Universität WIenGeschichte der Universität Wien im Überblick

 
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WISSENSCHAFT VOM MITTELALTER ZUR NEUZEIT

Wie überall in Europa außerhalb Italiens hielt der Humanismus auch in Österreich mit einiger Verspätung Einzug. Die Universitäten insbesondere verfolgten einen konservativen Trend und wehrten sich gegen Vertreter der "Studia humanitatis". Die vier Fakultäten der mittelalterlichen Universität, die artistische, medizinische, juridische und theologische Fakultät hatten hierarchischen Stellenwert: die Theologie stand an der Spitze, danach erst kamen Jurisprudenz, Medizin und die Grundschule der Artes. Lehrgegenstand an letzterer waren die Septem Artes Liberales (Sieben Freien Künste), die ihrerseits in das Trivium, den "Drei-Wegen" Rhetorik, Grammatik und Dialektik, und in das Quadrivium, den "Vier-Wegen" Arithmetik, Geometrie, Astrologie (Astronomie) und Musik geteilt waren. In der Antike waren die Freien Künste jene geistigen Betätigungen, welche des freien Mannes würdig waren und nicht dem Broterwerb dienten.

Die Humanisten setzten sich zunächst in den artistischen Fakultäten fest. 80 Jahre nach der Wiener Universitätsgründung tritt Enea Silvio Piccolomini, der spätere Humanistenpapst Pius II., in Erscheinung und erteilt den in der scholastischen Tradition stehenden Wiener Universitätslehrern eine Lektion in Sachen Humanismus. Piccolomini scharte am Kaiserhof in Wiener Neustadt einige deutsche Frühhumanisten um sich, die die lateinischen Klassiker pflegten und die Lebensart des urbanen Stils übten. In diesem Kreis befanden sich auch die beiden Koryphäen der Wiener Universität, Georg (Aunpeckh) von Peuerbach und Johannes Regiomontanus. Peuerbachs Briefe und Gedichte galten als Muster vorzüglichen lateinischen Stils. Er war es auch, der in Wien die Astronomie und Mathematik einem Höhepunkt zuführte. Sein Streben galt der Verbindung naturwissenschaftlicher (quadrivialer) Fächer mit den Studia humanitatis.

Auch Peuerbachs Freund und Schüler Regiomontanus begann seine Lehrtätigkeit mit Vergil-Vorlesungen. Beider, Peuerbachs und Regiomontans bleibende Leistungen sind aber in ihren naturwissenschaftlichen Arbeiten zu sehen. Peuerbach gilt als der maßgebliche "Planetentheoretiker" seiner Zeit, Regiomontanus ist wohl der bedeutendste deutsche Astronom und Mathematiker des 15. Jahrhunderts.

Lit.: Helmut Grössing, Humanistische Naturwissenschaft. Zur Geschichte der Wiener mathematischen Schulen des 15. und 16. Jahrhunderts (= Saecula Spiritalia 8, Baden-Baden 1983); ¾ Ders., Die Wiener Univerisät im Zeitalter des Humanismus von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. In: Das Alte Universitätsviertel in Wien, 1385-1985, ed. Günther Hamann, Kurt Mühlberger, Franz Skacel (= Schriftenreihe des Universitätsarchivs, Universität Wien, 2. Band, Wien 1985) 37-45.

Astronom mit Quadrant

Mit dem Quadranten konnten Sternpositionen nach dem Horizontalsystem gemessen werden. Die Darstellung zeigt einen Astronomen bei dieser Tätigkeit. Der Wiener Magister Johannes von Gmunden stellte seine Himmelsbeobachtungen mit dem Quadranten vermutlich auf dem Turm des Collegium ducale an. (Orig.: Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2352, fol. 34r)