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Kant für und gegen den Solipsismus

Während Bahr 1904 in Kants "Kritik der reinen Vernunft" noch einen Schlüsseltext für die theoretische Begründung seines jugendlichen Solipsismus erkennt, besinnt er sich 1912 auf eine anderen Lektüre.

Dass Bahr Texte oft mehrmals verwertete, ist bekannt. Meist ersparte er sich eine Überarbeitung bereits publizierter Artikel oder Essays; dem Aufsatz "Das Ich ist unrettbar", der 1904 im "Dialog vom Tragischen" erschienen war, fügte er hingegen für die Version in dem 1912 herausgegebenen Essayband "Inventur" zwar kleine, aber wesentliche Änderungen bei. Die bedeutendste betrifft seine Kant-Lektüre.

1904 blickt Bahr mit Behagen auf seine eigene Jugend und die Erfahrungen mit Kant zurück. Dass die Erscheinung nicht von dem Blick zu lösen ist, den man auf sie wirft, gilt ihm als Quintessenz der "Kritik der reinen Vernunft". Daran anknüpfend meint Bahr:

"Wie ich aber im Denken radikal bin, riß es mich fort, ich machte gleich die ganze Entwicklung bis zum letzten Solipsismus durch, der mir in der Tat auch heute noch, läßt man sich überhaupt mit Kant ein und denkt ihn aus, unvermeidlich scheint, wozu kommt, daß er doch eigentlich nur die wahre Empfindung des Jünglings ausspricht." (Dialog vom Tragischen, 90)

Erst die Schwierigkeit, den "eigenen Körper als meine Vorstellung und mein Geschöpf zu denken" (ebd.) hätte den jugendlichen Bahr etwas abgekühlt.

In dem ansonsten nur - sieht man von dem hier vorangestellten Goethezitat ab - formal leicht korrigierten Text, der acht Jahre später erschien, wird diese Interpretation Kants durch einen Einschub unterlaufen:

[...] bis zum letzten Solipsismus durch, der mir in der Tat auch heute noch, läßt man sich mit Kant ein, ohne die Kraft, ihn auszudenken, bis zur Gleichung von Welt und Ich, unvermeidlich scheint [...] (Inventur, 43)

Diese Neulektüre Kants (Vgl. Inventur 42) wird in dem Essay "Als ob" noch präzisiert. Bahr bringt folgende Zitate aus der Kritik der reinen Vernunft: "Demnach gestehe ich allerdings, daß es außer uns Körper gebe, d. i. Dinge, die, obzwar nach dem, was sie an sich selbst sein mögen, uns gänzlich unbekannt, wir durch die Vorstellungen kennen, welche ihr Einfluß auf unsere Sinnlichkeit uns verschafft, und denen wir die Benennung eines Körpers geben, welches Wort also blos die Erscheinung jenes uns unbekannten, aber nichtsdestoweniger wirklichen Gegenstandes bedeutet." Und noch deutlicher: "Die Existenz der Sachen ... zu bezweifeln, ist mir niemals in den Sinn gekommen". (Inventur, Anm. 1, 51) Wie auch andere Texte der "Inventur" zeigen, ist der Solipsismus für Bahr damit abgetan.