Roubiczek-Peller Lili E.

Psychoanalytikerin und Montessori-Pädagogin


Geb. Prag, Böhmen, 28.2. 1898

Gest. Monroe/N.Y., USA,  1966 (1968?)


Emigrationspfad: 1934 PAL, 1938 USA

 

Herkunft, Verwandtschaften:

Vater Ludwig Roubiczek, Textilfabrikant.

 

LebenspartnerInnen, Kinder:

1933 Heirat mit dem sozialistischen Sozialmediziner Siegfried Peller.

 

Ausbildungen:

Nach der Matura in Prag zuerst Studium der Biologie, danach in Wien Studium der Psychologie bei Karl und Charlotte Bühler, 1921 Kurs bei Maria Montessori in London, Ausbildung zur Psychoanalytikerin.

 

Laufbahn:

Auf Initiative von L. R.-P. und weiteren fünf jungen Frauen entstand 1922 das erste nach den Erziehungsprinzipien von Maria Montessori ausgerichtete "Haus der Kinder" in der Troststraße, im 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten. Für 25 Kinder in Tagesbetreuung wurde eine ihrer Entwicklung gemäße Umgebung geschaffen. Mit Montessori-Materialien konnten die Kinder den sensitiven Phasen entsprechend selbsttätig ihre geistigen Fähigkeiten entwickeln. Darüber hinaus wurde der Raum so gestaltet, dass die Kinder möglichst unabhängig und selbstbestimmt ihren Tagesablauf mitgestalten konnten. Kleine Tische und Stühle sowie kindgerechtes Besteck und Geschirr ermöglichten es den Kindern, selbst Aufgaben zu übernehmen. Schrittweise konnte L. R.-P. die offiziellen Vertreter der Gemeinde Wien von der Sinnhaftigkeit ihres Projekts überzeugen und diese entschlossen sich, L. R.-P. als Konsulentin bei der Planung von städtischen Kindergärten beizuziehen. L. R.-P. hielt Montessori-Kurse ab, sodass engagierte Kindergärtnerinnen in der Lage waren, wesentliche Elemente ihres Konzepts auch in das öffentliche Kindergartenwesen zu übernehmen.

1931 wurde schließlich ein städtischer, architektonisch von L. R.-P. mitgestalteter Kindergarten im ersten Bezirk am Rudolfsplatz eröffnet. Durch die räumliche Nähe zur Wiener Psychoanalytischen Vereinigung in der Berggasse ergab sich eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den Montessori-Pädagoginnen und insbesondere Anna Freud. Diese zeigte reges Interesse an L. R.-Ps „Haus der Kinder" und lud sie ein, am Seminar für angehende KinderanalytikerInnen teilzunehmen. Unter Anna Freuds Einfluss entschied sich L. R.-P., selbst eine Ausbildung als Analytikerin zu beginnen. Ihre Analyse absolvierte sie bei Siegfried Bernfeld und Hermann Nunberg. Im November 1931 hielt L. P.-R. in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung einen Vortrag über „Montessoripädagogik und psychoanalytische Pädagogik”, womit sie ihre Ausbildung zur Psychoanalytikerin beendete und außerordentliches Mitglied in der Psychoanalytischen Vereinigung wurde.


L. R.-P. ging bereits 1934 mit ihrem politisch exponierten Mann in die Emigration, zunächst nach Palästina. Hier errichtete sie eine Volksschule nach ihren Wiener Richtlinien und hatte engen Kontakt zum Psychoanalytischen Institut in Jerusalem. 1937 ging sie nach Baltimore, USA.
1940 ließen sich die Pellers in New York, dem Zentrum der emigrierten Psychoanalyse, nieder. L. R.-P. hielt Vorlesungen an Colleges und befasste sich mit der außerhäuslichen Betreuung von Kleinkindern im Krieg. Nach einiger Zeit wurde sie als Analytikerin in freier Praxis tätig. Nach dem Krieg organisierte sie gemeinsam mit dem bedeutenden, ebenfalls aus Wien emigrierten Analytiker Paul Federn in ihrem Haus eine Studiengruppe für Nicht-Mediziner unter den Analytikern. L. R.-P. hielt darüber hinaus Vorlesungen zum Thema Child Development am Psychoanalytic Institute in Philadelphia, wo sie später die Ehrenmitgliedschaft erhielt. Weiters unterrichtete sie im Department of Child Psychiatry am Albert Einstein College of Medicine, Bronx, New York.
L. R.-P. verstarb am 30. August 1966 in Monroe, New York.
1978 gab Emma Plank, noch aus der Wiener Zeit mit L. R.-P. befreundet, eine kommentierte Auswahl ihrer Schriften heraus.

 

Spez. Wirkungsbereich:

L. R.-P. gilt als Begründerin der Montessori-Bewegung in Österreich. Sie nahm von Anfang an eine offene Haltung gegenüber anderen fortschrittlichen Erziehungsideen ein und entwickelte in einer Synthese ein eigenständiges Wiener Montessori-Modell. So förderte sie unter dem Einfluss der Psychoanalyse das in der Montessori-Pädagogik vernachlässigte kindliche Spiel. Das Zeichnen und Malen wurde von Trude Hammerschlag - Schülerin von Franz Cizek - in die Wiener Montessori-Pädagogik eingebracht, um es den Kindern zu ermöglichen, sich freier auszudrücken. Später kamen Werkstätten hinzu, in denen die Kinder mit kindgerechtem Werkzeug eigene Arbeiten schaffen konnten. Spiele mit Sand und Plastellin gingen ebenfalls über das ursprüngliche Montessori-Material hinaus. Dieses Wiener Montessori-Modell erlangte sowohl bei psychoanalytischen Pädagoginnen (Edith Buxbaum 1931) als auch bei Bühler-Mitarbeiterinnen Zustimmung (Hildegard Hetzer 1931) - einmal, weil die Kinder hier Möglichkeiten zu Triebsublimierung fanden und zum anderen, weil hier die Herausbildung von „Werkreife" im Sinn von Charlotte Bühler gefördert wurde.


Die Psychoanalyse wurde für L. R.-P. und die anderen Montessori-Pädagoginnen bald ein Mittel zur Klärung der Rolle der Pädagogin und zusätzlich ein Weg, die Schwierigkeiten der Kinder zu verstehen und im Rahmen eines therapeutischen Milieus Lösungen zu finden. L. R.-Ps in der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik” erschienene Artikel dokumentieren deutlich ihre zunehmende Hinwendung zur Psychoanalyse, was schließlich auch zum Bruch mit Maria Montessori führte.

 

In den U.S.A. versuchte L. E.-P., bei ihrer Mitarbeit an Trainingsprogrammen für Lehrer die alte Brücke zwischen Erziehung und Psychoanalyse, wie sie sie vor der Emigration mit aufgebaut hatte, zu erneuern. Sie verfolgte in ihren Publikationen ein breites Feld von Interessen, welche bereits auf ihre ersten Studienjahre zurückgehen - so befasste sie sich weiterhin mit der Verbindung von Psychoanalyse und (schulischer) Erziehung, wobei das Erziehungsproblem für sie nicht auf die Frage der geistigen Gesundheit oder Krankheit begrenzt blieb, sondern – wie schon im „Haus der Kinder” in Wien - auch das Problem des Lernens, des Erwerbens von Wissen und Fähigkeiten umfasst.

Ein weiteres Interessensfeld bildete für sie die Entwicklung des Spiels, worüber sie ebenfalls schon vor der Emigration publiziert hatte. Eines ihrer wichtigsten Themen der letzten Jahre war die kindliche Sprachentwicklung, mit dem sich schon ihr Lehrer Karl Bühler an der Universität Wien befasst hatte. L. R.-P. gelang es, zwischen fortschrittlichen Erziehungsideen und den Erkenntnissen der Psychoanalyse sowohl auf der Ebene der pädagogischen Praxis als auch der Aus- und Weiterbildung und in ihren wissenschaftlichen Veröffentlichungen eine fruchtbare Verbindung zu schaffen. Sie wurde von ihren Kolleginnen und Kollegen als eine der bedeutendsten Denkerinnen dieses Gebiets angesehen.

 

Werkangaben:

Die Arbeitsgemeinschaft der Montessori-Schule Wien X. In: Call of Education, H. 3/4, 1924, S. 232-237.

Das Kinderhaus. Montessori-Grundsätze und Architektur. In: Der Aufbau, 1. Jg., H. 8/9, 1926, S. 140-144.

Die wichtigsten Theorien des Spiels. In: Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, 6. Jg., 1932, S. 248-252.

Gruppenerziehung des Kleinkindes vom Standpunkt der Montessori-Pädagogik und der Psychoanalyse. In: Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, 7. Jg., 1933, S. 93-121.

The School´s Role in Promoting Sublimation” in: Psychoanalytic Study of the Child, 11. Jg., 1956, S. 437-449.

On Development and Education of Young Children. Selected Papers. Edited by Emma N. Plank. Philosophical Library, New York 1978.

Vollständiges Schriftenverzeichnis in: Hammerer, Franz: Maria Montessoris pädagogisches Konzept. Anfänge der Realisierung in Österreich. Jugend u. Volk, Wien, 1997, S. 209 – 213.

 

Literatur:

Blumesberger, Susanne / Doppelhofer, Michael / Mauthe Gabriele (Bearb.), Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert, Hg. Österr. Nationalbibliothek, 2002, München, Verlag: K. G. Saur.

Hammerer, Franz, Maria Montessoris pädagogisches Konzept. Anfänge der Realisierung in Österreich., 1997, Wien, Verlag: Verlag Jugend und Volk.

Handlbauer, Bernhard, Psychoanalytikerinnen und Individualpsychologinnen im Roten Wien. In: Ingrisch, Doris / Korotin, Ilse / Zwiauer Charlotte (Hg.): Die Revolutionierung des Alltags., 2004, Frankfurt am Main, Verlag: Peter Lang.

Mühlleitner, Elke, Lili Roubiczek. In: dies.: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse., 1992, S. 277-278, Tübingen, Verlag: edition diskord.

Plank, Emma N., Introduction. In: Lili E. Peller: On Development and Education of Young Children. Selected Papers. Ed. by Emma N. Plank., 1978, New York, Verlag: Philosophical Library.

Reichmayr, Johannes, Spurensuche in der Geschichte der Psychoanalyse., 1994, S. 164, Frankfurt/M., Verlag: Fischer.

Zwiauer, Charlotte, Lili Roubiczek-Peller. In: Keintzel, Brigitta / Korotin, Ilse (Hg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben, Werk, Wirkung. 2002, Wien-Köln, Verlag: Böhlau, S. 631-633.