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Einleitung

Martin Anton Müller

Mitarbeit von Kurt Ifkovits

Bahrs schriftstellerische Schaffen geht weit über das von ihm in Buchform gesammelte hinaus. Dieses Verzeichnis unternimmt es, alle veröffentlichten Texte zusammenzutragen. Derzeit sind es zusätzlich zu den in Buchform überlieferten über 3500 Abdrucke. Das laufende Projekt verzeichnet auch Hinweise auf Texte, die noch nicht überprüft werden konnten (Okt. 2011 ca. 6%). Gegebenenfalls sind diese selbst in Augenschein zu nehmen. Der Status von gesicherten wie ungesicherten sind im Eintrag kenntlich gemacht.

  1. Bahrs Publikationspraxis
  2. Vorarbeiten
  3. Das Bahr-Archiv
  4. Arbeitsplan und Methode
  5. Editorische Grundlagen

1. Bahrs Publikationspraxis

Hermann Bahrs Präsenz in der Geistesgeschichte um 1900 ist nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ zu fassen. Er publizierte zwischen 1881 (in dieses Jahr fallen seine ersten Texte für die im selben Jahr eingestellten "Salzburger Nachrichten") und seinem Tod 1934 über 110 Bücher (die Bühnendrucke nicht mitgezählt). Genau 60 Bände sind davon nicht-fiktionalen Themen zuzuordnen, 16 erzählender Prosa und bei 41 handelt es sich um Theaterstücke. Die Auflagenhöhen sind nur in Ausnahmefällen zu eruieren, aber ein Großteil der Werke erschienen in mehr als einer Auflage. Übersetzungen existieren heute ins Chinesische, Englische, Französische, Friesische, Hebräische, Italienische, Kroatische, Niederländische, Spanische, Schwedische, Tschechische und Russische. Diese Menge an Druckwerken wird ergänzt durch Veröffentlichungen, die in über 150 verschiedenen Organen abgedruckt wurden und über hundert Buchbeiträgen.

Bahrs erste Jahre als Autor in deutschnationalen Organen sind verhältnismäßig schlecht dokumentiert. Doch ab dem Zeitpunkt seines Aufenthalts in Paris 1888/89 beginnt er, bereits veröffentlichte Texte gesammelt in Buchform herauszugeben. Einerseits sind das allgemeinere Bände mit kritischen Texten, in denen sich auch Theaterbesprechungen und literarische Texte einbringen lassen, andererseits speziellere Bände wie seine vier Bücher mit Theaterbesprechungen oder die Novellensammlungen.

Interessant ist jedenfalls der umgekehrte Blick: Buchveröffentlichungen bringen, so weit sich das mit dem derzeitigen Wissensstand sagen lässt, nur in Ausnahmefällen Erstveröffentlichungen. Greift man einen Fall heraus, wo sich bislang kein Erstdruck nachweisen ließ, "Zur Kritik der Kritik", der letzte Text in den "Studien zur Kritik der Moderne", so findet sich in den Briefen an den Vater zur in Frage kommenden Zeit den Hinweis auf ein ungedrucktes Feuilleton, das bei der Zeitschrift bislang verschleppt wurde. Obwohl es sich nicht mit letzter Sicherheit bestimmen lässt, ob damit "Zur Kritik der Kritik" gemeint ist, so würde das den fehlenden Erstdruck erklären. Das zeigt, dass es nicht unbedingt Bahrs Intentionen entspricht, wenn ein Text nicht vorab in Zeitschriften verwertet wurde.

Möchte man die Texte Bahrs literarischen Gattungen zuteilen, so erweist sich im groben Raster von den Buchausgaben ausgehend die von Thomasberger 1954 vorgenommene Einteilung in fünf Teile als gangbar: Theaterstücke, Romane und Novellen, Schriften in Prosa, Schriften zum Theater, Tagebücher. Weiters verzeichnet er noch Buchbeiträge. Bei einem genaueren Blick ist das aber nicht mehr akzeptabel. Innerhalb des kulturkritischen Bereichs gibt es permeable Grenzen, die zuerst in Zeitschriften veröffentlichten Tagebücher bringen ebenso wie die Schriften in Prosa Buchbesprechungen (im Übrigen wurden auch Buchbesprechungen als solche aus den Tagebüchern separat in anderen Zeitschriften wiederabgedruckt). Ibsen spielt nicht nur in den Theaterbänden eine Rolle, sondern gleichfalls in den Prosaschriften. Und wie Feuilletons in den Tagebüchern veröffentlicht werden können, so erscheint auch eine in Zügen literarische Arbeit wie die "Hauptstadt von Europa" in der "Bildung" (1900). Andersherum gibt es das: In der literarischen Sammlung "Caph" findet sich der Text "Der schöne Mann", worin Bahr neben einer vermutlich fiktiven Figur von seinem Verleger Samuel Fischer und der Gründung der "Freien Bühne" erzählt. Beschränkt man sich nicht nur auf die Textgattung, sondern öffnet man den Blick auf die Aussageabsicht, so wird die Ordnung weiter aufgehoben. Als Beispiel sei die Besprechung von "Das neue Ghetto" Theodor Herzls genannt, die eine Stellungnahme Bahrs zu Herzl und dem Zionismus enthält, wohingegen die eigentliche Theaterbesprechung gerade im letzten Absatz kurz angerissenen wird. Trotzdem wird sie im "Wiener Theater" veröffentlicht.

Bemüht man sich nun eine historische Perspektive einzunehmen, die die Buchveröffentlichung als Zusammenstellungen aus ungeordneten Veröffentlichungen begreift und sie als nachträglichen Versuch der Kategorisierung erfasst, so wird deutlich, dass das literarische Feld, das Bahr bearbeitet hat, zu verschiedene Textgattungen kennt, um hier für Ordnung zu sorgen. Was etwa von Zeitungen als "Feuilleton" veröffentlicht wird, kann jenseits eines publikationsimmanenten Ordnungssystems für so verschiedene Dinge wie fiktionale und nicht-fiktionale Textsorten, für Rezensionen und Besprechungen, Nachrufe und Essays, Stimmungsbilder und Aufrufe dienen. Dass die Textsorten dabei noch veränderbar sind, verdeutlicht sich an den Theaterbänden. Bahr wahr in den Neunzigerjahren des 19. und in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts im Redaktionsteam verschiedener Zeitschriften und Zeitungen und verfasste dabei neben Theaterfeuilletons auch Kurzkritiken und aktuelle Meldungen, die die Feuilletons ergänzten. Beide sind für die Buchausgabe teilweise zwar im Titel adaptiert (so wird aus "Zur gestrigen Aufführung" ein "Zur Aufführung am ..."), sonst aber zumeist ohne korrigierende Eingriffe in direkter Folge abgedruckt.

Für Bahr spielte die Verbreitung seiner Texte eine große Rolle, der er viel Augenmerk schenkte. Das hat nicht nur finanzielle Überlegungen zur Ursache, sondern auch sein Interesse, an internationalen Auseinandersetzungen teilzunehmen. Oft erscheinen deswegen Texte von ihm nahezu gleichzeitig in österreichischen und deutschen Zeitungen, etwa der "Neuen Freien Presse" und des "Berliner Börsen-Courier". Die sich durch die unterschiedlichen Programmatiken der Redaktion und des wechselnden Publikums ergebenden Änderungen wären dabei genauer zu untersuchen. Dabei wird es sich nur in Ausnahmen bestimmen lassen, ob es sich um zwei separate Abdrucke handelt, die auf einen gemeinsamen Urtext verweisen, oder ob Bahr schon zwei unterschiedliche Fassungen an die jeweilige Redaktion schickte oder ob Eingriffe in den Text, besonders Auslassungen und Kürzungen erst beim Setzen vorgenommen wurden und mit dem Autor abgesprochen waren.

Manche Druckfehler in Büchern, die von den Vorlagen übernommen wurden, ebenso wie das Fehlen gerade jener Theaterbesprechungen im Nachlass, die in Buchform erschienen sind, legen Nahe, dass Bahr seine Buchsammlungen durch eine Zusammenstellung der von ihm selbst aufbewahrten Belegsexemplare herstellte und diese in Druck gab, dann spätestens aber auf den Druckfahnen noch die eine oder andere Änderung durchführte. Dies führte womöglich dazu, dass Änderungen, die der dienstschiebende Redakteur vornahm, durch die Übernahme des Textes (mitsamt der Änderungen) in die Buchausgabe gelangten. Entgegen Bahrs häufig herausgestrichenen Stolz, eher die Zusammenarbeit mit einer Zeitschrift zu kündigen, als Striche in seinen Texten zu akzeptieren, dürfte er sich in Realität öfters damit abgefunden haben, solange nicht inhaltlich-zensierend eingegriffen wurde. Nicht zuletzt war auch der Platz, den Zeitschriften zur Verfügung hatten, nicht stets konstant.

Bahr schrieb und diktierte seine Texte schnell. Überarbeitungen gibt es nur in geringem Ausmaß, zweite Fassungen von Texten so gut wie gar nicht. Das macht aber die schon skizzierten Fragen der editorischen Verwandtschaft zwischen Texten schwierig und oft höchstens in Detailuntersuchungen klärbar. Vorabdrucke von Büchern und Wiederabdrucke in Büchern sind dabei mit Einschränkungen zwei Seiten einer Medaille.

2. Vorarbeiten

Systematisierungen von Bahrs Schaffen beginnen im Jahr 1913 mit Willy Handl, der von Bahr als sein literarischer Nachlassverwalter ausersehen war, dessen eigener Tod aber dem Bahrs zuvorkam. Die Bibliografie, die Bahrs Witwe Anna Bahr-Mildenburg 1934 veröffentlichte, wurde durch jene von Kurt Thomasberger 1954 abgelöst. Während die Fehlerhaftigkeit der Arbeit Bahr-Mildenburgs hinreichend dokumentiert ist, ist bis in wenigen Details Thomasberger bis heute gültig; Ergänzungen in Buchform betreffen bis auf "Das Veilchen" und "Freie Erziehung" ausschließlich Beiträge in Sammelwerken. Thomasberger deutet bereits auf die Notwendigkeit eines Verzeichnisses aller in Periodika erschienen Texte hin.

Einige Nachweise unternimmt Gottfried Wunberg in seinen Veröffentlichungen zu Bahr und dem "Jungen Wien" in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. 1976 reichte Hermann Nimmervoll "Hermann Bahr als Zeitschriftenpublizist von 1881 – 1910" als germanistische Hausarbeit an der Universität Wien ein, der Anhang mit knapp 750 erfassten Texten von Bahr und einigen Hinweisen auf Texte über Bahr erschien dann separat 1980 in "Modern Austrian Literature". Wenngleich bis dahin die weitreichendste Erfassung, ist sie nicht nur unvollständig, sondern auch teilweise ungenau und vergisst etwa auf die Theatermeldungen Bahrs in der "Zeit".

Unter der Ägide von Moritz Csàky wurden von 1994-2003 von Helene Zand, Lottelis Moser, Lukas Mayerhofer und Kurt Ifkovits fünf Bände mit den (privaten) Tagebüchern, Skizzenbüchern und Notizheften veröffentlicht. Die wertvolle Edition, die erstmals Bahrs Bedeutung als Kulturtheoretiker vollumfassend würdigte, ist bislang ohne den versprochenen Kommentarband geblieben und bedürfte es aufgrund von im Nachlass aufgetauchten Materialien eines Ergänzungsbands. Wenngleich die rund 500 Verweise auf Artikel Bahrs nachgewiesen sind, ist einerseits die editorische Entscheidung zu kritisieren, Bahr durchwegs mit H. B. abzukürzen und so den Unterschied zwischen unter Kürzel und vollem Namen geschriebenen Texten zu nihilieren. Andererseits wurde auch auf das Erstellen einer allgemeinen Bibliografie verzichtet, weswegen nur jene Texte Bahrs erfasst sind, die direkt auf eine Textstelle bezug nehmen, nicht aber die anderen, die keinen Niederschlag in erhaltenen Tagebüchern und Skizzen- und Notizheften gefunden haben.

Neben diesen frei zugänglichen Auswertungen konnte dieses Projekt auf unveröffentlichte bibliografische Erhebungen von Forschern zurückgreifen. Von Kurt Ifkovits und Lukas Mayrhofer kamen verschiedene Hinweise, zentral die Erfassung der Neuen Freien Presse und des Neuen Wiener Journals. Weitere wichtige Vorarbeiten steuerte Hans-Joachim Heerde bei, der bei seiner Recherche für die Robert Walser-Ausgabe auch Bahr erhob und dabei neben Auswertungen der Berliner Zeitungen viele bis dato unbekannte Fundorte einbrachte.

3. Das Bahr-Archiv

Erst seit dem Ablaufen des Copyrights an den Werken Bahrs und den dadurch gelösten juristischen Auseinandersetzungen wurde die Pattsituation zwischen den Rechteinhabern aufgehoben und ist der Nachlass für die Forschung unbeschränkt benutzbar. In 15 Schachteln werden über 750 gedruckte Texte und Druckfahnen Bahrs aufbewahrt, die schon Anna Bahr-Mildenburg versucht hat, zu ordnen. Sie hat viele Texte ausgeschnitten und jeweils auf eine eigene Seite linierten Papiers geklebt. Diese waren als Einlegeblätter gedacht, wovon noch am oberen rechten Seitenrand Reiter zeugen, die das Jahr verzeichnen. In den meisten Fällen ist so die Kopfzeile abgeschnitten worden. Die händischen Beschriftungen Anna Bahr-Mildenburgs erweisen sich sehr oft als unvollständig und nicht selten sind sie offensichtlich falsch. In solchen Fällen ermöglichen erst der Typographievergleich, das Auffinden textimmanenter Faktoren oder entzifferbarer Meldungen auf der Rückseite die Zuordnung zu Publikationsorgan und Publikationszeitraum.

Als Besonderheit in einer eigenen Kiste verwahrt werden Klebealben mit Theaterkritiken, die Bahr in der Zeit um die Jahrhundertwende zuerst für die "Deutsche Zeitung", dann für "Die Zeit" und schließlich das "Neue Wiener Tagblatt" und die "Österreichische Volkszeitung" schrieb. Das sind Hefte in einem Quart-ähnlichen Format, worin nach Theatern geordnet, Meldungen und Besprechungen Bahrs eingeklebt sind. Händische Beschriftungen mit Datum und, falls nicht erkenntlich, besprochenem Stück sowie Unterstreichungen unter einige der Schauspielernamen machen deutlich, dass es sich um eine Art privates Nachschlagewerk handelt. Ein paar fehlende Seiten oder ausgeschnittene Seitenteile legen die Vermutung nahe, solche Hefte könnten für die Theaterbücher als Quellenmaterial gedient haben. Insgesamt handelt es sich um nicht ganz 500 Hinweise, die so erfasst sind.

Vier andere Schachteln (9, 15, 24 und 27) enthalten Mappen mit ungeordneten Feuilletons, die meisten aus der "Neuen Freien Presse". Insgesamt finden sich so im Archiv (bereinigt um Duplikate, aber einschließlich von Wiederabdrucken) 1500 Texte Bahrs, deren Existenz dadurch gesichert ist. Durch die unzuverlässigen Beschriftungen sind die Angaben zur Datierung ausschließlich als Hinweise brauchbar und können nicht ohne separate Überprüfung übernommen werden.

4. Arbeitsplan und Methode

In der ersten Phase seit dem Projektbeginn am 1. September 2009 wurde sowohl die spezielleren Bibliografien Bahrs, als auch allgemeine Zeitschriftenbibliografien erfasst und die bedeutendere Sekundärliteratur ausgewertet. Weiters wurden Bibliothekskataloge von europäischen und US-amerikanischen Nationalbibliotheken durchsucht und Antiquariatswebsiten durchgearbeitet. Parallel dazu kam es zur Erstellung eines Werksverzeichnis der gedruckten Schriften. Außerdem wurden im Hermann-Bahr-Archiv die erhaltenen Ausschnitte bibliografiert. Zusätzlich wurde auch versucht, durch die Kiste mit "Rezensionen zu Bahrs Büchern" als Grundlage heranzuziehen, um das Erscheinen der Bücher genauer einzugrenzen. Insgesamt konnten so zu 3000 Texten Bahrs Hinweise ermittelt werden.

Als Software kommt trotz einiger Unzulänglichkeiten "Endnote X3" zum Einsatz, der derzeit verbreitetsten bibliografischen Datenbank. In Zusammenspiel mit der Drupal-Erweiterung "Biblio" wird die Aufbereitung für die Website möglich, ohne auf eine eigens programmierte Website-Lösung zurückgreifen zu müssen.

Der Beginn des Webauftritts fällt in einen sehr frühen Zeitpunkt des Projekts, nämlich zusammen mit der am 1. Jänner 2010 beginnenden, zweiten Phase, das Durchsuchen der Zeitschriften aufgrund der bislang gefundenen Hinweise auf Texte. Die Entscheidung, die den unüblichen Forschungsweg begründet, Ergebnisse vorab zu publizieren, wurde getroffen, weil wir denken, dass trotz der Gefahr, falsche Angaben in Umlauf zu setzen, es jetzt schon eine Erleichterung für die interessierte ForscherInnen bringt.

Die Fortschritte des Projekts beim Erfassen der Texte werden durch regelmäßige Updates auf der Website ersichtlich. Versucht wird auch nach Möglichkeit, PDF-Scans von Dokumenten zum Download zur Verfügung zu stellen.

Wenngleich das Erstellen eines Generalindex eine Aufgabe ist, die über das gegenwärtige Projekt hinausweist, sollen doch durch verschiedene Kategorisierungen (zentrale Personennamen, Textsorte, inhaltliche Anmerkungen und Incipit) die Verwendbarkeit der Bibliografie erhöht werden.

5. Editorische Grundlagen

Zwei editorische Entscheidungen bei der Erfassung der Daten sind besonders auszuweisen. Erstens wurden großgeschriebene Umlaute durchwegs zu der heute geläufigen typographischen Lösung vereinheitlicht, das heißt, dass sowohl "Österreich" als auch "Oesterreich" ausschließlich als "Österreich" ausgewiesen sind. Nicht verändert wurden lediglich echte Tremas ("Aeronaut") oder Namen ("Aehrenthal"). Weiters wurden Punkte vor abschließenden Klammern stillschweigend gestrichen.