"Eine Brücke über den Riss der Zeit..."
Das Leben und Wirken der Journalistin und Schriftstellerin Hertha Pauli

Tagung in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung (ÖG-KJLF)

Datum: 9.6.2006
Beginn 10h
Konzeption: Mag. Dr. Susanne Blumesberger und Univ. Doz. Mag. Dr. Ernst Seibert
Ort: Institut für Wissenschaft und Kunst,
Berggasse 17, 1090 Wien

Helena Lanzer-Sillèn  bei ihrem Vortrag in WienHertha Pauli, die Wienerin
Hertha Pauli, laut den meisten Lexika am 4.9.1909 in Wien geboren, gemäß amtlichen Dokumenten drei Jahre zuvor, wuchs im Villenviertel, dem sogenannten "Cottage" auf. Sie war die Enkelin von Friedrich Schütz (1844-1908), Schriftsteller und Journalist und von Bertha Schütz (1847-1916), Hofopernsängerin. Hertha Paulis Vater Wolfgang Josef Pauli (1869-1955) war Arzt und Biochemiker an der Universität Wien, bis zu seiner Emigration in die Schweiz 1938 Vorstand des Institutes für medizinische Kolloidchemie. Paulis Mutter Bertha Schütz (1878-1927), war in der Frauenbewegung aktiv und Journalistin der "Neuen Freien Presse". Prominentestes Mitglied der Familie war Hertha Paulis Bruder Wolfgang Pauli (1900-1958) Kernphysiker, der 1929 zusammen mit Werner Heisenberg die Quantenfeldtheorie schuf. Er erhielt 1945 den Nobelpreis.

Hertha Pauli, die "Halbchristin"
Obwohl ihre Familie zum Teil jüdischer Herkunft war, fühlte sich Hertha Pauli ihr ganzes Leben als "Halbchristin". Ihre Einstellung und ihr familiärer Hintergrund schützte sie jedoch nicht, in der Zeit des Nationalsozialismus diffamiert und verfolgt zu werden.

Hertha Pauli, die Schauspielerin
Sehr wichtig wurde schon bald das Theater. Dafür nahm sie Unstimmigkeiten in der Familie in Kauf und verliess vorzeitig die Schule - sie besuchte dasselbe Döblinger Gymnasium wie ihr Bruder. Ihre Mutter brachte sie daraufhin zu Hedwig Bleibtreu in der Hoffnung, dass diese ihr die Idee, Schauspielerin zu werden, ausreden sollte. Hedwig Bleibtreu soll aber gesagt haben: "Frau Professor, da kann man nix machen. Sie ist fürs Theater geboren". Hertha Pauli nahm bei Hedwig Bleibtreu Schauspielunterricht und studierte das Fach Drama an der Wiener Kunstakademie. 1925 erhielt sie ihr erstes Engagement am Breslauer Lobe-Theater und debütierte als Julia. 1927 wurde sie von Max Reinhardt, der durch positive Theaterkritiken auf sie aufmerksam geworden war, nach Berlin geholt. Unter anderem vertrat sie Helene Thimig in "Die Gefangene" und war zahlreichen Kritiken zufolge sehr erfolgreich. Sie spielte unter anderem auch in Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wienerwald".

Hertha Pauli, die "Freundin bedeutender Männer"
Zwei Jahre nach ihrer Hochzeit - 1929 heiratete sie den Schauspieler Carl Behr, liess sich 1932 jedoch wieder scheiden - lernte sie Ödön von Horváth kennen und verliebte sich in ihn. Die Beziehung zwischen Hertha Pauli und dem freiheitsliebenden Ödön von Horváth war geprägt von unerwarteten Begegnungen, langen Wartezeiten und spontanen Aktionen. Die Beziehung zu Horváth endete erst mit seinem tragischen Tod durch einen herabfallenden Ast auf den Champs Elysées in Paris. Auch mit Peter Hammerschlag (1902-1942), der 1942 in einem KZ ermordet wurde, war sie in engem Kontakt gestanden und hatte mehrere Sketches für den "Lieben Augustin" verfaßt. Mit Karl Frucht, den sie später immer Carli nannte, betrieb sie die literarische Agentur und flüchtete auch mit ihm aus Österreich. Ebenso blieb sie mit Walter Mehring (1896-1981) bis zu ihrem Tod verbunden. Sie heiratete später ihren Übersetzer Ernst Bach, einen gebürtigen Münchner, der sich in den USA E.B. Ashton nannte.

Hertha Pauli, die Emigrantin
Am 13. März 1938 floh sie über die Schweiz nach Paris, traf dort Walter Mehring und Karl Frucht, wieder, mit dem sie noch einige Zeit die Österreichische Korrespondenz weiterführte. Pauli, Frucht und Mehring wurden Teil der Stammtischrunde um Joseph Roth (1894-1939) im Café Tournon. Sie publizierte zwischen 1938 und 1939 in der "Pariser Tageszeitung" und war ab 1939 Mitglied des europäischen PEN-Clubs. 1939 verbrachte sie in Clairac, wo sie eigentlich nur zwei Wochen Urlaub machen wollte, dort aber denunziert und wegen ihrer fehlenden Aufenthaltsbewilligung festgehalten wurde. Nur sehr knapp entging sie der Deportation in das Frauenlager Gurs. Die Situation schien hoffnungslos, ein am 9. Juni abgeschickter Hilferuf an Thomas Mann, der letze Hoffnungsschimmer. Hertha Pauli floh am 13. Juni 1940 in den Süden Frankreichs. In Lourdes trafen sie mit Franz Werfel zusammen. In Marseille begegnete sie Adrienne Thomas (1897-1980), die mit ihrem Roman "Die Katrin wird Soldat" am 10. Mai 1933 Opfer der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen geworden war. Mit der Hilfe von Varian Fry, dem "Menschenfischer", wie er von vielen genannt wurde und vom Emergency Rescue Committee (ERC) , das nach dem Hilferuf an Thomas Mann mit der Hilfe von Mrs. Roosevelt gegründet worden war, erhielten sie und Mehring Schiffsplätze. In der Nacht vom 3. auf den 4. September verließ Hertha Pauli auf der "Nea Hellas" Lissabon und kam am 12. September in New Jersey an. In New York setzte sich Hertha Pauli später beim ERC für die Rettung ihrer Freunde ein.

Hertha Pauli, die Schriftstellerin
Das Schreiben war für Hertha Pauli schon sehr früh eine wichtige Ausdrucksmöglichkeit, schon mit acht Jahren verfasste sie Gedichte und Erzählungen. Als sie nach dem ersten Weltkrieg mit einem Kindertransport nach Dänemark geschickt wurde, begann sie Märchen von Hans Christian Andersen zu dramatisieren. Später begann sie sich journalistisch zu betätigen, veröffentlichte unter anderem im "Simplicissimus" und in der Prager "Bohemia". Mit Karl Frucht betrieb sie die "Österreichische Korrespondenz", eine literarische Agentur. 1936 erschien ihr erster Roman "Toni". Der Zweite jedoch, der sich Bertha von Suttner widmete, wurde am 8.3.1938 in Deutschland auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt. Als sie daraus im Wiener Rundfunk eine Lesung hielt, wurden Stinkbomben in den Senderaum geworfen. Nach ihrer Emigration in die USA setzte sie ihre schriftstellerischen und journalistischen Arbeiten fort. Ab dem 11. Oktober 1940 erschien im "Aufbau" in vier Folgen ihr "Tagebuch einer Flucht". Ihre Biografie "Alfred Nobel. Dynamite King. Architect of Peace" hatte großen Erfolg ein geplantes Filmprojekt kam jedoch nicht zustande. Ihre in Wien verfassten Bücher erschienen als Fortsetzungsromane in der New Yorker Staatszeitung "Herold". Eine Begegnung mit einem Amerikaner, der das Lied "Stille Nacht" für ein amerikanisches Volkslied gehalten hatte, führte dazu, dass sie die Geschichte des Liedes aufschrieb und begann für Kinder zu schreiben. Weitere Titel folgten, u.a. "The Story of the Christmas Tree", "St. Nicholas Travels", "I lift my Lamp - The Way of a Symbol". Ihre Erinnerungen veröffentlichte sie 1970 unter dem Titel "Der Riß der Zeit geht durch mein Herz. Ein Erlebnisbuch. Hertha Pauli, schon lange schwer krank, starb am 9.2.1973, einen Tag vor ihrer fünften Operation im Southside Hospital in Bay Shore auf Long Island. Die Tagung soll nicht nur das facettenreiche Leben einer in mehreren Berufen erfolgreichen Frau behandeln, sondern vor allem den Aspekt der weiblichen Emigration herausgreifen. Ein wichtiger Punkt wird auch das "literarische Netz", das sie sich geschaffen hat, sein.

PROGRAMM:
10.00-10.30 Mag. Dr. Susanne Blumesberger: Begegnungen - Freundschaften - Abschiede.
Literarische Vernetzungen im Leben Hertha Paulis
10.30-11.00 Dr. Ilse Korotin: Hertha Pauli als Biografin
11.00-11.15 Pause
11.15-11.45 Mag. Rahel Rosa Neubauer: "Silent Night" and "Christmas Tree". Der Beginn von Hertha Paulis Karriere als Kinder- und Jugendschriftstellerin in den Vierzigerjahren
11.45-12.15 Univ.-Ass. Mag. Dr. Petra Herczeg: Hertha Pauli als Journalistin.
12.15-14.00 Mittagspause
14.00-14.30 Mag. Sonja Niederacher: Hertha Pauli in der Emigration
14.30-15.00 Univ.-Doz. Mag. Dr. Ernst Seibert: Hertha Pauli und ihr Roman "Jugend nachher" (1959)


Die detaillierte Biografie von Hertha Pauli wird in Kürze auf unserer Homepage nachzulesen sein.

 

Alle weiteren Semestertermine auf einen Blick auf der IWK-Homepage: http://homehobel.phl.univie.ac.at/~iwk