Gerrit 2007. Vortrag zu Kasussystemen in afrikanischen Sprachen,
Universität Leipzig (Internationale Konferenz „Grammar and Processing of Verbal
Arguments“; DFG-Forschergruppe 742. 20./21. April 2007).
König, Christa 2006. 'Marked nominative in Africa'. Studies in Language 30:
655-732.
Sasse, Hans-Jürgen 1984. 'Case in Cushitic, Semitic and Berber'. In: Bynon,
James (ed.). Current Progress in Afro-Asiatic Linguistics: Papers of the Third
International Hamito-Semitic Congress, pp.111-126. Amsterdam, Philadelphia:
Benjamins