Abstract

Die Expansion Aksums über das Mittlere Niltal

Michael H. Zach
(Institut für Afrikawissenschaften, Universität Wien)

In der Wertung des Ablaufs der aksumitischen Expansion in das Mittlere Niltal und deren Beitrag zum Ende Meroes wurden in der Vergangenheit drei divergente und in geringfügigen Details voneinander abweichende Modelle präsentiert:

1. Ein Feldzug des Ezana (um 350 n. Chr.)
1.a. Eroberung und Zerstörung Meroes
1.b. Eroberung Meroes und Umwandlung in einen tributpflichtigen Vasallenstaat
2. Zwei Feldzüge durch Ezana und einen seiner Vorgänger
2.a. Zerstörung Meroes und Ende der Dynastie vor dem Feldzug des Ezana
2.b. Unterwerfung Meroes durch einen Vorgänger Ezanas und Weiterbestehen als aksumitischer Vasallenstaat bis zum Feldzug des Ezana
3. Ein Feldzug eines Vorgängers des Ezana
3.a. Ezanas Feldzug war nicht gegen das Mittlere Niltal gerichtet, sondern betraf ausschließlich aksumitisches Gebiet

Anhand der verfügbaren schriftlichen, archäologischen und numismatischen Quellen sowie einer Neuinterpretation bislang unberücksichtigt gebliebener Objekte kann der Beginn der aksumitischen Expansion in das Mittlere Niltal in die Herrschaft des Aphilas (um 300 n. Chr.) datiert werden. Meroe wurde in einen tributpflichtigen Vasallenstaat umgewandelt und erlebte als Folge von Aufständen gegen die Fremdherrschaft zwei weitere Strafexpeditionen durch Ousanas I. (um 320 n. Chr.), bevor der Feldzug des Ezana (um 350 n. Chr.) zum Untergang des Reiches führte. Somit steht dieser am Ende einer Abfolge von Invasionen, durch die das Mittlere Niltal sukzessive unterworfen wurde. Meroitische Strukturen blieben jedoch auch nach dem Untergang der Dynastie in einer sich sich ethnisch verändernden Umwelt weiterhin bestehen, womit die Könige Aksums gezwungen waren, zur Demonstration ihrer Herrschaft die meroitischen Insignien in ihre Ikonographie aufzunehmen. Bis Wazebas (um 540) erhoben sie einen legalen Anspruch auf die Oberherrschaft über das Mittlere Niltal, der offensichtlich erst mit der Christianisierung des nubischen Königreiches Alwa als Nachfolgestaat des meroitischen Reiches (um 580) und dessen Einbindung in die christliche koiné aufgegeben wurde.