JOKL, Anna Maria

*1911 Wien
+2001 Jerusalem
Psychotherapeutin, Schriftstellerin, Filmdramaturgin

Geboren am 23. Jänner 1911 in Wien, Journalistin, Drehbuchautorin, Rundfunkarbeit, 1929-32 Schülerin Erwin Piscators, 1933 Emigration nach Prag, 1939 nach London, nach 1945 Studium der Tiefenpsychologie in London und am Jung-Institut Zürich, 1951-65 Westberlin, Publizistin und Psychotherapeutin, lebte seit 1965 Jerusalem, wo sie am 21. 10. 2001 verstarb.

Anna Maria Jokl kam am 23. Jänner 1911 als Tochter von Berthold und Toni Jokl, geb. Oelsner, in Wien zur Welt. 1928 ging sie nach Berlin, wo sie sich als Journalistin und Drehbuchautorin betätigte. In der Rundfunkversuchsstelle begann sie mit ersten Experimentiersendungen wie "Grüner Tee" und "Amenophis und Echnaton", darauf folgten die Hörspiele "Blitzlicht auf Szene 13" und "Hexe". Von 1929 bis 1932 war Anna Maria Jokl Schülerin von Erwin Piscator.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme flüchtete sie 1933 nach Prag. Als am 15. März 1939 die Resttschechoslowakei von Nazi-Deutschland besetzt wurde, gelang es ihr, von einer tschechischen Polizistenfrau gewarnt, in die französische Botschaft zu fliehen. Die Möglichkeit einer neuerlichen Flucht ergreifend, gelangte sie kurz darauf nach Kattowitz und von dort nach London, wo sie sich für die Errichtung eines Flüchtlingskinderheimes engagierte.
Nach 1945 begann sie mit dem Studium der Tiefenpsychologie in London und am "Jung-Institut" in Zürich. 1950 kam sie zur Verfilmung von Die Perlmutterfarbe nach Ostberlin und wurde von dort nach kurzer Zeit ausgewiesen. Sie ließ sich 1951 in Westberlin nieder, wo sie bis 1965 psychotherapeutisch und publizistisch tätig war. Seit 1965 lebte Anna Maria Jokl in Jerusalem.

Erste schriftstellerische Versuche lancierte Anna Maria Jokl zu Beginn der dreißiger Jahre mit "Du und Ich, wir alle" und "Wer filmt mit?". Bei der Uraufführung ihres Experimentalfilms "Tratsch" im Mai 1933 in Berlin durfte ihr Name als Autorin nicht mehr aufscheinen. 1936 kam in Prag die filmtheoretische Arbeit Die künstlerischen Grundlagen des Films heraus. Neben ihrer journalistischen Tätigkeit begann sie Geschichten zu schreiben. 1937 wurde Das süße Abenteuer publiziert.

Jokls Leben als Emigrantin bedeutete einen kompletten Bruch mit der Vergangenheit. "Die neue Realität" hatte keinerlei Verbindung damit; weder die Sprechexperimente noch die Filmdramaturgie wurden je wieder aufgenommen. Für das kommende Leben - mit Ausnahme von 14 Jahren Westberlin 1951-1965 - war die Sprache, die man bis in alle Wurzeln kannte, nicht mehr Ausdrucksmittel." (Essenzen, S.102) Um diesem "vorläufigen Leben" und der Gefahr "geistiger Demoralisierung" (Essenzen, S.102) standzuhalten, habe sie mit der "überschweren Aufgabe" begonnen, einen Kinderroman über Physik zu schreiben. Die wirklichen Wunder des Basilius Knox. Ein Roman über die Physik für Kinder von 10 bis 70 Jahren mit dem Nachwort von Oskar Kokoschka ist erstmals 1937 in Prag erschienen und erweckte nicht nur bei Kindern großes Interesse. Der Tenor des Buches sei das Wundern geworden und richtete sich an die Kinder bzw. an jene Erwachsenen, deren Phantasie und Vorstellungsvermögen noch intakt war, denn "Nur Kinder schienen in der Atmosphäre jener Zeit genügend ernstzunehmen." (Essenzen, S. 102)

Ein weiteres Kinderbuch, Die Perlmutterfarbe. Ein Kinderroman für fast alle Leute, 1937 in Prag geschrieben, konnte erst 1948 veröffentlicht werden.

Schriften (Auswahl):
Beiträge für hebräische und deutsche Zeitschriften sowie für den Rundfunk
Die künstlerischen Grundlagen des Films. Beaufort, Prag, 1935.
Die wirklichen Wunder des Basilius Knox. Ein Roman über die Physik für Kinder von 10 bis 70 Jahren. Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig, 1997. (1. Auflage, zin Verlag, Prag, 1937)
Die Perlmutterfarbe. Ein Kinderroman für fast alle Leute. Leicht überarbeiteter Neudruck. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1995. (1948)
Die verzeichneten Tiere. Altberliner Verlag, Berlin, 1950.

Übersetzungen:
Kolitz, Zvi: Jossel Rackower spricht zu Gott. 1956.
Carmi, Avner: Das unsterbliche Klavier. 1965.

Quellen:
Korrespondenz mit Anna Maria Jokl Projekt "Österreichische Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft, 18. bis 20. Jahrhundert". Österreichische Exilbibliothek, Literaturhaus.

Hertha Hanus