Der provokante Kanon

 

Die Jahrestagung 2013 der Rudolf-Bultmann-Gesellschaft für Hermeneutische Theologie 

„Im Raum der Bibelwissenschaften stellt sich die Frage, mit welcher Begründung gerade die in der christlichen Bibel zusammengestellten Bücher und Texte als Kanon gelten können.“ Das erklärte der Vorsitzende der Rudolf-Bultmann-Gesellschaft für Hermeneutische Theologie, Professor Dr. Christof  Landmesser, bei der Eröffnung der 15. Jahrestagung der Gesellschaft, die vom 25. bis 27. Februar in der Evangelischen Tagungsstätte Hofgeismar bei Kassel stattfand. Im Blick auf das Tagungsthema „Normative Erinnerung – Der biblische Kanon zwischen Tradition und Konstruktion“ fragte der Tübinger Professor für Neues Testament: „Was ist überhaupt ein Kanon?“ und „Was kann die Rede von einem Kanon als einer normativen Erinnerung überhaupt leisten?“ Handele es sich dabei nicht eher um den Versuch einer unangemessenen Entlastung eigener Verstehensbemühungen, „wenn von dem biblischen Kanon eine Normierung der Gegenwart oder zumindest unseres eigenen Denkens erwartet wird?“ Und wie sollte eine solche Normierung angesichts der heterogenen Schriften der Bibel aussehen? Landmesser dazu: „In jedem Fall provoziert der vorliegende Kanon unser eigenes Theologisches Urteil.“ Schon durch seine bloße Existenz stelle der Kanon uns vor die Aufgabe, „die dort erhaltene Erinnerung an die Geschichten und Gedanken des Urchristentums kritisch zu lesen und unter den Bedingungen unserer Gegenwart und in unserer Sprache zu interpretieren.“ Damit werden auch christliche Tradition und Gegenwart interpretiert. „Dass durch solche Interpretation Neues entsteht ist zu erwarten und zu hoffen“, sagte der Vorsitzende der Rudolf-Bultmann-Gesellschaft vor den rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung.

Wachsende Verbindlichkeit 

Die Theologiegeschichte des zweiten Jahrhunderts zeigt, dass der neutestamentliche Kanon „in seinem Kern nicht Ergebnis einer die vorhandene christliche Überlieferung kritisch bewertenden kirchlichen Zensur“ ist. Daher konnten „die später tatsächlich kanonisch gewordenen und als solche anerkannten Schriften ihrerseits zum kritischen Maßstab für die Auseinandersetzung mit anderen Texten werden“. Von dieser These ging Prof.  Dr. Andreas Lindemann, Bielefeld-Bethel, Gründungsmitglied und ehemaliger langjähriger stellvertretender Vorsitzende der Gesellschaft, in seinem Eröffnungsvortrag zum Thema „…wie geschrieben steht? - Zur theologischen Bedeutung von Schriftbeweisen“ aus. Nach Lindemann  liegt der Wert des neutestamentlichen Kanons weniger in seiner normativen als vielmehr in seiner kritischen Funktion. Die allmählich zum „Neuen Testament“ werdende Sammlung christlicher Schriften, die als theologisch verbindlich angesehen wurden, habe einen Maßstab gesetzt für das, was in der Kirche als grundsätzlich möglich betrachtet wurde „und umgekehrt für das in ihr zurückgewiesene Denken und Handeln“. Die Vielfalt des Kanons setze Grenzen der Diskussion und widerspreche damit religiöser Beliebigkeit.

In einer ausführlichen Exegese von Gal 3,1-29 wies der Neutestamentler nach, „ dass ´Schriftbeweise´ bei Paulus im Regelfall natürlich darauf zielen, die eigene Position zu bestätigen; aber der Argumentationsgang wird gelegentlich auch unmittelbar aus der Schrift heraus entwickelt“. Entscheidend dabei sei die angemessene Interpretation der Schrift, d.h. des Alten Testaments. Auch im lukanischen Doppelwerk zeige sich das Gewicht der biblisch-alttestamentlichen Überlieferung im Urchristentum, wenn etwa Lk 24,44-46 (Emmausjünger) und Apg 8,26ff (Bekehrung des Äthiopiers) gezeigt werde, „dass die ´Schrift´ − richtig verstanden − grundsätzlich alles für das Verstehen des Jesusgeschehens Nötige enthält“. Der Jakobusbrief mache dann deutlich, dass zum Zeitpunkt seiner Abfassung  „den Briefen des Paulus offenbar schon ein hoher Grad an theologischer Verbindlichkeit zugesprochen“ werde, „so dass es als nicht mehr möglich erscheint, dem Apostel offen zu widersprechen“. Mit dem Ersten Clemensbrief setze eine Entwicklung ein hin zu einer „sich auf die jeweilige Gegenwart beziehenden Kommentierung und dann auch ´Kanonisierung´ der paulinischen Briefe“.  Im 2. Petrusbrief deute sich die Existenz einer als autoritativ angesehenen Paulusbriefsammlung an.  Auch in den Ignatiusbriefen, dem Philipperbrief des Polykarp, bei Marcion und Justin deute sich zunehmend die Tendenz an, urchristlichen Texten Autorität zuzuweisen. „Aber von ´Kanonizität´ ist noch nicht zu sprechen.“, fasste Lindemann zusammen.

 

Es geht um die Kontexte

„Egal welche Kanongestalt  als Gegenstand der heutigen Exegese bestimmt wird, so stellt dies nur eine zeitliche und lokale Momentaufnahme dar, aus der weder theologisch noch historisch normative Schlüsse abgeleitet werden können“, betonte der Erlanger Professor für Altes Testament Dr. Jürgen van Oorschot in seinem Vortrag. „Kann Erinnerung normativ sein oder werden? Orientierungen eines Alttestamentlers in der Debatte zum biblischen Kanon“.  Die Frage nach Norm und Wahrheit könne nicht durch die beliebige Fixierung eines Ausschnitts beantwortet werden. Die Ausgangsfrage sei vielmehr: „Kann Überlieferung, Tradition und deren Interpretation normativ sein oder werden, wenn zugleich unstrittig ist, dass alle drei historisch, kulturell und sozial relational sind?“

Jede neue Aneignung und Verwendung der Texte dokumentiere, so van Oorschot, „dass die Spuren der je verschiedenen Kontextualisierungen den Textwelten anhaften und am Ende Eingang in einen Kanon finden“. Anhand von Jesajatexten machte der Referent deutlich „wie vielfältig die Phänomene auf dem Weg hin zu einem kanonischen Schrifttum sind, die uns verdichtet in den Literaturen des Alten Testaments entgegen kommen“. Sie „vertieft“ zu erfassen bereichere „nicht allein die historische Deskription zu autoritativen Texten und Prozessen der Kanonisierung, sie schärft auch den Blick für die systematische Aufgabenstellung“.

Für die Exegese bedeute das:„Wir müssen mit Ungleichzeitigkeiten rechnen, d.h. mit dem Nebeneinander unterschiedlicher Lebens- und Glaubenswelten, auf die unsere Textwelten noch einmal differenziert reagieren.“ Die Einteilung der Überlieferung in kanonisch und nichtkanonisch erweist sich für van Oorschot als nicht differenziert genug. Vielmehr gelte: „Die Vielgestaltigkeit der Befunde ist über die Rede von kanonisch/nichtkanonisch hinaus begrifflich abzubilden. Gradmesser ist die im Gebrauch sich spiegelnde Autorität, bezogen auf zu beschreibende soziokulturelle Kontexte.“ 

 

Kanon als Möglichkeitsraum des Neuen

An die Kontextbedingtheit des biblischen Textes erinnerte auch die Tübinger Professorin für Systematische Theologie Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt in ihrem Vortrag „Glauben und Verstehen – Kanon, kulturelles Gedächtnis und die hermeneutische Aufgabe der Theologie“. Die Kontextbedingtheit habe Rudolf Bultmann mit seinem Entmythologisierungsprogramm festgehalten. Das sei „seiner Einsicht in die Geschichtlichkeit der Theologie geschuldet, die, dem kulturellen Gedächtnis verpflichtet, auf die Relevanz des Historischen pocht“. Daher bleibe es „bis dato eine Aufgabe der Klärung und zwar gerade hinsichtlich der Bedeutung des Historischen“, an der normativen Stellung der Schrift und des Kanon festzuhalten. Gräb- Schmidt: „Wir tragen keine Kulturschuld ab, wenn wir uns den biblischen Texten weiterhin zuwenden, sondern dies dient der Vergegenwärtigung der Geltungsbestimmungen unseres Daseins.“ Es gehe dabei „um eine Zustimmung zu einem bisher Fremden, repräsentiert durch das Historische des Textes“.

Bultmann habe deutlich gemacht, dass Hermeneutik es mit einem rechten Verständnis von Tradition und Geschichte zu tun habe. Nach Gräb-Schmidt steht der Kanon „für den Geltungsanspruch der Tradition in der Verborgenheit ihrer Geschichte“. Tradition werde dabei zu einem  „kulturellen Gedächtnis, das gerade dadurch geltungsorientiert ist, dass es sich seines Ursprungs bewusst bleiben will“. Mit dem Kanon trete „das Bewusstsein von Gleichzeitigkeit und Differenz in den Horizont der Auslegungsbemühungen“. Durch die Entmythologisierung habe Bultmann herausgearbeitet, dass das Fremde des Textes nicht nur deshalb fremd ist, weil es unzeitgemäß ist, „es ist vielmehr genau deshalb bleibend fremd, weil es das zeitbedingt Historische mit einer Geltung in der Zeit versieht, die am Historischen nicht ablesbar ist“. Die Systematikerin folgerte daraus: „Das Festhalten am Kanon ist damit nicht ein Festhalten an einer dogmatischen Festlegung der Inspiration der Texte, die vorkritisch hingenommen werden soll, sondern ein Festhalten an einem im Kanon verheißenen Möglichkeitsraum des Neuen, der Unverfügbarkeit.“

"Lesen ist selbst das Heilige" 

Eine tiefgreifend andere „Lesart für eine Kanonhermeneutik“ schlug der Würzburger Professor für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen und Schriftsteller Dr. Dr. Klaas Huizing in seinem „systematisch-theologischen Versuch“ mit dem Thema „Die Weisheit als Kanon-Hermeneutin“ vor: „Die innere Einheit des Kanons verdankt sich einer bei den Kanongestaltern als Idee vorhandene Einsicht, Gott sei literal erfahrbar.“  Huizing, der die Positionen „schriftdistanzierter Systematiker“ einerseits und „dogmatikdistanzierter Exegeten“ andererseits kritisch abwies und sich als Vertreter einer „Biblischen Theologie“ deklarierte, geht davon aus, „dass vor allem weisheitliche Kreise für die kanonische Abschlussfiktion des Alten Testaments federführend waren“. Die Weisheit habe die Gotteserfahrung „lektoralisiert“. Das Universum, das Heilige oder Gott stelle sich dar „in Ordnungsstrukturen der natürlichen Welt und in der fiktionalisierten Menschheitsgeschichte“. Die Weisheit habe diese Darstellungen „idealtypisch inszeniert“ als Spruchweisheit und Erzählung.

Grundsätzlich gilt für Huizing: „Es gibt kein Jenseits zu den Texten. Texte erschließen Welt, die sich in der Bewohnung der Textwelt bewährt. Wer anderes behauptet, verfällt einem Textdoketismus.“  Es gibt nur einen Zugang „zu narrativ verdichteten und inszenierten, aber dezidiert theologischen Deutungen“. Huizing in seinem von den TagungsteilnehmerInnen ausführlich und kontrovers diskutierten Vortrag: „Lesen selbst ist das Heilige, nicht nur das Vehikel zur Erfahrung eines transzendenten Gottes.“ Gewissheit resultiere „nicht aus der Historizität, sondern aus der Imagination, Gott, das Universum, das Heilige und Sinn seien literal und damit lektoral erfahrbar“. Im Blick auf das Neue Testament sagte Huizing:  „Jesus deute ich als Inkarnation der Weisheitsstruktur, der in Sentenzen wie die Bergpredigt oder Ich-Reden und Gleichnissen als Miniaturdramen Betroffenheit von Transzendenz inszeniert.“ Der Kanon selbst sei offen, es bleibe aber die Frage, wie weit diese Öffnung gehe: „Nehmen wir Klopstocks 'Messias', Gerhard Hauptmanns 'Der Narr in Christo Emanuel Quint' und Martin Walsers 'Muttersohn' hinzu? Warum soll nicht Spätgeborenen eine kompetente Verdichtung der christlichen Lebensdeutung gelingen?“  

Protestantische Kanonfrage  

Dass die Kanonfrage primär eine protestantische ist, war das Fazit des Leipziger Professors für Neuere und Neueste Kirchengeschichte und Dekan der dortigen Evangelisch-Theologischen Fakultät, Dr. Klaus Fitschen, der zu dem Thema „Der Kanon und die Konfessionen. Neuzeitlicher Differenzen im Blick auf das scheinbar Gemeinsame“ sprach. Die Fragen nach dem Umfang des Kanons und nach der Stellung des Alten Testaments hätten in unterschiedlicher Intensität insbesondere die evangelische Theologie seit der Reformation beschäftigt. Zwar sei auch auf katholischer Seite seit dem II. Vaticanum die Beschäftigung mit der Bibel „erheblich aufgeblüht“, doch zeige sich gerade auf evangelischer Seite eine „hoch entwickelte innere Differenziertheit“. „Was letztlich zählt“, so Fitschen, „ist eben nicht ein abgegrenztes Schriftencorpus, sondern die hermeneutische Kunst, das Neue Testament und die Bibel in ihrer Vielfalt nicht auseinanderfallen zu lassen.“

 In der westlichen Tradition habe sich die Kanonfrage nach der Antike erst wieder im Humanismus und in der Reformation gestellt. So kenne die Lutherbibel, nicht aber die Zürcher Bibel, die in der Septuaginta über den hebräischen Kanon hinausgehenden „Apokryphen“  als Anhang, während das Konzil von Trient sie gemäß der Vulgata als kanonisch festgelegt habe. Der in der evangelischen Theologie vielzitierte „Kanon im Kanon“ „Was Christum treibet“ sei allerdings immer von theologischen Kontexten abhängig geblieben „und insofern vielleicht ebenso wenig hilfreich wie das katholische Formalprinzip einer kirchenamtlichen Festlegung des Kanons und seiner Auslegung unter lehramtlicher Überwachung“. Auf Grund dieser Spannung zwischen dem historisch überlieferten Kanon und dem immer wieder strittigen Bezug auf die Mitte der Schrift habe der Protestantismus mit der Kanonfrage das größere Problem.

Fitschen erinnerte an Adolf v. Harnacks Distanz zum Alten Testament wie auch an die deutschchristlichen Versuche, das Alte Testament zu „entkanonisieren“, während auf katholischer Seite der Münchner Kardinal Michael von Faulhaber gefordert habe: „Halten wir die Heilige Schrift des Alten Testamentes in Ehren!“ Der Kirchenhistoriker schloss seinen Vortrag: „Ja zum Kanon in allen seinen inneren Spannungen. Ja auch zu einer normativen Erinnerung, die die Kämpfe um den Kanon im Gedächtnis behält und auch die Tatsache, dass die christliche Bibel eben nicht vom Himmel gefallen ist.“

Die Bibel nicht als Waffe missbrauchen 

„Ich hasse den Ausdruck 'bibeltreu' als der Beschreibung einer besonderen Gruppierung in unserer Kirche, denn 'bibeltreu' das bin ich auch.“  erklärte der ehemalige bayerische Landesbischof und jetzige Gemeindepfarrer Dr. Johannes Friedrich in seinem Vortrag „Die Bibel und ihr Kanon – welche Bedeutung haben sie für kirchenleitendes Handeln heute?“.

Friedrich, der Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist, stellte fest, „dass es bei fast allen kritischen Fragen in unserer Kirche letztlich um das rechte Verständnis der biblischen Texte, ja des Kanons insgesamt und ihrer Bedeutung für unser heutiges Leben geht“. Der ehemalige Landesbischof erinnerte daran, dass die Reformation eine „Bibelbewegung“ gewesen sei. Daran müssten sich die Evangelischen Kirchen und ihre Kirchenleitungen orientieren. Es gelte, die Menschen für die Bibel zu begeistern, sie ins öffentliche Gespräch zu bringen und das Leben mit ihr durch „viele phantasievolle Angebote“ zu stärken. Friedrich warnte jedoch: „Wo die Bibel als Waffe gebraucht wird und nicht als Werkzeug mit dem Ziel der Freiheit, der Mündigkeit und der Verantwortung, ist sie meines Erachtens missbraucht.“ Der Referent trat „um der Wahrheit willen“ für die historisch-wissenschaftliche Exegese ein, wandte sich aber gegen den „lediglich kritischen, lediglich problemorientierten Bibelgebrauch insbesondere in der Schule“. Der habe zum Verlust der Bibelkenntnis geführt, ohne die auch keine Bibelerkenntnis möglich sei. Unter Berufung auf den Rat der EKD kritisierte Friedrich auch die Bibelübersetzung „Bibel in gerechter Sprache“ wegen mangelnder Texttreue und hob positiv die „Basisbibel“ hervor, deren Sprache dem Zeitalter der elektronischen Medien folge.

Zur derzeitigen Revision der römisch-katholischen Einheitsübersetzung erläuterte Friedrich, dass eine 2001 erschienene vatikanische Instruktion Vorgaben gemacht habe, wie die, dass die Übersetzung gottesdienstlich relevanter Texte allein nach der Neo-Vulgata zu erfolgen habe. Das widerspreche dem reformatorischen Schriftprinzip und habe eine zunächst geplante Mitwirkung evangelischer Bibelwissenschaftler unmöglich gemacht. Z. Zt. werde an einer „Durchsicht“ aller Teile der Lutherbibel einschließlich der Apokryphen auf Grund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse gearbeitet, die am Reformationstag 2016 auf den Markt kommen soll.

 

Christoph Weist