Die Rudolf-Bultmann-Gesellschaft

Um die Beschäftigung mit dem Werk Rudolf Bultmanns und dem Programm einer Hermeneutischen Theologie zu fördern, wurde am 12. März 1998 die Rudolf-Bultmann-Gesellschaft für Hermeneutische Theologie gegründet. Als Sitz der Gesellschaft wurde Marburg/Lahn gewählt, wo Bultmann studierte und wo er von 1921 bis zu seinem Tode 1976 als akademischer Lehrer tätig war. Im Marburg der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts gab es die denkwürdige und theologiegeschichtlich überaus folgenreiche Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft Bultmanns mit dem Philosophen Martin Heidegger. Der lebendige Gedankenaustausch ihres Schülerkreises setzte sich in den Tagungen der ‚Alten Marburger‘ fort, eines philosophisch-theologischen Arbeitskreises, der sich bis zum Jahre 1998 alljährlich traf. Aus diesem Kreis kam die Initiative zur Gründung der Rudolf-Bultmann-Gesellschaft für Hermeneutische Theologie.

Rudolf Bultmann war nicht nur ein herausragender Exeget, dessen Werke zur Geschichte der synoptischen Tradition, zum Johannesevangelium und zur Theologie des Neuen Testaments – um nur die wichtigsten zu nennen – Maßstäbe in der neutestamentlichen Forschung gesetzt haben. Bultmann vertritt in seinem Gesamtwerk darüber hinaus vielmehr das Konzept einer sich grundsätzlich als Schriftauslegung verstehenden und tatsächlich als Schriftauslegung vollzogenen Theologie. Bultmanns Exegese wie seine systematisch-theologischen Arbeiten verbinden historisch-kritische Strenge und intellektuelle Redlichkeit mit Leidenschaft und Verantwortungsbewußtsein für kirchliche Verkündigung und Praxis. Wie kaum ein anderer im 20. Jahrhundert hat Bultmann dabei die hermeneutische Frage nach den Verstehensbedingungen des biblischen Zeugnisses in der Moderne in das Zentrum der theologischen Arbeit gerückt. Er hat die fundamentaltheologische Bedeutung der Hermeneutik für alle theologischen Disziplinen zu Bewußtsein gebracht, indem er den Zusammenhang von Glauben und menschlichem Existenzverständnis herausstellte und den christlichen Glauben als ausgezeichnete Weise des Verstehens einsichtig machte. Zugleich gebührt Rudolf Bultmann das besondere Verdienst, die Fragestellung der Wort-Gottes-Theologie mit derjenigen des von ihr kritisierten Neuprotestantismus metakritisch zu verbinden und so deren relatives Recht anzuerkennen.

Die Rudolf-Bultmann-Gesellschaft für Hermeneutische Theologie setzt sich, wie es in ihrer Satzung heißt, "in Aufnahme und Weiterführung der theologischen Arbeit Rudolf Bultmanns das Ziel, Hermeneutische Theologie zu fördern, die in der Einheit der theologischen Disziplinen und im Gespräch mit der Philosophie die geschichtlichen Verstehensbedingungen und die Gegenwartsbedeutung des biblischen Zeugnisses bedenkt." Im Sinne Bultmanns, der die Bildung einer theologischen Schule stets abgelehnt und die eigenständige, kritische Auseinandersetzung gefordert hat, will die Gesellschaft sich keineswegs nur mit dem Werk Rudolf Bultmanns beschäftigen, sondern die von ihm angestoßenen Fragestellungen, die neben und nach Bultmann auch von anderen Theologen in höchst eigenständiger Weise verfolgt worden sind, unter den Bedingungen der Gegenwart aufgreifen und fortführen. Sie ist dabei von der Überzeugung getragen, daß das umfassende Programm einer Hermeneutischen Theologie, die das Gespräch mit anderen Disziplinen sucht, wegweisend bleibt, dabei jedoch angesichts der heutigen Herausforderungen an Theologie und Kirche auf eigenständige Weise weiterentwickelt werden muß.

Die Gesellschaft erfüllt ihre Zwecke insbesondere dadurch, daß sie wissenschaftliche Tagungen veranstaltet, wissenschaftliche Arbeiten zur Hermeneutischen Theologie fördert, die wissenschaftliche Auswertung von Werk und Nachlaß Rudolf Bultmanns fördert und den wissenschaftlichen Nachwuchs unterstützt.

 

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