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Wien (1907)

Einleitung

Bahrs Versuch einer Herleitung der Wiener Gemütsverfassung geht von den Kelten bis zu den Habsburgern, sie bedient sich bei der Lebensgeschichte Grillparzers und der Sterbegeschichte Beethovens, sie beleuchtet den Einfluss des Barock und den Josephs des Zweiten. Fluchtpunkt des Textes aber bleibt ein in seiner Ambivalenz beinahe klassisches Verhältnis zur Stadt:

In seinem Buch „Wien“ haßt er Wien, wie man eine Speise haßt, die man zu oft genossen, oder eine Frau, die man zu oft geliebt hat.

(Raoul Auernheimer, Neue Freie Presse, 24. 11. 1908)

Bibliografie

Autor: Hermann Bahr
Titel: Wien
Mit acht Vollbildern
Ort: Stuttgart
Verlag: Carl Krabbe
Reihe: Leo Greiner [Hg.]: Städte und Landschaften, 6
Jahr: 1907
Seiten: 136
Übers.: Tschechische Übersetzung mit eigenem Vorwort: Vídeň. S úvodním slovem spisovatelovým a s jeho svolením prěložil O. Klein. Prag: Josef Pelcl 1911
Anm.: Gedruckte Widmung: "Meinem lieben Freunde Professor Doktor Josef Redlich in herzlicher Verehrung. Sanct Veit, im Herbst 1906." Im März, als das Blaubuch Vorabdrucke bringt, wird es für Ostern und fälschlich (?) im Verlag Georg Müller in München angekündigt. Das Buch (und das "Neue Wiener Journal", das daraus Abzüge brachte) wurde im Juni 1907 verboten, das Verbot dann aber aufgehoben. Verboten ab "Er fällt" auf S. 18 bis einschließlich "behandelt worden" auf S. 40. Vgl. Bahrs Leserbrief in der Arbeiter-Zeitung vom 19.5.1907, worin er erklärt, es wäre in Auszügen im Berliner Tageblatt, in der Schaubühne und im Blaubuch abgedruckt worden. Das Buch war im April gedruckt, wurde aber zurückgehalten. Am 25.5.1907 erschien eine Rezension in der "Zeit", am 31.5.1907 beklagt sich das "Wiener Journal", schon die zweite Ausgabe mit Auszügen konfisziert zu wissen. Laut "Der Bund", 16.8.1907, wurde das Buch in Deutschland (Baden) im Juli mit gelbem Bandstreifen verkauft: "In Österreich verboten". Vom Buch blieben vier Stellen verboten: S. 20 "Eigentlich sind" bis "wirklich bleibt", S. 23: "Das Geschlecht hat" bis S. 24 "immer vom wirklichen ab"; S. 26 "Und die Methode bleibt" bis "nach seinem Ebenbild zu formen" sowie S. 28: "Hier steckt ein Geheimnis" bis S. 31: "eine solche Sprache ist immer wieder versucht worden." Der Teil der Auflage, der zensiert war, wurde später durch den Abdruck der Interpellation des Abgeordneten Josef Redlich ergänzt, der darin alle inkriminierten Stellen zitierte (28 S.). In England konnte man ein Zitat im Nachruf auf Lueger (The Times, 11.3.1910, S. 5) lesen.

Kritische Schriften

Band XXII

Herausgegeben von Gottfried Schnödl
2012
ISBN: 9783897397262
VDG Weimar

Rezensionen

Die Zeit, 25.5.1907
Edmund Reimer (S. Edmund Ironside): Grotesken und Wien (Hermann Bahr). In: Das literarische Deutsch-Österreich, 7 (1907) #8, 3-7.
Egon Friedell: Wien. In: Die Schaubühne, 3 (1907) #44, 405-411. (31.10.1907).
Dass., Nachdruck: Das literarische Deutsch-Österreich, 7 (1907) #12, 9-16.
S. [=Wilhelm Schäfer]: Städte und Landschaften. In: Die Rheinlande, 7 (1907) #11, 160.
Westermanns Monatshefte, 104 (1908), 162.

Kommentiertes Inhaltsverzeichnis

1.

Von einem kurzen, volkspsychologischen Abschnitt über den Charakter der im Raum des späteren Wien lebenden Kelten geht Bahr zu einer Beschreibung der Babenberger über: diese seien ein pragmatisches, in Regierungsbelangen sehr geschicktes Volk gewesen.

2.

Bahr handelt von den Habsburgern, und handelt sich mit diesem Abschnitt Probleme mit der österreichischen Zensur ein. Anders als die Babenberger werden die Habsburger als idealistische, weltferne Herrscher dargestellt, denen jedes politische Gefühl abgehe.

3.

Die von den Habsburgern ausgeübte Herrschaft lehrt den Wiener "scheinen", dieser wird zum "Schauspieler".

4.

Bahr schildert den Einfluss des Barock. Calderóns "La vida es sueño" steht hier als gleichsam paradigmatischer Text für des Wieners Lebensgefühl.

5.

Auch den Wiener Liberalismus versteht Bahr nicht als eine reale Entwicklung, sondern als ein Schauspiel, als den Einzug bestimmter Formen. Als sich dann tatsächliche wirtschaftliche Bedürfnisse entwickelt, bestehen diese neben der hohlen Form des Liberalismus: "Es wurde Sitte, die politische Rede von der politischen Tat zu trennen."

6.

Über die Relevanz des Schauspiels, v. a. des Burgtheaters für die gesellschaftlichen Formen: nicht das Theater bildet Leben ab, sondern das gesellschaftliche Leben in Wien orientiert sich an den Formen, die das Theater aufbringt.

7.

Der Tod Beethovens in Wien wird Bahr zum Exempel für den verlogenen Umgang mit dem künstlerischen Genie.

8.

Anstelle Grillparzer als jemanden darzustellen, der an Wien zerbrochen sei, beschreibt ihn Bahr eher als Paradewiener. Gerade als solcher verbaut er sich durch Passivität und Mutlosigkeit alle Möglichkeiten, die ihm eigentlich offen gestanden wären.

9.

Bahr paraphrasiert und zitiert die Kritik, die Kürnberger an Österreich bzw. Wien geäußert hatte. Der zentrale Punkt ist hier völker-, wenn nicht rassenpsychologisch motiviert: Wien sei eben keine deutsche, sondern eher eine asiatische Stadt.

10.

Die Zukunft Wiens könnte, so Bahr, entweder in der Rückbesinnung auf babenbergische Tugenden und damit in der Erneuerung politischer und wirtschaftlicher Bedeutung liegen; oder Wien würde zu einem Museum seiner selbst werden.

Digitalisate

Neusatz:
Kritische Schriften in Einzelausgaben

Faksimile der Erstausgabe:
Archive.org
ÖNB-ANNO