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*1871 Krakau Das "Biographische Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933" hat einen Eintrag unter "Bauer, Helene, Dr.phil., geb. Gumplowicz, gesch. Landau, Journalistin; geb. 13. März 1871 Krakau, gest. 20. Nov. 1942 Berkeley/Calif.". (Biographisches Handbuch, S. 37) Der
Vater war Buchhändler, Besitzer einer Leihbibliothek in Krakau; Helene Gumplowicz
war "eine der eifrigsten Benützerinnen der väterlichen Bücherei"; sie las "sowohl
polnische als auch deutsche und französische Bücher durcheinander und sammelte
so in vergnüglicher und verhältnismäßig müheloser Weise eine Menge Wissen an".
(Magaziner, S. 110) Gäbe
es nicht diesen Eintrag, wäre es ziemlich schwierig, etwas über Helene Bauers
Leben herauszufinden. Hinweise zur Person finden wir im übrigen vor allem im Zusammenhang
mit Otto Bauer, etwa nach dem Schema: "die Frau an seiner Seite"; Helene Bauer
hört dabei z.T. auf, als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen zu werden.
Sie ist Gesprächspartnerin und Mitarbeiterin sowie "Sprachrohr" und Vertreterin
Otto Bauers in politischen Bereichen, in denen er aus Zeitmangel nicht selber
tätig sein kann. Als geradezu verstörend wird es angesehen, daß sie - im Unterschied
zu ihm - die Geselligkeit, den Gedankenaustausch, die rege intellektuelle Diskussion
sucht und pflegt, so, wie sie es von früher gewohnt war.
Helene Gumplowicz wiederum betätigte sich für Freiheit und Sozialismus in Polen. So, wie wir so gut wie nichts über die zahlreichen in polnischer Sprache erschienenen Schriften ihres Onkels wissen, so ergeht es uns allerdings auch in Bezug auf ihre eigenen polnischsprachigen Publikationen. Sie war eine ungemein belesene und gebildete Frau; weit belesener und gebildeter als so manche der "großen Männer" des Austromarxismus. Nicht nur kannte sie die maßgebliche Literatur auf ihrem engeren Fachgebiet, der Ökonomie, sondern darüber hinaus (in für damalige Zeiten außergewöhnlicher Weise) die Schriften von Karl Marx, von Rosa Luxemburg, aber auch etwa die des "impressionistischen" Soziologen Georg Simmel. Helene Bauer hat allem Anschein nach gerade infolge ihrer hohen Bildung und ihrer außergewöhnlichen Belesenheit sowohl die kritische Diskussion, die vehemente Auseinandersetzung selber geführt, als auch bei anderen ausgelöst und beflügelt; dabei hat sie jedoch nie vergessen, daß die wie immer heftigen Auseinandersetzungen mit gegensätzlichen Beurteilungen gesellschaftlicher Vorgänge (wie auch die daraus sich ergebenden politischen Strategien und Taktiken) immer noch Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegung, im Rahmen gemeinsamer Zielsetzungen waren. Sie hat immer wieder Gesprächszirkel gebildet, an denen auch junge Intellektuelle Anteil hatten; im Zusammenhang damit, aber auch mit ihrem intensiven Engagement in der Arbeiterbildung sind ihre Fähigkeiten der Vermittlung von Kenntnissen wie der steten Anregung zu intellektueller Betätigung hervorgehoben worden. Die letzte Zeit der Emigration hat sie, weitgehend abgeschnitten von der lebendigen Arbeit mit Menschen, die neuerworbene Kenntnisse und Erfahrungen in die politische Gestaltung der Gesellschaft umzusetzen bemüht gewesen waren, verbringen müssen. Daher heißt es auch über die letzte Station ihres Exils, in den USA, so treffend: "Nun lebte sie an ihrem Lebensabend in einem Lande, wo es fast keine sozialistische Bewegung gibt; und sie lebte in einer kleinen Stadt, die nach ihren eigenen Worten‚ so ruhig ist, daß sich hier nicht einmal die Hunde laut zu bellen getrauen'." (Winkler, S. 97) Am 20. November 1942 starb Helene Bauer in der Universitätsstadt Berkeley in Kalifornien an einem Herzschlag. Helene Bauer ist aus einer Reihe von Gründen weitgehend in die Vergessenheit abgedrängt worden; als marxistische Theoretikerin, als polnische Revolutionärin, als maßgebliche Mitarbeiterin der österreichischen Arbeiterbewegung und nicht zuletzt wegen ihrer jüdischen Abstammung. Frauen, die für Aufklärung, Revolutionen und gar für eine sozialistische Gesellschaft eingetreten sind, haben zu ihren Lebzeiten dafür gelitten und werden im Rahmen der nunmehr gerade modischen Strömungen der historisierenden Wissenschaften keineswegs besonders hervorgehoben, wenn nicht überhaupt abermals auszulöschen versucht, da Aufklärung, Sozialismus, Feminismus und jüdische Identität angeblich nichts miteinander zu tun gehabt haben können. Helene Bauer war eine Frau, die sich sowohl individuell emanzipiert hatte als auch für die politische und soziale Revolution in Polen, in der Habsburger-Monarchie und in der neuen Republik Österreich eingetreten war. In ihren Schriften hat sie bemerkenswerte (und häufig noch immer aktuelle) Beiträge zur Beschreibung und Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse, zur Kritik der Ökonomie und verschiedener sozialwissenschaftlicher Auffassungen und zur Einschätzung der zeitgenössischen Politik geliefert. Sie verkörperte in ihrer Person die reichhaltige intellektuelle Tradition verschiedener Stränge des zentral- und osteuropäischen Radikalismus und der Arbeiterbewegung; sowie den Aufbruch von jüdischen Frauen aus Osteuropa, die nach Westen gingen, sich durch Bildung und eigenständige Arbeit von ihrem Herkunftsmilieu lösten und einen individuellen sozialen Aufstieg erreichten. Beachtlich
ist die Vielfalt der Themen, mit denen sich Helene Bauer auseinandergesetzt hat;
beginnend mit ihrer durchaus nach wie vor wertvollen Arbeit Die Entwicklung des
Warenhandels in Österreich [1906] (die unter dem Namen "Landau" erschienen ist)
bis hin zu den zahlreichen Publikationen im theoretischen Diskussionsorgan der
österreichischen Sozialdemokratie "Der Kampf". Dabei ging es um Fragen der Gestaltung
der Arbeitsprozesse, um die Planung der Wirtschaft, um sozialistische Bildungspolitik
in der neuen Republik ebenso wie um die Entwicklung und Krisen der Weltwirtschaft,
die Probleme der Sowjetunion, um den Imperialismus und um die kritische Auseinandersetzung
mit neueren mehr oder weniger marxistisch orientierten Arbeiten zur Situation
des Kapitalismus und der Arbeiterbewegung; und nicht zuletzt um eine Kritik der
zeitgenössischen ökonomischen Theorien und in den Sozialwissenschaften produzierten
Ideologien. Was
Helene Bauers Arbeiten immer wieder auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, soziale Phänomene
in ihrer Vielfalt und ihren unterschiedlichen Verursachungen wahrzunehmen. Es
werden die sozialen Ursachen, die ökonomischen Grundlagen für beobachtete Vorgänge
und Verhältnisse dargelegt; zugleich aber auch die bestehenden gesellschaftlichen
Verhältnisse keineswegs als unveränderbar, als menschlicher Gestaltbarkeit entzogene
geschildert. Es werden Ursachen für die bestehenden schlechten Verhältnisse angegeben
und somit Voraussetzungen für ihre Veränderung zum Besseren. Es existieren für
Helene Bauer Strukturen, Regelmäßigkeiten, "Gesetzmäßigkeiten" in der Gesellschaft,
doch sie werden nicht als ewig und unveränderbar angegeben; vielmehr wird immer
wieder die gesellschaftliche Bedingtheit einzelner wissenschaftlicher Auffassungen,
wie der wissenschaftlichen Weltauffassung insgesamt aufgezeigt. Helene Bauer gehörte zu denjenigen, die keineswegs die Auffassung vertraten, der Sozialismus wäre das ganz Andere und käme irgendwann in ferner Zukunft. Schon hier und jetzt gibt es die Verbesserung des Daseins, der teilweisen Vorwegnahme des künftigen Guten. Dies ist die wahrhaft materialistische Grundeinstellung, ein freudvoller, lebens- und genußbejahender Marxismus. Die künftige sozialistische Gesellschaft ist nicht eine des allgemeinen Mangels, der Gleichheit in Armut, sondern der Gleichheit im allgemeinen Wohlstand. Die Vorstellung von der künftigen sozialistischen Gesellschaft wird nicht als Dogma verkündet; ihre Ansätze sind aus der historischen Erfahrung und dem gegenwärtigen Denken und Handeln heraus ersichtlich. Daher finden wir bei Helene Bauer immer wieder die Verbindung von Theorie und Empirie, von wissenschaftlicher Erkenntnis und gesellschaftsgestaltender, gesellschaftsverbessernder politischer Praxis. Bei ihr tauchen auch Elemente eines älteren Radikalismus der Arbeiterbewegung auf: Individualismus und kollektives Denken und Handeln sind keine Gegensätze; der Staat ist kein neutrales Instrument zur allgemeinen Wohlfahrt des Volkes, sondern in seinem Handeln entscheidend durch Klasseninteressen bestimmt und somit durch die Interessen der herrschenden Klassen: Der Kampf um Staat und Recht, um die politische Gestaltung von Staat und Recht, ist ein stets zu führender und darf nicht aufgegeben werden. Um ihn führen zu können, sind wissenschaftliche Analysen, theoretische Einschätzungen notwendig. Die Beeinflussung von Staat und Recht im Sinne der spezifischen Interessen der arbeitenden Klassen ist nicht erst möglich und notwendig in der Epoche eines Endkampfes des Proletariats, sondern muß beständig unternommen werden. Die sozialistische Gesellschaft als eine Gesellschaft der von Not und Zwängen befreiten, glücklich leben könnenden Individuen braucht nicht nur erträumt und herbeispekuliert zu werden, sie ist in Bruchstücken bereits erfahrbar gewesen und auch gegenwärtig erfahrbar. Allerdings bedarf es der Erkenntnis, des Wissens und des organisierten politischen Handelns, um sie zu verwirklichen; sie kommt nicht von selber, ist nicht der Endpunkt einer gleichsam automatischen Entwicklung, eines sicheren Fortschritts, sie muß von Menschen bewußt geschaffen werden. Zusammenfassend
kann festgestellt werden, daß die Bedeutung Helene Bauers sich keineswegs auf
den Bereich sozialdemokratischer Bildungsarbeit und Parteipublizistik beschränken
läßt. Sie hat vielmehr als Sozialwissenschaftlerin Einsichten, Erkenntnisse von
nach wie vor geltender und großer Bedeutung erarbeitet und vermittelt. Ihre kritischen
Auseinandersetzungen mit zeitgenössischen wissenschaftlichen Anschauungen und
mit diversen ideologischen Konstrukten gründen methodisch in einem modernen Materialismus,
wie er in den Anfängen der neuzeitlichen Wissenschaft von Bacon, Hobbes, Locke
und Hume und im 19. Jahrhundert von Marx, Engels, Mach und Friedrich Adler vertreten
worden ist. Ihr Denken ist teilweise auch parallel zu dem so mancher Vertreter
der wissenschaftlichen Weltauffassung des Wiener Kreises zu sehen (z.B. Otto Neurath,
Edgar Zilsel), auch wenn es hier zu gelegentlichen Differenzen (etwa mit Otto
Neurath) gekommen ist.
Schriften (Auswahl): Literatur: Bearbeiter der Biografie: Johann Dvorák Bildmaterial: Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung Rechte Wienzeile 97, 1050 Wien |