Modul: Jüdische Frauen in Österreich und ihr Beitrag zu Wissenschaft, Kunst und Kultur. Ein biografischer Überblick
Dieses
Projektmodul soll das Leben, Schaffen und Wirken von Frauen jüdischer Herkunft,
die innerhalb der jeweiligen historischen Grenzen Österreichs im Zeitraum des
18. bis 20. Jahrhunderts geboren wurden bzw. eine wichtige Phase ihres Lebens
hier tätig waren, durch die Erstellung von ausführlichen Biografien beleuchten.
Als Grundlage dient der methodische Ansatz, welcher im Rahmen der Entwicklung
des Projekts "Biographische Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen", des
Lexikons "Wissenschafterinnen in und aus Österreich" und des Modulprojekts "Kinder-
und Jugendbuchautorinnen" diskutiert wurde.
Ausgehend
von den theoretischen Überlegungen einer feministisch orientierten Biografieforschung
wurde eine kritische Auseinandersetzung mit scheinbar allgemeingültigen Kategorien,
welche in der Betrachtung von menschlichen Lebensläufen nach wie vor bestimmend
sind, initiiert und in unterschiedlichen Bereichen eine geschlechterdifferente
Sichtweise eingefordert. Das Projekt ist damit vorrangig auf die biografische
Methode ausgerichtet. Ergebnisse werden nicht nur im Bereich Frauenforschung,
sondern auch im Bereich der jüdischen Geschichte erwartet.
Biografien von Frauen sind aufgrund mehrerer Faktoren schwerer nachzuzeichnen als jene von Männern. Zum einen, weil Frauen traditionell eher im Hintergrund tätig waren bzw. tätig sein mußten und ihre Namen in Handbüchern und Lexika nur dann zu finden sind, wenn es ihnen gelang, an die Öffentlichkeit zu treten, und zum zweiten, weil ihre Spuren durch Namenswechsel und aufgezwungene Pseudonyme oft sehr verwischt sind. Dieser Umstand tritt bei Frauen jüdischer Herkunft in noch größerem Ausmaß zutage.
Bei diesem Projektmodul werden die Kategorien des Basisprojekts biografiA berücksichtigt, indem man sich um eine kritische Auseinandersetzung mit den an männlichen Lebensläufen orientierten Dokumentationsmodellen bemühte. Die Entwicklung des biografiA-Kategorien-Schemas folgte den theoretischen Überlegungen einer feministischen Biografieforschung und hatte den Anspruch, die in der Gesellschaft offenkundigen Unterschiede von Männer- und Frauenleben erkennbar zu machen. Veränderungen im weiblichen Lebenslauf durch Bildung, Erwerbsarbeit und Familie sollten dokumentierbar werden und im Weiteren eine feministische, geschlechtssensible Biografieanalyse ermöglichen.
Jüdinnen und Juden haben die Kulturlandschaft Österreichs entscheidend mitgeprägt. Unter ihnen befinden sich zahlreiche Frauen, welche aufgrund der oben genannten Faktoren heute zum Teil in Vergessenheit geraten sind bzw. ist von ihnen nur noch der Name bekannt, nicht aber ihre Lebensumstände. In den meisten Lexika, besonders wenn es sich um frühere Ausgaben handelt, ist der weibliche Anteil an den verzeichneten Personen deutlich unterrepräsentiert. (Im Jahre 2002 erschienenen "Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft", Hg. von der Österreichischen Nationalbibliothek, finden bei einem Gesamtumfang von über 8100 Einträgen lediglich 688 Autorinnen Erwähnung.)
Das geplante Projektmodul will einen möglichst breiten Überblick über all jene Frauen schaffen, welche die österreichische Kultur mitgetragen haben, sei es in öffentlichen Positionen oder im Hintergrund - und zugleich sollen die jeweiligen Lebenswege möglichst genau recherchiert und dargelegt werden. Dabei sollen möglichst viele individuelle, unverwechselbare Lebensläufe, um mit Bettina Dausien (Dausien, Bettina: Frauengeschichten. Perspektiven der Biographieforschung in der Frauen- und Geschlechterforschung. In: Desiderate der österreichischen Frauenbiografieforschung, hg. v. Elisabeth Lebensaft, Österreichische Akademie der Wissenschaften Wien 2001, S. 26) zu sprechen, möglichst viele "rote Fäden", welche in individuelle Geschichten verstrickt sind, aufgenommen und die verschiedenen "Webmuster" entziffert werden. Somit soll ein Beitrag zur Biografie- und Geschlechterforschung geleistet werden. Der gemeinsame jüdische Hintergrund der aufgenommenen Frauen wird, unabhängig vom jeweiligen religiösen Bekenntnis, als Schicksalsgemeinschaft begriffen.
Die Zugehörigkeit zu Österreich meint hier nicht nur die Geburt innerhalb der jeweiligen historischen Grenzen, sondern bezieht auch all jene Frauen mit ein, welche durch ihre Staatsbürgerschaft als österreichisch zu definieren sind bzw. hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben. Der Untersuchungszeitraum umfaßt das 18. bis 20. Jahrhundert, also eine Zeitspanne, welche sowohl die Emanzipationsbestrebungen innerhalb des Judentums als auch deren Zunichtemachung durch Vertreibung und Ermordung enthält. Biographien stellen nicht nur die Lebensgeschichte der Menschen dar, sondern bieten auch einen Überblick über das jeweilige politische und gesellschaftliche Umfeld, in dem die Personen jeweils lebten und wirkten. Bei Personen jüdischer Herkunft ist dieser Umstand verstärkt erkennbar, bedenkt man die Tatsache, daß Jüdinnen und Juden in unserem Land besonders im 20. Jahrhundert Verfolgungen ausgesetzt waren. Dabei waren Frauen jüdischer Herkunft oft doppelt unterdrückt, einmal als Frau, die eine Rolle in der Gesellschaft einnehmen wollte und einmal als Person jüdischer Herkunft.
Projektbearbeiterin:
Mag. Dr. Susanne Blumesberger
Institut für Wissenschaft und Kunst,
Berggasse 17/1, 1090 Wien,
Tel: 317
43 42, e-mail: s_blumesberger@yahoo.de