Heinz von Foerster Festschrift

Die Koans des HvF

Koans haben mich schon sehr früh fasziniert. Es sind dies jene seltsamen Fragen, die Zen-Meister ihren Schülern stellen. Auf diese Fragen gibt es innerhalb der vorgegebenen Logik keine Antwort. Jeder Schüler muß seine eigene Antwort finden, die, wenn es die richtige ist, von seinem Meister akzeptiert wird. Die Antwort kann im Verrücken einer Teetasse bestehen oder in sonstigen, für den Außenstehenden unerfindlichen Handlungen.

Das berühmteste Koan ist die Frage nach dem "Ton der einen Hand": Wenn wir in die Hände klatschen, so erzeugen wir einen Ton. Das ist der Ton beider Hände. Welches ist der Ton der einen Hand?

Lange schien mir diese Frage völlig unsinnig und ich habe sie viele Jahre weit von mir geschoben. Während der Beschäftigung mit dem Konstruktivismus und mit Heinz von Foerster war der "Ton der einen Hand" plötzlich wieder da und stürzte mich in Verwirrung. Wie ist das mit dem Subjekt, das das Objekt schlägt und Töne erzeugt? Ist es das Subjekt, das Objekt oder die Tätigkeit, welches Töne erzeugt? Gibt es diese Töne überhaupt? Wie entsteht diese Sinneswelt?

Mir wurde klar, daß es bei der Beschäftigung mit Koans nicht darauf ankommt, eine Antwort zu finden, sondern die Wahrnehmung zu ändern.

Auf die gleiche Weise funktionieren die kurzen Aussagen HvFs, wie die "unbeantwortbaren Fragen", "wir sehen nicht, daß wir nicht sehen" , die "trivialen und nichttrivialen Maschinen" usw. Die Beschäftigung mit diesen Themen führt nicht zu einem größeren Wissen (zu Antworten) sondern zu einer anderen Art zu sehen.

Nach dem "Ton der einen Hand" beschäftigte mich HvFs Formel:

Xn+1 = OP (Xn)

oder in der speziellen Form

X1 = OP (X0)

Das besondere an dieser Formel ist, wie Heinz von Foerster ausführt, daß sie rekursiv ist. Wenn wir eine Operation mit einer bestimmten Ausgangszahl (X0) machen, so erzeugen wir X1. Wenn wir dieselbe Operation mit X1 machen, so erzeugen wir X2 usw. Das Grundprinzip ist, daß wir immer dieselbe Art der Operation mit dem Ergebnis durchführen. Dieser Prozeß, und das ist das Faszinierende dabei, führt, wenn wir ihn lange genug fortführen, stets zu demselben Ergebnis.

HvF zeigt dies am Beispiel der Wurzeloperation. Wird aus einer Zahl die Wurzel gezogen, so entsteht eine kleinere Zahl, wird daraus die Wurzel gezogen, entsteht wieder eine kleinere Zahl. Wird dieser Prozeß längere Zeit fortgesetzt, so ist das Ergebnis zwangsläufig 1. Dieses Ergebnis ist unabhängig von der Ausgangszahl, sie ist durch den Operator determiniert.

Als ich dies zum ersten Mal las, hatte ich eigentlich sozusagen ein neues Koan. Für viele Monate verging kein Tag, an dem ich mich nicht intensiv damit beschäftigte.

Und es änderte meine Wahrnehmung. Die Welt änderte sich, wurde durchsichtiger, verständlicher, erforderte mehr Verantwortung.

Ein Beispiel für eine solche Veränderung ist meine psychotherapeutische Praxis. In fast jeder Therapie plage ich meine Klienten mit der HvFschen Formel der Rekursivität. Ich setzte diese Formel in der Regel dann ein, wenn die Klienten davon reden, daß sie einen anderen Partner benötigen, eine andere Arbeit oder ein anderes Land. Ich erkläre dann die Formel und weise damit nach, daß es keinen Sinn macht, den Partner, die Arbeit oder das Land zu wechseln, wenn der Operator, also ihre Art das Leben zu erleben, wahrzunehmen, zu strukturieren oder zu konstruieren dieselbe bleibt. Über kurz oder lang wird das Ergebnis dasselbe sein. Mit dem neuen Partner mag es sich gut anlassen, oder um bei der Wurzelfunktion zu bleiben: da steht zunächst eine sehr interessante, vielversprechende, hohe Zahl. Aber nach einiger Zeit wird das Ergebnis immer gewohnter, sowohl mit dem Partner als auch beim Wurzelziehen. Und am Ende kommt die öde, immerselbe 1 heraus.

Es kommt also in der Therapie (und natürlich auch bei mir selbst) darauf an, den Operator zu ändern, nicht den Operanden.

In der Zeit der Beschäftigung mit diesem Thema bekam ich durch Zufall Kontakt zu HvF. (Die Buddhisten sagen, daß der Lehrer kommt, wenn der Schüler reif dafür ist.) Und, wenn ich HvF richtig verstehe, ist ihm viel wichtiger ist wie wahrgenommen wird, nicht was wahrgenommen wird.

Aber, und darauf hat der Meister ja immer hingewiesen, gilt dies plumpe Form der Rekursivität nur für triviale Maschinen.

Aber das ist wohl ein anderes Koan.

Georg Ivanovas

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