Zaloscer, Hilde
Kunsthistorikerin

*1903 Tuzla, Bosnien, + 1999 Wien
Geboren 15.06.1903 in Tuzla, Bosnien, Österreich-Ungarische Monarchie, jüdische Herkunft.
1918 Flucht der Familie nach Wien; Studium der Kunstgeschichte an der Universität Wien, 1927 Promotion.
1936 wird eine Studienreise nach Ägypten zum Exil; Forschung über koptische Kunst - Berufung an die Universität in Alexandrien.
1968 nach Ausbruch der ägyptisch-israelischen Kriege neuerliche Vertreibung.
Rückkehr nach Wien; Gastprofessur an der Carleton University in Ottawa, Kanada.
1975-1978 Lehrauftrag am Kunsthistorischen Institut der Universität Wien, lebte dann auch in Wien.

Ehrenzeichen:
Theodor-Körner-Preis, Adolf-Schärf-Preis, das Goldene Ehrendoktorat der Universität Wien, Goldenes Verdienstkreuz des Landes Wien, Kulturmedaille der Stadt Linz.
Das wissenschaftliche Werk Hilde Zaloscers ist der koptischen Kunst in Ägypten und Problemen der Kunstgeschichte der Gegenwart gewidmet. Sie zählt zu den bedeutendsten und bekanntesten KoptologInnen.

Mit dem Zusammenbruch der österreichischen Donaumonarchie mußte die Familie - ihr Vater war Jurist - aus Banja Luka/Bosnien nach Wien flüchten, wo die Familie bis 1938 lebte. Hilde Zaloscer studierte bei Prof. J. Strzygowski, nach ihrer Promotion noch Weiterbildung bei Prof. Josef Strnad, Prof. R. von Heine-Geldern, sie absolvierte die Graphische Lehranstalt. 1927 wurde sie Schriftleiterin der Kunstzeitschrift „Belvedere“ des Amalthea Verlages, machte Führungen im Kunsthistorischen Museum, lehrte an der Volkshochschule, fand aber trotz aller Anstrengungen keine adäquate Anstellung, die ihr die erwünschten Forschungsmöglichkeiten bot.
1936 ging sie nach Ägypten; durch einige öffentliche Vorträge und durch Kurse in der Künstlervereinigung „Atelier“ bekam sie Kontakt zu intellektuellen Kreisen. Eine Untersuchung über koptische Denkmäler, vom staatlichen ägyptischen Museum gerade erworben und vom Generaldirektor des Museums angeregt, machte sie international bekannt. Um dem Internierungslager zu entgehen, schloß sie 1939 eine Scheinehe mit einem Ägypter und erwarb die ägyptische Staatsbürgerschaft.
1947 versuchte sie vergeblich in Wien ihre Forschungen fortzusetzen. Sie kehrte zurück nach Ägypten und wurde an die neugegründete Universität Alexandriens berufen, wo sie von 1947 bis 1968 lehrte. Mit dem Ausbruch der israelisch-ägyptischen Kriege setzte auch in Alexandrien ein verstärkter Antisemitismus ein. De jure Ägypterin, gelang ihr nur mit großen Schwierigkeiten 1968 die Ausreise.
Wieder – diesmal 65 Jahre alt – fand sie keine Arbeit in Wien. 1971 folgte Hilde Zaloscer einer Einladung nach Ottawa/Kanada an die Carleton University. International war sie die anerkannte Koptenforscherin, unternahm zahlreiche Vortragsreisen und publizierte im Ausland.
1974 Rückkehr nach Wien; 1975 bis 1978 Lehrbeauftragte am Kunsthistorischen Institut der Universität Wien. Der wissenschaftliche Schwerpunkt von Hilde Zaloscers Forschungen liegt, bedingt durch das Exilland, vorerst in der christlichen Kunst Ägyptens.
Die kaum existierende Bibliothek der neu gegründeten Universität zwang Hilde Zaloscer - ohne wissenschaftlichen Apparat - zu einer eigenen wissenschaftlichen Untersuchungsmethode. Durch den direkten Kontakt mit ihren 'Objekten', inmitten der gleichen sozialen Bedingungen, wie zu ihrer Entstehungszeit, entwickelte die Wissenschaftlerin einen von der Phänomenologie abgeleiteten Forschungsweg. Selbst denken, selbst schauen, selbst erleben, führten zu neuen Ergebnissen. Hilde Zaloscer zeigte, daß mit der koptischen Kunst eine autochthone und autonome, seit Jahrtausenden vorhandene Kunstform existierte, die von der griechisch-römischen, der byzantinischen und auch der pharaonischen Reichskunst überlagert wurde. Ihre zahlreichen Artikel in deutscher, französischer und englischer Sprache publiziert, markieren ihre Fortschritte und machten sie international bekannt. Sie war Ehrengast beim „Koptischen Kongreß“ in Essen, 1963.
In den folgenden Jahren widmete sich Hilde Zaloscher zunehmend den Problemen der modernen Kunst, wo sie ebenfalls sehr persönliche, unorthodoxe Wege ging, ihre oft angezweifelten Thesen haben sich aber doch bestätigt. 1987 wurde von Wissenschaftern aus den USA eingeladen, an der Encyclopedia Coptica mitzuarbeiten.

Schriften:

Publikationen:
Quelques Considerations sur les rapports entre l’art copte et les Indes. Annales du Service des Antiquites en Egypte, Cairo 1947.
Une Collection de pierres sculptees au Musee Copte du Vieux-Caire: Collection Abbas es-Arabi. Publications de la Societe d’Archeologie Copte. Series Bibliotheque d’Art et d’Archeologie, Cairo 1948.
Ägyptische Wirkereien. Bern, Stuttgart 1952.
Porträts aus dem Wüstensand. Wien, München 1963.
Vom Mumienbildnis zur Ikone. Wiesbaden 1969.
Die Kunst im christlichen Ägypten. Wien, München 1974.
Der Schrei. Signum einer Epoche. Das expressionistische Jahrhundert. Bildende Kunst, Lyrik und Prosa, Theater. Wien 1985.
Eine Heimkehr gibt es nicht. Ein österreichisches Curriculum vitae. Wien 1988.
Zur Genese der koptischen Kunst. Ikonographische Beiträge. Wien, Köln, Weimar 1991.
Visuelle Beschwörung, autonomes Kunstwerk, Ideograph. Wien, Köln, Weimar 1998.
Ein Epitaph für Elisa. Bratislava, Wien 1998

Artikel in Publikationen und Zeitschriften:
Malende Dichter, dichtende Maler. In: Josef Strzygowski-Festschrift. Zum 70. Geburtstag dargelegt von seinen Schülern. Klagenfurt 1932.
Zur Entwicklung des koptischen Kapitells. Caire 1945. (In: Bulletin de la Soc.d’archeologie copte.10).
Survivance et migration. Impr. des l’Inst. francais d’archeologie orientale. Le Caire 1954. (In: Melanges islamologiques 1).
La Femme au voile dans l’iconographie copte. Alexandria Univ.Pr. 1955. (In: Bulletin de la Faculte des Arts, Alexandria Univ.9).
„Doktor Faustus“ de Thomas Mann et ses Modeles. In: Revue du Caire, Caire 1953.
Die Bedeutung der bildenden Kunst im Oeuvre von Thomas Mann, In: Revue du Caire, Cairo 1953.
Die Antithetik im Werke Thomas Manns. Alexandrie 1959, S 47-96. (In: Bulletin de la Faculte des lettres, Univ.d’Alexandrie 13).
Les Hypostases du temps dans l’ouvre de Thomas Mann. Le Caire 1959. (In: Revue du Caire, 43, 227-228).
Die Eisenbahn als Bedeutungsträger in der russischen Literatur. In: Germanisch-Romanische Zeitschrift, Heidelberg 1958.
A propos des portraits de momies dits du Fayoum. Alexandrie 1963. (In: Bulletin de la Fac.des lettres, Univ.d’Alexandrie 16).
Gibt es eine koptische Kunst? In: Jahrbuch der österreichischen byzantinischen Gesellschaft, Wien 1967.
Die Frontalität - Form und Bedeutung. In: Alte und moderne Kunst,15 Jg., Nr. 108, Wien 1970.
Versuch einer Phänomenologie des Rahmens. In: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, Bd. 19/2, Bonn 1974.
Ägypten in Thomas Manns Josephsroman. Zum Problem des „Bildzitats“. In: Seminar: A Journal of Germanic Studies, Toronto 1974.
Der verdrängte Expressionismus. In: IWK-Mitteilungen, 4, 1986.
Das dreimalige Exil. In: Friedrich Stadler (Hg.): Vertriebene Vernunft I. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft 1930-1940, Wien, München 1987.
Wissenschaftliche Arbeit ohne wissenschaftlichen Apparat. In: Friedrich Stadler (Hg.): Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft, Wien, München 1988.
Kunstgeschichte und Nationalsozialismus. In: Friedrich Stadler (Hg.): Kontinuität und Bruch 1938-1945-1955. Beiträge zur österreichischen Kultur- und Wissenschaft. Wien, München 1988.
Vom Vorteil des Nachteils. Forschungsarbeiten ohne wissenschaftlichen Apparat. In: Wiener Jahrbuch Kunstgeschichte, Jg. 43, Wien 1990.
E- und U-Kunst im Alten Ägypten. In: Wiener Kunsthefte, 1, Wien 1993.
Die koptische Kunst – der heutige Stand ihrer Forschung. In: Enchoria, Zeitschrift für Demotistik und Koptologie, Bd. 21, Wiesbaden 1994.
Die Mumienbildnisse und die Geschichte ihrer Rezeption. In: Enchoria, Zeitschrift für Demotistik und Koptologie, Bd. 24, Wiesbaden 1997/98.
Zu Gerda Fassel’s Werk. In: Gerda Fassel: Köpfe, Torsi und Fragmente. Wien 1999.
Die Paradoxie der expressionistischen Ästhetik. Wiener Kunsthefte, 1998

Literatur

Edith Prost: Emigration und Exil österreichischer Wissenschaftlerinnen. In: Friedrich Stadler (Hg.): Vertriebene Vernunft I, Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft 1930-1940.Wien, München 1987.
Udo Kultermann: Zur Genese der Koptischen Kunst von Hilde Zaloscer. In: RACAR, Revue d’Art Canadien, 1992.
Erwin M. Ruprechtsberger: Neuerwerbung koptischer und islamischer Gegenstände aus der Sammlung Hilde Zaloscer und ihre Präsentation in der Ausstellung von den Aposteln zu den Kalifen 1993-1995. In: Kunstjahrbuch der Stadt Linz, Linz 1992/93.
J.H.Emminghaus: Art in Christian Egypt. In: Literature, Music, Fine arts, German studies. London vol./X 1977
Mario Schwarz: Das kunsthistorische Werk Hilde Zaloscers. In: Wiener Kunsthefte, 2, 1993.
Wilhelm Filla: Hilde Zaloscer als Kursleiterin im Volksheim der zwanziger Jahre. In: Wiener Kunsthefte, 2, 1993.
Henriette Horny: Hilde Zaloscers Vorlesungen hörend. In: Wiener Kunsthefte, 2, 1993.
Martin Seiler: Zur kunsthistorischen Methode und Kunstphilosophie Hilde Zaloscers. In: Wiener Kunsthefte, 2, 1993.
Susanne Bobek: Aus dem Leben einer jüdischen Emigrantin. In: Kurier, 5.12.1993.
Renate Doppler: Leben ohne Heimkehr. In: Welt der Frau, 10/1994.

Autorin der Biografie: Edith Leisch-Prost