Zeitschrift für Pädagogik
Komplette Inhaltsverzeichnisse seit 1972

Die Inhaltsverzeichnisse der Jahrgänge 1999 zurück bis 1972 wurden vom Team des SoSe 2009 abgeschrieben; sie werden laufend zurückgearbeitet, wodurch auch die Stichwortsuche (s. unten) erweitert wird.

(Präsenzbibliothek am Institut für Bildungswissenschaft der Univ. Wien)


Jahrgang 56 (2010), Jahrgang 55 (2009), Jahrgang 54 (2008), Jahrgang 53 (2007), Jahrgang 52 (2006), Jahrgang 51 (2005), Jahrgang 50 (2004), Jahrgang 49 (2003), Jahrgang 48 (2002), Jahrgang 47 (2001), Jahrgang 46 (2000), Jahrgang 45 (1999), Jahrgang 44 (1998), Jahrgang 43 (1997), Jahrgang 42 (1996), Jahrgang 41 (1995), Jahrgang 40 (1994), Jahrgang 39 (1993), Jahrgang 38 (1992), Jahrgang 37 (1991), Jahrgang 36 (1990), Jahrgang 35 (1989), Jahrgang 34 (1988), Jahrgang 33 (1987), Jahrgang 32 (1986), Jahrgang 31 (1985), Jahrgang 30 (1984), Jahrgang 29 (1983), Jahrgang 28 (1982), Jahrgang 27 (1981), Jahrgang 26 (1980), Jahrgang 25 (1979), Jahrgang 24 (1978), Jahrgang 23 (1977), Jahrgang 22 (1976), Jahrgang 21 (1975), Jahrgang 20 (1974), Jahrgang 19 (1973), Jahrgang 18 (1972)

Jahrgang 37 (1991): Heft 6, Heft 5, Heft 4, Heft 3, Heft 2, Heft 1


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Jahrgang 37 – Heft 6 – November 1991

Thema: Schulforschung und Bildungspolitik

Hans-Günter Rolff
Schulentwicklung als Entwicklung von Einzelschulen? Theorien und Indikatoren von Entwicklungsprozessen
Zusammenfassung: Schulentwicklung wurde in den sechziger und siebziger Jahren im wesentlichen als Entwicklung des Gesamtsystems begriffen. Forschungsergebnisse über die Gelingens- und Mißlingensbedingungen von schulischen Innovationen sowie der besondere Charakter der Schule als pädagogische Organisation legen es allerdings nahe, Schulentwicklung stärker als Entwicklung von Einzelschulen zu thematisieren. Das ist seit den achtziger Jahren auch der Fall-vor allem im Zusammenhang mit Forschungen zur sogenannten Qualität von Schulen. Die in diesem Zusammenhang herausgearbeiteten Kriterien eignen sich allerdings nicht als Indikatoren von Schulentwicklung. Angemessener ist vermutlich ein Metakriterium, das die Problemlösekapazität von Schulen zu bestimmen versucht. Eine Erhöhung der Problemlösungskapazität von Schulen setzt allerdings ein Unterstützungssystem voraus, das nur auf Gesamtsystemebene etabliert werden kann, weshalb das Gesamtsystem doch wieder in den Blick von Schulentwicklungsforschung gerät, allerdings in veränderter Perspektive.
Klaus Klemm
Jugendliche ohne Ausbildung. Die „Kellerkinder“ der Bildungsexpansion
Zusammenfassung: In diesem Beitrag wird in einem ersten Abschnitt noch einmal der Prozeß der Bildungsexpansion dargestellt. Diese Darstellung wird mit der These abgeschlossen, daß angesichts veränderter Sozialisationsbedingungen in den Elternhäusern sowie angesichts der erwarteten generellen Steigerung der Qualifikationsfachfrage im Beschäftigungssystem die expansiven Tendenzen bei der Bildungsbeteiligung in den neunziger Jahren anhalten werden. Gerade angesichts dieser Perspektive, so die Kernthese dieses Beitrages, wird die große Gruppe der in Schule und Ausbildung Erfolglosen immer mehr zu Arbeitslosigkeit und zum Leben am Rande des Beschäftigungssystems vorverurteilt. Diese Gruppe der „Kellerkinder“ der Bildungsexpansion wird im zweiten Abschnitt dieses Beitrages auf der Grundlage einer Eigenauswertung von Daten des Mikrozensus 1989 differenziert beschrieben.
Tino Bargel
Versorgung mit schulischen Ganztagsangeboten – Zur Aufarbeitung eines vernachlässigten Feldes der Schulentwicklung
Zusammenfassung: Bislang spielte für die Bildungsplanung und Schulentwicklung die Frage der Einführung von Ganztagsschulen kaum eine Rolle. Die damit einhergehenden Lücken und Mängel hinsichtlich der Dokumentation und Analyse von ganztägigen schulischen Angeboten, ihrer Versorgungsleistung sowie der möglichen Nachfrage von Elternseite versucht der Beitrag zu beheben, um tragfähige Grundlagen in diesem Feld der Schulentwicklung zu gewinnen. Die Klärung der Angebotslage und Versorgungsleistung ergibt erhebliche regionale Disparitäten, stark unterschiedliche Ausrichtungen in den Bundesländern sowie deutliche Unterschiede nach Schulstufen und –formen. Die Nachfragepotenziale nach ganztägiger schulischer Betreuung und Förderung von Elternseite erweisen sich als höher, als vorhandene Bedarfsfestlegungen gemeinhin unterstellen. An bisherigen Ausbauvorgaben werden daher kritische Korrekturen hinsichtlich Umfang und Ausrichtung vorgenommen. Auf der Grundlage empirischer Untersuchungen werden die Urteile zur Ganztagsschule und die Präferenzen zu ihrer weiteren Entwicklung durch Eltern dargelegt. Abschließend werden einige Folgerungen für die weitere Bildungsplanung und Schulentwicklung gezogen.
Barbara Koch-Priewe
Zur Aufhebung schichtenspezifischer Selektion im Bildungswesen. Das Exempel Bielefeld
Historisch relativ stabil bleibende soziale Selektionsphänomene im Bildungswesen führen zur Frage, wodurch Schule mangelnde Chancengleichheit unterstützt. Unterschiedliche Theorieansätze geben Hinweise auf curriculare Gründe für die Permanenz von Selektionseffekten. Empirische Untersuchungen an inzwischen mehr als 2000 AbsolventInnen des Oberstufen-Kollegs an der Universität Bielefeld belegen, daß dort die Auslese von benachteiligten Jugendlichen (wie Kindern aus Unterschichten) nicht auftritt. Die Autorin entfaltet unter Hinweis auf weitere Ergebnisse der Kollegiatenbefragungen, auf Untersuchungen der Rutter-Studie sowie Studien zu Arbeiterkindern an den Hochschulen die These, daß neben der curricularen Reform ein Set von strukturellen Faktoren zur Förderung von Chancengleichheit beitragen kann, wie z.B.: hohe Autonomie und Selbstorganisation des Kollegiums, die Möglichkeit der KollegiatInnen zur Mitbestimmung über Unterrichtsinhalte und –formen, sowie der durch einen speziellen Aufnahmeschlüssel garantierten Heterogenität der Kollegiatenschaft.
Klaus-Jürgen Tillmann
Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik – Erfahrungen aus der jüngsten Reformphase
Zusammenfassung: Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Frage, welche Erfahrungen in der bundesdeutschen Reformphase seit 1965 Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik miteinander gemacht haben – und welche Konsequenzen daraus künftig für wissenschaftliches Arbeiten zu ziehen sind. In einem ersten Schritt werden die strukturellen Unterschiede zwischen „Erziehungswissenschaft“ und „Bildungspolitik“ herausgearbeitet, um dann nach der Möglichkeit zu fragen, bildungspolitische Entscheidungen durch gezielte Forschung direkt zu beeinflussen. Daran anschließend wird die These entfaltet, daß erziehungswissenschaftliches Arbeiten Bildungspolitik nicht direkt, sondern eher in langfristiger Weise indirekt beeinflusst.

Diskussion

Reante Valtin/Sabine Walper
Strafe muß sein! – Oder nicht? Was Kinder über den Umgang mit Missetätern denken
Zusammenfassung: Die vorliegende Studie untersucht, was Kinder unterschiedlichen Alters über das Verheimlichen oder Gestehen von Missetaten anderer denken. Besonders interessierte dabei, welche Rolle die Erwartung elterlicher Strafen spielt und welche Funktion möglichen Strafen zugesprochen wird. In halbstrukturierten Einzelinterviews wurden 100 Kinder (je 10 Jungen und Mädchen im Alter von 5, 6, 8, 10 und 12 Jahren) zu Geschichten befragt, in denen der Protagonist seinem Freund eine Missetat gesteht. Die Analysen zeigen, das 5- und 6jährige Kinder mehrheitlich für eine „gerechte Strafe“ und somit für eine Offenlegung der Missetat gegenüber den Eltern plädieren. Ältere Kinder sind eher für eine Verheimlichung, um dem Freund elterliche Strafen aber auch andere soziale Folgen der Normverletzung zu ersparen. Befürworten die Älteren eine Offenlegung, so aufgrund taktischer Gründe (Strafminderung) oder „therapeutische“ Motive (Erleichterung durch Aussprache). Fragen der Angemessenheit von Strafen und die Rolle Gleichaltriger als moralische Instanz treten mit zunehmendem Alter in den Vordergrund.
Heinz-Elmar Tenorth
Bildungspolitik und Schulreform in Deutschland – ein fortdauerndes Problem

Besprechungen

Peter Menck
Günther Böhme/Heinz-Elmar Tenorth: Eine Einführung in die Historische Pädagogik
Lucien Criblez
Johannes-Christoph Bühler: Die gesellschaftliche Konstruktion des Jugendalters. Zur Entstehung der Jugendforschung am Beginn des 20. Jahrhunderts
Lucien Criblez
Peter Dudek: Jugend als Objekt der Wissenschaft. Geschichte der Jugendforschung in Deutschland und Österreich 1890-1933
Ulrich Papenkort
Siegfried Uhl: Die Pädagogik der Grünen. Vom Menschenbild zur Familien- und Schulpolitik

Dokumentation

Pädagogische Neuerscheinungen

Jahrgang 37 – Heft 5 – September 1991

Essay

Christa Berg
„Rat geben“ – Ein Dilemma pädagogischer Praxis und Wirkungsgeschichte

Thema: Unterrichtsforschung

Erwin Beck/Titus Guldimann/Michael Zutavern
Eigenständig lernende Schülerinnen und Schüler - Bericht über ein empirisches Forschungsprojekt
Zusammenfassung: Diese mit Unterstützung des schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung durchgeführte Studie im Bereich der pädagogischen Psychologie betrifft Primar- und Sekundarschüler und spielt sich im Rahmen des regulären Schulunterrichts ab. Sie erstreckte sich über eine Versuchsdauer von zwei Jahren. Das Ziel war es, die Schüler ihre eigenen Strategien entwickeln zu lassen und sie damit auf dem Weg zu eigenständigem Lernen in den Bereichen mathematisches Problemlösen, Wissenserwerb und Texte schreiben zu unterstützen. Dies geschah in der Auseinandersetzung mit Ausführungsmodellen von Lehrern und Mitschülern und durch die Beobachtung und Reflexion der eigenen Arbeits- und Lernprozesse. Die Schüler waren angehalten, ihre Lernerfahrungen in Arbeitsheften schriftlich festzuhalten. Sie arbeiteten in Lernpartnerschaften, in denen Probleme des Lernens besprochen und Lernerfahrungen ausgetauscht wurden. Erfahrungen der Lernpartnerschaften wurden zusammen mit den Lehrern in Klassenkonferenzen diskutiert und verarbeitet. Auf diese Weise gelang es, die individuellen Repertoires an Arbeits- und Lernverfahren aufgrund der Analyse und der Evaluation der eigenen Lernerfahrungen zu erweitern. Es gelang den Schülern auch, in der Ausführung und Kontrolle ihrer Arbeit eigenständiger zu werden. Die Anwendung der metakognitiven Verfahren führte zu ermutigenden Beispielen für selbstentwickelte Arbeits- und Lernstrategien.
Rainer Bromme/Rudolf Strässer
Wissenstypen und professionelles Selbstverständnis – Eine empirische Untersuchung bei Berufsschullehrern
Zusammenfassung: Für die Bewältigung ihrer beruflichen Aufgaben benötigen Lehrer professionelles Wissen, das aus verschiedenen Disziplinen stammt, nämlich aus den Wissenschaftsdisziplinen der von ihnen unterrichteten Fächer und aus der Pädagogik. Im Rahmen ihrer Ausbildung und ihrer beruflichen Entwicklung müssen sie solches Wissen unterschiedlicher Herkunft integrieren, d.h. insoweit in Beziehung setzen, dass sie ihre tägliche Arbeit daran orientieren können. In dem Beitrag wird der Umgang mit Wissen verschiedener disziplinärer Herkunft empirisch untersucht. Vierzig Berufsschullehrer, die Fachrechnen unterrichten, wurden zu ihrem Unterricht befragt. Die Antworten wurden daraufhin analysiert, welche Auffassungen über die Beziehung von Berufskunde (Metallberufen) und Mathematik die Vorstellungen über Unterricht bestimmen. Außerdem wurde das professionelle Selbstverständnis (Spezialist für Pädagogik, Berufsfeld oder Mathematik) erfragt. Es wird dargestellt, dass die kognitive Integration von Wissen verschiedenen Typs in vielen qualifizierten Berufen erforderlich ist.
Peter Menck/Georg Wierichs
Unterrichtsinhalt – erziehungswissenschaftlich analysiert
Zusammenfassung: In dem Beitrag wird eine Methode zur erziehungswissenschaftlichen Analyse von Unterrichtsinhalten vorgestellt. Vor dem Hintergrund begrifflicher Bestimmungen zum Unterricht überhaupt und in Schule wird in Anlehnung an BELLACK und SCHÜTZ ein theoretischer Bezugsrahmen entfaltet, der es erlaubt, Unterrichtsinhalte empirisch zu erfassen. Das Prinzip der Methode der Analyse besteht darin, einen ganz bestimmten Unterricht und seinen Inhalt in einen geordneten Zusammenhang mit anderen, ihn erläuternden und verständlich machenden Sachverhalten zu bringen: den Erfahrungen der Schüler, der Alltagsdidaktik des Lehrers, den Anweisungen des Lehrplans, der Autorität des Staates usw. Ein Beispiel aus dem schulischen Pädagogikunterricht soll der Illustration dieser Methode der „lokalen Topographie“ dienen.
Gundel Schümer
Arbeitsblätter im Grundschulunterricht. Ergebnisse einer Umfrage unter Schulleitern und Lehrern aus vier Bundesländern
Zusammenfassung: Der Beitrag ist Teil einer größeren empirischen Untersuchung zum Einsatz von Lehr- und Lernmitteln im Unterricht. Ihr erstes Ziel ist, die Ausstattung allgemeinbildender Schulen mit Medien aller Art festzustellen und zu erfassen, welchen Gebrauch Lehrer im Unterricht von ihnen machen. Die Untersuchung ist so angelegt, dass sie gleichzeitig ein Bild von den alltäglichen Maßnahmen zu seiner Kontrolle gestattet. Der vorliegende Beitrag stützt sich nur auf einen Teil der erhobenen Daten, und zwar auf Daten einer nach Bundesländern und Unterrichtsfächern geschichteten Zufallsstichprobe von 827 Grundschullehrern aus 459 Schulen. Am Beispiel ihrer Verwendung von Arbeitsblättern wird versucht, ein Bild von der allgemein üblichen Unterrichtspraxis in der Grundschule und ihren institutionellen Bedingungen zu gewinnen.
Barbara Gaebe
Methodisierung der Willenserziehung als Thema pädagogischer Reflexion im 17. Jahrhundert
Zusammenfassung: Am Beispiel von E. WEIGELS Konzept der Willenserziehung werden drei Fragen verfolgt, die eine sozial- und ideengeschichtliche Einordnung ermöglichen sollen: Unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen werden Moralerziehung und Verhaltensformung zum Thema pädagogischer Reflexion? Wie beeinflusst die Orientierung am frühneuzeitlichen Modell der Geometrisierung der Verfahren die Problemsicht und die Lösung? Was leistet die Lösung im Vergleich zu zeitlich voraufgehenden und zu konkurrierenden Lösungsangeboten?

Besprechungen

Andreas Krapp
Klaus Beck: Empirische Grundlagen der Unterrichtsforschung. Eine kritische Analyse der deskriptiven Leistungsfähigkeit von Beobachtungsmethoden
Klaus Kraimer
Dieter Krohn/ Detlef Horster/ Jürgen Heinentenrich (Hrsg.): Das sokratische Gespräch- ein Symposion
Rainer Winkel
Rupert Vierlinger: Das Schulkreuz der Lehrer. Disziplinstörung und Unterricht
Karl Neumann
Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): Wie geht´s der Familie? Ein Handbuch zur Situation der Familie heute
Karl Neumann
Rosemarie Nave- Herz/ Manfred Markefka (Hrsg.): Handbuch der Familien- und Jugendforschung. Bd. I: Familienforschung

Dokumentation

Pädagogische Neuerscheinungen

Jahrgang 37 – Heft 4 – Juli 1991

Essay

Cornelia Schweppe
„…damit wir überleben…“ - Ein Tag im Leben von Rosa - Bewohnerin eines Armutsviertels von Lima

Thema: Familie und öffentliche Erziehung

Achim Leschinsky
Familie und öffentliche Erziehung - Zur Einführung in den Thementeil
Matthias Grundmann/ Johannes Huinik
Der Wandel der Familienentwicklung und der Sozialisationsbedingungen von Kindern - Situation, Trends und einige Implikationen für das Bildungssystem
Zusammenfassung: Die demographische Statistik weist seit Beginn der siebziger Jahre eine deutliche Zunahme von alternativen Lebensformen und Familientypen aus. Während dem traditionellen Muster des Familienverlaufs im Lebenslauf immer weniger gefolgt wird, bleiben Partnerschaft und Elternschaft nach Auffassung der Autoren auch weiterhin zentrale Elemente der individuellen Lebensgestaltung. Die sozialisatorische Funktion von Familie, auch in ihren alternativen Formen, ist grundsätzlich nicht gefährdet. Gerade das Festhalten an Prinzipien des bürgerlichen Familienstandes in unserer Gesellschaft und die damit einhergehenden strukturellen, politischen und ökonomischen Bedingungen familialen Lebens tragen zu den hoch konfliktiven Verhältnissen bei, die als Krise der Familie diagnostiziert werden. Auch die Bildungssituationen sind in dieser Situation auf vielfältige Weise gefordert, zum Abbau der aktuellen Widersprüche beizutragen.
Wolfgang Tietze/ Hans-Günter Rossbach
Die Betreuung von Kindern im vorschulischen Alter
Zusammenfassung: Studien über die Betreuung und Erziehung von Kleinkindern in der Bundesrepublik sind rar. Die Autoren berichten über eine in einer für die westlichen Bundesländer in der Zeit von der Wiedervereinigung repräsentativen Gruppe von 0- bis 6jährigen Kindern (n=2500) durchgeführte Untersuchung. Die Daten wurden auf der Basis von standardisierten mündlichen Interviews mit den Müttern erstellt und durch ein Tagebuch für die Kinder ergänzt. Die hier dargestellten Ergebnisse betreffen die Häufigkeit und Dauer der verschiedenen Formen der Kinderbetreuung während einer typischen Woche sowie die Anzahl unterschiedlicher Betreuungstypen, die im Tagesablauf eines Kindes vorkommen. Des weiteren wird die Betreuung von Kindern von nicht-berufstätigen Müttern mit der von Kindern von voll berufstätigen Müttern verglichen, und es werden die von den Eltern aufzubringenden Kosten (Geldleistungen, Sachleistungen, Opportunitätskosten) für die Betreuung ihrer Kinder geschätzt. Die Verfasser plädieren für ein System öffentlicher Unterstützung der Kinderbetreuung, das sowohl den Eltern tatsächliche Auswahlmöglichkeiten bietet als auch den Kindern eine qualitativ gute Betreuung.
Yvonne G. Lüders
Hort: Auf der Suche nach einer Zukunft
Zusammenfassung: Vor dem Hintergrund einer jahrzehntelangen Vernachlässigung der Institution Hort in der erziehungswissenschaftlichen Fachdiskussion versucht die Arbeit einen ersten Überblick über die gegenwärtige Situation, den Bedarf und die zukünftigen Entwicklungen zu geben. Dabei wird herausgestellt, dass der Hort gegenwärtig zunächst als sozialpädagogische Einrichtung verstanden werden muss. Angesichts vielfältiger gesellschaftlicher Wandlungsprozesse zeichnen sich jedoch neue Aufgaben im Sinne einer offenen, gemeinwesenbezogenen Bildungseinrichtung ab.
Hildegard Maria Nickel
Sozialisation im Widerstand?- Alltagserfahrungen von DDR-Jugendlichen in Schule und Familie
Zusammenfassung: In diesem Beitrag werden einige Aspekte der DDR Sozialisation diskutiert. Das Markanteste dabei war wohl, dass sich Sozialisation in einem sensiblen Spannungsfeld von privater und öffentlicher Erziehung, von Familie und Schule realisiert. Anhand von empirischen Befunden wird gezeigt, dass der Sozialisationsprozess ein Balanceakt zwischen familiärer Nischenwirklichkeit und formalisierter gesellschaftlicher Erziehung war, ein Verarbeitungsprozess widersprüchlicher, konflikthafter Anforderungsstrukturen. Die Integration desintegrierter Prozesse in den Köpfen der Heranwachsenden bedeutet zwar einerseits ein Leben mit zwei Meinungen, Wahrheiten und Moralen, andererseits aber auch, dass die junge DDR- Generation auf pragmatische Distanz zu offiziellen „sozialistischen“ Werten gegangen war und Mechanismen fand, sich dem totalen Zugriff ideologischer Indoktrination zu entziehen.
Heike Elskemper-Mader/ Michael Leidig/ Johann de Rijke
Die Rolle der Schule im Freizeitverhalten der Kinder
Zusammenfassung: Ausgehend von neueren Thesen zur Veränderung von Kindheit und Überlegungen zum Verhältnis von Schule und Freizeit wird dargestellt, wie in verschieden strukturierten räumlichen Umwelten - Stadt, Land, ballungsnahes Wohngebiet - Kinder ihre freie Zeit gestalten und welche Rolle die Schule für die Zeit am Nachmittag spielt. Erste Ergebnisse einer Befragung von 1056 acht- bis zwölfjährigen Kindern zu den Themen schulische Anforderungen und Freizeitressourcen, Kinderfreundschaft und Schule, Freizeitaktivitäten, Selbständigkeit im öffentlichen Freiraum und Verplanung der Freizeit werden berichtet. Sie deuten darauf hin, dass das Freizeitverhalten von Kindern differenziert gesehen werden muss und insbesondere von sozial-räumlichen Bedingungen abhängt. Daran anknüpfend werden Vorschläge gemacht, wie Schule unter Berücksichtigung der im Umfeld vorhandenen Angebote für Kinder auf deren Freizeitbedürfnisse eingehen kann.

Diskussion

Christel Adick
Globales Modell und regionale Realisation- Schulentwicklung in der sogenannten dritten Welt
Zusammenfassung: Die Autorin bezweifelt, dass die historisch-vergleichende pädagogische Forschung eine „angemessene“ Interpretation der Entwicklung moderner Schulformen in der sogenannten „Dritten Welt“ liefert. Dies verdeutlicht sie am Beispiel der Fanti-Verfassung von 1871. Die Fanti (sie leben im heutigen Ghana, ehemals Goldküste) legten in ihrer Verfassung unter anderem den Grundstein für ein modernes, nationalstaatlich organisiertes, universales Schulsystem. Dieser afrikanische Beitrag zur Entwicklung eines modernen Schulwesens kann nur dann angemessen gewürdigt werden, wenn die weltweite Verbreitung eines modernen Bildungssystems nicht länger als „europäische“ Errungenschaft angesehen wird. Sie sollte vielmehr als integraler Bestand der Entstehung unseres globalen und dennoch antagonistischen „modernen Weltsystems“ betrachtet werden. Die bisherige historisch-vergleichende pädagogische Forschung muss als „eurozentrisch-reduktionistisch“ gelten, da sie den eigenen historischen Beitrag nichteuropäischer Gesellschaften zum Prozeß der Aneignung und Entwicklung moderner Schulformen nicht als wahrhaft konstitutives Element ihrer Forschungsperspektiven erkannt hat.
Barbara Freitag- Rouanet
Bildungskrise und Bildungspolitik in Brasilien
Zusammenfassung: Der UN-Human Development Report 1990 stellt fest, Brasilien habe seine Chancen für eine menschliche Entwicklung verpasst. Diese Einschätzung geht auf die hohe Analphabetismusrate (18,7%)und die niedrige Lebenserwartung (65 Jahre) zurück. Trifft die Diagnose zu? Wie ist dieser Sachverhalt zu erklären?- In diesem Artikel wird die Bildungskrise als Ergebnis der Politik der Militärregierung (1964-1984) und der drauf folgenden Redemokratisierung (1985-1990) gedeutet. Die Bildungspolitik der letzten 30 Jahre wird anhand von drei Themenschwerpunkten (Finanzierung des Bildungswesens, öffentliche und private Schulen und Hochschulen sowie Bildungsqualität) untersucht. Für den Zeitraum von 1990-2000 werden Chancen einer Verbesserung der „menschlichen Entwicklung“ (im Bildungsbereich) gesehen. Dies ist jedoch noch keine Garantie dafür, dass Brasilien im Jahre 2000 zu den reichen Industrienationen zählen wird.

Besprechungen

Helmut Heid
Dietrich Benner: Allgemeine Pädagogik. Eine systemstisch- problemgeschichtliche Einführung in die Grundstruktur pädagogischen Denkens und Handelns
Volker Lenhart
Alfred K. Treml: Einführung in die Allgemeine Pädagogik
Winfried Marotzki
Klaus- Dieter Revermann: Konstruktion und Selbstorganisation. Eine Abhandlung zur Wissenschaftstheorie, Anthropologie und Psychologie der Pädagogik im Rahmen des organismisch-systematischen Modells
Alfred K. Treml
Peter Vogel: Kausalität und Freiheit in der Pädagogik. Studien im Anschluss an die Freiheitsantinomie bei Kant
Karlheinz A. Geissler
Günter Kutscha (Hrsg.): Bildung unter dem Anspruch von Aufklärung. Zur Pädagogik von Herwig Blankertz

Dokumentation

Pädagogische Neuerscheinungen

Jahrgang 37 – Heft 3 – Mai 1991

Essay

Horst Rumpf
Erlebnis und Begriff: Verschiedene Weltzugänge im Umkreis von Piaget, Freud und Wagenschein

Thema: Schulgeschichte

Gert Schubring
„Durchschnittsmenschen,… nicht Genies“ – Zu den Widerständen gegen die neuhumanistische Bildungsreform
Zusammenfassung: Der Artikel ist Teil eines umfangreicheren Programms, die Umsetzung einer zentral geplanten Bildungsreform und der Widerstände dagegen mit sozialhistorischen Methoden zu untersuchen. Es wird ein bislang unbekanntes Dokument vorgestellt und analysiert, dass scharfe Kontroversen in der schulischen Mittelbehörde für Brandenburg 1816 über den sog. SÜVERNschen Lehrplan aufdeckt. Die Kontroverse entstand durch das Aufeinandertreffen der Repräsentanten zweier gegensätzlicher Bildungskonzeptionen: A.F. BERNHARDI, der Haupt-Verfasser des Lehrplans, und J.W.H. NOLTE, dem führenden Schulbeamten der vorhergehenden philanthropinischen Phase in Preußen. Die Gegensätze betrafen nicht nur Unterrichtsinhalte und den schulischen Fächerkanon, sondern mit der Frage der Unterrichtsorganisation (Fachklassen versus Jahrgangsklassen) grundsätzliche Fragen des Menschenbildes.
Michael Sauer
„Es schärfet des Menschen Verstand …“ – Die Entwicklung des Rechenunterrichts in der preußischen Volksschule
Zusammenfassung: Die Entwicklung des Rechenunterrichts in der preußischen Volksschule wird anhand von amtlichen Bestimmungen, Schulbüchern und Berichten über Unterricht beschrieben. Die wesentlichen Veränderungen des Volkschulrechnens vollziehen sich im 19. Jahrhundert. Rechnen etabliert sich als Fach im sich ausbildenden Elementarschulwesen. Es entwickelt sich völlig getrennt von der mathematischen Fachwissenschaft und vom gymnasialen Mathematikunterricht. Die wesentlichen didaktischen Diskussionen spielen sich in der ersten Hälfte des Jahrhunderts unter dem Einfluß PESTALOZZIS ab (formale Bildung versus praktischen Nutzen). Die Entwicklung danach ist vor allem durch außerfachliche Einflüsse vorgegeben (Vereinheitlichung von Maßen und Münzen im Kaiserreich). Didaktik und Lehrplan erreichen in den siebziger Jahren einen Stand, der sich im Grundsätzlichen bis in die jüngere Gegenwart kaum verändert und den die Schulpraxis bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zunächst einmal einholen muß.
Claus-Hinrich Offen
Schule und Gesellschaft während des Vormärz in der Freien und Hansestadt Lübeck
Zusammenfassung: Der Beitrag überprüft in bezug auf die von geringer ökonomischer und gesellschaftlicher Dynamik gekennzeichnete Freie und Hansestadt Lübeck die These, das städtische Schulwesen des Vormärz sei geprägt durch mobilitätsfördernde Schulformen mit sozialheterogenen Schülergruppen statt durch Schultypen zur schichtenspezifischen Reproduktion. Aussagen zur Sozial- und Altersstruktur der Schülerschaft ermöglicht die statistische Auswertung der Daten aller städtischen Schüler des Jahres 1843. Grundlage dieser Aussagen ist neben der realhistorischen Erfassung des Schulsystems ein eigens entworfenes Modell des städtischen Sozialgefüges. Nahezu 90% der städtischen Schülerschaft lassen sich auf diese Weise sozial verorten. Der historische Befund zur Bildungsbeteiligung der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen ist nicht geeignet, die These für Lübeck zu stützen.
Rolf Göppel
Die Burlingham-Rosenfeld-Schule in Wien (1927-1933) – Schule und Unterricht für die Kinder des psychoanalytischen Clans
Zusammenfassung: Selbst im Kreis der psychoanalytisch interessierten Pädagogen ist bisher kaum bekannt, daß in Wien von 1927-1932 eine psychoanalytisch inspirierte „Alternativschule“ mit ERIK ERIKSCON und PETER BLOS als Lehrern existierte. Zunächst wird die Entstehungsgeschichte dieser Schule geschildert und die daran beteiligten Personen werden vorgestellt. Dann wird anhand von konkreten Beispielen die dort praktizierte Form von Unterricht aufgezeigt. Dabei werden besonders die Merkmale der Unterrichtsgestaltung, die direkt oder indirekt von psychoanalytischen Überlegungen ausgingen, diskutiert und in Frage gestellt, in welchem Sinn man bei der Burlingham-Rosenfeld-Schule von einer „psychoanalytischen Schule“ sprechen kann. Ausgehend von persönlichen Erinnerungen ehemaliger Schüler diese Schule wird ferner versucht, „Geist“ und „Ethos“ jener kleinen Privatschule zu beschreiben, sowie darzustellen, welche biographische Bedeutung es für die Kinder des „psychoanalytischen Clans“ hatte, in einer so stark „psychoanalytisch getränkten“ Atmosphäre aufzuwachsen. Zum Schluß wird die überaus wichtige Bedeutung der Dokumentation pädagogischer Experimente hervorgehoben.

Diskussion

Jürgen Oelkers
Das Ende der „sozialistischen Erziehung“? – Bemerkungen zum Verhältnis von Utopie und Wirklichkeit in der Pädagogik
Zusammenfassung: Das Ende des „realen Sozialismus“ gibt Veranlassung, die argumentative Grundstruktur der sozialistischen Erziehung zu überdenken. Der Aufsatz behandelt zunächst den moralischen, religiös durchwirkten Anspruch des Sozialismus im 19. Jahrhundert und in diesem Zusammenhang das Konzept „sozialistischer Erziehung“. Im Anschluß daran wird das Verhältnis von „Erziehung“ und „Gesellschaft“ als ein nicht-instrumentales dargelegt und die Zielerwartungen der „sozialistischen Erziehung“ auf eine irreführende Metaphorik zurückgeführt, abschließend dieser Befund auf den Utopiegedanken der modernen Erziehung ausgedehnt. Die These geht dahin, daß Utopieproduktion für die westliche Kultur unvermeidlich ist, aber in Zukunft mit einem veränderten und gerade für die Plausibilität dieser Zukunftsvision gefährlichen Erziehungsbegriff rechnen muß.

Besprechungen

Hildegard Feidel-Mertz
Ludwig Liegle / Franz-Michale Konrad (Hrsg.): Reformpädagogik in Palästina. Dokumente und Deutungen zu den Versuchen einer „neuen“ Erziehung im jüdischen Gemeinwesen Palästinas 1918-1948
Franz-Michael Konrad
Shimon Sachs: Stefa. Stefania Wilczynskas pädagogische Alltagsarbeit im Waisenhaus Janusz Korczaks
Gérard Kahn
Herwart Kemper: Erziehung als Dialog. Anfragen an Janusz Korczak und Platon-Sokrates
Erich E. Geissler
Walter Asmus: Richard Kroner (1884-1974). Ein Philosoph und Pädagoge unter dem Schatten Hitlers
Jörg Ruhloff
Jürgen Oelkers/Wolfgang K. Schulz/Heinz-Elmar Tenorth (Hrsg.): Neukantianismus. Kulturtheorie, Pädagogik und Philsophie

Dokumentation

Pädagogische Neuerscheinungen

Jahrgang 37 – Heft 2 – März 1991

Thema: Schulische Integration

Heinz-Elmar Tenorth
Integration - Zur Einführung in den Themenschwerpunkt
Urs Haeberlin
Die Integration von leistungsschwachen Schülern – Ein Überblick über empirische Forschungsergebnisse zu Wirkungen von Regelklassen, Integrationsklassen und Sonderklassen auf „Lernbehinderte“
Zusammenfassung: In einem umfassenden Überblick werden empirische Forschungsergebnisse zur Integration von schwachen, bisher meist in Sonderklassen separierten Schülern bildungspolitisch relevanten Forschungsthemen und Problemstellungen zugeordnet. Die Forschungslage in den deutsch- und englischsprachigen Ländern zu den folgenden Merkmalen wird umfassend dargestellt: Soziale und emotionale Integration von schwachen Schülern in die Schulklasse, Begabungskonzept und subjektives Befinden sowie Leistungsfortschritte von schwachen Schülern in die Regelklassen, Integrationsklassen und Sonderklassen. Die empirische Forschungslage wird schließlich mit der wertorientierten Vision einer integrationsfähigen Schule konfrontiert, wodurch schulpolitische Schlussfolgerungen möglich werden. Der Forschungsbericht endet mit der Warnung vor einem Missbrauch der Integrationsutopie durch Schulpolitiker für die Erhaltung des leistunsideologisch fundierten Schulsystems.
Hannelore Reicher
Zur schulischen Integration behinderter Kinder. Eine empirische Untersuchung der Einstellungen von Eltern
Zusammenfassung: In einer empirischen Untersuchung wurden die Einstellungen von 524 Eltern von Volksschulkindern mit unterschiedlicher Integrationserfahrung und –nähe zum Themenkreis der schulischen Integration behinderter Kinder erfragt. Multivariante Auswertungsverfahren zeigten folgende Hauptresultate: Eltern von Integrationskindern lassen sich in ihren Zielvorstellungen durch eine Ablehnung traditioneller pädagogischer Werthaltungen charakterisieren. Die Einstellung zur schulischen Integration ist einerseits von der Integrationsnähe abhängig, andererseits auch von der Behinderungsart: Die schulische Integration körperbehinderter Kinder wird positiver beurteilt; außerdem beurteilen die Eltern von Integrationskindern die Auswirkungen generell positiver als die anderen Elterngruppen. Die Bereitschaft zur Teilnahme an einem Schulversuch ist bei der Hälfte der Eltern ohne Integrationserfahrung gegeben. Relevante Prädiktoren dafür sind die Beurteilung der Auswirkung von Integration und unter anderem auch der Wunsch nach weitern Informationen über das Integrationskonzept.
Gerard Bless/Richard Klaghofer
Begabte Schüler in Integrationsklassen – Untersuchung zur Entwicklung von Schulleistungen, sozialen und emotionalen Faktoren
Zusammenfassung: Der vorliegende Artikel behandelt die Frage, inwieweit sich die Integration von lernbehinderten Kindern in die „Regelklasse mit Heilpädagogischer Schülerhilfe“ auf die Entwicklung von überdurchschnittlich begabten Schülern negativ auswirkt. Die Ergebnisse der durchgeführten Untersuchung liefern keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass begabte Schüler in Integrationsklassen im Vergleich zu begabten in gewöhnlichen Regelklassen bezüglich Schulleistung, sozialer Stellung, subjektiven Wohlbefindens (Schulunlust) und Einschätzung der eigenen schulischen Fähigkeiten (Begabungskonzept) benachteiligt sind.
Gotthilf Gerhard Hiller
Von normierter Einfalt zu normaler Vielfalt. Plädoyer für eine Störung der integrativen Funktion des Bildungssystems
Zusammenfassung: Der Beitrag weckt zunächst grundsätzliche Zweifel daran, ob der landläufige Behinderungsbegriff theoretisch und praktisch für die wichtige Diskussion um Formen und Maßnahmen der Integration überhaupt tauglich ist. Der zweite Teil konzentriert sich auf eine Klärung der Frage, was Integration in eine sich rasch wandelnde Industriegesellschaft inhaltlich konkret zu bedeuten hat. Sechs Mindestforderungen werden benannt und beschreiben, die erfüllt sein müssen, damit ein Individuum als gesellschaftlich integriert gelten kann. Daraus ergeben sich bildungstheoretische Argumente für die Forderung nach einer curricularen Diversifizierung und Pluralisierung im unteren Bereich der Schul- und Ausbildungsgänge.
Günther List
Vom Triumph der „deutschen“ Methode über die Gebärdensprache – Problemskizze zur Pädagogisierung der Gehörlosigkeit im 19. Jahrhundert
Zusammenfassung: Dem Autor geht es darum, die Geschichte der Gehörlosenbildung, die sich auf ein sonderpädagogisches Spezialthema verengt hat, in jenen allgemeinhistorischen Problemhorizont zurückzuholen, in den die aufklärerische Entdeckung der „Bildbarkeit“ des „Taubstummen“ sie gestellt hatte. In der Tat ist unter inter-methodischem Gesichtswinkel nicht erklärbar, warum im 19. Jahrhundert „Pädagogisierung“ des Sektors darauf hinauslief, an der gebärdensprachlichen Eigenkompetenz der Gehörlosen vorbei deren einseitige Anpassung an die Lautsprache der hörenden Mehrheit betreiben, obwohl dies offenkundig scheiterte. Sinnfällig rekonstruieren läßt sich ein Stück negativer Modernisierungsgeschichte, das staatliche Minderheitspolitik und professionelle Standesinteressen zusammenband und, bis in die Köpfe der Betroffenen hineinwirkend, Gehörlosigkeit psychopathologisch festschrieb.

Diskussion

Jean-Claude Wolf
Euthanasie auf abschüssiger Bahn
Zusammenfassung: Zwei hervorstechende Mängel von Singers Präferenzen-Utilitarismus bestehen darin, dass moralische Rechte als redundant betrachtet und autonome Präferenzen ohne weitere Begründung als höherwertig anerkannt werden. Nur ein modifizierter Utilitarismus, wie er von mir skizziert wird, ist in der Lage, das Lebensrecht von Neugeborenen und das Vetorecht von kompetenten Personen gegen unfreiwillige Euthanasie adäquat zu begründen. Singers Argumente nehmen begriffliche Unterscheidung von „freiwilliger und unfreiwilliger“ Euthanasie und „externer und interner“ Lebensbewertung in Anspruch, obwohl sich diese Unterscheidung in der Praxis kaum aufrechterhalten läßt.
Elisabeth Neuhaus- Siemon
Frühleser-Ergebnisse einer Fragebogenerhebung in den Regierungsbezirken Unterfranken und Köln
Zusammenfassung: Der nachfolgende Beitrag rückt eine bisher wenig beachtete Kindergruppe in den Mittelpunkt: Kinder, die bei Schulanfang bereits lesen können. Aus dem Langzeitprojekt „Frühleser“ an der Universität Würzburg, in dem u.a. die Qualität der Leseleistung der Frühleser bei Schulbeginn und in der weiteren Grundschulzeit, ihre literarischen Interessen sowie ihr Schulerfolg untersucht werden, werden die Ergebnisse einer Fragebogenerhebung in den Regierungsbezirken Unterfranken und Köln dargelegt (Frühleserquote, Gründe für das frühe Lesenlernen, Altersverteilung der Frühleser, geschlechtsspezifische Unterschiede u.a.) und Verbindungen zur Frühlesebewegung der ausgehenden sechziger Jahre sowie zur heutigen Kindheitsforschung hergestellt.

Besprechungen

Hans Scheuerl
Gerd E. Schäfer: Spielphantasie und Spielumwelt. Spielen, Bilden und Gestalten als Prozesse zwischen Innen und Außen.
Johannes Gruntz-Stoll
Ludwig Duncker/Friedmann Maurer/Gerd E. Schäfer (Hrsg.): Kindliche Phantasie und ästhetische Erfahrung. Wirklichkeiten zwischen Ich und Welt
Sebastian Müller-Rolli
Konrad Wünsche: Bauhaus: Versuche, das Leben zu ordnen
Heinz-Hermann Krüger
Karin Kleinespel: Schule als biographische Erfahrung. Die Laborschule Urteil ihrer Absolventen
Klaus Prange
Hans Göckel: Vom Unterricht. Lehrbuch der Allgemeinen Didaktik
Heinz-Elmar Tenorth
Sociolinguistica – Internationales Jahrbuch für Europäische Soziolinguistik

Dokumentation

Pädagogische Neuerscheinungen

Jahrgang 37 – Heft 1 – Januar 1991

Essay

Egon Schütz
Humanismus als „Humanismuskritik“

Thema: Theorie der Erziehung

Jürgen Oelkers
Theorie der Erziehung - Ein vernachlässigtes Thema (Einleitung zum Schwerpunkt)
Niklas Luhmann
Das Kind als Medium der Erziehung
Zusammenfassung: Die Frage nach dem Medium der Erziehung greift eine Frage auf, die bisher eher teleologisch und psychologisch beantwortet wurde. Die Einheit der Bemühungen um Erziehung wurden an ihrem Ziel und dieses an der Zustandsveränderung der zu Erziehenden verdeutlicht. Das führt in die Schwierigkeit, dass kein Pädagoge den Innenzustand seines Zöglings, also das, was dieser während des Erzogenwerdens real erlebt, erinnert, erwartet, kennen kann. Und der Nachteil aller Teleologie ist, dass sie keinen Begriff für das doch recht typische Misslingen der Bemühungen bereitstellt. Diese Art Theorie lässt sich durch die Unterscheidung von Medium und Form ersetzen. Über ein Medium bezieht sich ein System auf die Einheit seiner Operationen. Formen binden das Medium zu festen, aber wieder auflösbaren Einheiten. Für den Fall der Erziehung ist das Medium kein reines Kommunikationsmedium wie Geld oder Macht. Vielmehr dient als Medium die Orientierung an möglichen Bewusstseins- und Körperzuständen des Kindes, die man zu Fähigkeiten, Bildungswerten etc. zu koppeln sucht. Ein Medium fungiert immer nur systemintern, also unabhängig davon, was in den Köpfen und Körpern der Kinder aufgrund psychischer und organischer Eigendetermination faktisch vor sich geht.
Walter Herzog
Die Banalität des Guten. Zur Begründung der moralischen Erziehung
Zusammenfassung: Das pädagogische Verhältnis wird fundiert von einem sozialen Verhältnis, in dem sich Erzieher und Edukand gegenseitig als Subjekte anerkennen. Die erste Aufgabe, die ein neugeborenes Kind und seine primären Pflegepersonen zu lösen haben, ist der Aufbau eines Bereichs von Intersubjektivität, durch den erzieherische Handlungen allererst möglich werden. Erziehung als Prozess der Beeinflussung von Subjektivität kann als sukzessive Erweiterung der reziproken Beziehung von Erzieher und Edukand verstanden werden. Damit lassen sich grundlegende moralische Kategorien im personalen und edukativen Verhältnis von Erzieher und Edukand festmachen. Denn die beiden Moralprinzipien der Gerechtigkeit und des Wohlwollens entsprechen der symmetrischen Beziehung von Erzieher und Edukand einerseits und ihrem asymmetrischen Verhältnis andererseits. Die erzieherische Situation ist selbst ein Ort moralischer Erfahrungen. Dass Kinder bereits früh zu moralischer Einsicht fähig sind, zeigen neuere psychologische Untersuchungen. Ziel der moralischen Erziehung kann daher nicht sein, Kinder gut zu machen, sondern ihnen bei der Interpretation und Anwendung ihrer moralischen Intuitionen behilflich zu sein.
Jan Masschelein
Die ergebnislose und die funktionslose Erziehung. Gemeinschaft, Öffentlichkeit und Immanenz
Zusammenfassung: Die Erfahrung des Verlusts einer absoluten Gemeinschaft, die für die Pädagogik als modernes theoretisches Projekt grundlegend ist, ergibt sich als Erfahrung von Kontingenz und Widerstreben (Schleiermacher). Ich will nachweisen, dass sich eine Konzeptualisierung der Erziehung entwickelt hat, die zwar von dieser Kontingenz weiß und sich des Widerstands bewusst ist, jedoch zugleich diesen Phänomenen keine systematische Bedeutung beimisst. Ich argumentiere, dass die Neutralisierung dieser Erfahrungen stattfindet, weil die ‚vollkommene Gemeinschaft’, wie Schleiermacher darstellt, Richtpunkt der Erziehung bleibt, und diese ‚vollkommene Gemeinschaft’ eigentlich in gewissem Sinne als immanent betrachtet wird. Das (verlorene) Absolute (im Sinne von ‚ohne Beziehung’) kehrt wieder in einer doppelten und symmetrischen Figur dieser Immanenz. Dieser Verlust ist genau in einem anderen Sinne konstitutiv für die Gemeinschaft. Die Gemeinschaft ist nicht ‚vollkommen’, das Prinzip der Gemeinschaft ist Unvollendung und Unterbrechung. Kontingenz und Widerstand, als Ausdruck dieser Gemeinschaft, sind nicht nur als ‚Probleme’ für die Erziehung zu betrachten, sondern als konstitutiv für sie. Die Erziehung hat nicht die Aufgabe, die Kontingenz und den Widerstand zu neutralisieren, sondern die Gemeinschaft ‚offen’ zu halten.
Jan Steutel
Konzepte und Konzeptionen. Zum Problem einer analytischen Erziehungsphilosophie
Zusammenfassung: In der „Philosophy of Education“ stand jahrelang die Analyse zentraler pädagogischer Begriffe im Vordergrund. Kritik an dieser Form der philosophischen Forschung hat es immer gegeben. Vor allem wurde die Möglichkeit einer neutralen Analyse von Begriffen in Frage gestellt. Wiederholt wurde darauf verwiesen, dass die Analyse pädagogischer Konzepte einerseits und normativer Konzeptionen der pädagogischen Praxis andererseits untrennbar verflochten sind. Trifft diese Kritik zu? Zur Beantwortung dieser Frage werden verschiedene Verflechtungen zwischen Begriffsanalyse und normativen Konzeptionen unterschieden. Desweiteren wird untersucht, inwieweit die beschriebenen Verflechtungen unvermeidlich sind und eine neutrale Analyse von Begriffen prinzipiell unmöglich machen. Dabei wird vor allem der Diskussion der sogenannten „Essentially Contested Concepts“ Aufmerksamkeit gewidmet.

Diskussion

Joachim Kahlert
Die mißverstandene Krise. Theoriedefizite in der umweltpädagogischen Kommunikation
Zusammenfassung: Der Beitrag stellt den Versuch dar, unzureichende Annahmen über Mensch und Gesellschaft in der umweltpädagogischen Literatur zu identifizieren und zur Diskussion zu stellen. Dazu bietet der Verfasser zunächst einen Reflexionsrahmen an, der am Beispiel der Aufstellung einer Prioritätenliste für Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung auf die Schwierigkeiten aufmerksam machen soll, die auftreten, wenn man sich in einer als Ganzes nicht überschaubaren Gesellschaft um Verständigung über die Umweltkrise bemüht. Danach analysiert der Verfasser einige in der umweltpädagogischen Literatur verbreitete Stellungnahmen zur Beschreibung, Erklärung und Eindämmung der Umweltkrise. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Ignoranz gegenüber den Verständnisschwierigkeiten über die Umweltkrise fundamentalistischen Behauptungen über Menschen und Gesellschaft in der umweltpädagogischen Literatur Vorschub leisten.
Hartmut von Hentig
Gärungsprozesse statt Ablagerungen – oder: Erwartungen an ein Handbuch

Besprechungen

Hans-Ulrich Grunder
Jeismann, Karl-Ernst/Lundgreen, Peter (Hrsg.) Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band III. 1800-1870: Von der Neuordnung Deutschlands bis zur Gründung des Deutschen Reiches
Hans-Ulrich Grunder
Langewiesche, Dieter/Tenorth, Heinz-Elmar(Hrsg.): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band V. 1918-1945: Die Weimarer Republik und die nationalsozialistische Diktatur
Andreas Flitner
Italien im Bannkreis Napoleons. Die römischen Gesandtschaftsbriefe Wilhelm von Humboldts an den Landgraf/Großherzog von Hessen-Darmstadt 1803-1809
Dietrich Benner
Peter Euler: Pädagogik und Universalienstreit. Zur Bedeutung von F. I. Niethammerst pädagogischer „Streitschrift“
Hans Glöckel
Elmar Schwinger: Literarische Erziehung und Gymnasien. Zur Entwicklung des bayerischen Gymnasiums in der Ära Niethammer/Thiersch
Heinz-Elmar Tenorth/Christian Lüders
BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History
Heinz-Elmar Tenorth/Christian Lüders
History and Memory – Studies in Representation of the Past

Dokumentation

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