Heinz von Foerster Festschrift

Beyond Distinctions

Erinnerung an ein Gespräch auf dem Rattlesnake Hill über George Spencer-Brown und die Mystik.

Es war im August des Jahres 1998. Die Sonne brannte und machte den kühlen Wind, der vom Meer herüberwehte und in den Bäumen raschelte, erträglicher. An dem kleinen Tisch, links vor dem Haus auf dem Rattlesnake Hill, bestaunt von den großen, alten Bäumen, saßen zwei Menschen, die sich allmählich unsicher wurden, worüber sie eigentlich redeten. Die Aufnahmen auf den Bändern, die ich von diesem Gespräch besitze, enthalten - was ungewöhnlich ist für das Tempo mit dem Heinz denkt und spricht - lange Pausen und die Geräusche des Windes, die nicht von Stimmen gestört werden. Es war das Ende eines langen Interviews, das sich mit George Spencer-Browns Genie-Buch "Laws of Form" beschäftigte. Heinz hatte dieses Buch kurz nach seinem Erscheinen im Frühjahr 1969 für die Philosophie entdeckt und eine Aufsehen erregende Besprechung darüber publiziert.

"Was existiert", so fragte ich an diesem Augusttag in die entstandene Stille, "jenseits des Raumes, den wir durch unsere Unterscheidungen erschaffen? Hast du da eine - vielleicht auch sehr persönliche - Antwort?" Heinz sagte, daß erst die Unterscheidung den Raum erzeuge, in dem sich dann meine Frage nach dem Raum und der Welt jenseits dieses Raumes stellen ließe. Wir kämen nie über das Unterscheiden und Konstruieren von Welten hinaus.

Aber ist nicht, so fragte ich mich, die Mystik genau der Versuch, die Unterscheidungen zu transzendieren? "Du selbst", sagte ich in das Rascheln der Bäume, "sprichst am Schluß deiner Rezension der 'Laws of Form´ von einem 'Zustand letzter Weisheit´ und dem 'Kern eines Kalküls der Liebe, in dem die Unterscheidungen aufgehoben sind und alles eins ist´."

Heinz zögerte wieder, und ich glaube, wir hatten beide das Gefühl, daß wir jetzt über etwas sprachen, über das man nicht unbedingt sprechen soll. Es kann sich nur zeigen. Oder auch nicht. Und vielleicht ist es auch sinnlos, und Ludwig Wittgenstein hat Recht, daß an der Grenze der Erkenntnis das Schweigen beginnen muß und jeder für sich mit Erfahrungen hantiert, die sich nicht mehr besprechen lassen.

"Die Sätze", sagte Heinz, "die Du da zitierst, sind in der Tat von mir. Aber das genügt schon, damit ist das gesagt, was ich sagen möchte. Ich fände es besser, wenn wir sie nicht zerpflücken, sondern sie einfach so stehen lassen würden."

"Du hast", antwortete ich, "eine Art des Sprechens entwickelt, die Hinweise auf etwas gibt, worüber Du dann aber - wenn diese Aufmerksamkeit entstanden ist - nicht mehr sprichst."

Die Pausen unseren Gesprächs wurden nun länger und länger. Nach ein paar endlosen Minuten des Nachdenkens sagte Heinz: "Mir geht es um die Einladung zu schauen. Wenn man schaut, dann sieht man etwas, aber zuerst muß man schauen. Was der andere dann sieht, ist seine Sache. In vielen Fällen generieren die Unbeantwortbarkeit und die Antwortlosigkeit die Einsicht."

Meinem erneuten Nachfragen verdanke ich eine der schönsten Antworten, die mir Heinz in unseren vielen Gesprächen, die wir in den letzten Jahren geführt haben, gab. "Daß, was Du Antwortlosigkeit nennst", sagte ich, "könnte aber auch die Chiffre eines Mystikers sein. In diesem Raum des Ungewissen wäre dann wieder etwas ganz Anderes vorstellbar."

"Schon der Versuch, etwas ganz Alltägliches zu verstehen", so Heinz, "weist einen auf Rätsel und Wunder hin, über die man in seinem Leben ständig, ohne sie zu sehen, hinweggleitet. Vieles ist in einem ernsten Sinn überhaupt nicht erklärbar, und man wird, so meine ich, auch niemals in der Lage sein, es zu durchschauen - und damit seine Wunderhaftigkeit zu beseitigen und zu zerstören. Unser Wissen, das wir von der Welt besitzen, erscheint mir als die Spitze eines Eisbergs. Es ist wie das winzige Stückchen Eis, das aus dem Wasser ragt, aber unser Unwissen reicht hinunter bis in die tiefsten Tiefen des Ozeans. Mit dieser Behauptung, die von einer prinzipiellen Unerklärbarkeit und Wunderhaftigkeit ausgeht, werde ich in der Tat zum Mystiker. Ein Metaphysiker wäre ich, wenn ich auch eine Antwort besäße, die diese Unerklärbarkeit erklärt."

Nach diesen Sätzen saßen wir beide zusammen, und irgendwie schien alles auf eine herrliche Weise klar oder auf eine wunderbare Weise unklar. Die Sonne brannte. Von Ferne hörte man ganz leise die donnernden Wellen des pazifischen Ozeans. Der Wind raschelte durch die Flechten, hoch oben in den Bäumen. Und niemand sprach.

Bernhard Pörksen

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