RENAISSANCE-HUMANISMUS
Seit dem Auftreten des Enea Silvio Piccolomini, des späteren Humanistenpapstes Pius II. (1458-64), am Hofe Kaiser Friedrichs III. gab es mehrfache Bemühungen zur Einbeziehung der neuen Geistesrichtung an der Universität Wien. Die humanistische Bewegung fand ihren Kristallisationspunkt schließlich im Poetenkolleg ("Collegium poetarum et mathematicorum"), das Kaiser Maximilian I. 1501 begründete und der Universität einverleibte. Es wurden je zwei Lehrkanzeln für Poetik und Rhetorik und für die "mathematischen Disziplinen" (Naturwissenschaften) eingerichtet. Die humanistischen Fächer blieben somit vorerst außerhalb der noch mehr der Scholastik verpflichteten Artistenfakultät, der Vorläuferin der Philosophischen Fakultät. Zum ersten Direktor des Poetenkollegs wurde der im Jahre 1497 nach Wien berufene "Erzpoet" Konrad Celtis (1459-1508) ernannt, der zuletzt in Ingolstadt gelehrt hatte. Ihm wurde vom König zugleich das Recht der Dichterkrönung verliehen, das nach seinem Tode an die Universität überging. Der Vorstand des Kollegs konnte daher die Absolventen zu "poetae laureati", mit dem Lorbeer gekrönten Dichtern, promovieren. Celtis war ein mathematisierender Poet, der durch seinen persönlichen Einsatz einen internationalen Kreis von humanistisch gesinnten Gelehrten bildete, die sich auch in der von ihm begründeten "Sodalitas litteraria Danubiana" zusammenfanden. Der Wiener Humanistenzirkel – zu dem unter anderem die Gelehrten Georg Tannstetter-Collimitius, Johannes Stabius, Thomas Resch, Andreas Stiborius, Stefan Rosinus, Johannes Cuspinianus sowie der Reformator Joachim Vadianus gehörten – stand in enger Beziehung zum Hof Maximilians I.
Im Gefolge der Reformation Martin Luthers kam es ab etwa 1520 europaweit zur stärksten Krise der Universität, welcher der neue österreichische Landesfürst und spätere Kaiser Ferdinand I. (1558-64) mit umfassenden Reformen begegnen wollte. Im Zuge dieser Reformen erneuerte er das Wiener Poetenkolleg und betrieb die Belebung der humanistischen Traditionen und der Dichterkrönungen, die jedoch bald nach seinem Tod wieder in Vergessenheit gerieten. Das neue Bildungsgut wurde jedoch im Lehrplan der Philosophischen Fakultät verankert und fand Eingang in das von den Jesuiten errichtete und später mit der Universität verbundene "humanistische Gymnasium" (Akademisches Gymnasium).
Lit.: Franz Graf-Stuhlhofer, Humanismus zwischen Hof und Universität. Georg Tannstetter (Collimitius) und sein wissenschaftliches Umfeld in Wien des frühen 16. Jahrhunderts (= Schriftenreihe des Universitätsarchivs, Universität Wien, Band 8, Wien 1996); ¾ Kurt Mühlberger, Zwischen Reform und Tradition. Die Universität Wien in der Zeit des Renaissance-Humanismus und der Reformation. In: Mitteilungen der Österreichischen Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte 15 (1995) 13–42.
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Johannes Cuspinianus (Spießhaymer), 1473-1529. Der bekannte Humanist aus Spießheim bei Schweinfurt (Franken) gelangte nach seinen Studien in Leipzig und Würzburg 1492 nach Wien, wo er von Maximilian I. mit dem Dichterlorbeer ausgezeichnet wurde. Er gehörte als Naturwissenschaftler und Historiograph der habsburgischen Dynastie zu den wissenschaftlichen Glanzlichtern Wiens und fungierte auch erfolgreich als kaiserlicher Diplomat. So spielte er eine wichtige Rolle bei der Realisierung der habsburgisch-jagellonischen Heiratspläne am Wiener Fürstenkongress von 1515. Er fungierte 1500 als Rektor der Universität Wien und danach als landesfürstlicher Superintendent bis zu seinem Tod 1529. (Orig. Stich: Archiv der Universität Wien) |