Genner-Erdheim Tea Ludmilla

Psychoanalytikerin und Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie


Geb. Wien, 24.2. 1906

Gest. Wien, 23.3. 1977

 

Herkunft:

Vater Osias Erdheim, Kaufmann, stammte aus einer armen, aus Galizien zugewanderten Familie, die Mutter stammte aus dem wohlhabenden Wiener Bürgertum.

 

LebenspartnerInnen, Kinder:

bis 1950 verheiratet mit Laurenz Genner (*1894), sozialdemokratischer Nationalrat, dann Kommunist, nach dem Zweiten Weltkrieg Unterstaatssekretär und Landwirtschaftsminister. Zwei Töchter (die ältere Schwester * 1941, Claudia, Schriftstellerin *1945).

 

Ausbildungen:

Gymnasium, 1925 Matura in Wien, 1932 Promotion an der medizinischen Fakultät der Universität Wien

 

Laufbahn:

1932-1933 Ärztin an der Neurologisch-Psychiatrischen Klinik der Universität Wien, 1934-1938 Sekundarärztin an der Nervenheilanstalt Maria Theresien-Schlössl in Wien, Spezialisierung in den Fächern Psychiatrie und Neurologie, 1934-1938 psychoanalytische Ausbildung (bei Eduard Hitschmann und Jeanne Lampl de Groot) in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV); 1938 lehnte sie ein Affidavit für die USA ab, weil sie ihren im Wiener Getto lebenden alten Vater nicht verlassen wollte. Als praktische Ärztin war sie kriegsdienstverpflichtet, durfte aber als „Halbjüdin“ nicht die Facharztprüfung  ablegen; Ende 1944 flüchtete sie mit ihrem späteren Ehemann Laurenz Genner, der im Widerstand gearbeitet hatte, aufs Land, von wo sie erst im Juni 1945 unter schwierigsten Bedingungen wieder nach Wien zurück kehrte. Nach dem Krieg bis 1949 Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie an der Psychiatrischen Universitätsklinik in der sie mit Alois Becker und Wilhelm Solms unter Prof. Pötzl gearbeitet hatte, 1946 Mitglied der WPV und Lehranalytikerin in Wien.


T. G.-E. war nach 1945 maßgeblich am Wiederaufbau der WPV und der neuerlichen Etablierung der Psychoanalyse an ihrem Ursprungsort beteiligt. Bereits im Oktober 1945, einen Monat nachdem August Aichhorn und Alfred Winterstein einen Antrag auf Wiedergenehmigung der WPV einbrachten, brachte sie zusammen mit Lambert Bolterauer und Kurt Fellner einen zweiten Antrag ein. Nach dem Tod von August Aichhorn war G.-E. im provisorischen Lehrausschuss des Wiener Lehrinstituts vertreten. G.-E. war Lehrbeauftragte der WPV ab dem Wintersemester 1949/50. Sie hielt regelmäßig Einführungskurse über die "Neurosenlehre" und wurde zu einer der beliebtesten und angesehensten Lehranalytikerinnen der WPV nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie war bis ihrem Tod im März 1977 beruflich aktiv und hatte zu diesem Zeitpunkt noch 14 KandidatInnen in Analyse.


Goldy Parin-Matthèy schrieb ein Nachwort für Claudia Erdheims autobiographischen Roman „Bist du wahnsinnig geworden?“, in dem es heißt: „Das Schicksal von Frau Genner war wohl bis zum Ende des Krieges von übermächtigen äußeren Einflüssen bestimmt. Aber von der Zeit an, als sie ihre psychoanalytische Praxis eröffnete, führte sie das Leben einer emanzipierten Frau, aus eigenem Entschluß. Sie lehnte es ab, eine bezahlte sichere Stelle anzunehmen oder sich wieder zu verheiraten. Solange es ihrer Überzeugung entsprach, blieb sie der Kommunistischen Partei treu ... In ihrem Beruf war sie sich ihrer Fähigkeiten und Verpflichtungen bewusst. Sie gab Vorlesungen und Ausbildungsseminare, lehnte es aber getreu ihrer unabhängigen Haltung ab, ein administratives Amt in der Psychoanalytischen Vereinigung auszuüben.“.

“Sich die Freiheit nehmen …” nennt auch Erika Danneberg als eigentliches Thema ihrer Analyse bei G.-E. Ihr „unkonventionelles Beispiel“ habe sie selbst zu „allerhand ‚Unkonventionellem’“ in ihrem Leben als Frau und Analytikerin ermutigt.

 

Spez. Wirkungsbereich:

G.-E.s wissenschaftliche Arbeiten blieben unveröffentlicht. In einem Vortragsmanuskript beschäftigt sich G.-E. anhand des Dichters Conrad Ferdinand Meyer mit der Psychologie des Künstlers. Mehrere Autoren hatten eine Verhüllungstendenz des Schriftstellers bestätigt; G.-E. beschreibt mit den Daten aus publizierten Biografien die Lebens- und Krankengeschichte Meyers, sie findet jedoch in drei Schlüsselnovellen weitere autobiografische Informationen. Folgende wichtige Kriterien (nach Löwenfeld) seien für die schöpferische Leistung eines Künstlers von Bedeutung: eine Neigung zur Traumatisierung (bei Meyer eine Frühtraumatisierung durch seine Mutter), eine starke und rasch wechselnde Identifizierungstendenz, der Narzissmus und die Bisexualität des Künstlers. Das wichtigste Problem, das G.-E. in ihrer Studie aufwirft, ist für sie die Frage der Sublimierung der Aggression, die im Dienste der Abwehr der Sexualtriebe steht, denn dies sei für die Behandlung der narzisstischen Neurosen, der Melancholien und Schizophrenien, von größter theoretischer Bedeutung.

1962 hielt sie in der Wiener Vereinigung einen eindrucksvollen Vortrag mit dem Titel „Der Surabaya Johnny“, eine Textinterpretation von Brechts Lied aus dem Stück „Happy-End“. „An Hand von Sequenzen aus Analysen, den Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen, die im Zusammenhang mit dem Text aufgetaucht sind, interpretierte ihn Tea Genner als Metapher der frühen Objektbeziehungen, die ihre tiefe Wirkung den vielfältigen Identifikationsmöglichkeiten verdankt, die der Song den Hörerinnen und Hörern anbieten.“ G.-E. konzentrierte sich in ihrer psychoanalytischen Betrachtung ausschließlich auf die Wirkung des Songs auf das Publikum und beschrieb anhand von eigenen Assoziationen und den Bemerkungen anderer die möglichen Formen von Identifizierung und Projektion.

 

Werkangaben:

Über C. F. Meyer. Vortrag (ohne Datum), gehalten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, unveröffentlichtes Manuskript.

Der Surabaya Johnny von Bert Brecht. Vortrag (1962), gehalten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, unveröffentlichtes Manuskript.

 

Literatur:

Danneberg, Erika, Der Surabaya Johnny, Psychoanalyse mit Brecht. In: Hermanns, Ludger (Hg.): Psychoanalyse in Selbstdarstellungen III., 1995, S. 45-99, Tübingen, Verlag: edition diskord.

Erdheim, Claudia, Bist du wahnsinnig geworden?, 1985, Wien, München, Verlag: Löcker Verlag (mit einem Nachwort von Goldy Parin-Matthèy).

Erdheim, Claudia, Karlis Ferien. Erzählungen., 1994, Wien, München, Verlag: Löcker Verlag

Huber, Wolfgang, Psychoanalyse in Österreich seit 1933., 1977, Wien, Salzburg, Verlag: Edition Geyer.

Mühlleitner, Elke, Tea Genner-Erdheim. In: Keintzel, Brigitta / Korotin, Ilse (Hg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben, Werk, Wirkung. 2002, Wien-Köln, Verlag Böhlau, S. 246-247.

Reichmayr, Johannes, Spurensuche in der Geschichte der Psychoanalyse., 1994, S. 164, Frankfurt/M., Verlag: Fischer.