DIE ORGANISATION DES WIENER STUDIUMS
Die Universität besaß eine teils hierarchische, teils genossenschaftliche Struktur, in welcher der Rektor an der Spitze stand, die Studenten, die kaum Mitsprache besaßen, waren am unteren Ende angesiedelt. Die Magister bzw. Doktoren konstituierten die vier Fakultäten und wählten aus ihren Reihen jedes Semester die akademischen Funktionäre. Die Studenten, aber auch alle anderen Supposita (Universitätsangehörige), waren in vier Akademische Nationen gegliedert, deren gewählten Vorständen – meist selbst Graduierte – das Recht der Rektorswahl zukam. Der Rektor präsidierte dem Konsistorium, bestehend aus den Nationsprokuratoren und den Fakultätsdekanen, sowie der Universitätsversammlung, an der alle Universitätslehrer, jedoch nicht die Studenten teilnehmen durften. Beschwerden oder Einsprüche gegen Fakultätsbeschlüsse mußten die Studenten mittels eines Vertreters (Prokurator oder Magister) vorbringen.
Die Wiener Universitas magistrorum et scholarium, die Gemeinschaft der Lehrer und Studenten, besaß durch landesfürstliche Privilegierung den vollen Kanon der akademischen Freiheiten und Rechte, wie sie zu dieser Zeit einer europäischen Universität zustanden. Die Autonomie der Universität bedeutete in erster Linie die Unabhängigkeit von städtischen oder kirchlichen Instanzen. Die Angehörigen der Universität waren von städtischen Steuern und vom Wehrdienst befreit, sie mußten für die Einfuhr von Lebensmitteln in die Stadt keine Abgaben leisten, und sie besaßen eine eigene Gerichtsbarkeit, die vom Rektor ausgeübt wurde. Die Eintragung in das Matrikelbuch der Universität bewies die Zugehörigkeit zur Respublica litteraria ("Gelehrtenrepublik").
Lit.: Franz Gall, Die Insignien der Universität Wien (= Studien zur Geschichte der Universität Wien im Überblick 4, Graz-Köln 1965); ¾ Paul Uiblein, Mittelalterliches Studium an der Wiener Artistenfakultät. Kommentar zu den Acta Facultatis Artium universitatis Vindobonensis 1385–1416 (=Schriftenreihe des Universitätsarchivs, Universität Wien, Bd. 4, 2. Aufl., Wien 1995).