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8. Jahrestagung 2006

Geschichte und Vergangenheit.

Rekonstruktion - Deutung - Fiktion

 

27. Februar - 01. März 2006

Das Wort „Geschichte“ hat eine doppelte Bedeutung. Einerseits bezeichnet es die Vergangenheit, welche Gegenstand historischer Erinnerung und Forschung ist, andererseits bezeichnet es die Erzählung, deren Inhalt wahr oder auch erfunden sein kann. „Geschichte“ steht für „story“ wie für „history“. Wie hängt beides zusammen, und worin unterscheiden sie sich? 

Nach der scheinbaren Gewißheit, in der das 19. Jahrhundert seine Arbeit betrieb, um zu „erkennen, wie es wirklich gewesen“ ist (L. von Ranke, W. Wrede), erfolgte unter dem Einfluß der Dialektischen Theologie in der hermeneutischen Theologie ein Perspektivenwechsel von der objektivierenden Darstellung der Geschichte zu der in der „Geschichtlichkeit“ (Martin Heidegger) des Menschen angeeigneten Geschichte. Das lange Zeit als ausbalanciert geltende Verhältnis von Rekonstruktion und Interpretation ist zwischenzeitlich von Gegenentwürfen in Frage gestellt worden, die den fiktionalen Charakter der historischen Arbeit betonen. Parallel dazu sind Konzeptionen einer narrativen Theologie entstanden, welche den Stellenwert des Erzählens in der biblischen Überlieferung wie für den christlichen Glauben überhaupt betonen, während postmoderne Philosophen wie J.-F. Lyotard das Ende der großen Erzählungen und damit jedes Konzepts von Universalgeschichte behaupten. „Die“ Geschichte löst sich in Geschichten auf.

Für die historische Theologie wie für die Geschichtswissenschaft insgesamt stellt sich in der gegenwärtigen Situation die Aufgabe, die erkenntnistheoretischen Grundlagen der historischen Arbeit einer grundsätzlichen Überprüfung zu unterziehen. Aber auch andere Disziplinen beschäftigen sich heute mit dem Zusammenhang von Geschichte und Erzählung. Narrative Formen der Wirklichkeitsdeutung interessieren die Sozial- und Kulturwissenschaften ebenso wie die Systematische und die Praktische Theologie. Unter dem Thema „Geschichte und Vergangenheit“ spannt sich der Bogen von der Diskussion über die Prämissen historischer Forschung und die ihr zugrundeliegenden Rationalitätskonzepte bis zur Frage, wer unsere Lebensgeschichte schreibt und erzählt.

 

Konrad Schmid, Jahrgang 1965, ist Professor für Altes Testament und spätisraelitische Religionsgeschichte in Zürich. Veröffentlichungen u.a. zum Jeremiabuch und zur Sichtweise der Ursprünge Israels in den alttestamentlichen Geschichtsbüchern.

 

Eckhard Plümacher, Jahrgang 1938, war Bibliotheksdirektor an der Humboldt-Universität Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Apostelgeschichte hervorgetreten, zuletzt der Band „Geschichte und Geschichten“ (2004).

 

Lucian Hölscher, Jahrgang 1948, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bochum. Zahlreiche Veröffentlichungen, darunter sein Buch „Neue Annalistik. Entwurf zu einer Theorie der Geschichte“ (2003).

 

Silke-Petra Bergjan ist Professorin für Kirchen- und Theologiegeschichte in Zürich. Arbeitsschwerpunkte: Theologie und Philosophie in der Spätantike; Kirchengeschichtsschreibung in der frühen Neuzeit. 

 

Christoph Müller, Jahrgang 1944, ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. Veröffentlichungen zur Hermeneutik und zu Kasualien.

 

 

 

 


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