Beharrliche Leiblichkeit (gefördert vom FWF Nr. V148-G15)

Das zwischen 2010 und 2015 realisierte Projekt stellt Körpermodelle der feministischen und Gender Theorie Körpermodellen aus der Naturphilosophie des 16. Jahrhunderts gegenüber, die holistische und materialistische Ansätze aufweisen.

AutorInnen der Spätrenaissance wie Bernardino Telesio, Girolamo Fracastoro, Oliva Sabuco, Gómes Pereira, Michel de Montaigne u.a. verhandeln äußerst originäre Theorien zu Materialität und Leiblichkeit, die auf eine spezifisch mediterrane Tradition des Materialismus verweisen. Gemeinsam ist ihnen der Fokus auf ein Zusammenspiel von Körper und Seele, Materie und Form, das relationale Modelle von Natur und Kultur zeitigt, was etwa eine ausgeklügelte Affektelehre dokumentiert.

Das darin angelegte komplexe Feld wechselseitiger Einflüsse zwischen Körperinnerem und Körperumgebung ist auch zentraler Forschungsgegenstand rezenter Untersuchungen zu Körperregimes. Insbesondere Gender Theoretikerinnen wie Anne Fausto Sterling, Donna Haraway oder Karen Barad verfolgen Konzepte eines verkörperten Geistes, die die dichotome Ordnung von Form und Materie unterlaufen. Ordnungsprinzipien sind immer rhetorisch konstruiert. Deshalb verwundert es wenig, dass die meisten ForscherInnen aus dem Feld der Gender und Cultural Studies in ihrer Analyse besonderes Augenmerk auf die Offenlegung der metaphorischen Verfasstheit von wissenschaftlichen „Wahrheiten“ und Kanones legen.

Die Archäologie historischer Körpermodelle eröffnet in diachronem Schnitt die Perspektive einer Alterität, die ihrerseits neue Zugänge und wichtige Erkenntnisse in Bezug auf Konstruktionen einer Verkörperung der ‚Anderen’ des (männlichen) Subjektes und damit auf einen Schlüsselbegriff der Gender Theory ermöglichen. Da Geschlechterregime immer auf Ordnungen von Körper und Geist basieren, ist es unerlässlich, deren weitere Verstrickungen mit technologischen, sozialen und kulturellen Überzeugungen zu untersuchen.

Deshalb reduziert die aus diesem Projekt hervorgegangene Habilitationsschrift die Konzeption von Leiblichkeit nicht auf eine Ideengeschichte, sondern erkundet auch die Verarbeitung philosophischer Körperkonzepte in wirkmächtigen literarischen Texten. Dieser intertextuelle Ansatz legt wichtige kulturelle und soziale Rahmenbedingungen für die Produktion von Wissen frei. So werden wissenschaftliche Innovationen in ihrer Situiertheit und ihrer Gebundenheit fassbar.

 

Abstract (PDF 61 KB)