Hilferding Margarethe, geb. Hönigsberg

Ärztin und Individualpsychologin


Geb. Wien, 20. 6. 1871

Gest. Theresienstadt/Maly Trostinec, 23. 9. 1942

 

Herkunft, Verwandtschaften:

Der Vater Paul Hönigsberg war Arzt für Allgemeinmedizin und Gemeinderat in Wien-Hernals. Die Mutter Emma Breuer, eine Sozialdemokratin, betätigte sich als Rechtsberaterin im Ottakringer Arbeiterheim.

 

LebenspartnerInnen, Kinder:

1904 Verehelichung mit Rudolf Hilferding, den sie in der „Freien Vereinigung Sozialistischer Studenten" kennen gelernt hatte. Der 1877 geborene Sohn eines jüdischen Kaufmanns hatte in Wien Medizin studiert und war bis 1907 als Arzt tätig. R. H. stand in engem Kontakt zu Viktor Adler und wurde durch seine Beschäftigung mit der Nationalökonomie zum bedeutenden Finanzpolitiker und führenden Theoretiker des Austromarxismus. 1906 von der SPD an die Parteischule nach Berlin berufen, blieb er ab 1907 ständig in Deutschland, wo er vorwiegend als Redakteur tätig war. 1907/08 lebte die Familie in Berlin, nach der Scheidung kehrte M. H. nach Wien zurück. 1923 und 1928/29 wurde Rudolf Hilferding in der Weimarer Republik zum Reichsfinanzminister bestellt.

 

Ausbildungen:

Besuch des Gymnasiums. Nach der Reifeprüfung im Jahr 1889 Inskription an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien. Nach Zulassung der Frauen zum Medizinstudium Wechsel des Studienfaches. 1903 Promotion und damit eine der ersten Ärztinnen Wiens.

 

Laufbahn:

M. H. hatte an der Universität Wien die Vorlesungen von Sigmund Freud gehört, die ihr Interesse an der Psychoanalyse weckten. Im April 1910 wurde M. H. von Paul Federn zur Aufnahme in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) vorgeschlagen. Besonders Alfred Adler sprach sich für die Aufnahme von Ärztinnen – aber auch von Frauen allgemein – aus. Aber auch Freud empfand den Ausschluss von Frauen als „arge Inkonsequenz“. Nach einer geheimen Abstimmung wurde M. H. am 27. April 1910 als erste Frau Mitglied der „Mittwoch-Gesellschaft" (später: Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV)). Am 11. Jänner 1911 hielt sie in der WPV ihren ersten Vortrag über das Thema „Zur Grundlage der Mutterliebe".


Der Konflikt zwischen Alfred Adler und Sigmund Freud über die Ausdehnung psychoanalytischer Ideen auf soziale und politische Phänomene führte 1911 zum Austritt von Adler und Hilferding. Freud schrieb am 1. September 1911 in einem Brief an C. G. Jung: „Unser einziges Doktorweib beteiligt sich an der Adlerschen Revolte, als richtige Masochistin ... Wir sind ja überhaupt in vollem Zerfall.“

M. H. wurde Mitglied des von Alfred Adler gegründeten Vereins für Individualpsychologie, wo sie zeitweise auch Präsidentin war. Ebenso war sie Leiterin und ärztliche Mitarbeiterin an den individualpsychologischen Erziehungsberatungsstellen in Wien und Mitarbeiterin am Mariahilfer Ambulatorium. Ab 1910 betrieb M. H. eine Praxis für Allgemeinmedizin im 10. Wiener Gemeindebezirk (Favoriten). In Favoriten war sie 1927-1934 auch politisch als Bezirksrätin tätig.


Die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei und aller ihrer Organisationen hatte auch unmittelbare Auswirkungen auf die IndividualpsychologInnen. Viele Erziehungsberatungsstellen wurden aufgelöst, gegen den Verein und politisch aktive Mitglieder wurde polizeilich ermittelt. Anfang 1937 konstituierte sich ein „Klub der Freunde der Individualpsychologie“, der Arbeitsgemeinschaften, Vorträge und Erziehungsberatungen anbot und sich in Faltblättern vor allem an Eltern und Lehrer wandte. Neben M. H. schienen folgende Namen von Individualpsychologinnen auf: Paula Fürth, Stephanie Felsenburg, Ida Löwy, Helene Plohn-Goldbaum, Danica Deutsch, Edith Goldberger, Hilde Krampflitschek und Elly Rothwein. Diese Aktivitäten stießen auf großes Echo, zogen aber auch bald scharfe Angriffe auf sich, wie ein Artikel im „Wiener Morgenblatt“ vom 25. Jänner 1937 unter der Schlagzeile „Schon wieder Psychologie bei Lazarsfeld“ zeigt.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten arbeitete M. H. freiwillig im Rothschildspital. Nachdem sie aus ihrer Wohnung vertrieben wurde, kam M. H. in Notquartieren unter und war zuletzt im jüdischen Altersheim in Wien 9, Seegasse, gemeldet. Von dort wurde die schon betagte Frau am 28. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert. Den Weitertransport nach Maly Trostinec am 23. September 1942 überlebte sie nicht.

 

Spez. Wirkungsbereich:

M. H. war eine der einflussreichsten IndividualpsychologInnen im Wien der Zwischenkriegszeit. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten und Lehrkurse sind Ausdruck ihres sozialpolitischen Engagements in der Sozial- und Bildungspolitik des „Roten Wien" sowie der engen Verknüpfung von Individualpsychologie und Schureform. M. H. beschäftigte sich mit Frauenfragen, Sexualität und Geburtenregelung, Aufklärung und Erziehung. Als Leiterin und ärztliche Mitarbeiterin an den individualpsychologischen Erziehungsberatungsstellen in Wien hielt sie auch Kurse über Erziehungs- und Frauenfragen. Ebenso war sie in der sozialistischen Frauenorganisation als Vortragende und Publizistin im Bereich Sozialmedizin und Berufskrankheiten tätig.

Für Aufregung im Lager der politischen Gegner sorgte 1926 ihre Broschüre „Geburtenregelung. Erörterungen zum § 144“, die – mit einem Nachwort von Alfred Adler – in der von Sofie Lazarsfeld herausgegebenen „Volkstümlichen Schriftenreihe“ erschien und worin es um die heiß umstrittene Liberalisierung der Abtreibungsbestimmungen ging.

Auf dem 4. Kongress der Weltliga für Sexualreform, der 1930 in Wien stattfand, sprach sie im Arbeiterheim Favoriten vor großem Publikum. Diesem Kongress kam große Bedeutung zu, weil sich hier offiziell SozialdemokratInnen, IndividualpsychologInnen und PsychoanalytikerInnen trafen, um über einen Themenkomplex zu diskutieren, der beide Theorien verbindet: die sozialen Ursachen psychischer und sexueller Not. Die Hauptthemen des Kongresses waren Wohnungsnot und Sexualreform, Sexualgesetzgebung, Frauenfrage, Empfängnisverhütung und Demaskierung der Moral.

 

Werkangaben:

Der Schleichhandel. In: Der Kampf 1919, 12, S. 300-304.

Was kostet die auskömmliche Ernährung? In: Der Kampf 1920, 13, S. 101-304.

Geburtenregelung. Mit einem Nachwort von Alfred Adler. Erörterungen zum § 144. 1926 (in der von Sofie Lazarsfeld herausgg. "Volkstümlichen Schriftenreihe"). Wien, Leipzig, Moritz Perles 1926. Rez. von Therese Schlesinger in: Der Kampf, XIX, 1926, S. 317.

Frauenarbeit und Frauengesundheit. In: Handbuch der Frauenarbeit in Österreich (Hg. Kammer für Arbeiter und Angestellte, Käthe Leichter). Wien 1930.

 

Literatur:

Bessermann Viana, Helena; Pinheiro, Teresa, As bases do amor materno - Margarete Hilferding., 1991, Sao Paulo, Verlag: Escuta.

Blumesberger, Susanne / Doppelhofer, Michael / Mauthe, Gabriele (Bearb.), Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert, Hg. Österr. Nationalbibliothek, 2002, München, Verlag: K. G. Saur.

Handlbauer, Bernhard, Psychoanalytikerinnen und Individualpsychologinnen im Roten Wien. In: Ingrisch, Doris / Korotin, Ilse / Zwiauer Charlotte (Hg.): Die Revolutionierung des Alltags., 2004, Frankfurt/M. Verlag: Peter Lang.

Korotin, Ilse, Margarethe Hilferding. In: Gelehrte Frauen., 1996, 235-237, Wien, Verlag: BMUK.

Mühlleitner, Elke, Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938., 1992, S. 145 f., Tübingen, Verlag: edition diskord.

Mühlleitner, Elke, Margarethe Hilferding. In: Keintzel, Brigitta / Korotin, Ilse (Hg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben, Werk, Wirkung. 2002, Verlag: Böhlau, Wien, S. 289-290.

Pasteur, Paul, Femmes dans le Mouvement Ouvrier Autrichien 1918-1934., 1986, Rouen

Sablik, Karl, Zum Beginn des Frauenstudiums an der Wiener medizinischen Fakultät. In: Wiener Medizinische Wochenschrift. Separatdruck., 1968, S. 6, Wien.

Strasser, Isa, Dr. Margret Hilferding. In: Die Frau 1947/1, Wien.