Heinz von Foerster Festschrift

Das Auge des Kojoten: Besuche bei einem Magier

Heinz von Foerster hat versucht, mir Mathematik beizubringen. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen. Vermutlich wollte ich die Theorie der rekursiven Funktionen und dort vor allem die Rolle der Funktoren für ihren Einsatz in der soziologischen Fassung der Systemtheorie erproben. Oder ich war unvorsichtig genug, zu erwähnen, daß mir der Beweis der Nichttrivialität bei vier möglichen Inputs noch nicht ganz einleuchtet. Oder wir sprachen wieder einmal über Spencer-Browns Form der Unterscheidung und ihre Möglichkeit des Errechnens der Unentscheidbarkeit der Beobachtung zweiter Ordnung.

Jedenfalls hatte Heinz schnell herausgefunden, daß ich auf dem Gebiet der Mathematik nur dilettierte. Und damit hatten wir den Anlaß meiner Besuche alle drei bis vier Wochen in jenen Wintermonaten 1990/91, die ich an der Stanford University verbrachte. Nach telephonischer Voranmeldung setzte ich mich mit dem Bangen, ob er die Fahrt ein weiteres Mal durchhält, in meinen Babystraßenkreuzer, den himmelblauen Ford Mercury Comet, und fuhr durch die Hügel von Pescadero hinauf zum Rattlesnake Hill. Dort spazierte ich mit Heinz und, wenn ihr danach der Sinn stand, mit Mai, hinter ihrem Haus den Hügel hinauf, um die Brise des Pazifiks zu atmen und das wunderschöne Grundstück zu bewundern. Dann setzte man sich zum Abendessen und irgendwann wurde Heinz unruhig und sagte, "Laß uns jetzt Mathematik machen." Dazu zogen wir uns in sein Arbeitszimmer zurück, in dem in perfekter Ordnung, eher das Zimmer eines Ingenieurs denn eines Gelehrten, jeder Zentimeter der Wände für Bücherregale ausgenutzt war.

Mir ging es offen gestanden eher um den Spaziergang und die Abendessen. Jedes Mal neu bewunderte ich die "Sonnendusche", die Heinz sich auf einer kleinen Lichtung eingerichtet hatte und die gleich zweifach ihren Namen verdiente: Den ganzen Tag über schien die Sonne auf einen in einer Spirale auf den Boden gelegten Gartenschlauch und wärmte das Wasser in dem Schlauch; und abends stellte sich Heinz nach seiner Gartenarbeit, wie der Herr ihn geschaffen hatte, unter die Dusche, die dieser Schlauch mit Wasser versorgte, und wusch sich in den Strahlen der untergehenden Sonne den Staub vom Leib. Auch Heinz war diese Sonnendusche sehr wichtig. Er bezeichnete sie als seine einzige wirklich bedeutende Erfindung und bat mich, dereinst einen Nachruf auf ihn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu schreiben, um darin die Sonnendusche zu erwähnen.

Bei den Abendessen ging es immer wieder um dieselben Themen, die Kriegszeit in Berlin, die Nachkriegsjahre in Wien, das Biological Computer Laboratorium und die vielen Freunde von Mai und Heinz. Friedrich Kittler hatte mich beauftragt, der kriegsrelevanten Forschung von Heinz etwas mehr auf die Spur zu kommen, aber Heinz erzählte nur, wie es ihm gelungen war, sich aus Berlin nach Wien abzusetzen, indem er darauf hinwies, daß die wichtigen Instrumente und vermutlich auch Unterlagen seiner Berliner Labors nach Wien zu bringen seien, um sie dem Zugriff des Feindes zu entziehen. Ich interessierte mich auch mehr für die Wiener Jahre und dort insbesondere Heinz' Aktivitäten als Kulturredakteur, der die aus dem Osten in den Westen ziehenden Emigranten, darunter Paul Celan, Wien nicht passieren ließ, ohne sie zum Interview vor sein Rundfunkmikrophon zu holen. Ich wüßte gerne, ob sich von diesen Sendungen noch Tonbandaufnahmen in irgendeinem Tonarchiv finden.

Endlos konnte ich mir die Geschichten vom BCL anhören, das mir Heinz und Mai als eine Art MIT avant la lettre schilderten, wo die heute so erfolgreichen Erfindungen des parallel arbeitenden Computers und der neuronalen Netze schon zu Zeiten gemacht worden waren, als das MIT noch am logischen Rechner arbeitete und die Ideen des Kreises um Heinz von Foerster eher belächelt wurden. Die Geschichte dieses Laboratoriums ist noch nicht geschrieben. Zwar haben in den vergangenen Jahren Steve J. Heims ("Constructing a Social Science for Postwar America", 1991), Paul N. Edwards ("The Closed World", 1996), Katherine N. Hayles ("How We Became Posthuman", 1999) und andere begonnen, die Rolle der Tagungen der Josiah Macy, Jr., Foundation bei der Entstehung der Kybernetik zu erforschen. Und inzwischen ahnt man auch, daß Claude Shannon, John von Neumann und andere beim RAND-Forschungsinstitut eine Kybernetik entwarfen, die bis heute ala kriegsrelevant unter Verschluß ist. Daß aber Heinz von Foerster mit seiner Frage nach dem Beobachter, die er aus dem Wien Sigmund Freuds und seines Großonkels Ludwig Wittgenstein nach Amerika mitgebracht hatte, längst auf dem Wege zu einem Verständnis von informationsverarbeitenden Systemen war, das Shannons (beziehungsweise wohl eher Warren Weavers) die sozialwissenschaftliche Diskussion fast ein halbes Jahrhundert unfruchtbar in ihren Bann ziehende Unterscheidung zwischen Technik und Semantik hinter sich gelassen hatte und zusammen mit Bateson, Ashby, Günther und Bruen dem Verhältnis der Produktion von Redundanz und Varietät durch rekursiv-nichtidentische Systemreproduktion nachging - das harrt bis heute seiner historischen Würdigung.

An diesen Stellen schaltete sich Mai ein und fragte, wie es sein könne, daß Heinz bis heute kein Nobelpreis verliehen worden sei. Mai zeigte sich in dieser Frage selbst als Kybernetikerin zweiter Ordnung und beobachtete anstelle des Beobachteten den Beobachter: Wie diese Nobelpreiskommittees arbeiteten, wollte sie wissen, nicht etwa, ob Heinz den Preis verdient hat oder nicht. Letzteres stand außer Frage. Hinzu kam, daß beide oft genug Gelegenheit gehabt hatten, unter ihren Freunden, die auf den einschlägigen Vorstandslisten standen, die Nervosität zu beobachten, die jedes Jahr ausbrach, wenn die Preisverkündung wieder anstand.

Ich begriff erst in diesen Gesprächen, daß ich zwar nach Amerika gegangen war, um endlich das Land kennenzulernen, in dem McCulloch, Bateson, Ashby, von Foerster und viele andere die Wissenschaft aus der Taufe gehoben hatten, für die ich mich interessierte, daß ich damit jedoch ein Land kennenlernte, das diese Wissenschaftler nach wie vor auf Abstand hielt. Amerikas Akademien, das konnte ich in Stanford fast täglich erleben, hielt an einem Kausalitätsgedanken fest, den die Kybernetik zweiter Ordnung hinter sich gelassen hatte. Deswegen mißtraute man auch den mathematischen Modellen dieser Kybernetik. Man ahnte, daß ihr epistemologischer Wert der Wert einer Metapher war. Man witterte Europa, um nicht zu sagen: Nietzsche.

Der Höhepunkt dieser Besuche war ein Nachmittag Ende Februar 1991, als Niklas Luhmann mich zu Mai und Heinz begleitete. Luhmann war von Sepp Gumbrecht zu der Tagung "Writing/Écriture/Schrift" eingeladen worden und hatte sich einen Nachmittag freigenommen. Nach einem kleinen Spaziergang am Pazifikstrand fuhren wir zum Haus der von Foersters und hatten das Vergnügen, nicht nur mit Heinz, sondern auch mit Mai den Weg den Hügel hinaufgehen zu können. Heinz erzählte, wie er von dort oben Kojoten beobachtete, die unten im Tal auf der Straße saßen und ihre Scherze mit dem Hund eines Farmers trieben. Kojoten sind so flink, daß sie auf einem Fleck sitzen und einen Hund heranlaufen lassen können und in dem Moment, in dem der Hund schon glaubt, gewonnen zu haben, blitzschnell vom Erdboden verschwinden, nur um wenig später einige hundert Meter weiter wieder seelenruhig zu sitzen und dem Hund entgegenzuschauen. Mir gefiel diese Geschichte, weil ich gerade erst entdeckt hatte, daß die Kojotengeschichten, die sich Indianer erzählen, strukturell vom selben Typ sind wie die Interventionen Jacques Derridas an amerikanischen Universitäten.

Wenn ich darüber nachdenke, scheint mir dies Bild auch nicht schlecht gewählt zur Beschreibung der Rolle Heinz von Foersters in den westlichen, nach seinem Geschmack viel zu sehr auf "scientia" festgelegten Wissenschaften. Mit welchem Spaß erinnerte er in einem Vortrag in Frankfurt am Main im Jahr 1994 "Über Bewußtsein, Gedächtnis, Sprache, Magie und andere unbegreifliche Alltäglichkeiten" (jetzt auf einer im Kölner supposé-Verlag veröffentlichten CD mit dem Titel "2 x 2 = grün" nachzuhören) daran, daß sich das Wort "scientia" aus dem indoeuropäischen "ski" = Unterscheidung, Trennung ableitet und damit nicht nur dieselbe Wortwurzel hat wie "schisma", "Schizophrenie" und "shit". Wahrscheinlich ist Heinz nur deswegen "System"theoretiker, weil sich das Wort "system" im Gegensatz zu "scientia" aus "syn" und "histamein" zusammensetzt und damit "Vereinigen", "Verbinden", sogar "Vereinheitlichen" bedeutet. Darum versteht Heinz sich nicht als Wissenschaftler, sondern als Magier, und zwar als ein Magier vom Schlage des Albertus Mag(n)us.

Wir kamen vom Spaziergang zurück und bewunderten das Haus der von Foersters, das er sich in einem einzigen Sommer nach dem Entwurf eines seiner Söhne mit seinen beiden Söhnen und wenigen Nachbarn selbst gezimmert hat - nachdem er den Hügel nichtsahnend vom allergieerregenden Unkraut des poisonous oak befreit hatte und sich wissenschaftlich unbekümmert von einem Wünschelrutengänger einen tiefliegenden Brunnen hatte aufspüren lassen, der bis heute erdbebenfest das Haus mit Wasser versorgt. Wir standen in der Halle des Hauses und kamen erst jetzt auf die Tagesereignisse zu sprechen, die vor allem den Golfkrieg betrafen, der seit sechs Wochen im Gang war.

Genauer gesagt, wir wären auf dieses Ereignis zu sprechen gekommen, wenn das Gespräch über dieses Thema nicht sofort wieder fallengelassen worden wäre. Ich fand das denkwürdig. Heinz deutete an, für ihn handele es sich um das Duell zweier verrückt gewordener eitler Staatsmänner. Luhmann gab zu bedenken, man könne international nicht zulassen, daß militärisch die Hoheit eines Landes verletzt werde. Man schwieg einige Sekunden - und wechselte das Thema. Während dieser Sekunden, so hatte ich den Eindruck, wurde die Differenz der Meinungen festgestellt, diese Differenz auf beiden Seiten und wechselseitig in den Kontext des jeweils bekannten Denkens des anderen gestellt, Moral und Recht miteinander verglichen, die Situation dieses Besuches in Rechnung gestellt und entschieden, daß man schon alles über die Meinung des anderen wußte, ohne daß noch Bedarf bestand, diese auszudiskutieren und die Situation unerfreulich werden zu lassen. Die taktvolle Reaktion des Fallenlassens des Themas war in ihrer Schnelligkeit eines Kojoten würdig und hatte doch nichts damit zu tun, daß man dem Thema aus dem Weg ging. Man wußte, woran man war, und sah keinen Anlaß, darauf zu bestehen.

Diese Situation war bezeichnend für das Verhältnis von Heinz von Foerster und Niklas Luhmann. Luhmann bewunderte von Foerster wie er nur wenige andere Menschen bewunderte, bestand jedoch immer darauf - das zeigt seine Reaktion auf von Foersters Vortrag zum sechzigsten Geburtstag Luhmanns in Bielefeld (abgedruckt in: Teoria Sociologica, Bd 2, Urbino 1998) -, das die Naturwissenschaften keinen Anspruch darauf erheben können, das Thema Komplexität im 19. Jahrhundert zeitlich vor den Sozialwissenschaften entdeckt zu haben. Deswegen müßten sich die Sozialwissenschaften auch nicht vorschreiben lassen, wie sie mit dieser Komplexität, etwa mit Hilfe der entsprechenden Mathematik, umzugehen haben. Heinz betrachtete mit größtem Respekt das umfangreiche Werk Luhmanns, mit dem dieser die Soziologie auf die Höhe der Systemtheorie brachte, war jedoch enttäuscht davon - das berichtet er in seinem 1997er Interviewbuch "Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen" -, daß Luhmann den Gedanken der Rekursivität nicht wirklich ernst nehmen würde. Für Heinz ist nicht die Komplexität ("Wenn jemand so ignorant ist, sich mit Komplexität auseinandersetzen zu wollen, bleibt er auch so"), sondern die Rekursivität das eigentliche Thema.

Ebensowenig wie die Frage einer Beurteilung der Legitimität des Golfkriegs wurde dies jemals ausdiskutiert. Keiner von beiden glaubte, daß man Fragen durch Diskussionen klären kann. Beide gingen vielmehr davon aus, daß man taktvolle Formen finden muß, um sich diese Fragen vorzulegen, und dann den anderen am besten in Ruhe läßt, um ihm die Gelegenheit zu geben, eine Gelegenheit zu finden, in der die eine oder andere Antwort möglich wird. Heinz hatte mit seiner Rede zu Luhmanns sechzigstem Geburtstag auf dessen Beitrag zur Festschrift zu von Foersters achzigstem Geburstag (Paul Watzlawick und Peter Krieg, Hrsg., "Das Auge des Betrachters", 1991) geantwortet, in dem Luhmann das Problem der Latenz aufwarf: Muß man nicht, wenn man das Verhältnis der Beobachter gnadenlos ewig zweiter Ordnung zueinander betrachtet, damit rechnen, daß Latenzbereiche entstehen, in denen es zur Übereinkunft wird, sich nicht zu beobachten? Muß man nicht damit rechnen, daß das Problem der Kognition, nämlich kein Ende zu finden, sich auf diese Weise selbst relativiert, so wie sich der Nerv eines Zahns selbst stranguliert, wenn der Schmerz zu groß wird?

Heinz ist dieser Verweis auf den Schutzbereich der Latenz fremd, solange er, wie er am "Vance-Owen-Problem" der scheiternden Konfliktbeilegung im ehemaligen Jugoslawien deutlich macht, Kommunikation beobachtet, die rekursiv immer dasselbe Problem des Nichtverstehenwollens reproduziert, und solange dieses Problem in Streit und Gewalt mündet. Müßten Soziologen nicht vor allem darauf eine Antwort finden, so fragt er Luhmann. Luhmann hatte auf diese Frage die Antwort einer "soziologischen Aufklärung", die allen allzu Reduktionswilligen durch die Einführung eines Gefühls für Komplexität die Reduktion schwieriger macht. Heinz dauert das vermutlich zu lange.

Um so erfreulicher fand ich es an jenem Nachmittag im Hause der von Foersters, daß die beiden im Punkt der Einschätzung der Zeit übereinzustimmen schienen. Beide wußten, daß man die Zeit nur nutzen kann, wenn man sich von ihr nutzen läßt und zu diesem Zweck darauf verzichtet, alle terms of trade zu durchschauen, die dabei eine Rolle spielen mögen. Auf der Fahrt zurück nach Stanford erzählte mir Luhmann von seiner Jean-Paul-Lektüre.

Dirk Baecker Düsseldorf, am 13. November 2000

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