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Bahr und Ernst Lubitsch

Die Lubitsch-Monographie von Herta-Elisabeth Renk (Rowohlt 1992) vertritt die Ansicht, dass Lubitsch die Wiener Gesellschaftskomödie von Schnitzler, Bahr e.a. in Amerika populär gemacht hat. Wenngleich eine solche Theorie kritisch zu hinterfragen wäre und das hier Gebotene nicht genug für einen Aufsatz ist, verdienen trotzdem verschiedene Spuren festgehalten zu werden, die zeigen, in welchem Umfeld europäischer Verbindungslinien Bahr nach Hollywood kam.

Hermann Bahr arbeitete 1906 bis 1908 als Regisseur für Max Reinhart in Berlin. Einige Jahre später beginnt hier Lubitsch in Nebenrollen Bühnenerfahrung zu sammeln. 1910 führt Leo Dietrichstein auf dem Broadway in New York seine Bearbeitung von Bahrs "Konzert" auf. Bei den Proben lernt er (Photoplay Magazine 9 (Dezember 1915) #1, 27-34.) Mary Pickford kennen.

Lubitsch, der die Wiener Gesellschaftskomödie kennt, verehrt Charlie Chaplins "The Woman from Paris" (1919) mit Adolphe Menjou: Der Film soll ihn motiviert haben, als Schauspieler aufzuhören und sich zur Gänze hinter die Kamera zurückzuziehen. Mary Pickford, mittlerweile ein Star, holt Lubitsch 1923 nach Amerika, um mit ihm "Rosita" zu drehen. (Die Zusammenarbeit geht schief.)

Nach drei Jahren bei Warner Brothers wechselt Lubitsch zu Paramount, wo er die Operette "The Student Prince of Heidelberg" verfilmt und das Musical "The Love Parade" aufnimmt und damit einen Boom an europäischen Gesellschaftskomödien in Gang setzt. Deutlicher, wenngleich anachronistisch sind die Verbindungen bei der Verfilmung von Franz Lehars "Die lustige Witwe", die Lubitsch 1934 dreht. Erich von Stroheim hatte bereits 1925 eine Stummfilm-Version des Stoffs gedreht. Die ursprüngliche Stück, "L'attaché d'ambassade" stammt von Henri Meilhac (1861). Bevor es verfilmt werden konnte, wurde es durch die Wiener Kulturmühle der Jahrhundertwende gedreht: Auf dem Wiener Spielplan war es noch Jahre später ein häufig gespieltes Stück. Bahr als Theaterrezensent bespricht es gleich zweimal, einmal 1894, einmal 1900. 1905 wird Lehars Bearbeitung mit Victor Léons Libretto am Theater an der Wien aufgeführt. Bahr kannte Léon gut, hat auch für eines seiner Bücher ("Regie") ein Vorwort geschrieben.

Diese Verbindungen stellen das Umfeld dar, in dem der "Evening Independent" (St. Petersburg, Florida) am 28. Januar 1929 berichtet, dass Ludwig Berger 1929 mit dem Lubitsch-Star Emil Jannings und Florence Vidor "Das Konzert" verfilmen will. Berger hat schon mit Jannings "Sins of the Father" für Paramount aufgenommen. Wieso er den Film nicht drehte, ist unklar. Gewiss ist, dass Jannings sich fürchtete, dem englischen Ton nicht zu genügen und nach Deutschland zurück kehrte. Letztlich produzierte die Firma Paramount, bei der Lubitsch an einflussreicher Stelle saß, dann das Konzert im gleichen Jahr mit Adolphe Menjou in der Hauptrolle als "Fashions of Love".