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Bildung (1900)

Einleitung

Wie schon "Kritik der Moderne" (1890) oder "Renaissance" (1897) versammelt auch der Essayband "Bildung" (1900) ausgewählte Zeitungs- und Zeitschriftenartikel Hermann Bahrs. In diesem Fall Texte, die in den Jahren 1899 und 1900 in der "Zeit" und dem "Neuen Wiener Tagblatt" veröffentlicht wurden.
An thematischer Breite übertrifft der Band "Bildung" frühere Essaysammlungen Hermann Bahrs - der um 1900 bereits weitgehend als Kulturjournalist etablierte Bahr wagt sich hier noch weiter über das Feld im engeren Sinn künstlerischer Themen hinaus, ohne darüber aber Fragen der Architektur, bildenden Kunst oder Literatur zu vernachlässigen. Der Titel und das breite Spektrum der Themen sind - auch hinsichtlich folgender Essaysammlungen wie dem „Buch der Jugend“ (1908) oder der „Sendung des Künstlers“ (1923) - programmatisch: die Vielfalt der Texte entspricht hier dem Befund ebenso wie dem Wunsch nach einer inneren Vielfalt des gebildeten Menschen. Dass diese Vielfalt ähnlich wie bei manch anderen „Modernen“ immer wieder auch unter dem Aspekt der Entfremdung wahrgenommen und kritisiert wird, macht die „Bildung“ zu einer kulturgeschichtlich ergiebigen Lektüre.

Bibliografie

Autor: Hermann Bahr
Titel: Bildung
Essays
Ort: Leipzig
Verlag: Schuster & Loeffler
Jahr: 1900
Seiten: XII, 225
Anm.: Titelzeichnung, Initialen, Vignette und Leisten von Heinrich Vogeler.

Kritische Schriften

Band VII

Herausgegeben von Gottfried Schnödl.
ISBN: 3-89739-614-2
VDG Weimar

Erstdrucke


VII-IX Zueignung an seine königliche Hoheit Ernst Ludwig. Was ist Bildung?
3-6 Cultur.
Die Zeit, 8 (1896) #102, 170-171. (12.9.1896)
7-12 Sokrates.
Die Zeit, 19 (1899) #245, 173. (10.6.1899)
13-16 Bei Goethe.
Die Zeit, 10 (1897) #129, 186-187. (20.3.1897)
17-22 Die Kleinen.
Die Zeit, 9 (1896) #112, 127-128. (21.11.1896)
23-28 Platen.
Als "Platens Memoiren" in: Die Zeit, 9 (1896) #117, 208-209. (26.12.1896)
29-36 Volksbildung.
Neues Wiener Tagblatt, 33 (1899) #283, 1-2. (14.10.1899)
37-44 Placate.
Neues Wiener Tagblatt, 34 (1900) #33, 1-3. (4.2.1900)
45-52 Ein Document deutscher Kunst.
Neues Wiener Tagblatt, 34 (1900) #136, 1-3. (19.5.1900)
53-59 Fechten.
Als "Barbasetti" in: Neues Wiener Tagblatt, 34 (1900) #19, 1-2. (21.1.1900)
60-64 "L'écriture artiste". (Zum 9. Bande des "Journal des Goncourts". – Paris, Bibliothèque Charpentier 1896)
Die Zeit, 8 (1896) #94, 45. (18.7.1896)
65-68 Gegen die grosse Stadt.
Die Zeit, 14 (1898) #170, 11-12. (1.1.1898)
69-80 Der Glaube an das Leben.
Neues Wiener Tagblatt, 33 (1899) #289, 1-5. (20.10.1899)
81-91 Die Insel.
Neues Wiener Tagblatt, 34 (1900) #49, 1-4. (20.2.1900)
92-100 Die Plastische Kraft.
Neues Wiener Tagblatt, 34 (1900) #166, 1-3. (19.6.1900)
101-108 Lex Heinze.
Als "Ex lex Heinze" in: Neues Wiener Tagblatt, 34 (1900) #146, 1-3. (29.5.1900)
111-115 Österreichisch.
Die Zeit, 12 (1897) #147, 59-60. (24.7.1897)
116-122 Die Hauptstadt von Europa. Eine Phantasie in Salzburg
Neues Wiener Tagblatt, 34 (1900) #202, 1-3. (25.7.1900)
123-126 Die Kaiserin.
Die Zeit, 16 (1898) #207, 187-188. (17.9.1898)
127-132 Eine Conférence. (Gehalten im Bösendorfersaal)
Die Zeit, 13 (1897) #163, 106-107. (13.11.1897)
133-139 Anzengruber.
Neues Wiener Tagblatt, 33 (1899) #338, 1-2. (8.12.1899)
140-144 Ferdinand von Saar.
Als "Die Pincelliade" in: Die Zeit, 10 (1897) #122, 76-77. (30.1.1897)
145-151 Ludwig Speidel. (Zum siebzigsten Geburtstag) 10. April 1900
Neues Wiener Tagblatt, 34 (1900) #98, 1-3. (10.4.1900)
152-156 Peter Altenberg.
Die Zeit, 11 (1897) #140, 155-56. (5.6.1897)
157-164 Der Tod Georgs.
Neues Wiener Tagblatt, 34 (1900) #81, 1-3. (24.3.1900)
165-170 Die Sokratiker.
Als "Sokrates" in: Die Zeit, 19 (1899) #245, 173. (10.6.1899)
Als "Sokrat" in: Dubrovnik, 8 (1899) #28, 3-4. (9.7.1899)
171-177 Zehn Jahre.
Die Zeit, 20 (1899) #253, 91-92. (5.8.1899)
178-183 Hirtenlieder.
Als "Hirtenlieder" in: Die Zeit, 18 (1899) #223, 11-12. (7.1.1899)
Als "Ein Document" in: Reichspost, 6 (1899) #18, 9-10. (22.1.1899)
184-191 Die Entdeckung der Provinz.
Neues Wiener Tagblatt, 33 (1899) #270, 1-3. (1.10.1899)
195-199 An die Jugend.
Die Zeit, 8 (1896) #100, 140. (29.8.1896)
200-203 Hinter uns.
Die Zeit, 12 (1897) #153, 155-56. (4.9.1897)
204-208 Ein Jüngling.
Die Zeit, 20 (1899) #249, 27. (8.7.1899)
209-213 Von Büchern.
Die Zeit, 12 (1897) #145, 27-28. (10.7.1897)
214-218 Weisse Liebe.
Die Zeit, 7 (1896) #89, 170-71. (13.6.1896)
219-222 Erleben.
Die Zeit, 12 (1897) #146, 43. (17.7.1897)
223-231 Ein Amt der Entdeckung.
Neues Wiener Tagblatt, 34 (1900) #42, 1-3. (13.2.1900)
232-251 Pariser Notizen.
Neues Wiener Tagblatt, 34 (1900) #233, 1-3 und #250, 1-4. (25.8. bzw. 12.9.1900)

Rezensionen

Westermanns Illustrierte Deutsche Monatshefte, 91 (1901), 605 und 92 (1902), 129.

Kommentiertes Inhaltsverzeichnis

ERSTER THEIL

Cultur
Bahr stellt Kultur als ein bestimmtes "Verhältnis [...] zum Ewigen" vor, das "von oben herab geboten" wird.
Sokrates
Eine Rezension des Buches von Richard Kralik - "Sokrates, nach den Ueberlieferungen seiner Schule dargestellt" - wird Bahr zum Anlass, das Problem von Kollektiv (Polis) und Individuum (Sokrates) zu stellen.
Bei Goethe
Bahr argumentiert gegen Franz Servaes, dessen Broschüre - "Goethe am Ausgang des Jahrhunderts" - die Relevanz Goethes zugunsten des Dämonischen (etwa Nietzsches oder Schopenhauers) in Abrede stellt. Anstatt "interessante Phantasten" zu werden, sei es wichtiger, zur "Ordnung" zu kommen.
Die Kleinen
Wie auch in späteren Schriften interessiert Bahr auch hier Goethes Wirkung auf und durch seinen unmittelbaren Umkreis. Für das Projekt, Kultur zu stiften und zu verbreiten, hätten "die Kleinen" um Goethe, etwa Voss und Eckermann, mehr getan als die begabteren aber ungeordneteren Plessing oder Kleist.
Platen
Anhand von Tagebuchtexten Platens versucht Bahr Männerliebe ganz platonisch als Liebe zur Tugend zu zeigen.
Volksbildung
Bahr wendet sich gegen die Meinung, Bildung wäre als die Akkumulation von Wissen zu verstehen, und setzt dieser den allseits gebildeten Menschen gegenüber, den etwa auch Castiglione und Goethe gefordert hätten.
Placate
Insofern Placate um 1900 allerorts für Konsumprodukte werben, stellt sich Bahr (im Anschluß an den französischen Journalisten Paul Adam) die Frage, ob sie sich nicht auch im Sinne der Volksbildung verwenden ließen. Dahinter aber erscheint bald eine grundsätzlichere Frage: "Kann man überhaupt mit Worten decoriren?"
Ein Document deutscher Kunst
Thema ist die Künstlerkolonie, die Josef Olbrich in Darmstadt mitbegründet hat und die dort entwickelten programmatischen Vorstellungen der Außen- und Innenarchitektur, sowie der Bühnendekoration.
Fechten
Insofern Bahrs Bildungsbegriff weit gefasst ist (Vgl. Volksbildung), fällt auch der Sport im Allgemeinen und das Fechten im Besonderen darunter. In der neuen Art Luigi Barbasettis bietet es sogar ein besonders gutes Beispiel für das Ineinandergreifen der verschiedenen Fähigkeiten, die ein "gebildeter Mann" vorweisen muss, ficht doch dieser Meister wie er debattiert, und debattiert er doch - sokratisch, wie Bahr meint - wie er ficht.
"L'écriture artiste"
Bahr versucht das "Geheimnis" der "l'écriture artiste" der Gebrüder Goncourt zu erklären, indem er ihre Fähigkeit betont, Wahrnehmungen mithilfe von Worten nicht nur aufzurufen, sondern zu imitieren.
Gegen die grosse Stadt
Im Anschluss an Maurice Barrès stellt sich auch Bahr gegen die Entfremdung, die das Leben in der "grossen Stadt" erführe, und schlägt den Rückzug in die "Provinz" vor.
Der Glaube an das Leben
Zola hätte sich in seinem Leben und Schreiben immer wieder stark verändert, doch - wie Bahr unter Heranziehung des "Journal" der Brüder Goncourt plausibel zu machen versucht - lässt ein kurzer Aufenthalt in Lourdes in ihm den Moralisten über den Artisten siegen, und wieder zu Plänen zurückfinden, die er bereits als junger Mann gehegt hatte.
Die Insel
Die Insel ist eine neue Zeitschrift Otto Julius Bierbaums, die Bahr lobend bespricht; "Begrenzung, Beruhigung und Bethätigung" würde hier endlich wieder geübt.
Die plastische Kraft
Heinrich Driesmans behauptet ein langsames Verschwinden der "plastischen Kraft", Bahr weist ihm nach, dass er es mit seiner pessimistischen Sicht nicht ganz ernst meinen kann. Auch ein weiteres Buch Driesmans, dass die plastische Kraft sich in verschiedenen Menschen-"Racen" und ihren Mischungen unterschiedlich entwickeln lässt, liest Bahr nicht ohne auf Unstimmigkeiten hinzudeuten.
Lex Heinze
Die Lex Heinze (ein Zensurgesetz, dem auch ein Passus gegen Zuhälterei angehängt ist) wurde in einer nach breiten Protesten entschärfter Version 1900 in Deutschland eingeführt. Bahr sieht nicht nur das Recht, sondern auch die Kraft einer klassenübergreifenden Verbindung auf Seiten der Protestierenden; v. a. das Engagement von Künstlern findet seine Zustimmung.

ZWEITER THEIL

Oesterreichisch
Verhalten lobt Bahr die neue "deutsch-österreichische" Literaturgeschichte Nagls und Zeidlers, und formuliert einige Vorschläge zu einer "österreichischen" Literaturgeschichte, die etwa von Altenberg rückschauend überprüfe, wann "das Österreichische" in der Literatur entstanden sei und wie es sich entwickelt habe.
Die Hauptstadt von Europa
Salzburg zu kaufen und zur Hauptstadt derjenigen zu machen, die ihre Visionen realisieren wollen; das ist die Idee, die "ein Freund" zur Sprache bringt. Das angesprochene Ich steht dem Einfall eher reserviert gegenüber.
Die Kaiserin
Bahr zeichnet die Kaiserin Elisabeth von Österreich als melancholische, schöngeistige Frau, die sich in dem, was Alexander von Warsberg von der Geschichte Griechenlands erzählt, gerne verliert.
Eine Conférence
Bahr erläutert die Probleme, die sich aus dem in Wien zu konstatierenden Ungleichgewicht zwischen der Rezeption dramatischer und erzählerischer bzw. lyrischer Literatur ergeben und schlägt die Bildung eines provisorischen literarischen Salons als Gegengewicht zum Theater vor.
Anzengruber
Anzengruber gilt Bahr als das Beispiel eines Literaten, der Kraft genug besitze, seine "moralische Lehre" in wirksame und künstlerisch wertvolle Texte zu übersetzen.
Ferdinand von Saar
Bahr sieht in Ferdinand von Saar so etwas wie einen väterlichen Freund der Literatur der Wiener Moderne und in seinen Werken (er stellt hier das Gedicht: "Die Pincelliade" vor) einiges, das aufgegriffen zu werden verdiente. Im Gespräch mit Jüngeren hätte Saar häufiger gesagt: „Ich bin halt der Uebergang von den Alten zu euch!“
Ludwig Speidel
Der Journalist Ludwig Speidel gilt Bahr als ein Bewahrer, der den guten Stil früherer Zeiten durch die 1870er gerettet habe, als in jeder Zeitung "schlecht" geschrieben worden wäre.
Peter Altenberg
Die Genauigkeit und der Wert der Texte Altenbergs rühren nach Bahr von dem Interesse an jedem noch so "gewöhnlichen" Menschen, ja von der "Liebe", die sich im Blick auf den Darzustellenden kundtue.
Der Tod Georgs
Der "Tod Georgs" von Richard Beer-Hofmann macht Bahr einige Probleme, da hier die Kategorie der Form, der Stringenz nicht zu greifen scheint. Dennoch zeigt er sich sehr angetan: ein "wunderbares und abscheuliches Buch [...] ein tückisch-schönes Rätsel".
Die Sokratiker
In Wien ist ein Club der Sokratiker entstanden, dessen Mitglieder Ruhe in dem Gedanken finden, dass das Leben ein Spiel sei und man es in ähnlicher Weise wie die Kunst zu betreiben habe.
Zehn Jahre
Bahr blickt zurück auf die Anfänge der Wiener Moderne und ruft in Erinnerung, dass es E. M. Kafka und ihm selbst bei dem Versuch, eine österreichische Literatur zu entwickeln, nicht um irgendein literarisches Programm, sondern um etwas "über den einzelnen Dichtern Schwebendes" gegangen wäre, von dem "der einzelne Dichter nur ein Theil, ein anderer Theil viele ungerühmt sich Mühende und wieder ein anderer Theil die aufnehmenden und geniessenden und durch den Genuss das Kunstwerk erst vollziehenden Menschen im Volke sind".
Hirtenlieder
Aus den von Fannie Gröger gesammelten "Hirten- und Weihnachtslieder aus dem österreichischen Gebirge" hört Bahr ein Heidentum sprechen, dass sich gerade in der misstrauischen Form, in der es sich dem christlichen Glauben nähert, umso deutlicher verrate. An einigen Beispielen sucht er das deutlich zu machen.
Die Entdeckung der Provinz
Unter Bezug auf Rosegger spricht sich Bahr für eine Diversifizierung der österreichischen Moderne aus, die auch die "Stimmen der Provinz" aufnehmen sollte.

DRITTER THEIL

An die Jugend
Bahr vermutet, dass der hohe Sinn, den die Jugend heute von der Kunst habe, sie daran hindern könnte, selbst Kunst zu produzieren. Ohne die "Jungen" nun davon überzeugen zu wollen, meint er doch, sie sollten zumindest ihr näheres Umfeld zu beschreiben versuchen, da auch in solchen Beschreibungen einiger Wert läge.
Hinter uns
Die neue Jugend zeigt sich Bahr hart, ernst, "unjung". Befremdet schlägt er den Generationen vor, sich aus dem Weg zu gehen.
Ein Jüngling
Von einer Jugend, die im Allgemeinen eher "unjung" wäre, abgestoßen, sucht Bahr nach dem Werk eines Jünglings, dem noch die "von Leidenschaft und Begierde schnaubende, unsinnige, masslose Jugend" anzumerken wäre, und findet es in Max Messers "die moderne Seele".
Von Büchern
Bahr beklagt die Masse an Büchern, die nun die Geschäfte füllen und die allgemeine Verbreitung der Kunst, gefällig und formsicher zu schreiben. "Alle Welt kann nämlich jetzt schreiben, sogar die Dilettanten; bis vor zehn Jahren konnten es nicht einmal die Autoren." Insofern sich jedoch das Talent gerade in der Maßlosigkeit und Sprödigkeit zumindest der ersten Texte zeige, die es verfasse, sucht Bahr nach dem "schlechten Buch" und findet es in Anton Lindners „Die Barrisons, ein Kunsttraum“.
Weisse Liebe
Arthur Holitschers "Weisse Liebe" wird Bahr zum Anlass, über die Vorzüge objektiver vor subjektiver "Weltanschauung" und damit auch literarischer Darstellung zu sprechen.
Erleben
Bahr spricht sich gegen die Meinung aus, man müsse erst einmal etwas Spannendes erlebt haben, um einen guten Text produzieren zu können und entwickelt andere Konzepte zum Verhältnis Leben/Kunst.
Ein Amt der Entdeckung
Bahr schlägt vor, ein Amt zu gründen, dass sich der zahlreichen Manuskripte derer evaluierend annehmen könnte, die meinen, sie seien zum Schriftsteller berufen. Er und seine Kollegen nämlich könnten die Flut nicht mehr bewältigen.
Pariser Notizen
Anders als im Falle der Pariser Weltausstellung 1889, die Bahr begeistert aufnahm, betrachtet er die von 1900 mit gemischteren Gefühlen. Überlegungen zur Stellung der französischen Nation in Europa, zur französischen Kunst und zur Bedeutung Rodins knüpfen an.

Digitalisate

Neusatz:
Kritische Schriften in Einzelausgaben

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