Zusammenfassung: Schulentwicklung wurde in den sechziger und siebziger Jahren im wesentlichen als Entwicklung des Gesamtsystems begriffen. Forschungsergebnisse über die Gelingens- und Mißlingensbedingungen von schulischen Innovationen sowie der besondere Charakter der Schule als pädagogische Organisation legen es allerdings nahe, Schulentwicklung stärker als Entwicklung von Einzelschulen zu thematisieren. Das ist seit den achtziger Jahren auch der Fall-vor allem im Zusammenhang mit Forschungen zur sogenannten Qualität von Schulen. Die in diesem Zusammenhang herausgearbeiteten Kriterien eignen sich allerdings nicht als Indikatoren von Schulentwicklung. Angemessener ist vermutlich ein Metakriterium, das die Problemlösekapazität von Schulen zu bestimmen versucht. Eine Erhöhung der Problemlösungskapazität von Schulen setzt allerdings ein Unterstützungssystem voraus, das nur auf Gesamtsystemebene etabliert werden kann, weshalb das Gesamtsystem doch wieder in den Blick von Schulentwicklungsforschung gerät, allerdings in veränderter Perspektive.
Historisch relativ stabil bleibende soziale Selektionsphänomene im Bildungswesen führen zur Frage, wodurch Schule mangelnde Chancengleichheit unterstützt. Unterschiedliche Theorieansätze geben Hinweise auf curriculare Gründe für die Permanenz von Selektionseffekten. Empirische Untersuchungen an inzwischen mehr als 2000 AbsolventInnen des Oberstufen-Kollegs an der Universität Bielefeld belegen, daß dort die Auslese von benachteiligten Jugendlichen (wie Kindern aus Unterschichten) nicht auftritt. Die Autorin entfaltet unter Hinweis auf weitere Ergebnisse der Kollegiatenbefragungen, auf Untersuchungen der Rutter-Studie sowie Studien zu Arbeiterkindern an den Hochschulen die These, daß neben der curricularen Reform ein Set von strukturellen Faktoren zur Förderung von Chancengleichheit beitragen kann, wie z.B.: hohe Autonomie und Selbstorganisation des Kollegiums, die Möglichkeit der KollegiatInnen zur Mitbestimmung über Unterrichtsinhalte und –formen, sowie der durch einen speziellen Aufnahmeschlüssel garantierten Heterogenität der Kollegiatenschaft.
Zusammenfassung: Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Frage, welche Erfahrungen in der bundesdeutschen Reformphase seit 1965 Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik miteinander gemacht haben – und welche Konsequenzen daraus künftig für wissenschaftliches Arbeiten zu ziehen sind. In einem ersten Schritt werden die strukturellen Unterschiede zwischen „Erziehungswissenschaft“ und „Bildungspolitik“ herausgearbeitet, um dann nach der Möglichkeit zu fragen, bildungspolitische Entscheidungen durch gezielte Forschung direkt zu beeinflussen. Daran anschließend wird die These entfaltet, daß erziehungswissenschaftliches Arbeiten Bildungspolitik nicht direkt, sondern eher in langfristiger Weise indirekt beeinflusst.
Zusammenfassung: Die vorliegende Studie untersucht, was Kinder unterschiedlichen Alters über das Verheimlichen oder Gestehen von Missetaten anderer denken. Besonders interessierte dabei, welche Rolle die Erwartung elterlicher Strafen spielt und welche Funktion möglichen Strafen zugesprochen wird. In halbstrukturierten Einzelinterviews wurden 100 Kinder (je 10 Jungen und Mädchen im Alter von 5, 6, 8, 10 und 12 Jahren) zu Geschichten befragt, in denen der Protagonist seinem Freund eine Missetat gesteht. Die Analysen zeigen, das 5- und 6jährige Kinder mehrheitlich für eine „gerechte Strafe“ und somit für eine Offenlegung der Missetat gegenüber den Eltern plädieren. Ältere Kinder sind eher für eine Verheimlichung, um dem Freund elterliche Strafen aber auch andere soziale Folgen der Normverletzung zu ersparen. Befürworten die Älteren eine Offenlegung, so aufgrund taktischer Gründe (Strafminderung) oder „therapeutische“ Motive (Erleichterung durch Aussprache). Fragen der Angemessenheit von Strafen und die Rolle Gleichaltriger als moralische Instanz treten mit zunehmendem Alter in den Vordergrund.
Zusammenfassung: Diese mit Unterstützung des schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung durchgeführte Studie im Bereich der pädagogischen Psychologie betrifft Primar- und Sekundarschüler und spielt sich im Rahmen des regulären Schulunterrichts ab. Sie erstreckte sich über eine Versuchsdauer von zwei Jahren. Das Ziel war es, die Schüler ihre eigenen Strategien entwickeln zu lassen und sie damit auf dem Weg zu eigenständigem Lernen in den Bereichen mathematisches Problemlösen, Wissenserwerb und Texte schreiben zu unterstützen. Dies geschah in der Auseinandersetzung mit Ausführungsmodellen von Lehrern und Mitschülern und durch die Beobachtung und Reflexion der eigenen Arbeits- und Lernprozesse. Die Schüler waren angehalten, ihre Lernerfahrungen in Arbeitsheften schriftlich festzuhalten. Sie arbeiteten in Lernpartnerschaften, in denen Probleme des Lernens besprochen und Lernerfahrungen ausgetauscht wurden. Erfahrungen der Lernpartnerschaften wurden zusammen mit den Lehrern in Klassenkonferenzen diskutiert und verarbeitet. Auf diese Weise gelang es, die individuellen Repertoires an Arbeits- und Lernverfahren aufgrund der Analyse und der Evaluation der eigenen Lernerfahrungen zu erweitern. Es gelang den Schülern auch, in der Ausführung und Kontrolle ihrer Arbeit eigenständiger zu werden. Die Anwendung der metakognitiven Verfahren führte zu ermutigenden Beispielen für selbstentwickelte Arbeits- und Lernstrategien.
Zusammenfassung: Für die Bewältigung ihrer beruflichen Aufgaben benötigen Lehrer professionelles Wissen, das aus verschiedenen Disziplinen stammt, nämlich aus den Wissenschaftsdisziplinen der von ihnen unterrichteten Fächer und aus der Pädagogik. Im Rahmen ihrer Ausbildung und ihrer beruflichen Entwicklung müssen sie solches Wissen unterschiedlicher Herkunft integrieren, d.h. insoweit in Beziehung setzen, dass sie ihre tägliche Arbeit daran orientieren können. In dem Beitrag wird der Umgang mit Wissen verschiedener disziplinärer Herkunft empirisch untersucht. Vierzig Berufsschullehrer, die Fachrechnen unterrichten, wurden zu ihrem Unterricht befragt. Die Antworten wurden daraufhin analysiert, welche Auffassungen über die Beziehung von Berufskunde (Metallberufen) und Mathematik die Vorstellungen über Unterricht bestimmen. Außerdem wurde das professionelle Selbstverständnis (Spezialist für Pädagogik, Berufsfeld oder Mathematik) erfragt. Es wird dargestellt, dass die kognitive Integration von Wissen verschiedenen Typs in vielen qualifizierten Berufen erforderlich ist.
Zusammenfassung: In dem Beitrag wird eine Methode zur erziehungswissenschaftlichen Analyse von Unterrichtsinhalten vorgestellt. Vor dem Hintergrund begrifflicher Bestimmungen zum Unterricht überhaupt und in Schule wird in Anlehnung an BELLACK und SCHÜTZ ein theoretischer Bezugsrahmen entfaltet, der es erlaubt, Unterrichtsinhalte empirisch zu erfassen. Das Prinzip der Methode der Analyse besteht darin, einen ganz bestimmten Unterricht und seinen Inhalt in einen geordneten Zusammenhang mit anderen, ihn erläuternden und verständlich machenden Sachverhalten zu bringen: den Erfahrungen der Schüler, der Alltagsdidaktik des Lehrers, den Anweisungen des Lehrplans, der Autorität des Staates usw. Ein Beispiel aus dem schulischen Pädagogikunterricht soll der Illustration dieser Methode der „lokalen Topographie“ dienen.
Zusammenfassung: Der Beitrag ist Teil einer größeren empirischen Untersuchung zum Einsatz von Lehr- und Lernmitteln im Unterricht. Ihr erstes Ziel ist, die Ausstattung allgemeinbildender Schulen mit Medien aller Art festzustellen und zu erfassen, welchen Gebrauch Lehrer im Unterricht von ihnen machen. Die Untersuchung ist so angelegt, dass sie gleichzeitig ein Bild von den alltäglichen Maßnahmen zu seiner Kontrolle gestattet. Der vorliegende Beitrag stützt sich nur auf einen Teil der erhobenen Daten, und zwar auf Daten einer nach Bundesländern und Unterrichtsfächern geschichteten Zufallsstichprobe von 827 Grundschullehrern aus 459 Schulen. Am Beispiel ihrer Verwendung von Arbeitsblättern wird versucht, ein Bild von der allgemein üblichen Unterrichtspraxis in der Grundschule und ihren institutionellen Bedingungen zu gewinnen.
Zusammenfassung: Die demographische Statistik weist seit Beginn der siebziger Jahre eine deutliche Zunahme von alternativen Lebensformen und Familientypen aus. Während dem traditionellen Muster des Familienverlaufs im Lebenslauf immer weniger gefolgt wird, bleiben Partnerschaft und Elternschaft nach Auffassung der Autoren auch weiterhin zentrale Elemente der individuellen Lebensgestaltung. Die sozialisatorische Funktion von Familie, auch in ihren alternativen Formen, ist grundsätzlich nicht gefährdet. Gerade das Festhalten an Prinzipien des bürgerlichen Familienstandes in unserer Gesellschaft und die damit einhergehenden strukturellen, politischen und ökonomischen Bedingungen familialen Lebens tragen zu den hoch konfliktiven Verhältnissen bei, die als Krise der Familie diagnostiziert werden. Auch die Bildungssituationen sind in dieser Situation auf vielfältige Weise gefordert, zum Abbau der aktuellen Widersprüche beizutragen.
Zusammenfassung: Studien über die Betreuung und Erziehung von Kleinkindern in der Bundesrepublik sind rar. Die Autoren berichten über eine in einer für die westlichen Bundesländer in der Zeit von der Wiedervereinigung repräsentativen Gruppe von 0- bis 6jährigen Kindern (n=2500) durchgeführte Untersuchung. Die Daten wurden auf der Basis von standardisierten mündlichen Interviews mit den Müttern erstellt und durch ein Tagebuch für die Kinder ergänzt. Die hier dargestellten Ergebnisse betreffen die Häufigkeit und Dauer der verschiedenen Formen der Kinderbetreuung während einer typischen Woche sowie die Anzahl unterschiedlicher Betreuungstypen, die im Tagesablauf eines Kindes vorkommen. Des weiteren wird die Betreuung von Kindern von nicht-berufstätigen Müttern mit der von Kindern von voll berufstätigen Müttern verglichen, und es werden die von den Eltern aufzubringenden Kosten (Geldleistungen, Sachleistungen, Opportunitätskosten) für die Betreuung ihrer Kinder geschätzt. Die Verfasser plädieren für ein System öffentlicher Unterstützung der Kinderbetreuung, das sowohl den Eltern tatsächliche Auswahlmöglichkeiten bietet als auch den Kindern eine qualitativ gute Betreuung.
Zusammenfassung: In diesem Beitrag werden einige Aspekte der DDR Sozialisation diskutiert. Das Markanteste dabei war wohl, dass sich Sozialisation in einem sensiblen Spannungsfeld von privater und öffentlicher Erziehung, von Familie und Schule realisiert. Anhand von empirischen Befunden wird gezeigt, dass der Sozialisationsprozess ein Balanceakt zwischen familiärer Nischenwirklichkeit und formalisierter gesellschaftlicher Erziehung war, ein Verarbeitungsprozess widersprüchlicher, konflikthafter Anforderungsstrukturen. Die Integration desintegrierter Prozesse in den Köpfen der Heranwachsenden bedeutet zwar einerseits ein Leben mit zwei Meinungen, Wahrheiten und Moralen, andererseits aber auch, dass die junge DDR- Generation auf pragmatische Distanz zu offiziellen „sozialistischen“ Werten gegangen war und Mechanismen fand, sich dem totalen Zugriff ideologischer Indoktrination zu entziehen.
Zusammenfassung: Ausgehend von neueren Thesen zur Veränderung von Kindheit und Überlegungen zum Verhältnis von Schule und Freizeit wird dargestellt, wie in verschieden strukturierten räumlichen Umwelten - Stadt, Land, ballungsnahes Wohngebiet - Kinder ihre freie Zeit gestalten und welche Rolle die Schule für die Zeit am Nachmittag spielt. Erste Ergebnisse einer Befragung von 1056 acht- bis zwölfjährigen Kindern zu den Themen schulische Anforderungen und Freizeitressourcen, Kinderfreundschaft und Schule, Freizeitaktivitäten, Selbständigkeit im öffentlichen Freiraum und Verplanung der Freizeit werden berichtet. Sie deuten darauf hin, dass das Freizeitverhalten von Kindern differenziert gesehen werden muss und insbesondere von sozial-räumlichen Bedingungen abhängt. Daran anknüpfend werden Vorschläge gemacht, wie Schule unter Berücksichtigung der im Umfeld vorhandenen Angebote für Kinder auf deren Freizeitbedürfnisse eingehen kann.
Zusammenfassung: Die Autorin bezweifelt, dass die historisch-vergleichende pädagogische Forschung eine „angemessene“ Interpretation der Entwicklung moderner Schulformen in der sogenannten „Dritten Welt“ liefert. Dies verdeutlicht sie am Beispiel der Fanti-Verfassung von 1871. Die Fanti (sie leben im heutigen Ghana, ehemals Goldküste) legten in ihrer Verfassung unter anderem den Grundstein für ein modernes, nationalstaatlich organisiertes, universales Schulsystem. Dieser afrikanische Beitrag zur Entwicklung eines modernen Schulwesens kann nur dann angemessen gewürdigt werden, wenn die weltweite Verbreitung eines modernen Bildungssystems nicht länger als „europäische“ Errungenschaft angesehen wird. Sie sollte vielmehr als integraler Bestand der Entstehung unseres globalen und dennoch antagonistischen „modernen Weltsystems“ betrachtet werden. Die bisherige historisch-vergleichende pädagogische Forschung muss als „eurozentrisch-reduktionistisch“ gelten, da sie den eigenen historischen Beitrag nichteuropäischer Gesellschaften zum Prozeß der Aneignung und Entwicklung moderner Schulformen nicht als wahrhaft konstitutives Element ihrer Forschungsperspektiven erkannt hat.
Zusammenfassung: Der Artikel ist Teil eines umfangreicheren Programms, die Umsetzung einer zentral geplanten Bildungsreform und der Widerstände dagegen mit sozialhistorischen Methoden zu untersuchen. Es wird ein bislang unbekanntes Dokument vorgestellt und analysiert, dass scharfe Kontroversen in der schulischen Mittelbehörde für Brandenburg 1816 über den sog. SÜVERNschen Lehrplan aufdeckt. Die Kontroverse entstand durch das Aufeinandertreffen der Repräsentanten zweier gegensätzlicher Bildungskonzeptionen: A.F. BERNHARDI, der Haupt-Verfasser des Lehrplans, und J.W.H. NOLTE, dem führenden Schulbeamten der vorhergehenden philanthropinischen Phase in Preußen. Die Gegensätze betrafen nicht nur Unterrichtsinhalte und den schulischen Fächerkanon, sondern mit der Frage der Unterrichtsorganisation (Fachklassen versus Jahrgangsklassen) grundsätzliche Fragen des Menschenbildes.
Zusammenfassung: Selbst im Kreis der psychoanalytisch interessierten Pädagogen ist bisher kaum bekannt, daß in Wien von 1927-1932 eine psychoanalytisch inspirierte „Alternativschule“ mit ERIK ERIKSCON und PETER BLOS als Lehrern existierte. Zunächst wird die Entstehungsgeschichte dieser Schule geschildert und die daran beteiligten Personen werden vorgestellt. Dann wird anhand von konkreten Beispielen die dort praktizierte Form von Unterricht aufgezeigt. Dabei werden besonders die Merkmale der Unterrichtsgestaltung, die direkt oder indirekt von psychoanalytischen Überlegungen ausgingen, diskutiert und in Frage gestellt, in welchem Sinn man bei der Burlingham-Rosenfeld-Schule von einer „psychoanalytischen Schule“ sprechen kann. Ausgehend von persönlichen Erinnerungen ehemaliger Schüler diese Schule wird ferner versucht, „Geist“ und „Ethos“ jener kleinen Privatschule zu beschreiben, sowie darzustellen, welche biographische Bedeutung es für die Kinder des „psychoanalytischen Clans“ hatte, in einer so stark „psychoanalytisch getränkten“ Atmosphäre aufzuwachsen. Zum Schluß wird die überaus wichtige Bedeutung der Dokumentation pädagogischer Experimente hervorgehoben.
Zusammenfassung: Das Ende des „realen Sozialismus“ gibt Veranlassung, die argumentative Grundstruktur der sozialistischen Erziehung zu überdenken. Der Aufsatz behandelt zunächst den moralischen, religiös durchwirkten Anspruch des Sozialismus im 19. Jahrhundert und in diesem Zusammenhang das Konzept „sozialistischer Erziehung“. Im Anschluß daran wird das Verhältnis von „Erziehung“ und „Gesellschaft“ als ein nicht-instrumentales dargelegt und die Zielerwartungen der „sozialistischen Erziehung“ auf eine irreführende Metaphorik zurückgeführt, abschließend dieser Befund auf den Utopiegedanken der modernen Erziehung ausgedehnt. Die These geht dahin, daß Utopieproduktion für die westliche Kultur unvermeidlich ist, aber in Zukunft mit einem veränderten und gerade für die Plausibilität dieser Zukunftsvision gefährlichen Erziehungsbegriff rechnen muß.
Zusammenfassung: Dem Autor geht es darum, die Geschichte der Gehörlosenbildung, die sich auf ein sonderpädagogisches Spezialthema verengt hat, in jenen allgemeinhistorischen Problemhorizont zurückzuholen, in den die aufklärerische Entdeckung der „Bildbarkeit“ des „Taubstummen“ sie gestellt hatte. In der Tat ist unter inter-methodischem Gesichtswinkel nicht erklärbar, warum im 19. Jahrhundert „Pädagogisierung“ des Sektors darauf hinauslief, an der gebärdensprachlichen Eigenkompetenz der Gehörlosen vorbei deren einseitige Anpassung an die Lautsprache der hörenden Mehrheit betreiben, obwohl dies offenkundig scheiterte. Sinnfällig rekonstruieren läßt sich ein Stück negativer Modernisierungsgeschichte, das staatliche Minderheitspolitik und professionelle Standesinteressen zusammenband und, bis in die Köpfe der Betroffenen hineinwirkend, Gehörlosigkeit psychopathologisch festschrieb.
Zusammenfassung: Zwei hervorstechende Mängel von Singers Präferenzen-Utilitarismus bestehen darin, dass moralische Rechte als redundant betrachtet und autonome Präferenzen ohne weitere Begründung als höherwertig anerkannt werden. Nur ein modifizierter Utilitarismus, wie er von mir skizziert wird, ist in der Lage, das Lebensrecht von Neugeborenen und das Vetorecht von kompetenten Personen gegen unfreiwillige Euthanasie adäquat zu begründen. Singers Argumente nehmen begriffliche Unterscheidung von „freiwilliger und unfreiwilliger“ Euthanasie und „externer und interner“ Lebensbewertung in Anspruch, obwohl sich diese Unterscheidung in der Praxis kaum aufrechterhalten läßt.
Zusammenfassung: Der nachfolgende Beitrag rückt eine bisher wenig beachtete Kindergruppe in den Mittelpunkt: Kinder, die bei Schulanfang bereits lesen können. Aus dem Langzeitprojekt „Frühleser“ an der Universität Würzburg, in dem u.a. die Qualität der Leseleistung der Frühleser bei Schulbeginn und in der weiteren Grundschulzeit, ihre literarischen Interessen sowie ihr Schulerfolg untersucht werden, werden die Ergebnisse einer Fragebogenerhebung in den Regierungsbezirken Unterfranken und Köln dargelegt (Frühleserquote, Gründe für das frühe Lesenlernen, Altersverteilung der Frühleser, geschlechtsspezifische Unterschiede u.a.) und Verbindungen zur Frühlesebewegung der ausgehenden sechziger Jahre sowie zur heutigen Kindheitsforschung hergestellt.
Zusammenfassung: Die Frage nach dem Medium der Erziehung greift eine Frage auf, die bisher eher teleologisch und psychologisch beantwortet wurde. Die Einheit der Bemühungen um Erziehung wurden an ihrem Ziel und dieses an der Zustandsveränderung der zu Erziehenden verdeutlicht. Das führt in die Schwierigkeit, dass kein Pädagoge den Innenzustand seines Zöglings, also das, was dieser während des Erzogenwerdens real erlebt, erinnert, erwartet, kennen kann. Und der Nachteil aller Teleologie ist, dass sie keinen Begriff für das doch recht typische Misslingen der Bemühungen bereitstellt. Diese Art Theorie lässt sich durch die Unterscheidung von Medium und Form ersetzen. Über ein Medium bezieht sich ein System auf die Einheit seiner Operationen. Formen binden das Medium zu festen, aber wieder auflösbaren Einheiten. Für den Fall der Erziehung ist das Medium kein reines Kommunikationsmedium wie Geld oder Macht. Vielmehr dient als Medium die Orientierung an möglichen Bewusstseins- und Körperzuständen des Kindes, die man zu Fähigkeiten, Bildungswerten etc. zu koppeln sucht. Ein Medium fungiert immer nur systemintern, also unabhängig davon, was in den Köpfen und Körpern der Kinder aufgrund psychischer und organischer Eigendetermination faktisch vor sich geht.
Zusammenfassung: Das pädagogische Verhältnis wird fundiert von einem sozialen Verhältnis, in dem sich Erzieher und Edukand gegenseitig als Subjekte anerkennen. Die erste Aufgabe, die ein neugeborenes Kind und seine primären Pflegepersonen zu lösen haben, ist der Aufbau eines Bereichs von Intersubjektivität, durch den erzieherische Handlungen allererst möglich werden. Erziehung als Prozess der Beeinflussung von Subjektivität kann als sukzessive Erweiterung der reziproken Beziehung von Erzieher und Edukand verstanden werden. Damit lassen sich grundlegende moralische Kategorien im personalen und edukativen Verhältnis von Erzieher und Edukand festmachen. Denn die beiden Moralprinzipien der Gerechtigkeit und des Wohlwollens entsprechen der symmetrischen Beziehung von Erzieher und Edukand einerseits und ihrem asymmetrischen Verhältnis andererseits. Die erzieherische Situation ist selbst ein Ort moralischer Erfahrungen. Dass Kinder bereits früh zu moralischer Einsicht fähig sind, zeigen neuere psychologische Untersuchungen. Ziel der moralischen Erziehung kann daher nicht sein, Kinder gut zu machen, sondern ihnen bei der Interpretation und Anwendung ihrer moralischen Intuitionen behilflich zu sein.
Zusammenfassung: Die Erfahrung des Verlusts einer absoluten Gemeinschaft, die für die Pädagogik als modernes theoretisches Projekt grundlegend ist, ergibt sich als Erfahrung von Kontingenz und Widerstreben (Schleiermacher). Ich will nachweisen, dass sich eine Konzeptualisierung der Erziehung entwickelt hat, die zwar von dieser Kontingenz weiß und sich des Widerstands bewusst ist, jedoch zugleich diesen Phänomenen keine systematische Bedeutung beimisst. Ich argumentiere, dass die Neutralisierung dieser Erfahrungen stattfindet, weil die ‚vollkommene Gemeinschaft’, wie Schleiermacher darstellt, Richtpunkt der Erziehung bleibt, und diese ‚vollkommene Gemeinschaft’ eigentlich in gewissem Sinne als immanent betrachtet wird. Das (verlorene) Absolute (im Sinne von ‚ohne Beziehung’) kehrt wieder in einer doppelten und symmetrischen Figur dieser Immanenz. Dieser Verlust ist genau in einem anderen Sinne konstitutiv für die Gemeinschaft. Die Gemeinschaft ist nicht ‚vollkommen’, das Prinzip der Gemeinschaft ist Unvollendung und Unterbrechung. Kontingenz und Widerstand, als Ausdruck dieser Gemeinschaft, sind nicht nur als ‚Probleme’ für die Erziehung zu betrachten, sondern als konstitutiv für sie. Die Erziehung hat nicht die Aufgabe, die Kontingenz und den Widerstand zu neutralisieren, sondern die Gemeinschaft ‚offen’ zu halten.
Zusammenfassung: Der Beitrag stellt den Versuch dar, unzureichende Annahmen über Mensch und Gesellschaft in der umweltpädagogischen Literatur zu identifizieren und zur Diskussion zu stellen. Dazu bietet der Verfasser zunächst einen Reflexionsrahmen an, der am Beispiel der Aufstellung einer Prioritätenliste für Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung auf die Schwierigkeiten aufmerksam machen soll, die auftreten, wenn man sich in einer als Ganzes nicht überschaubaren Gesellschaft um Verständigung über die Umweltkrise bemüht. Danach analysiert der Verfasser einige in der umweltpädagogischen Literatur verbreitete Stellungnahmen zur Beschreibung, Erklärung und Eindämmung der Umweltkrise. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Ignoranz gegenüber den Verständnisschwierigkeiten über die Umweltkrise fundamentalistischen Behauptungen über Menschen und Gesellschaft in der umweltpädagogischen Literatur Vorschub leisten.