Rosa Jochmann


eine andere Person

Jochmann Rosa, Arbeiterin, Widerstandskämpferin (SDAP) und Nationalrätin (SPÖ)

Geb. Wien, 19.7. 1901 (Wien-Brigittenau)

Gest. Wien, 28.1. 1994

geograph. Lebensmittelpunkt(e): Wien, Ravensbrück

Herkunft, Verwandtschaften:
Mutter Josefine J., Wäscherin (1874-1915), starb an "Erschöpfung"; Vater J., Eisengießer (1876-1920); Großmutter Rosalia J.; 5 Geschwister, 2 starben, 1 Sohn an Lungentuberkulose, Anna Gubesch, Josefine Calta, Karl J. (1896-1920); Eltern aus Mähren zugewandert; Mutter katholisch, Vater Mitglied einer Gruppe mährischer Sozialdemokraten, R. J. wuchs über ihn in die Sozialdemokratie hinein und nahm an Demonstrationen und Versammlungen teil. Nach dem Tod ihrer Mutter mußte sie für Geschwister und Vater sorgen, dem Vater gleichzeitig den frühverstorbenen einzigen Sohn ersetzen.

LebenspartnerInnen, Kinder:
langjähriger Lebensgefährte Franz Rauscher, hoher Parteifunktionär.

Freundschaften:
zu ihren besten Freundinnen zählte z.B. Marie Emhart.

Ausbildungen:
fünf Klassen Volksschule, drei Klassen Bürgerschule, erster Lehrgang der Arbeiterhochschule in Wien 1926.

Laufbahn:
jugendliche Berufswünsche Nonne, Lehrerin oder Mutter; Arbeiterin in der Wiener Süßwarenfabrik Schmidt & Söhne 1915-1916, kriegsdienstleistungsverpflichtete Arbeiterin in der Simmeringer Kabelfabrik "Ariadne" 1916, in der Kerzenfabrik "Apollo" (heute Unilever), Funktionärin in Chemiearbeiterverband 1917, Arbeiterin und Betriebsrätin in der Simmeringer Firma Auer (Erzeugung von Glasglühstrümpfen) 1920, Sekretärin der Gewerkschaft des chemischen Verbandes 1925-1932, als solche Anschluß an die SDAP, 1926 in der Elitegruppe des ersten Absolventenlehrganges der Parteihochschule im Döblinger Schlößl, rascher Aufstieg in die Parteispitze, Zentralsekretärin der Sozialistischen Frauen Österreichs 1932; Wahl in den Bundesvorstand der SdP 1933, Vorsitzende des Frauen-Zentralkomitees der SPÖ; 1934 in den Februarkämpfen Stenotypistin von Radioberichten für die Rumpfparteileitung, nach dem Parteiverbot Vertretung des alten Parteivorstandes im Führungskomitee der Revolutionären Sozialisten (RS), Fortsetzung der politischen Arbeit unter dem Decknamen Josefine Drechsler, August 1934 in Wiener Neustadt bei einer Untergrundaktion verhaftet, Verurteilung zu einem Jahr Kerker und drei Monate Polizeistrafe, im März 1938 wieder verhaftet, nach zwei Tagen freigelassen, Ablehnung der Emigration, Arbeit in einem jüdischen Textilgeschäft am Salzgries in Wien, 22.8.1939-1940 Polizeihaft in Wien, anschließend 21.3.1940 Überstellung ins KZ Ravensbrück, dort bis 1945, durch Fürsprache von Käthe Leichter von der Lagerleitung zur Blockältesten bestimmt, Schutzhäftling 3014, als solche Vermittlungsinstanz zwischen Lagerleitung und Häftlingen, trotz psychischer großer psychischer Belastung relative Stabilität, mußte der Deportation Käthe Leichters nach Ausschwitz tatenlos zusehen, sechsmonatige Dunkelhaft mit Essensentzug; 1945 Rückkehr nach Wien, bis 1967 Mitglied des Parteivorstandes, Repräsentation des linken Flügels, 1956-67 Mitglied der Parteiexekutive der SPÖ, 12959-67 Stellvertretende Vorsitzende der SPÖ, Abgeordnete zum Nationalrat (V.-XI.GP) SPÖ 19.12.1945-16.5.1967, Vorsitzende des "Bundes sozialistischer Freiheitskämpfer", eines Bundes ehemaliger RS; Vorträge, Schul- und Kongreßbesuche im In- und Ausland, Forderung zur Rückholung der Exilanten an die Machtgruppe um Oskar Helmer, Adolf Schärf und Karl Renner; 1967 Ausscheiden aus allen offiziellen Funktionen, als Zeitzeugin Besuch von Schulen und anderer bildungspolitischer Einrichtungen.

Ausz., Mitgliedschaften, Kooperationen:
1981 Ehrenbürgerin der Stadt Wien; Anhängerin von Otto Bauers Konzept einer Synthese von "Kopf und Herz" und der austromarxistischen Theoretiker am linken Parteiflügel;
ihre weiblichen Mentorinnen waren Adelheid Popp sowie Käthe Leichter, die der jungen Hilfsarbeiterin zwar Minderwertigkeitsgefühle überwinden half, aber ihre Skepsis gegenüber Intellektualität und theoretischen Fragestellungen nicht durchbrechen konnte;
Frauen in der SDAP, in Ravensbrück u.a. zusammen mit Hermine Jursa.

Spez. Wirkungsbereich:
Nach 1945 wichtige Funktion für die Stabilisierung und das Selbstbild der Partei, in der Auseinandersetzung um die Vergangenheit Kurt Waldheims und für die wissenschaftliche und publizistische Aufarbeitung des Nationalsozialismus; hohes internationales Ansehenpsycholog. Einordnung: Als Bedingung ihrer Akzeptanz in den mehrheitlich männerbündisch dominierten Gremien mag ihr kumpelhaftes, nicht durch erotische Ausstrahlung involvierendes Auftreten gegolten haben. (Dachs) Mit der Verwaltung von Tradition, Emotion, Unterordnung und letzendlich Konsens verlief ihre politische Karriere nach einem eindeutig weiblichen Integrationsmuster. (Dachs).

Zitate:
Das abendliche Betritual in ihrer Kindheit fand vor einer Bildertroika aus Ferdinand Lasalle, der Heiligen Familie und Karl Marx statt, "weil er so gütig dreingeschaut hat", hielt sie letzeren lange Zeit "für den lieben Gott" (DÖW 16651, 2) R. J. skizzierte in hohem Alter ihre politische Motivation: "Ins politische Leben bin ich gekommen, weil ich nie Unrecht ertragen konnte und kann und weil ich nie zusehen konnte, daß jemand Unrecht geschieht." (AZ, 18.7.1981) Ihre Haltung gegenüber der von ihr erlebten Hölle des KZ: "Meine Erlebnisse im KZ haben mich gelehrt, meine Mitmenschen zu verstehen, auch wenn sie eine andere Weltanschauung haben. Wichtig ist allein der anständige Charakter". Ihre Stellung innerhalb der Partei beschrieb sie so: "Ich habe zu denen gehört, deren Rückkehr unerwünscht gewesen ist." (DÖW 164, II, 25).

Biograph. Mitteilungen, Hinweise:
Etzersdorfer, Irene: Interview Nr. 164 vom 18.7. und 13.8.1984.

Nachlaß, Archive, Quellen:
DÖW, Dachs: DÖW-Akt 5110, 5830, 16651: Interview anläßlich einer Fernsehsendung zum 80. Geburtstag; VfGdA, Dachs: Lade 21, Mappe 34.

Anmerkungen:
Bearbeiterin: Kanzler; Anschrift: 1100 Wien, Laaerbergstr. 34-38/8/2.

Literatur:
BLÖF
Der Sozialistische Kämpfer. Organ des Bundes sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus., Juli/August 1981
Parlamentarierinnen.

Rosa Jochmann, Portrait einer Sozialistin. Zeitdokumente 40., o.J., Verlag: Verlag der SPÖ.

Blimlinger, Eva, 100 Österreicherinnen des 20. Jahrhunderts. In: Dr. Karl-Renner-Institut (Hg.): Zukunft. 2/1999. Frauen. Körper. Macht., 1999, S. 40-43, hier S.42, Wien, Verlag: Echo Ges.m.b.H.

Etzersdorfer, Irene, Rosa Jochmann. In: Dachs, Herbert; Gerlich, Peter; Müller, Wolfgang C. (Hg.): Die Politiker. Karrieren und Wirken bedeutender Repräsentanten der Zweiten Republik., S. 244-249.

Schwarz, Helga W., Internationalismus. Sechs Lebensbilder. Kleine Militärgeschichte, Mappe 34., (1989), Berlin/Ost.

Sporrer, Maria; Steiner, Herbert (Hg.):, Rosa Jochmann. Zeitzeugin., 1983, Wien.