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Einleitung

Martin Anton Müller

Unter Mitarbeit von Hans-Joachim Heerde und Kurt Ifkovits

  1. Bahrs Publikationspraxis
  2. Vorarbeiten
  3. Das Bahr-Archiv
  4. Arbeitsplan und Methode
  5. Editorische Grundlagen

1. Bahrs Publikationspraxis

Hermann Bahrs Präsenz in der Geistesgeschichte um 1900 ist nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ zu fassen. Er publizierte zwischen 1881 und seinem Tod 1934 über 110 Bücher (die Bühnendrucke nicht mitgezählt). 59 Bände sind davon nicht-fiktionalen Themen zuzuordnen, 17 erzählender Prosa und bei 41 handelt es sich um Theaterstücke. Die Auflagenhöhen sind nur in Ausnahmefällen zu eruieren, aber ein Großteil der Werke erschien in mehr als einer Auflage. Übersetzungen existieren heute ins Chinesische, Englische, Französische, Friesische, Hebräische, Italienische, Kroatische, Niederländische, Russische, Spanische, Schwedische und Tschechische. Die Bücher stellen die Verdichtung eines Werks dar, das sich den Zeitgenossen zuerst in weit über 4000 Zeitungstexten eröffnete, die ihren Wirkungskreis zwischen St. Petersburg im Osten, Skandinavien im Norden, England im Westen und – wenngleich die entsprechenden Texte nicht nachweisbar sind – Marokko im Süden zogen. Bahr war, und das zieht sich als Konstante über seine Metamorphosen, schon bald eine populäre Stimme des Feuilletons, auch und gerade wegen den durch die Wandlungen entstehenden Abständen zwischen seiner Meinung und der jeweiligen Blattlinie.

Einen solchen Autor mit einem Textverzeichnis zu „würdigen“, bedarf wenig Rechtfertigung. Zu sehr ist Bahr als Vermittler von Kunst- und Kulturströmungen zum zeitgenössischen Theoretisierer von Tendenzen geworden. Kaum einmal, dass eine Darstellung der österreichischen Literatur und Kunst der vorletzten Jahrhundertwende nicht mit Bahr beginnt, nur wenige allgemeine Darstellungen der deutschsprachigen Literatur der Zeit, die nicht Bahr als Stichwortgeber einbringen. Wenngleich dies den Bedarf nach Nachweis der Erstdrucke der Buchtexte zu rechtfertigen scheint, so muss der Nutzen dieser Handreichung dafür gleich wieder in Abrede gestellt werden. Bahr war, wohl auch eine Vorbedingung einer solchen quantitativen Menge, notorisch unwillig, sich mit seinen alten Texten erneut zu beschäftigen. Deswegen entsprechen die Buchdrucke über weite Strecken den Erstdrucken und weisen nur in Ausnahmefällen eine relevante Textverschiebung auf. Als ungleich bedeutsamer erweist sich der Blick auf das, was Bahr und seine Gehilfen aus unterschiedlichsten Gründen als nicht für eine Buchveröffentlichung geeignet ansahen. Die Gründe dafür konnten vielfältig sein, beispielsweise konnten Drucklegungen verschleppt und Belegtexte verschlampt worden sein, oder eine persönliche ,Wandlung' einen Text obsolet gemacht haben. Gerade die ersten acht Jahre publizistischer Tätigkeit für verschiedene, vor allem deutschnationale und, in geringerem Umfang, sozialistische Blätter, sind verhältnismäßig schlecht dokumentiert. Erst ab dem Zeitpunkt seines Aufenthalts in Paris 1888/89 beginnt er, bereits veröffentlichte Texte gesammelt in Buchform herauszugeben. Einerseits sind das allgemeinere Bände mit kritischen Texten, in denen sich auch Theaterbesprechungen und literarische Texte einbringen lassen, andererseits speziellere Bände wie seine vier Bücher mit Theaterbesprechungen oder die Novellensammlungen. In jedem Fall sind Zweifel angebracht, ob die bei der Auswahl angewandten Qualitätskriterien sich mit jenen decken würden, die wir heute anbrächten.

Interessant ist jedenfalls der umgekehrte Blick: Kritische Buchveröffentlichungen bringen nur in Ausnahmefällen Erstveröffentlichungen. Greift man einen Fall heraus, für den sich bislang kein Erstdruck nachweisen ließ, Zur Kritik der Kritik, der letzte Text in den Studien zur Kritik der Moderne, so findet sich in den Briefen an den Vater in der in Frage kommenden Zeit der Hinweis auf ein ungedrucktes Feuilleton, das bei einer Zeitschrift bislang verschleppt wurde. Nun ist es nicht mit letzter Gewissheit möglich, zu bestimmen, ob damit wirklich dieser Text gemeint ist. Doch die zeitliche Nähe zur Drucklegung des Buches erklärte den fehlenden Erstdruck: Das Erscheinen des Buches hatte den Text ,unverkäuflich' gemacht. Dieses Beispiel bestärkt die Auffassung, dass Bahrs Publikationspraxis an einer chronologischen Abfolge orientiert war: Zuerst steht der Versuch, einen Text in einem Periodikum unterzubringen, dann werden einige für eine Buchausgabe ausgewählt.

Möchte man die Texte Bahrs literarischen Gattungen zuteilen, so erweist sich das grobe Raster, das Kurt Thomasberger 1954 für die Buchausgaben vorgenommen hat, als theoretisch anwendbar: Theaterstücke, Literarische Prosa (Bei Thomasberger: Romane und Novellen), Kritische Schriften (Bei Thomasberger: Schriften in Prosa), Schriften zum Theater und Tagebücher. Ein Blick auf die Texte selbst macht das aber nicht immer akzeptierbar. Innerhalb des kulturkritischen Bereichs gibt es permeable Grenzen, die zuerst in Zeitschriften veröffentlichten Tagebücher bringen ebenso wie die kritischen Schriften Buchbesprechungen. Ein Wechsel ließ sich schnell vollziehen, etwa wenn ein Tagebuch-Eintrag als Buchkritik (ohne Hinweis auf seine ursprüngliche Einordnung als Tagebuch) nachgedruckt wurde. Auch Inhalte werden auseinanderdividiert: Ibsen spielt nicht nur in den Theaterbänden eine Rolle, sondern gleichfalls in den kritischen Schriften. Und wie Feuilletons in den Tagebüchern veröffentlicht werden können, so erscheint auch eine über Strecken literarische Arbeit wie die Hauptstadt von Europa in der Bildung (1900). Die erste Schilderung seiner Mitarbeit an Samuel Fischers {Freie Bühne findet sich nicht in den Kritischen Schriften, sondern in der literarischen Sammlung Caph, worin Bahr sie als Hintergrundfolie für die wohl fiktive Anekdote vom Schönen Mann benützt. /(Bahrs literarische Texte besitzen die Eigenheit, eine autobiografische Entschlüsselung geradezu herauszufordern, weil er historische und biografische Bezüge für Zeitgenossen nachvollziehbar einbaut.) Beschränkt man sich nicht nur auf die Textgattung, sondern öffnet den Blick auf die Aussageabsicht, so wird die Ordnung weiter aufgehoben. Als Beispiel sei die Besprechung von Theodor Herzls' „Das neue Ghetto“ genannt, die eine Stellungnahme Bahrs zu Herzl und dem Zionismus enthält, wohingegen die eigentliche Theaterbesprechung im letzten Absatz nur angerissenen wird. Trotzdem wird sie im Wiener Theater veröffentlicht.

Bemüht man sich nun eine historische Perspektive einzunehmen, die die Buchveröffentlichung als Zusammenstellungen aus ungeordneten Veröffentlichungen begreift und sie als nachträglichen Versuch der Kategorisierung erfasst, so wird deutlich, dass das literarische Feld, das Bahr bearbeitet hat, zu heterogene Textgattungen kennt, um hier für Ordnung zu sorgen. Was etwa von Zeitungen als „Feuilleton“ veröffentlicht wird, kann jenseits eines publikationsimmanenten Ordnungssystems für so verschiedene Dinge wie fiktionale und nicht-fiktionale Textsorten, für Rezensionen und Besprechungen, Nachrufe und Essays, Stimmungsbilder und Aufrufe dienen.

Nicht nur inhaltlich, auch in ihrer Gestalt lassen sich Verläufe in den Textgrenzen ausmachen, so dass Textsorten noch veränderbar sind. Verdeutlichen lässt sich das an den Theaterbänden. Bahr war in den Neunzigerjahren des 19. und in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts Redakteur verschiedener Zeitschriften und Zeitungen und verfasste dabei neben Theaterfeuilletons auch Kurzkritiken und aktuelle Meldungen, die die Feuilletons ergänzten. Beide sind für die Buchausgabe teilweise zwar im Titel adaptiert (so wird aus „Zur gestrigen Aufführung“ ein „Zur Aufführung am …“), sonst aber zumeist ohne korrigierende Eingriffe in direkter Folge abgedruckt, so dass aus ursprünglich zwei Texten nunmehr einer wird.

Die Verbreitung seiner Texte spielte für Bahr eine große Rolle, der er viel Augenmerk schenkte. Dem lagen nicht nur finanzielle Überlegungen zu Grunde, sondern auch sein Interesse, an internationalen Auseinandersetzungen teilzunehmen. Oft erscheinen deswegen von ihm Texte nahezu gleichzeitig in österreichischen und deutschen Zeitungen, etwa der Neuen Freien Presse und dem Berliner Börsen-Courier. Die sich durch die unterschiedlichen Programmatiken der Redaktion und des wechselnden Publikums ergebenden Änderungen wären genauer zu untersuchen. Dabei wird es sich nur in Ausnahmen bestimmen lassen, ob es sich um zwei separate Abdrucke handelt, die auf einen gemeinsamen Urtext verweisen, ob Bahr schon zwei unterschiedliche Fassungen an die jeweilige Redaktion schickte oder ob Eingriffe in den Text, besonders Auslassungen und Kürzungen erst beim Setzen vorgenommen wurden und mit dem Autor abgesprochen waren.

Bahr schrieb und diktierte seine Texte schnell. Überarbeitungen gibt es nur in geringem Ausmaß, zweite Fassungen von Texten so gut wie gar nicht. Das macht aber die schon skizzierten Fragen der editorischen Verwandtschaft zwischen Texten schwierig und oft höchstens in Detailuntersuchungen klärbar. Vorabdrucke von Büchern und Wiederabdrucke in Büchern sind dabei, mit Einschränkungen, zwei Seiten einer Medaille.

Manche Druckfehler in Büchern, die von den Vorlagen übernommen wurden, ebenso wie das Fehlen gerade jener Theaterbesprechungen im Nachlass, die in Buchform erschienen sind, legen nahe, dass Bahr seine Buchsammlungen durch eine Zusammenstellung der von ihm selbst aufbewahrten Belegexemplare herstellte. Ein Beispiel lässt sich durch eine Auseinandersetzung mit Wilhelm Bölsche rekonstruieren. In seinem Manuskript zu Satanismus hatte Bahr geschrieben: „es wird von schwarzen Messen gemeldet, welche kirchenschänderische Mönche auf nackten Dirnen lesen.“ Der Setzer machte aus dem Satzende: „bei nackten Dirnen“. Worauf sich Bahr beim Redakteur Bölsche beschwerte (Wilhelm Bölsche: Briefwechsel mit den Autoren der Freien Bühne. Hg. Gerd-Hermann Susen. Berlin 2010, S. 713 (6.2.1892, #313)) und ihm anbot, im Falle von Zensurbedenken den Satz doch als „mit nackten Dirnen“ auslaufen zu lassen. In der Freien Bühne erschien dann der Text in einer vierten Variante, diesmal lesen die kirchenschänderischen Mönche ihre Texte „vor“ den Prostituierten. Bedenkt man den Aufwand, den Bahr betrieb, die richtige Präposition unterzubringen, mag es zuerst verwundern, dass in der Buchfassung ebenfalls „vor“ ihnen gelesen wird. Es fügt sich aber zu dem bereits angedeuteten Ablauf zusammen, dass bei den kritischen Schriften nicht die Manuskripte, sondern die Zeitschriften- und Zeitungsdrucke als Vorlagen dienten, und Bahr sich, von minimalen Eingriffen in den Druckfahnen abgesehen, nicht mehr um seine Buchausgaben kümmerte. Das relativiert einen zentralen Mythos, mit dem sich Bahr selbst versah: Entgegen dem häufig herausgestrichenen Stolz, eher die Zusammenarbeit mit einer Zeitschrift zu kündigen, als Striche in seinen Texten zu akzeptieren, dürfte er sich in Wirklichkeit meistens damit abgefunden haben, solange nicht inhaltlich-zensierend eingegriffen wurde. Nicht zuletzt war der Platz, den Zeitschriften zur Verfügung hatten, nicht konstant und erforderte Kürzungen, ohne dass stets von Rücksprache auszugehen ist.

Diese Ordnung der Drucklegung klärt einerseits eine wichtige Textfrage, nämlich ob Erstdruck oder Buchausgabe dem Manuskript näher stehen, zugunsten der Periodika. Sie gibt aber auch Aufschluss über Bahrs Beruf, insofern ihm der Journalist näher als der Buchautor stand. Eine Durchschau der (vollständigen) Briefe an den Vater zeigt sehr deutlich, wie Bahr die publizistische Arbeit am Beginn der Karriere für zweierlei benötigte: Einerseits, um dem ihn finanzierenden Vater den Einsatz zu demonstrieren, seinen Unterhalt mitzubestreiten, andererseits sah er sie als Übergang zu einer ,nachhaltigen' Tätigkeit als freischaffender Schriftsteller. Es wäre unnötig psychologisierend, den Verwandlungskünstler mit der fehlenden Ernsthaftigkeit in Verbindung zu setzen, wenngleich es einen durchaus reizvollen Blick auf die ,statischen' letzten Jahre als katholischer Essayist würfe. Etwas konstruiert wäre es auch, bei ihm einen beruflichen Bruch nach dem Ableben des Vaters (1898) – ähnlich wie bei Arthur Schnitzler – zu diagnostizieren. Es ist aber festzustellen, dass in etwa zu dieser Zeit die noch zu Beginn seiner Laufbahn geradezu inflationär verwendeten Pseudonyme aufhören und zugleich sein Interesse an der Herausgabe der Wochenschrift Die Zeit – seiner eigenen Zeitschrift! – schwand, so dass er ab 1900 ausschließlich unter seinem Namen publizierte. Es benötigte aber einer ernsten Krise, wie sie die beiden lebensbedrohlichen Erkrankungen in den Wintern 1902/03 und 1903/04 darstellen, bis er sich nach über einem Jahrzehnt im Dienst der {Deutschen Zeitung, der {Zeit und den beiden Blättern des Steyrermühl-Konzerns (Neues Wiener Tagblatt, Österreichische Volks-Zeitung) durchringen konnte, die Sicherheit der Fixanstellung und den Pensionsanspruch zugunsten einer ,freiberuflichen' Karriere aufzugeben. Durchaus mit Erfolg, wenn man seinen fünfzigsten Geburtstag für eine Zwischenbilanz heranzieht. Seine dramatische Tätigkeit, vorwiegend das Verfassen von Lustspielen, betrieb er für gewöhnlich durch eine jährliche, zweiwöchige Klausur im Frühjahr. Der bahnbrechende Erfolg seines Konzerts (1909) hatte ihn zu einem der meistgespielten lebenden Autoren gemacht, von der Zahl der Aufführungen auf Augenhöhe mit Schnitzler und Hauptmann. Im Privatleben fand er sich seit 1909 in zweiter Ehe mit der gut verdienenden Opernsängerin Anna von Mildenburg liiert. Gemeinsam mieteten sie seit 1912/13 den ersten Stock der Arenberg-Schlösschens in Salzburg. Die Zinseinkünfte aus dem väterlichen Erbe ermöglichten die Begleichung der Grundkosten. Und er war mehreren Zeitschriften und Zeitungen durch regelmäßige Mitarbeit verpflichtet, die {Freie Bühne / Neue Deutsche Rundschau, das {Neue Wiener Journal, die {Neue Freie Presse und das {Berliner Tageblatt. Der 1. Weltkrieg läutete das unrühmliche Kapitel Bahrs als Kriegspropagandist ein, ebenso wie sein Wechsel zur katholischen Publizistik ihm eine neue Leserschaft zuführte, während zugleich bürgerliche und avantgardistische Schichten schwanden. Finanziell musste Bahr, vermutlich durch gezeichnete Kriegsanleihen, aber auch durch die Inflation, nach dem Kriegsende wieder zum Brotberuf des Journalisten zurückkehren. Der Verkauf der Filmrechte am Konzert konnte sich da für kurze Zeit positiv auswirken, aber generell lassen sich an der stark schwankenden Anzahl der Texte, die er jedes Jahr in Periodika unterbrachte, Rückschlüsse über seine finanzielle Situation ziehen, so dass er gerade in den letzten Jahren seines Schaffens wieder verstärkt als Kulturjournalist bezeichnet werden muss. Zugleich nahm sein Pensum kontinuierlich ab, verschiedene Krankheiten und die einsetzende Demenz führten dazu, dass Bahr bereits zu seinem 70. Geburtstag publizistisch nahezu verstummt war und das Ehepaar vom Einkommen Anna Bahr-Mildenburgs als Gesangsprofessorin in München leben musste.

Den Fokus von Bahrs Leben in seiner journalistischen Tätigkeit zu sehen, ist hilfreich, kann aber nicht verbergen, dass das Gegenteil auch Gültigkeit behaupten kann. Beispielsweise sind die Reisebilder, die Bahr über seine Südfrankreich- und Spanienreise am Ende der Überwindung abdruckt, erst in der Buchform geschlossen, während sie zuvor in wechselnden Organen erschienen. Hier gibt die Buchausgabe erst Gestalt und Zusammenhang. Auch bei unter Pseudonym publizierten Texten ist es oft erst die Aufnahme in Bücher, die Bahr als Autor kenntlich werden lassen.

Wären die skizzierten Wandlungen der Texte Hermann Bahrs nicht genug, ließ sie sich noch eine Windung weiterdrehen, hin zur Über-Windung Hermann Bahrs. Der zu Lebzeiten am häufigsten gedruckte Text Bahrs ist nicht in dieser Form intendiert gewesen. Er heißt Die Steuern und die Bürger (weiterer Titel: Ich soll Steuern zahlen) und ist eine Glosse, der zu Folge es in einer Demokratie einem normal gescheiten Kopf möglich sein sollte, die Steuerformulare zu begreifen. Drucke erschienen zwischen März und April 1921 in folgenden Zeitschriften: Das kleine Journal, Rostocker Zeitung, Nürnberger Zeitung, Leipziger Tageblatt, Neue Badische Landeszeitung, Dresdner Nachrichten, Hamburger Nachrichten, nicht nachgewiesene Drucke in Dresden und Bonn. Bei dem Text handelte es sich um einen für den deutschen Markt mit geringfügigen Änderungen aufbereiteten Auszug aus seiner Kolumne Tagebuch, der über eine Feuilletonkorrespondenz – Vorläufer der heutigen Presseagenturen, die Zeitungen Artikel zur Verfügung stellten – lief. Durch deren Mittlerfunktion besaß Bahr gar kein Wissen mehr, wer ihn druckte. Mit der Änderung der Textsorte endete damit die direkte Verbindung des Autors zum Druckort. Ein ähnlich kurzer Text, sein Aufruf zur Verschwendung, mit dem er 1915 die Bevölkerung zu Ausgaben motivieren wollte, landete ebenfalls in der Verwertungsmaschine der Feuilletonkorrespondenz. In einer Dissertation aus dem Jahr 1922 heißt es: „Da die Presse sich nicht dazu bequemte, ihr Korrespondenz-Material nach außen hin auf dem vorgeschlagenen Wege zu kennzeichnen, hat sich die Rechtsunsicherheit auf dem Gebiete bis heute erhalten. Es gibt eine Anzahl von Feuilleton-Korrespondenzen, die in ihrem Vorteil suchen, ja, selbst ihre Existenz darauf gründen. Beispielsweise verbreitete die Feuilleton-Korrespondenz ,Berliner Redaktion' (Berlin […] Bernburgerstr.) im Jahre 1915 einen Aufruf von Hermann Bahr ,Zur Verschwendung', der von der Rhein-Ruhr-Zeitung nachgedruckt wurde. Die Korrespondenz erhob deshalb ihre Honorarforderung.“ (Johannes Bergmann: Die Feuilleton-Korrespondenzen, Diss. Leipzig 1922, S. 142.) Die Rhein-Ruhr-Zeitung, die auch sonst ohne Quelle abgedruckt hatte („weil es sich um reine Tatsachenberichte [handelte], die eine eigene Ausarbeitung nicht erkennen ließen“), nahm deswegen Kontakt mit Bahr auf. Seine Antwort ist im Zuge eines Berichts abgedruckt: „Besten Dank für Ihre Zeilen, ich freue mich sehr, daß Sie meinen Aufruf ,Zur Verschwendung' nachgedruckt haben, nur es fällt mir nicht im Schlafe ein, dafür ein Honorar zu verlangen. Ich habe die ,Berliner Redaktion' nicht ermächtigt dazu, schon deswegen nicht, weil ich von ihrer Existenz keine Ahnung habe. Mit vorzüglicher Hochachtung Hermann Bahr.“ (Zeitungs-Verlag, 15 (1915) 20, Sp. 428–429, hier: 428. (14.5.1915) Vgl. Brief der Rhein- und Ruhrzeitung im Nachlass Bahrs, AM A22404 Ba) Bahr war also ahnungslos, welcher seiner Texte gedruckt wurde, weil die Feuilletonkorrespondenz nicht mit ihm Rücksprache gehalten hatte. Seine Texte hatten sich verselbstständigt, und er musste in Wien und Berlin Zeitungsausschnittsagenturen bezahlen, damit diese ihm aus den Zeitungen die Texte ausschnitten, die er geschrieben hatte.

1927 in einem Leserbrief an die Münchener Neuesten Nachrichten (Peterspfennig in der Literatur? Eine Erwiderung. Münchner Neueste Nachrichten, 79 (1926) #319, S. 1. (18.11.1926)) spricht sich Bahr, im Einklang mit der über zehn Jahre früher brieflich vertretenen Haltung, direkt gegen ein Copyright aus. Ein Autor, findet er, kann vom Volk erst gelesen werden, wenn das Copyright abgelaufen ist. Deswegen spricht er sich auch 1931 noch gegen die Verlängerung des Copyrights auf 50 Jahre aus. (Tagebuch. 1. Februar. Neues Wiener Journal, 39 (1931) #13368, S. 16. (8.2.1931)) Es stellt eine Gemeinheit der Geschichte dar, dass es bei ihm dann 70 Jahre wurden, bis er vollumfänglich zugänglich wurde. Wenngleich dieses Verzeichnis nicht beantworten kann, was von ihm heute noch zu lesen lohnt, so bietet es doch einen Überblick, was es zu lesen gibt.

2. Vorarbeiten

Systematisierungen von Bahrs Schaffen begannen im Jahr 1913 mit Willy Handl, der von Bahr als sein literarischer Nachlassverwalter ausersehen war, dessen Tod 1920 aber dem Bahrs zuvorkam. (Willi Handl: Hermann Bahr. Berlin: S. Fischer 1913.) Die Bibliografie, die Bahrs Witwe 1934 veröffentlichte, (Anna Bahr-Mildenburg: Bibliographie der Werke von Hermann Bahr. In: Jahrbuch deutscher Bibliophilen und Literaturfreunde, 20 (1934), S. 52–55.) wurde durch jene von Kurt Thomasberger 1954 abgelöst. (Kurt Thomasberger im Anhang von: Heinz Kindermann: Hermann Bahr. Ein Leben für das europäische Theater. Graz u. Köln 1954, S. 347–368.) Während die Fehlerhaftigkeit der Arbeit Bahr-Mildenburgs entsprechend ihrer Überforderung mit der Aufgabe der Nachlassbearbeiterin dokumentiert ist, (Zuletzt: Kurt Ifkovits: Der mühsame Weg des Nachlasses in die Öffentlichkeit. In: Martin Anton Müller, Claus Pias und Gottfried Schnödl (Hrsg.): Hermann Bahr: Östereichischer Kritiker internationaler Avantgarden, Jahrbuch für Internationale Germanistik. Reihe A – Kongressberichte, #118, Bern u.a.: Peter Lang 2014, S. 185–202.) ist bis auf wenige Details Thomasberger bis heute gültig; relevante Ergänzungen in Buchform betreffen bis auf Das Veilchen und Freie Erziehung ausschließlich Beiträge in Sammelwerken. Was bei der Witwe noch implizit in einer Fußnote zum Titel gestanden hatte – „Mit Ausschluß der Zeitschriften- u. Zeitungsaufsätze, -beiträge.“ – spricht Thomasberger explizit als Notwendigkeit an, ein Verzeichnis aller in Periodika erschienenen Texte.

Einige Nachweise unternimmt Gottfried Wunberg in seinen Veröffentlichungen zu Bahr und dem „Jungen Wien“ in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. 1976 reichte Hermann Nimmervoll „Hermann Bahr als Zeitschriftenpublizist von 1881–1910“ als germanistische Hausarbeit an der Universität Wien ein, der Anhang mit knapp 750 erfassten Texten von Bahr und einigen Hinweisen auf Texte über Bahr erschien dann separat 1980 in Modern Austrian Literature. Wenngleich bis dahin die weitreichendste Erfassung, ist sie nicht nur unvollständig, sondern auch teilweise ungenau und übergeht etwa die Nachtkritiken Bahrs in der Zeit vollständig.

Unter der Ägide von Moritz Csáky wurden von 1994 bis 2003 von Helene Zand, Lottelis Moser, Lukas Mayerhofer und Kurt Ifkovits fünf Bände mit den (privaten) Tagebüchern, Skizzenbüchern und Notizheften veröffentlicht. Die wertvolle Edition, die erstmals Bahrs Bedeutung als Kulturtheoretiker würdigte, ist bislang ohne den versprochenen Kommentarband geblieben und bedürfte aufgrund von im Nachlass aufgetauchten Materialien eines Ergänzungsbands. Wenngleich rund 500 Verweise auf Artikel Bahrs nachgewiesen sind, ist einerseits die editorische Entscheidung zu kritisieren, Bahr durchwegs mit H. B. abzukürzen und so den Unterschied zwischen unter Kürzel und vollem Namen geschriebenen Texten zu nihilieren. Andererseits wurde auch auf das Erstellen einer allgemeinen Bibliografie verzichtet, weswegen nur jene Texte Bahrs erfasst sind, deren direkten Bezug auf eine Textstelle herstellbar war, nicht aber die anderen, die keinen Niederschlag in erhaltenen Tagebüchern und Skizzen- und Notizheften gefunden haben.

Neben diesen frei zugänglichen Auswertungen konnte dieses Projekt auf unveröffentlichte bibliografische Erhebungen von Forschern zurückgreifen. Von Kurt Ifkovits und Lukas Mayrhofer kamen verschiedene Hinweise, vor allem die Erfassung der Neuen Freien Presse und des Neuen Wiener Journals. Weitere wichtige Vorarbeiten steuerte Hans-Joachim Heerde bei, der bei seiner Recherche für die Kritische Robert Walser-Ausgabe auch Bahr erhob und dabei neben Auswertungen der Berliner Zeitungen viele bis dato unbekannte Fundorte einbrachte. Almut Todorow (Universität Konstanz) steuerte die Auswertung des Feuilletons der Frankfurter Zeitung ab 1918 bei.

3. Der Nachlass Bahrs

Erst seit dem Ablaufen des Copyrights an den Werken Bahrs siebzig Jahre nach dessen Tod und den dadurch obsolet gewordenen juristischen Auseinandersetzungen wurde die Pattsituation zwischen den Rechteinhabern aufgehoben und ist der Nachlass für die Forschung unbeschränkt benutzbar. In 15 Schachteln werden über 750 gedruckte Texte und Druckfahnen Bahrs aufbewahrt, die schon Anna Bahr-Mildenburg zu ordnen versuchte. Sie hat viele Texte ausgeschnitten und jeweils auf eine eigene Seite linierten Papiers geklebt. Diese waren als Einlegeblätter gedacht, wovon noch am oberen rechten Seitenrand Reiter zeugen, die das Jahr verzeichnen. In den meisten Fällen ist so die Kopfzeile abgeschnitten worden. Die händischen Beschriftungen Anna Bahr-Mildenburgs erweisen sich sehr oft als unvollständig und nicht selten sind sie offensichtlich falsch. In solchen Fällen ermöglichen erst der Typographievergleich, das Auffinden textimmanenter Faktoren oder entzifferbarer Meldungen auf der Rückseite die Zuordnung zu Publikationsorgan und Publikationszeitraum.

Als Besonderheit in einer eigenen Kiste verwahrt werden Klebealben mit Theaterkritiken, die Bahr in der Zeit um die Jahrhundertwende zuerst für die Deutsche Zeitung, dann Die Zeit und schließlich das Neue Wiener Tagblatt und die Österreichische Volkszeitung schrieb. Dabei handelt es sich um Hefte in einem Quart-ähnlichen Format, worin, nach Theatern geordnet, Meldungen und Besprechungen Bahrs eingeklebt sind. Händische Beschriftungen mit Datum und, falls nicht erkenntlich, besprochenem Stück sowie Unterstreichungen einiger der Schauspielernamen machen deutlich, dass es sich um eine Art privates Nachschlagewerk handelt. Ein paar fehlende Seiten oder ausgeschnittene Seitenteile legen die Vermutung nahe, solche Hefte könnten für die Theaterbücher als Quellenmaterial gedient haben. Insgesamt handelt es sich um nicht ganz 500 Hinweise, die so erfasst sind.

Vier andere Schachteln (9, 15, 24 und 27) enthalten Mappen mit ungeordneten Feuilletons, die meisten aus der Neuen Freien Presse. Insgesamt finden sich so im Archiv (bereinigt um Duplikate, aber einschließlich von Wiederabdrucken) 1500 Texte Bahrs, deren Existenz dadurch gesichert ist. Durch die unzuverlässigen Beschriftungen sind die Angaben zur Datierung ausschließlich als Hinweise brauchbar und können nicht ohne separate Überprüfung übernommen werden.

5. Editorische Grundlagen

Wenn Texteditionen die schwierige Gratwanderung zwischen der Bedeutsamem und Vernachlässigbarem gehen müssen, kann ein solches Verzeichnis als Metatext sich dem weitgehend durch Nachlässigkeit entziehen. Angewandt wird eine diplomatische Umschrift, die auf Hinweise auf Fraktur- oder Antiquasatz ebenso verzichtet, wie auf eventuelle Textauszeichnungen wie Kursiv-, Sperr- oder Fettdruck. Wichtig war, das Auffinden der Texte auf alle von dem jeweiligen Publikationsorgan vorgesehenen Weisen zu ermöglichen. Beispielsweise könnte ein Text in Die Zeit durch Angabe der Seitenzahl und zusätzlich der betreffenden Nummer ebenso eindeutig nachgewiesen werden, wie durch die Angabe des Erscheinungsdatums, was zwar inhaltliche Redundanz schafft, aber für die NutzerInnen Relevanz besitzen kann.

Einheiten innerhalb eines Jahres wurden gebildet, wenn sich größere Blöcke ergaben. Das geschah einerseits, um bestimmte Publikationsorgane, bei denen Bahrs Mitarbeit mehr als fünf Texte im Jahr überschritt, schneller ersichtlich zu machen. Andererseits, um bestimmte Textsorten (Nachtkritik, „Tagebuch“) geschlossen abzubilden. Bei beiden Textsorten kam es zu einem (mit einigem Recht kritisierbaren) Ordnungsprinzip. Die Nachtkritiken wurden ausgegliedert, um eine einfachere Unterscheidung zwischen bedeutenden Texten und den kurzen Meldungen mit einem Urteil über Schauspieler und Stück zu erreichen, die beide in den Kunstsektionen der Tageszeitungen erschienen. Als Kriterium wurde hier ausschließlich die Kürze gewählt, längere Texte, die im eigentlichen Sinne ebenfalls als Nachtkritiken zu bezeichnen wären, wurden in die allgemeine Liste übernommen. Bei der Kolumne „Tagebuch“ wurden die Tage als einzelne Texte aufgefasst, wenngleich oft mehrere gemeinsam erschienen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Bahr mehrere Tage als Einheiten konzipierte. Nachdrucke beschränkten sich üblicherweise ebenfalls auf einzelne Tage und in den Buchausgaben ist die Abschnittsgrenze der Zeitungsabdrucke nicht markiert. Zudem ist es auf diese Weise einfach möglich, die jeweiligen gemeinsam erschienenen Tage zusammenzusuchen.

Zwei editorische Entscheidungen bei der Erfassung der Daten sind besonders auszuweisen. Erstens wurden als Digraphe dargestellte, großgeschriebene Umlaute durchwegs zu der heute geläufigen typographischen Lösung vereinheitlicht; das heißt, dass sowohl „Österreich“ als auch „Oesterreich“ ausschließlich als „Österreich“ ausgewiesen sind. Nicht verändert wurden lediglich echte Tremas („Aeronaut“) oder Namen („Aehrenthal“). Weiters wurden Punkte vor abschließenden Klammern stillschweigend gestrichen.