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Buch der Jugend (1908)

Einleitung

Selbst bereits Mitte 40, widmet Bahr das vorliegende Buch der Jugend. Künstlerische, kulturelle und nicht zuletzt politische Hoffnungen verlagert der (Mit-)Begründer von "Jungösterreich" in eine neue Generation. Das Weisungsrecht des Älteren lässt sich Bahr jedoch nicht nehmen. So ist im "Buch der Jugend" die Zukunft der Theaterdekoration bereits durch Alfred Roller vorgezeichnet, die Architektur findet ihren Weg mit Josef Olbrich, die Musik wird von Hugo Wolf erneuert. Nicht unerheblich, dass zwei der Genannten 1908 bereits verstorben sind.
Um das Ziel zu erreichen, aus der neuen Generation nicht bloß neue "Hofräte" zu machen, kümmert sich Bahr also um ihre Bildung: er empfiehlt Musik, Wissenschaft, Bücher – "Bücher zum wirklichen Leben". Zweifellos eine interessante Auswahl, die Bahr in den hier versammelten Essays trifft. Besieht man sich die nachfolgende Generation, wird man auch zugeben müssen, dass sie zu einem nicht unbeträchtlichen Teil angenommen wurde. Ist die erst vor zwei Jahrzehnten aufgekommene Avantgarde also bereits ein Vorbild? Jedenfalls gibt das "Buch der Jugend" wichtige Einblicke in eine Phase der ersten Konsolidierung.

Bibliografie

Autor: Hermann Bahr
Titel: Buch der Jugend
Ort: Wien
Verlag: H. Heller
Jahr: 1908
Seiten: 152
Aufl.: 2. Aufl: 2. Tsd. 1908
Anm.: Harden gibt in der Einführung zum Vorabdruck der Einleitung an, dass es im Dezember 1908 erscheint. Am 13.12.1908 meldet der Pester Lloyd (S. 23) den Erhalt. Besprechungen ab dem 31. Jänner 1909.
Zur Widmung siehe: Karl Moser: Hermann Bahr und die Jugend. Wie mir der Dichter sein "Buch der Jugend" widmete. Neues Wiener Journal, 39 (1931) #15674, 16 (6.9.1931)

Kritische Schriften

Band X

Herausgegeben von Gottfried Schnödl
ISBN: 978-3-89739-651-7
VDG Weimar

Erstdrucke

Das "Buch der Jugend" markiert den Übergang von Bahr als Autor des Neuen Wiener Tagblatts zur Neuen Freien Presse, wo bis zu seinem Tod über 300 Feuilletons Bahrs erscheinen.

Seiten Titel / Erstdruck
o. P. An Herrn Karl Moser.
Die Zukunft, 16 (1908) #65, 357-358
1-11 Gespräch vom wirklichen Leben.
Neue Freie Presse, (1908) #15742, Morgenblatt, 31-33. (18.6.1908)
12-18 Die Mutter. Zum hundertsten Todestage der Frau Rat
Neue Freie Presse, (1908) #15827, Morgenblatt, 1-3. (13.9.1908)
19-27 Fidelio. Dezember 1904
Als "Dekorationen" in: Die neue Rundschau, 16 (1905) #2, 157-162
28-32 Musik.
Wiener Zeitschrift für Musik, 1 (1908) #1, 1-3. (1. Jänner 1908)
33-36 Beethoven. Brief an Harden
Als "Klingers Beethoven" in: Die Zukunft 10 (1902) #39, 389-391
Als "Klingers Beethoven" in: Österreichische Volkszeitung 48 (1902) #104, 1
37-44 Stelzhamer.
Neues Wiener Tagblatt, 36 (1902) #319, 1-3. (21.11.1902)
45-53 Der Unbekannte.
Neue Freie Presse, (1907) #15494, Morgenblatt, 1-3. (10.10.1907)
54-63 Erinnerungen an Hugo Wolf.
Neues Wiener Tagblatt, 37 (1903) #63, 1-3. (5.3.1903)
64-69 Burckhard. Anlässlich seines Buches "Quer durch das Leben" Wien 1908
Als "Max Burckhard" in: Neue Freie Presse, (1908) #15580, Morgenblatt, 31-32. (5.1.1908)
70-76 Josef Olbrich ✝. Gestorben am 18. August 1908
Als "Josef Olbrich. (Gestorben am 18. August 1908)" in: Nord und Süd, 32 (1908) #127/380 (November), 339-344.
77-84 Kainz. Zum fünfzigsten Geburtstag 2. Jänner 1908
Berliner Tageblatt, 37 (1908) #1, Morgen-Ausgabe, 2. Beiblatt, 1. (1.1.1908)
85-90 Die Chronik von Dirnau. Geschichte eines Dorfes von Gustav Macasy Wien 1903. C. W. Stern
Neues Wiener Tagblatt, 37 (1903) #282, 1-2. (14.10.1903)
91-97 Gottfinder.
98-102 Der Finger Gottes.
Neue Freie Presse, (1907) #15462, Morgenblatt, 31-32. (8.9.1907)
103-112 Erzählungen einer Tante.
Neue Freie Presse, (1907) #15320, Morgenblatt, 1-3. (17.4.1907)
113-120 Lektüre.
Neue Freie Presse, (1907) #15518, Morgenblatt, 31-32. (3.11.1907)
121-124 Laiengedanken über die Wahlen in Österreich.
Neue Freie Presse, (1907) #15249, Morgenblatt, 3-4. (2.2.1907)
125-130 Die Unsicherheit in Österreich. An einen neuen Abgeordneten
Neue Freie Presse, (1907) #15377, Morgenblatt, 1-2. (14.6.1907)
131-135 Unterirdische Zensur.
Neue Freie Presse, (1908) #15604, Morgenblatt, 1-2. (30.1.1901)
136-141 Zwecklos.
Neue Freie Presse, (1907) #15443, Morgenblatt, 1-2. (20.8.1907)
142-143 An Frau von Schuch.
Als "Vorwort" in: Margarethe von Schuch-Mankiewicz: Mein Skizzenbuch. Gedichte. Wien, Leipzig: Carl Fromme (1908), 7-9.
144-150 Die Bücher zum wirklichen Leben. Brief an den Buchhändler Hugo Heller
Neue Blätter für Kunst und Literatur, (1907) #Dezember ?
Hermann Bahr: Einleitung. In: Hugo Heller, Hg.: Die Bücher zum wirklichen Leben. Wien: Hugo Heller & Cie 1908, 1-4. (Weihnachtskatalog der Buchhandlung)
151-152 An die freie literarische Gesellschaft in Frankfurt.
Mitteilungen der Freien literarischen Gesellschaft in Frankfurt am Main, 1 (1908) #2 (November), 1-2

Rezensionen

Wiener Zeitung, 23.4.1909, zusammen mit "Die Rahl".

Kommentiertes Inhaltsverzeichnis

Zueignung: "An Herrn Karl Moser"
Bahr setzt seinen "Patriotismus" von dem der "Patrioten" ab. Er stellt dabei Mut und Selbstvertrauen gegen einen Pessimismus, der angesichts neuer Konzepte in Politik, Wirtschaft und Kunst immer nur zu verstehen gebe, Österreich sei "noch nicht soweit".
Gespräch vom wirklichen Leben
Ein junger Kaufmann wirft seinem älteren Freund vor, mit der Losung "Wirklichkeit!" seine Ideale verraten zu haben. Doch sitzt er damit einem Missverständnis auf, denn wie der Ältere zu verstehen gibt: "Wirklich ist, was ihr heute bloss zu träumen wagt".
Die Mutter
Bahr stellt die Mutter Goethes, die "Frau Rat" als ideale Frau vor, deren Einfluss Goethe erst seine Entwicklung ermöglicht hätte.
Fidelio
Anhand der Mahler-Inszenierung des "Fidelio", für die Ernst Roller die Dekoration gestellt hatte, diskutiert Bahr Fragen der Inszenierung und Bühnendekoration.
Musik
Bahr unterscheidet zwei Arten von Musik, eine, "die nur an den Ohren streichelt" und eine andere, die das Gefühl des "Urwesens in uns ist" und versucht, die zweite Form genauer darzustellen.
Beethoven
In einem Brief an Harden stellt Bahr seine Meinung über die Beethoven-Statue Max Klingers dar und gibt an, dass die künstlerische Darstellung des Komponisten seine eigene Vorstellung von diesem maßgeblich beeinflusst.
Stelzhamer
Stelzhamer gilt Bahr nicht nur als einer der bedeutendsten Lyriker, sondern auch als ein Epiker, der neben Goethe zu stellen wäre. An einigen Beispielen, v. a. an dem Epos "D'Ahnl", versucht er dies deutlich zu machen.
Der Unbekannte
Alexander v. Villers zieht nach einem Leben als Beamter im hohen Alter aufs Land und beginnt dort zu schreiben. Bahr entdeckt in diesen kürzeren Prosatexten einiges, was zu lesen sich auch für die Modernen lohnen würde.
Erinnerungen an Hugo Wolf
Bahr, der als Student mit dem Komponisten Hugo Wolf eine Wohnung teilte, mischt in diesem Text Aussagen zu Wolfs Werk und Bedeutung mit charakteristischen Anekdoten.
Burckhard
Der gute Freund Bahrs, Max Burckhard, wird von Bahr nicht nur als populärer Schreiber dargestellt, sondern als 'echter' Literat, den v. a. der "Mut zu sich selbst" auszeichne.
Josef Olbrich
In einem Nachruf folgt Bahr dem bekannten Architekten von der Zeit der Ausbildung bei Otto Wagner über seine ersten Bauten in Wien bis zu seinem Engagement in der Künstlerkolonie in Darmstadt.
Kainz
In 5 Teilen stellt Bahr die Entwicklung des Schauspielers Josef Kainz dar. Dieser gilt ihm nicht nur als die bedeutendste Erscheinung in der zeitgenössischen Theaterwelt, sondern auch - ganz universal - als Verkörperung eines unterschwellig gärenden neuen Geistes, oder - ganz konkret - als Vorbild und Lehrer "für alle Sprecher", die nun "überall kainzeln".
Die Chronik von Dirnau
Dass in jedem Menschen ein ziemlich erschreckendes Quantum Bosheit liege, meint Bahr anhand alltäglicher Beobachtungen zu bemerken; gleichsam einen literarischen Beweis für diese Vermutung findet er in der "Chronik von Dirnau" Gustav Macasys.
Gottfinder
In der Kirche wirke eine aus ihrer Sicht durchaus begründete Furcht vor Mystikern, da deren Glauben vollkommen unabhängig von jeder Kirche sei.
Der Finger Gottes
Bahr geißelt den Umstand, dass zahlreiche Menschen nur unter dem Zwang irgendwelcher Unbill zu einem bloß oberflächlichen Glauben fänden, und findet in dem Roman "L'Emigré" Bourgets nicht nur zahlreiche Spuren solch 'falscher' Glaubensauffassungen, sondern auch eine so abstruse Argumentation, dass er sich ihr gar nicht mit Argumenten nähern könne.
Erzählungen einer Tante
Bahr referiert die Aufzeichnungen der Komtesse de Boigne über das Leben am französischen Hof zu Zeit Louis XVI. Die Beobachtungen empfehlen sich ihm v. a. durch ihre Genauigkeit, die durch keine nachträgliche Beurteilung der Komtesse getrübt sei.
Lektüre
Der Text Lektüre besteht aus drei Abschnitten. Im ersten setzt Bahr mit dem Referat der "Erinnerungen einer Tante" fort, im zweiten findet er in Haeckels "Kunstformen der Natur" die Ordnung, Sicherheit und Schönheit, die die Betrachtung der menschlichen Gesellschaft nicht zu bieten habe. Im dritten Abschnitt wendet er sich dennoch wieder der letzteren zu, doch scheint Bahr in der "Chemie der Menschheit", die Simmel in einem Aufsatz der "Neuen Rundschau" versuche, die Naturwissenschaft damit zu beginnen, auch diesen Bereich zu ordnen.
Laiengedanken über die Wahlen in Österreich
Da in Österreich 1907 das allgemeine und gleiche Wahlrecht (allerdings nur für Männer) eingeführt wird, macht sich Bahr bereits zu Beginn des Jahres Gedanken zu den Veränderungen, die daraus entstehen würden. Mit dem Recht käme auch die Verantwortung nun jedem Wähler zu - und der solle und werde, so Bahr, nicht für die klerikale Partei stimmen, denn sonst würde es zu keiner Veränderung kommen: klerikal sei Österreich schließlich bereits vor 1907 gewesen.
Die Unsicherheit in Österreich
Bahr richtet einen offenen Brief an den neuen Abgeordneten Josef Redlich (ohne dessen Namen zu nennen) und prangert eine Gesetzgebung an, die Gesetze nur vage umreisst, und es der Willkür der Exekutive überlässt, zu entscheiden, ob, wie, wann und für wen sie nun gelten.
Unterirdische Zensur
Bahr steht dem Versuch der dramatischen Schriftsteller Österreichs, gegen die Zensur aufzubegehren, skeptisch gegenüber, da er in verschiedenen, informellen Praktiken der "Behörde" die Möglichkeit einer weitaus effektiveren, "unterirdischen" Zensur erkennt.
Zwecklos
Solange der Mensch meine, seine Existenz habe diesen oder jenen Zweck, wird er Bahr zufolge nicht frei werden können.
An Frau von Schuch
Der Künstler Bahr kann mit den Gedichten Schuch-Mankiewicz' nichts anfangen, sie sagen ihm meistens nichts. Zuweilen vernimmt er aber darin Sehnsucht nach dem "verbotenen Menschen".
Die Bücher zum wirklichen Leben
Eingedenk des Narzissmus der Schriftsteller, steht Bahr dem Projekt Hugo Hellers, diese nach den "bedeutendsten" Büchern zu befragen und ihre Ansichten dann zu drucken, skeptisch gegenüber. Das hindert ihn jedoch nicht, der Jugend einige Texte zu empfehlen die, politischen, naturwissenschaftlichen, soziologischen und literarischen Inhalts, eine Jugend formen könnten, die ihr Ziel nicht mehr darin sähe, möglichst schnell "Hofrat" zu werden.
Der Tod Georgs
Der "Tod Georgs" von Richard Beer-Hofmann macht Bahr einige Probleme, da hier die Kategorie der Form, der Stringenz nicht zu greifen scheint. Dennoch zeigt er sich sehr angetan: ein "wunderbares und abscheuliches Buch [...] ein tückisch-schönes Rätsel".
An die freie literarische Gesellschaft in Frankfurt
Gegen Charakterisierungen wie "Symbolist, Dekadent, Ueberwinder" wendet sich Bahr mit dem Hinweis, ihn doch aus seinen Werken zu erkennen.

Digitalisate

Neusatz:
Kritische Schriften in Einzelausgaben

Faksimile der Erstausgabe:
ÖNB-ANNO