Heinz von Foerster Festschrift

Tanz mit der Welt

Vom 4.-11.6.1994 findet in Hamburg der Weltkongress der sozialen Psychiatrie statt. Erstmalig sollen nicht nur sogenannte Fachleute sondern auch Angehörige und die Betroffenen selbst zu einem Kongress kommen. Die Resonanz ist überwältigend: Über 3000 Teilnehmer.

Heinz von Foerster, ein mir bis dahin in jeder Beziehung unbekannter Referent, ist für einen Hauptvortrag bei der Eröffnung eingeladen. Ich organisiere den Kongress und stelle das Kulturprogramm zusammen. Für die Referentenbetreuung bin ich nicht zuständig.

Kurz vor Kongressbeginn komme ich müde von der Arbeit nach Hause und schalte meinen Anrufbeantworter an. Eine Stimme schallt mir fröhlich entgegen. In seiner mir und anderen Leute später so vertrauten Art kommt der Satz: Ja Hallo, hier ist der Heinz von Foerster, ich weiß nicht, wo ich hin soll? Bin in Hamburg im Hotel Kronprinz. Er hatte meine Nummer aus dem Telefonbuch, der einzige Name, den er in den Kongreßunterlagen gefunden hat.

Ich rufe sofort zurück und teile ihm die näheren Modalitäten mit. Ein Treffen am Counter des Kongresses wird vereinbart. Am nächsten Tag kommt mir ein dynamischer kleiner 80-jähriger Mann entgegengesprungen. Wie aus einer anderen Welt, in seinem ebenso unvergleichlichen Cordanzug eine rote Mappe unter dem Arm, voller Tatendrang, keine Spur von Jetlag oder Müdigkeit. Wir sind uns auf der Stelle sympathisch. Natürlich hielt Heinz eine Rede, die das Publikum zum Kochen brachte, Gelächter schallt aus dem Saal (ich selbst habe leider anderes zu tun). Später erfahre ich, daß der Psychologe, der den Kongess inhaltlich vorbereitet hat, Heinz gebeten hat, seinen Vortrag auf nur 15 Minuten zu kürzen, um pünklich um 18.00 Uhr fertigzuwerden. Punkt 18.00 Uhr ist Heinz fertig und sehr stolz darauf. Thomas Bock, so heißt der Psychologe, gesteht später, daß dieses der größte Fehler seines Lebens war.

Der überaus erfolgreiche, spannende, aber auch sehr arbeitsintensive Kongress geht zu Ende und wie immer nach solchen Großereignissen überfällt einen die "Depression". Ich sitze zu Hause und starre stumpf vor mich hin, versuche alles nicht so schwer zu nehmen. Ich habe jeden Tag 14 Stunden intensiv mit Menschen zusammengearbeitet, viele nette Leute kennengelernt, die sich von nun an über die ganze Welt verstreuen werden, keine Chance, sie jemals wiederzusehen. Das Telefon schrillt durch die leere, ruhige Wohnung. Unnachahmlich schallt es aus dem Hörer: Ja Hallo, hier ist der Heinz von Foerster, wie geht es Ihnen? Mysthik, Zauber, Hexerei, ich weiß es nicht, aber ein Anruf im richtigen Moment und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und mehrerer Träume, die erstaunlicherweise wahr wurden.

Ein paar Wochen später sitze ich mit meiner neuen Freundin Nikola, die ich während des Kongresses kennengelernt habe, in einer Kneipe beim Wein. Unser Thema ist der Kongress und der Name Heinz von Foerster fällt einige Male. Ich habe inzwischen ein kleines Buch von ihm erhalten, daß mich völlig gefesselt hat: KybernEthik und eine gewisse Ahnung überfällt mich, daß hier - für mich - etwas neues beginnt. Ich schlage vor: Über Heinz v. Foerster müßte man einen Film machen. Meine Freundin ist zufälligerweise Filmemacherin und sie sagt, ja natürlich. Wir geben uns die Hand und besiegeln den Pakt. Natürlich ist Heinz einverstanden und "entzückt", überhäuft uns mit Material, wird zu unserem Mitarbeiter, und uns ist klar: Einen Film kann man nur mit Heinz zusammen machen und nicht über ihn.

Vorbereitungen werden getroffen und das Abenteuer "Tanz mit der Welt" (so wird der Film heißen) kann beginnen.

Wunderbarerweise bekommen wir eine Finanzierung für unseren Film (für ein derart schwieriges Thema eine ziemliche Seltenheit) und können im Februar 1996 zum Drehen nach Pescadero zu Heinz und Mai fahren. 14 Tage, die uns im nachhinein vorkommen wie Monate fern von zu Hause, soviel passiert zwischen uns. Intensive Arbeit an dem Film mit Heinz und seiner Frau Mai, lange Gesrpäche bis tief in die Nacht . In der zweiten Woche kommt unser Kameramann, der Film wird gedreht. Nach 14 Tagen verabschieden wir uns unter Tränen aber mit der Gewißheit, daß wir uns wiedersehen. Die Tage in Pescadero und die Gespräche haben mich inspiriert mehr über die Idee Konstruktivismus zu erfahren und mich damit auseinanderzusetzen. Ich lerne immer mehr Menschen kennen, die sich ebenfalls damit beschäftigen. Ich beginne, mich für die Form dieses Denkens zu interessieren und finde heraus, daß dadurch einiges einfacher wird für mich und welche Freiheit es beinhaltet. Lange Telefonate mit Heinz helfen mir weiter.

Im Mai 96 treffen wir uns in Wien und Bologna um den Film fertigzudrehen. Im Juni kommt uns Heinz in Hamburg besuchen. Die Besichtigung der neuen Kunsthalle wird zu einem unvergeßlichem Erlebnis: Heinz begibt sich auf Entdeckungsreise und bezieht das Aufsichts- personal (ansonsten schlechtgelaunt und darauf bedacht, Leute abzumahnen, die irgendwelchen Skulpturen oder Bildern zu nahe kommen), gleich mit ein. So eine Stimmung habe ich in diesen "heiligen" Kunsthallen noch nie erlebt.

Pünktlich zu seinem 85. Geburtstag, der in Wien im November 1996 mit einer großen Feier und einem Kongress begangen wird, ist unser Film fertig und wird das erstemal öffentlich vorgeführt. Alle sind begeistert, vor allem Heinz, der so sehr an diesem Projekt beteiligt war.

Unsere Freundschaft bricht nicht ab, und mein Leben hat sich ein Stück verändert. Langsam tauche ich in die Idee des Konstruktivismus ein und habe einige Elemente für mein alltägliches Leben übernommen, vor allem für meinen Beruf: Ich beschäftige mich mit der Kunst "verrückter" und behinderter Menschen, mache Ausstellungen und veranstalte Festivals, Kongresse und Tagungen über dieses Thema und dafür braucht man andere Sichtweisen. So wird eine große Tagung In Hamburg, die im September 2000 von uns veranstaltet wird, und das erstemal das künstlerische Schaffen behinderter und "verrückter" Menschen in einer großen Bandbreite diskutieren will, den schönen Titel "Weltsichten" tragen. Hierzu haben wir Künstler, Museumsleiter, Theaterintendanten, Philosophen und Sozialarbeiter eingeladen. Und nur einer wird fehlen: Heinz, der den Eröffnungsvortrag halten sollte.

Jutta Schubert

Heinz von Foerster Festschrift