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Inventur (1912)

Einleitung

Stärker als frühere Essaysammlungen zeigt sich Bahrs "Inventur" von 1912 als eine Suche nach Sicherheiten, die in der Moderne rar geworden seien. Während der wirtschaftliche Betrieb oder auch die geistige Entwicklung des Menschen keine Sicherheiten bereitstellen könnten, ja die moderne Zerrissenheit vielmehr fördern würden, zeigen sich Bahr in Religion, Biologie (konkret: dem Phantasma eugenischer Menschenzucht) und nicht zuletzt in sich selbst Gewissheiten, die ihm Handlungen und das Leben überhaupt erst zu ermöglichen scheinen.

Bibliografie

Autor: Hermann Bahr
Titel: Inventur
Ort: Berlin
Verlag: S. Fischer
Jahr: 1912
Seiten: 169
Aufl.: 2.-5. Aufl. 1912
Anm.: Widmung: "Meiner Frau. Lido, Pfingsten 1912".

Kritische Schriften

Band 13

Herausgegeben von Gottfried Schnödl
ISBN: 9783897396548
VDG Weimar

Erstdrucke

9-21 Inventur der Zeit.
Als "An die Jugend" in: Neue Freie Presse, (1911) #16907, Morgenblatt, 1-4. (16.9.1911)
22-35 Der Betrieb.
Als "Der Betrieb der Großstadt" in: Die neue Rundschau, 23 (1912) #6, 697-705
36-50 Das unrettbare Ich.
Neues Wiener Tagblatt, 37 (1903) #99, 1-4. (10.4.1903)
Dialog vom Tragischen, 79-101
51-60 Als ob.
Neue Freie Presse, (1912) #17030, Morgenblatt, 31-32. (21.1.1912)
61-73 Religion.
Kürzer in: Pan, 2 (1912) #11, 323-326. (1.2.1912)
Kürzer und kroatisch als "Religija" in: Obzor, 53 (1912) #50, 1. (21.2.1912)
75-80 Campbell.
Der Strom, 1 (1912) #11, 335-338
81-87 Johannes Müller.
Neue Freie Presse, (1912) #17116, Morgenblatt, 1-3. (18.4.1912)
88-94 Erziehung. I
Länger: Berliner Tageblatt, 40 (1911) #663, Morgen-Ausgabe, 2. Beiblatt, 1-2. (31.12.1911)
Länger: Urania, 5 (1912) #11, 197-199. (16.3.1912)
94-100 Erziehung. II
Neues Wiener Journal, 20 (1912) #6629, 10. (7.4.1912)
100-108 Erziehung. III
Als "Die Kunst und das Kind" in: Berliner Tageblatt, 41 (1912) #223, Abend-Ausgabe, 1-2. (2.5.1912)
108-116 Erziehung. IV
116-118 Erziehung. V
119-125 Frauenrecht.
Als "Die Frau als Kamerad" in: Neues Wiener Journal, 19 (1911) #6529, 7-8. (24.12.1911)
126-131 Friede.
Als "Bertha von Suttner" in: Neue Freie Presse, (1912) #17079, Morgenblatt, 30-31. (10.3.1912)
132-135 Gelöbnis.
Als "Bayreuth" in: Georg Niehrenheim, Hg.: Wegweiser für Besucher der Bayreuther Festspiele 1912. Bayreuth: Georg Niehrenheim 1912, 65-67
136-169 Selbstinventur.
1. Kapitel: Almanach des S. Fischer-Verlags, 26 (1912) 48-55
2.-7. Kapitel: Die neue Rundschau, 23 (1912) #9, 1287-1303

Rezensionen

Im Archiv ab dem 15. Juni 1912.
Franz Leppmann in: Berliner Tagebuch, 41 (1912) #617, Morgen-Ausgabe, 4. Beiblatt, S. 2. (4.12.1912)
Ludwig Hirschfeld in: Neue Freie Presse, 22.12.1912, 33-34.
C. M.-R.: Inventur. Von Hermann Bahr. In: Hamburgischer Correspondent. Zeitung für Literatur, Kunst und Wissenschaft, (1915) #7, 28. (28.3.1915)

Inhaltsverzeichnis

Seiten Inhalt
9-21 Inventur der Zeit.
22-35 Der Betrieb.
36-50 Das unrettbare Ich.
51-60 Als ob.
61-73 Religion.
75-80 Campbell.
81-87 Johannes Müller.
88-94 Erziehung. I
94-100 Erziehung. II
100-108 Erziehung. III
108-116 Erziehung. IV
116-118 Erziehung. V
119-125 Frauenrecht.
126-131 Friede.
132-135 Gelöbnis.
136-169 Selbstinventur.

Kommentiertes Inhaltsverzeichnis

Inventur der Zeit
Bahr spürt einem "unauflöslichen Widerspruch zwischen dem angeborenen und anerzogenen inneren und dem äußeren [...] Leben" nach und referiert einige aktuelle Versuche, wie aus diesem Widerspruch zu einer "Eintracht des inneren und des äußeren Menschen" zu kommen wäre.
Der Betrieb
Bahr führt die wachsende Bedeutung des wirtschaftlichen Betriebs auf den Aufstieg eines Händlergeistes zurück, der mittlerweile nicht nur auch den Produzenten, sondern überhaupt jeden tätigen Menschen - v. a. in der Großstadt - beherrsche.
Das unrettbare Ich
Jugenderlebnisse, die Lektüre Kants und an Nietzsche gemahnende Selbstexperimente führen Bahr direkt zu Mach und dessen Befund, dass das "Ich unrettbar" sei.
Als ob
Ausgehend von Machs Befund über das Ich befürwortet Bahr den Pragmatismus Vaihingers. Auch ohne Gewissheit über die eigene Identität könne man immer noch so handeln, "als ob" diese Sicherheit gegeben wäre.
Religion
Bahr zeigt die Religion - und v. a. neue, "modernistische" Schulen innerhalb des Katholizismus - als eine Möglichkeit, sich die Sicherheit zu verschaffen, die man für ein tätiges Leben benötige.
Campbell
Der Reverend Campbell wird Bahr zu einem Vorbild in Sachen zeitgemäßer und praktisch wirksamer Auslegung des Christentums.
Johannes Müller
Der Theologe und Philosoph Johannes Müller wird von Bahr nicht so sehr als Schriftsteller mit Bezugnahme auf seine Texte, sondern als Mensch und Charakter vorgestellt.
Erziehung I.
In "Erziehung. I" zweifelt Bahr an einer grundlegenden Wirksamkeit von traditionellen Erziehungsprogrammen: Anstelle eines starren Rahmens bedürfe die natürliche Entwicklung eines Menschen vielmehr einer äußerst behutsamen und bedächtigen Methode, die das Kind gleichsam zu sich selbst führe.
Erziehung II.
Die Gedanken aus dem ersten Teil weiterspinnend, erkennt Bahr das Grundübel jeder Erziehung in der Vorstellung, den Menschen ändern zu können.
Erziehung III.
Bahr beschreibt die Erziehung als eine Sünde wider das unverdorbene Kind, das sich auch durch ein natürliches und unbewusst "richtiges" Gewissen auszeichne; und macht von hier aus einige Vorschläge für eine sinnvollen Kunsterziehung.
Erziehung IV.
Bahr klagt über seine "schrecklichste" Zeit im Gymnasium, trennt jedoch die Institution von der Person des Lehrers: dieser könne auch in einem bedenklichen Rahmen gut wirken.
Erziehung V.
Einer der vielversprechendsten Wege zu einer neuen Form der Erziehung scheint Bahr in der Eugenik und der Möglichkeit gegeben, die eigenen Nachkommen zu züchten, anstatt zu erziehen.
Frauenrecht
Bahr argumentiert für die Einführung des Frauenwahlrechts und erhofft sich von diesem den Einzug spezifisch weiblicher Qualitäten in die Politik.
Friede
Mit einem Stück von Fritz von Unruh fragt Bahr, ob es innerhalb der aktuellen Gesellschaft (zu der eben auch die Gruppe der Soldaten gehört) möglich oder auch nur sinnvoll sei, den Frieden zu erhalten. Dies könne nur gelingen, wenn aus der bloßen Vermeidung des Krieges ein positiver Wille für Friede werde.
Gelöbnis
Bahr bekennt sich zu Richard Wagner und dessen Idee, Kunst könne die Menschheit zum Besseren verändern.
Selbstinventur
"Selbstinventur" ist einer von mehreren autobiographischen Versuchen Bahrs. Hier wird das Hauptaugenmerk v. a. auf die Beschreibung einer Sicherheit gelegt, die Bahr in jeder Lebenssituation "in sich" gefühlt und der er sich mittlerweile ganz anvertraut hätte.

Digitalisate

Neusatz:
Kritische Schriften in Einzelausgaben

Faksimile der Erstausgabe:
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