Universität WienGeschichte der Universität Wien im Überblick

 
Archiv der Universität Wien
 

 Inhaltsverzeichnis 

REPRÄSENTANTEN DER WIENER WISSENSCHAFT

Die Universitätsreformen der Jahre 1849/50 und 1873 machten Wissenschaft und Forschung neben der Lehre zu einer zentralen Aufgabe der Universität. In nahezu allen Fachgebieten begann eine Entwicklung des wissenschaftlichen Aufschwungs, der erst mit den nationalsozialistischen "Säuberungsmaßnahmen" ein gewaltsames Ende gesetzt wurde. Betrachtet man den wissenschaftlichen Beitrag zur europäischen Moderne im "Wien um 1900", so wird man die Universität nicht außer acht lassen können, wenn auch manche der "großen" Namen innerhalb der universitären Hierarchie nur Randpositionen erlangen konnten. Die im Folgenden vorgestellte Auswahl an Wissenschaftlern will nicht beanspruchen, für alle Fachgebiete repräsentativ zu sein.

Christian Doppler, Physiker und Mathematiker (1803-1853).
Nach seinen Studien am Wiener Polytechnikum wirkte der gebürtige Salzburger ab 1835 in Prag, 1847 an der Berg- und Forstakademie in Schemnitz und ab 1848 am Polytechnischen Institut in Wien. An der Universität begründete er das Institut für Physik. Als Entdecker des nach ihm benannten "Dopplerschen Prinzips" erlangte er Weltruf. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Johann Josef Loschmidt, Physiker (1821-1895).
In Putschirn/Pocerny bei Karlsbad in ärmlichen Verhältnissen geboren, studierte er in Prag und Wien Mathematik, Chemie und Physik. Er gründete in Wien eine Salpeterfabrik, war Leiter einer Papierfabrik in Peggau (Steiermark), in Brünn richtete er eine Salpeter- und Blutlaugensalzfabrik ein. Seit 1850 lebte er in Wien als Lehrer und begann 1866 seine Universitätslaufbahn als Privatdozent, ab 1868 als Professor der Physikalischen Chemie. Besonders seine Abhandlung "Zur Größe der Luftmoluküle" sowie die nach ihm benannte "Loschmidt'sche Zahl" verschafften ihm große Anerkennung. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Ludwig Boltzmann, Physiker (1844-1906).
Der Wiener Beamtensohn studierte in Wien, Heidelberg und Berlin und begann seine Universitätslaufbahn 1867 als Privatdozent in Wien. Er bekleidete Ordinariate der Mathematischen Physik in Graz (1869), der Mathematik in Wien (1873), der Experimentalphysik in Graz (1878) und schließlich der Theoretischen Physik in München (1889), in Wien (1894), in Leipzig (1900) und wieder in Wien (1902). Boltzmann gilt als Vorkämpfer der Faraday-Maxwell'schen elektromagnetischen Lichttheorie, begründete das von Josef Stefan gefundene Strahlungsgesetz und befaßte sich besonders mit der kinetischen Gastheorie. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Ernst Mach, Physiker und Philosoph (1838-1916).
Der Physiker und Philosoph Ernst Mach wurde in Turany (Mähren) geboren. Er studierte in Wien und wurde hier 1864 Professor für Mathematik. Nach Aufenthalten in Graz und Prag kehrte er 1895 als Professor für Philosophie an die Wiener Universität zurück. Die positivistisch-erkenntnis-analytische Methode Machs wurde vom "Wiener Kreis" weiter ausgestaltet. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Rudolf Wegscheider, Chemiker (1859-1935).
Wegscheider studierte an der Universität Wien Chemie und begann hier ab 1886 seine Lehrtätigkeit am I. Chemischen Institut, wo er 1902 zum Ordinarius und Vorstand ernannt wurde. Große Verdienste erwarb er u. a. um den Neubau der chemischen Institute. Er gilt als Begründer der österreichischen chemischen Schule. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Friedrich Hasenöhrl, Physiker (1874-1915).
Studierte in Wien bei Stefan und Boltzmann Physik und Mathematik. Arbeitete 1898/99 am Kältelaboratorium in Leyden, wo er sich unter dem Einfluß von H. A. Lorentz der Theoretischen Physik zuwandte. Ab 1907 wirkte er als Nachfolger von Boltzmann als Vorstand des Instituts für Theoretische Physik. Zu seinen Schülern zählte der Begründer der Wellenmechanik und spätere Nobelpreisträger Erwin Schrödinger. Viele andere seiner Schüler - wie Flamm, Herzfeld, Kottler, Rella, Thirring, Wolf - besetzten nach dem Ersten Weltkrieg Hochschullehrkanzeln im In- und Ausland. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Josef Maximilian Petzval, Mathematiker und Physiker (1807-1891).
Der Lehrersohn aus Bela (Slowakei) lehrte 1835 bis 1837 als Professor der höheren Mathematik in Pest und vertrat danach als Ordinarius das Fach bis 1877 an der Universität Wien. Er erwarb sich große Verdienste um die Weiterentwicklung der photographischen Optik. Später wandte er sich der Akustik zu, wobei er das von ihm gefundende Prinzip der Erhaltung der Schwingungsdauer gegen das "Doppler'sche Prinzip" stellte, was zu einer vielbeachteten wissenschaftlichen Kontroverse führte, die erst sein Schüler Ernst Mach lösen sollte. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Vatroslav Jagic, Slawist (1838-1923).
Der aus Kroatien stammende Sohn eines Schuhmachermeisters studierte in Wien bei Vahlen und Bonitz Klassische Philologie und bei Miklosich Slawistik, später in Leipzig bei Leskien (Doktorat) und Berlin (Sanskrit). Er erhielt 1874 einen Ruf nach Odessa, 1874 nach Berlin auf eine neue Lehrkanzel für Slawistik. Danach ging er 1880 nach St. Petersburg und erlangte schließlich 1886 die Nachfolge seines Lehrers Miklosich in Wien. Er widmete sich unter anderem der Erforschung des Altkirchenslawischen, dessen mazedonisch-bulgarische Herkunft er nachwies. Er gilt als einer der Pioniere der slawischen Philologie. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Karl Czyhlarz, Jurist (1833-1914).
Der gebürtige Wiener studierte in Prag und Berlin und lehrte an der Universität Prag seit 1858 (seit 1869 o. Professor) Römisches Recht. 1892 folgte er dem Ruf nach Wien. Czyhlarz machte sich um die Einführung der quellenkritischen Methode in die Behandlung des Römischen Rechts verdient. Bekannt ist sein in zahlreichen Auflagen und Übersetzungen erschienenes "Lehrbuch der Institutionen des Römischen Rechts". (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Carl Menger, Nationalökonom (1840-1921).
Der aus Galizien stammende Jurist erwarb sein Doktorat nach Studien in Wien und Prag letztlich in Krakau. Sein Werk "Grundsätze der Volkswirtschaftslehre" (1871) wurde zum "Klassiker" der ökonomischen Literatur und zum Ausgangspunkt der Wiener Schule der Nationalökonomie. Menger lehrte seit 1872 an der Universität Wien (seit 1879 o. Professor) "Politische Ökonomie" und wurde auch zum Lehrer des Kronprinzen Rudolf bestellt. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Theodor von Oppolzer, Astronom und Geodät (1841-1886).
Der in Prag geborene Sohn des Internisten Johann von O. erlangte 1865 in Wien den medizinischen Doktorgrad, lehrte dann aber seit 1866 an der Universität Wien Theoretische Astronomie und höhere Geodäsie (1875 o. Professor). Er gilt als hervorragendster theoretischer Astronom Österreichs seit Kepler. Sein zweibändiges "Lehrbuch der Bahnbestimmung der Kometen und Planeten" sowie sein "Canon der Finsternisse" galten lange Zeit als unverzichtbare Standardwerke. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Theodor von Sickel, Historiker (1826-1908).
Der geborene Sachse studierte in Halle und Berlin, Theologie, Philologie und Geschichte und erweiterte seine Ausbildung in Paris an der École des chartes. 1856 wurde er an das neu errichtete Institut für Österreichische Geschichtsforschung in Wien berufen, wo er 1869-91 als Vorstand fungierte. Er bekleidete seit 1867 die erste Lehrkanzel für Historische Hilfswissenschaften im deutschsprachigen Raum und gilt als Begründer einer neuen kritischen Urkundenlehre. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Charlotte Bühler (1893-1974)
Charlotte Bühler gilt als eine der Begründerinnen der Entwicklungspsychologie. Ihre Studien absolvierte sie in Freiburg im Breisgau, Berlin und München. Die Universitätslaufbahn begann sie an der Technischen Hochschule Dresden, wo ihr 1920 die Lehrbefugnis verliehen wurde. Von 1923 an wirkte sie an der Universität Wien, zunächst als Dozentin, ab 1927 als außerordentliche Professorin für Psychologie. Sie befaßte sich mit Kinder- und Jugendpsychologie; ihre dabei mit verschiedenen Mitarbeitern entwickelten Methoden wirkten bahnbrechend für die empirische Forschung. 1938 wurden sie und ihr Ehemann Karl Bühler von den Nationalsozialisten vertrieben. Auf Umwegen gelangten sie in die USA, wo Charlotte Bühler zuletzt als Universitäts-Professorin in Kalifornien tätig war.

 

Karl Bühler (1879-1963)
Karl Bühler erwarb an der Universität Freiburg im Breisgau das medizinische Doktorat und betrieb psychologisch-philosophische Parallelstudien, die er in Straßburg fortsetzte. Er war als Assistent und Dozent an mehreren deutschen Universitäten tätig, bevor er 1923 als ordentlicher Professor für Philosophie (mit besonderer Berücksichtigung der Psychologie) an die Universität Wien berufen wurde. Durch seine Forschungen im Bereich Sprache und Kreativität trug Bühler neben Sigmund Freud entscheidend zur Entwicklung der Psychologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei. 1938 wurden er und seine Ehefrau Charlotte von den Nationalsozialisten vertrieben. Obwohl es Karl Bühler in den USA gelang, als Universitätsprofessor eine Anstellung zu finden, konnte er den Verlust seiner geistigen Heimat nie verkraften. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Sigmund Freud (1856-1939)
Freud studierte Medizin an der Universität Wien und habilitierte sich 1885 für das Fach Neuropathologie. Er wandte sich der Erforschung seelischer Krankheiten zu und gelangte über seine Theorie der Neurosenentwicklung zu grundlegend neuen Ansichten über das Seelenleben. Er entwickelte das psychoanalytische Therapieverfahren (Psychoanalyse), bei dem er zugleich seine Einsichten in die Triebstruktur menschlichen Verhaltens gewann. Seine Lehren bilden das Fundament der modernen Tiefenpsychologie. An der Universität Wien wurde ihm 1909 der Titel eines außerordentlichen, 1919 eines ordentlichen Professors verliehen. Seine Lehrbefugnis erlosch 1934. 1938 wurde er von den Nationalsozialisten zur Emigration gezwungen. (Foto: Archiv der Universität Wien)

 

Guido Holzknecht (1872-1931)
Schon als Student und später als Hilfsarzt an der Klinik von Professor Hermann Nothnagel hatte sich Guido Holzknecht mit der medizinischen Bedeutung der neu entdeckten Röntgenstrahlen befaßt. Nur zwei Jahre nach seiner Promotion veröffentlichte er ein Lehrbuch zur Röntgenologie, mit dem er wissenschaftliches Neuland erschloß. 1904 erlangte er die Lehrbefugnis an der Medizinischen Fakultät; ein Jahr später wurde er Vorstand des neu errichteten Zentral-Röntgeninstituts im Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Unter seiner Leitung entstand hier eine Ausbildungsstätte für Röntgenärzte aus aller Welt. 1914 wurde Holzknecht zum außerordentlichen Professor ernannt. Er starb als Opfer seines Berufes an den Folgen von Strahlenschäden. (Foto: Archiv der Universität Wien)