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Zu dieser Edition

Claus Pias

Hermann Bahr ist kein vergessener Autor, wie gelegentlich beteuert wird. Deshalb kann die Herausgabe seiner Kritischen Schriften ihn auch nicht „entdecken“, sondern nur seine seit langem kaum mehr erhältlichen Werke wieder zugänglich machen. Wo immer man nämlich die reichhaltige Forschung zur deutschsprachigen Literatur und Kunst zwischen Naturalismus und Expressionismus konsultiert, wird man schon auf den Namen des „Herrn aus Linz“ stoßen. Allerdings fällt dieser nicht im Kreis der SchriftstellerInnen und KünstlerInnen selbst, sondern ist fast ausschließlich in Verweisen, Zitaten und Fußnoten präsent. Hermann Bahrs angemessener Ort scheinen jene Stellen des Diskurses zu sein, die dessen Glaubwürdigkeit oder Wahrheit verbürgen und belegen sollen. Insofern ist Hermann Bahr allemal eine Autorität – nur eben keine literarische, wie er selbst sich schon eingestand: „Ich bin problematisch, weil man mir eine gewisse Geltung nicht leugnen kann, die doch meinen Werken nicht gebührt“.1 Man wird daher die notorischen Diskussionen um die Qualität der Werke Bahrs, die diese seit Karl Kraus’ vernichtender Kritik begleiten, ruhen lassen können, wenn man ihn nicht als jenen „Schriftsteller“ erinnert, der er mit seinen zahlreichen Theaterstücken, Erzählungen und Romanen zeitlebens auch zu sein anstrebte, sondern ihn schlicht als „Schreiber“ wahrnimmt. Der junge Hermann Bahr, der Fechner, Helmholtz und Wundt gelesen hatte, nahm dies einmal ganz wörtlich: „Ich will gar nicht mehr schreiben. Schreiben in Sätzen“, notierte er 1889 in sein Skizzenbuch, „[s]ondern nur wenn die Außenwelt auf meinen Nerv drückt, auf meinen Tintenstift drücken, als Antwort, wenn die Außenwelt einen Fleck auf die Seele, einen Fleck aufs Papier machen.“2 Absinthverträumt und bromsediert imaginierte Bahr sich als kymographisches Nullmedium der Kultur und als Bewegungsschreiber des Zeitgeists. Schreiben sollte sich weniger als Signifikationsprozeß denn als Kräftediagramm entfalten, und von hier aus mögen die zahlreichen späteren Zeugnisse datieren, die den Charakter als „Tyrannei“ und die Identität als „zwiefache Vergewaltigung“ zurückweisen, 3 die (mit Ernst Mach) das Ich als „unrettbar“ proklamieren4 und eine völlige Selbstentäußerung des Kritikers fordern.5 Als Schreiber aller Bewegungen einer europäischen „Stilkunst um 1900“ – ob Naturalismus oder Symbolismus, Impressionismus oder Décadence, Okkultismus oder Secession, Heimatkunst oder Expressionismus – bilden seine Aufzeichnungen ein kulturhistorisches Archiv ersten Ranges.

Marcel Proust, Walter Benjamin oder auch Jacques Derrida haben, unter verschiedenen Vorzeichen, darauf hingewiesen, daß Speichern die Möglichkeitsbedingung des Vergessens bilde, daß dieses Vergessen wiederum ein Werkzeug für die „Zerstörung der Idee der Persönlichkeit“ sei und daß der Todestrieb allgemein mit einem „Verlangen nach dem Archiv“ verbunden sei. In diesem Sinne wird man in Hermann Bahrs Anstrengungen der „charakterlosen“ Selbstentäußerung, in seinen Versuchen „täglich ein anderer [zu] sein“6 oder in seiner Forderung einer „junge[n] Jugend“7 ohne kulturelle Routinen ein beschleunigtes Verschwinden der Vergangenheit ausmachen, das zugleich das Archiv rasant vermehrt. So wie die permanente „Jugend“ zugleich ein ununterbrochenes Absterben der Vergangenheit diktiert, vermehrt jede weitere „Überwindung“ die Menge der Daten und jedes neue Anfangen die Hinterlassenschaften des Abgebrochenen. Zugleich bilden diese aber die Folie eines Gestern als Bereich der Identität, vor dem sich ein Heute als Horizont der Differenz und des Neuen abzeichnen kann. So deutlich also Hermann Bahrs Bemühungen um avantgardistische Diskontinuität hervorstechen, so deutlich wird man (s)einen Willen zum Archiv, zu Identität und Kontinuität, konstatieren müssen, der sich dem Goethes oder Victor Hugos vergleichen ließe. War es zunächst der Vater, der alle schriftlichen Zeugnisse seines Sohnes aufhob, so wurde später Bahrs zweite Frau Anna Mildenburg zur Archivarin ihres Mannes und damit zur „Helferin [...] aus dem Täglichen ins Ewige“.8 Anna bereitete – wie Dilthey gefordert hatte – als „würdiges Familienmitglied“ den Sprung ihres Mannes aus dem Feuilleton in die Literaturgeschichte, aus dem kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis, aus der faktischen in die erinnerte Geschichte vor. Allein tausende Briefe an Hermann Bahr, mehr als hundert unveröffentlichte Aufsätze und über tausend Zeitungsausschnitte belegen Bahrs Diktum, daß „die europäische Seele keine Geheimnisse“ vor ihm habe.

Es ist nicht ohne Ironie, daß eine restriktive Copyright-Politik bislang erfolgreich verhindert hat, daß solche Geheimnisse ausgeplaudert werden. Die von Gotthard Wunberg besorgte, vorzügliche Anthologie kritischer Schriften Hermann Bahrs liegt fast vierzig Jahre zurück, und eine philologisch präzise Ausgabe seiner Tagebücher unter Moritz Csáky konnte erst 1994, also sechzig Jahre nach Bahrs Tod, begonnen werden. Auch der Druck der Ausgabe der Kritischen Schriften mußte bis zum siebzigsten Todesjahr des Autors aufgeschoben werden. Sie wird ein Studium des Nachlasses nicht ersetzen können, sondern soll nur den wohl einflußreichsten Teil des Bahr’schen Oeuvres endlich wieder zugänglich machen. Ihre Textgrundlage bilden (aus rezeptionshistorischen Überlegungen heraus) jene Sammelbände, die Bahr selbst in regelmäßigen Abständen aus seinen Aufsätzen zusammenstellte. Dabei wurde versucht, zwei Bedürfnissen gerecht zu werden: Zum einen soll es eine Leseausgabe sein, die (von Druckfehlern bereinigt, um Übersetzungen fremdsprachiger Zitate und ein Namensregister ergänzt) einen leichten Zugang zum Werk Hermann Bahrs bietet; zum anderen soll sie Literatur- und KulturwissenschaftlerInnen (durch eine buchstabengetreue Wiedergabe des Textes und die Mitführung der originalen Seitenzählung) einen alltagstauglichen Ersatz der oft schwer zugänglichen Erstausgaben bieten.

  1. Hermann Bahr: Studien zur Kritik der Moderne, Frankfurt a.M. 1894, S. 91
  2. Hermann Bahr: Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte 1885-1890, Hg. Moritz Csáky, Wien/Köln 1994, Bd. I, S. 231
  3. Hermann Bahr, Selbstinventur, Berlin 1912 (4. Aufl), S. 140f
  4. Hermann Bahr, Dialog vom Tragischen, Berlin 1904, S.79-101
  5. Hermann Bahr, Die Überwindung des Naturalismus, Leipzig 1891, S. 123
  6. Studien zur Kritik der Moderne, a.a.O., S. 11
  7. Hermann Bahr, Buch der Jugend, Wien/Leipzig 1908, o.S. (Vorwort)
  8. Das Hermann-Bahr-Buch, Hg. S. Fischer Verlag, Berlin 1913, S. 70