DIE AKADEMISCHEN NATIONEN
Die Studenten waren nach ihrem Herkunftsort in vier Akademische Nationen gegliedert. Die Österreichische Nation umfaßte die Studenten aus den habsburgischen Ländern, aber auch aus Italien und Churwalchen; die Rheinischen Nation Scholaren aus Bayern, Schwaben, Franken, Hessen, vom Niederrhein und aus dem westeuropäischen Raum; die Ungarische Nation nicht nur Magyaren, sondern auch Studenten aus Böhmen, Mähren, Polen und den übrigen slawischen Ländern; die Sächsischen Nation schließlich Studenten aus Norddeutschland, Skandinavien und von den britischen Inseln. Diese Einteilung wurde 1384 festgelegt und bestand bis 1838. Elf Jahre später wurden die Akademischen Nationen aus dem Universitätsverband entfernt. Sie bildeten im Mittelalter ein Gegengewicht zu den von den Doktoren und Magistern konstituierten Fakultäten. Die freigewählten Nationsprokuratoren – meist selbst schon Graduierte – hatten das Recht der Rektorswahl, das sie in Wien bis zur Universitätsreform vom Jahre 1849 behielten. Im 16. Jahrhundert verringerte sich ihr Einfluß auf die Leitung der Universität, was die von Anfang an geringe Mitsprache der Studenten weiter einschränkte. Neben der Rektorswahl nahmen die Akademischen Nationen soziale Funktionen (z.B. Bestattungen) wahr und gestalteten die Jahrestage der Nationsheiligen festlich. Als Schutzpatron der Österreichischen Nation fungierte der hl. Koloman (13. Oktober), seit dem 16. Jahrhundert der hl. Leopold (15. November), die Rheinische Nation verehrte die hl. Ursula mit den 11.000 Jungfrauen (21. Oktober), die Ungarische den hl. Ladislaus (27. Juni) und die Sächsische den hl. Mauritius (22. September).
Während des Mittelalters konnte die Rheinische Nation in Wien die meisten Studenten verzeichnen; zu Beginn der Neuzeit änderte sich das Verhältnis zugunsten der Österreichischen Nation. Der Einzugsbereich der Wiener Universität hatte sich stark verengt und von West nach Ost verlagert.
Die Studenten lebten großteils in Studentenhäusern – Bursen oder Kodreien genannt –, wo auch Teile des Lehrbetriebes stattfanden. Das Bursenleben war einem strengen Reglement unterworfen, das den Tagesablauf bis ins Detail festlegte. Wie die Akten aber zeigen, wurde die Disziplinarordnung immer wieder mißachtet. Es gab ein breites Spektrum an Ungehorsam, das von oft gewalttätigen Krawallen bis zu regelrechten Aufständen zur Durchsetzung studentischer Anliegen reichte.
Lit.: Pearl Kibre, The nations in the mediaeval universities (Massachusetts 1948); ¾ Astrid Steindl, Der Student in der mittelalterlichen Universitätsverfassung. In: Die Anfänge der Universität Wien (= Uni präsent 1990. Historische Spuren, Wien 1990) 78-86; ¾ Dies., Die Akademischen Nationen an der Universität Wien. In: Aspekte der Bildungs- und Universitätsgeschichte, 16. bis 19. Jahrhundert, hg. v. Kurt Mühlberger und Thomas Maisel (= Schriftenreihe des Universitätsarchivs, Universität Wien, Bd. 7, Wien 1993) 15-39.