Universität WienGeschichte der Universität Wien im Überblick

 
Archiv der Universität Wien

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FRAUENSTUDIUM AN DER UNIVERSITÄT WIEN

Jahrhundertelang blieb das Universitätsstudium Männern vorbehalten. Zwar war Frauen das Studium nirgends ausdrücklich verboten worden, aber die zählebige, traditionelle Zuweisung der Geschlechterrollen und die männerbündischen Strukturen der Universität waren ausreichend, um schon den Gedanken an ein formales Studium von Frauen mit abschließender Promotion unmöglich erscheinen zu lassen. Dies änderte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts. Während der achtzehnhundertsechziger Jahre wurde das "Frauenstudium" zu einem Schlagwort in ganz Europa. Ab 1863 durften Frauen an der Universität Zürich inskribieren; zwischen 1870 und 1894 gewährte man fast überall in Europa Frauen den Zugang zum Hochschulstudium. Ausnahmen blieben Preußen und Österreich. Hier bot die Universitäts- und Mittelschulreform von 1849/50 den Gegnern des Frauenstudiums eine unbeabsichtigte, aber willkommene Handhabe: ohne Matura war ein Studium nicht möglich. Erst 1896 wurde die gesetzliche Voraussetzung für die Ablegung der Matura durch Frauen geschaffen. Der stetige Druck von Frauenvereinen und gesellschaftliche Notwendigkeiten führten letztlich dazu, daß 1897 Frauen zum Studium an der Philosophischen Fakultät zugelassen wurden. Im Jahr 1900 wurde ihnen auch der Zugang zum medizinischen Studium eröffnet. Weiter ging die Öffnung der österreichischen Universitäten zur Zeit der Monarchie jedoch nicht; erst 1919 konnten Frauen an der Juridischen Fakultät als ordentliche Hörerinnen inskribieren, 1928 an der Evangelisch-theologischen und ab 1945 an der Katholisch-theologischen Fakultät.

Während der Anteil von Frauen unter den Studierenden vor dem Ersten Weltkrieg noch gering blieb, stieg er im Laufe der folgenden Jahrzehnte deutlich an, wenn auch nicht immer kontinuierlich. Seit den achtziger Jahren liegt er über fünfzig Prozent; im Wintersemester 1996/97 waren ca. 58% der Studierenden an der Universität Wien Frauen. Weniger günstig ist die Lage für Frauen, die eine Karriere im wissenschaftlich-akademischen Bereich anstreben. Obwohl bereits 1907 Elise Richter als erste Frau die Habilitation an der Philosophischen Fakultät erreichen konnte und 1921, ebenfalls als erste Frau, zur außerordentlichen Professorin ernannt wurde, betrug der Frauenanteil in der Professorenschaft der Wiener Universität 1997 nur ca. sieben Prozent.

Lit.: Waltraud Heindl und Marina Tichy, "Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück ..." Frauen an der Universität Wien (ab 1897) (= Schriftenreihe des Universitätsarchivs, Universität Wien, Bd. 5, Wien 1990).

 

Promotion der Gabriele Possanner von Ehrenthal, 2. April 1897

Gabriele Possanner von Ehrenthal (1860-1940) war die erste an der Universität Wien promovierte Frau. Am 2. April 1897 wurde ihr das Doktorat der Medizin vom Rektor Prof. Leo Reinisch, einem Befürworter des Frauenstudiums, verliehen. Für Possanner war es bereits ihre zweite Promotion. Sie hatte an der Universität Zürich Medizin studiert und dort 1894 das Doktorat erworben. Um in Österreich als Ärztin praktizieren zu können, hatte sie zunächst erhebliche Widerstände zu überwinden, ehe sie nochmals zu den Rigorosen - diesmal vor Wiener Prüfern - antreten mußte. (Orig.: Illustriertes Extrablatt, 7. April 1897)

 

Elise Richter (1865-1943)

Als erste Frau Österreichs wurde die Gelehrte im Jahre 1905 an der Philosophischen Fakultät habilitiert. Sie erhielt zwei Jahre später die Venia legendi der Romanistik und wurde zur Dozentin ernannt. 1921 konnte sie auch den "Titel eines außerordentlichen Professors" erwerben. In den Jahren 1922-30 fungierte sie als Vorsitzende des von ihr begründeten "Verbandes der akademischen Frauen Österreichs". Obwohl ihr umfangreiches sprachwissenschaftliches Werk international große Beachtung fand, wurde ihr die ordentliche Professur versagt. Als Jüdin 1938 von der Universität entlassen, wurde sie 1942 gemeinsam mit ihrer Schwester, der Anglistin und Theaterwissenschaftlerin Helene Richter, in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort verlieren sich ihre Spuren. (Foto: Bildarchiv der ÖNB)