Heinz von Foerster Festschrift

“Alles ist jetzt und hier”

Heinz von Foerster zum Ersten:
Von der Schwierigkeit eines Zwerges, einen Riesen zu er-fassen

Oft hatte ich mir in den letzten Jahren Gedanken darüber gemacht, was Heinz von Foerster für mich persönlich bedeutet und welcher Rang ihm in meinen Augen in der Betriebswirtschaft gebührt, in deutlichem Kontrast zur Stellung, die ihm das Fach de facto gegenwärtig einräumt.

Doch als ich dann überraschend eingeladen wurde, diese Gedanken in Form eines Beitrages zu einer Festschrift für Heinz von Foerster zum Ausdruck zu bringen, lief ich im Angesicht der Ehre, die mir mit dieser Einladung zuteil geworden war, zunächst auf eine Schreibblockade auf, die die Hemmungen, die ich zu Beginn meiner Dissertation hatte, doch noch deutlich übertraf.

So blieb mir nichts anderes übrig, als mich zurückzulehnen und mich zu erinnern. An den Weg, auf den ich irgendwann in den letzten vier Jahren geraten war, heraus aus dem gemütlichen, überschaubaren Tal der Zwerge ins Land der Riesen und an die Wegkreuzung, von wo an der Pfad immer verschlungener und beschwerlicher wurde, an jeder Biegung unterbrochen durch eine grosse dunkle Grube. Es waren die riesigen Fussspuren von Heinz von Foerster.

Um aussprechen zu können, welche Bedeutung Heinz von Foerster für mich hat, versuchte ich, der ich nie die Gelegenheit hatte, ihn persönlich kennenzulernen, mich zu erinnern, wie die "Begegnung" mit ihm wirklich war: die erste Lektüre seiner Texte, sein Telefonanruf aus Kalifornien und seine herzerfrischenden Glückwünsche zu meinem Versuch, zumindest den Grundriss seines gewaltigen Ideengebäudes nachzuzeichnen, dessentwegen ich so lange durch erkenntnistheoretisches Gestrüpp gestolpert war.

Aber es wollte nicht recht gelingen, die Erlebnisse Revue passieren zu lassen. Entlastung verschaffte mir erst der Mann, über den ich hier schreibe, genauer gesagt ein kleiner Satz aus seinem Büchlein "KybernEthik": "alles ist jetzt und hier"[1:15]. Es gibt keine Geschichte, nur Legendenbildung, die sich der grundlegenden Paradoxie aller Geschichtsschreibung verdankt, dass jeder Blick zurück immer Blick nach vorne ist, der sich um so mehr als Konstruktion entlarvt, je mehr er sich als Rekonstruktion geriert. Denn alles was ich wissen kann, entspricht nur dem, woran ich mich jetzt erinnere und reproduziert nicht, wie es damals wirklich war. Alles ist jetzt und hier.

Und so weise ich die nachfolgenden Gedanken als meine höchst persönliche und v.a. höchst gegenwärtige Konstruktion "meines Onkel Heinz" aus und skizziere sie im vollen Bewusstsein, dass alles Gesagte bestenfalls zur unvermeidlichen, obgleich schönen Legendenbildung über Heinz von Foerster beizutragen vermag, v.a. aber zum Dank für meine Zuversicht, dass mir seine magischen Ideen und seine (Lebens)Philosophie auch in Zukunft stets gegenwärtig sein werden.

Heinz von Foerster zum Zweiten:
Sein Einfluss auf mein Denken

"Was man wahr-nimmt, nimmt man für wahr. Es gibt ja kein Falschnehmen." [2:51]

Das Denken zumindest der westlichen Welt konfrontiert sich selten mit dem abgründigen Befund, dass sich seine grundlegenden Argumentations- und Beobachtungsmuster seit Descartes im Kern nicht mehr weiterentwickelt haben. Wissenschaft soll vordenken, Schule nachdenken, Gesellschaft will - so neuerdings - all dies überdenken. Wissenschaft denkt vor, wie die Erkenntniskraft darauf auszurichten ist, dass sie über alles, was vorkommt, unerschütterliche und wahre Urteile hervorbringt. Schule denkt nach, was Wissenschaft an Wissen schafft über die Welt und Alles, was dort so der Fall ist. Sie macht das Subjekt zu ihrem Objekt, schärft seinen Blick für wahr und falsch, lehrt, was war und (wahr) ist und stählt so das Subjekt im Kampf um das Objekt. Gesellschaft beobachtet: Gesellschaft nimmt wahr, was Wissenschaft vor- und Schule nachdenkt, und überdenkt, was damit anzufangen ist. Sie konstatiert, es sei zu wenig, und weiss doch nicht, wie es anders ginge. Gesellschaft nimmt wahr, dass Wissenschaft und Schule ihr vorenthalten, was sie in ihrem Innersten zusammenhält und das zu definieren sie sich vorbehält.

Gesellschaft als Beobachter nimmt jedoch nicht wahr, dass weder sie noch Wissenschaft noch Schule mehrheitlich das, was sie wahr-nehmen, für wahr nehmen. Wo sich das Dreigestirn Schule-Wissenschaft-Gesellschaft im Hinblick auf künftig erforderliches Denken und Wissen unbeirrt an Diskursen abarbeitet, die von den politisch imprägnierten Leitdifferenzen "für die Gesellschaft relevant/irrelevant, alt/neu, nützlich/schädlich, bezahlbar/unbezahlbar, sinnvoll/sinnlos usw." gesteuert werden, bleibt keine Zeit, die dahinter verborgenen, grundlegenden, weil epistemologischen Leitdifferenzen "wahr/falsch" und "sein/nichtsein" anzutasten. Jeder Zweifel aus der Tiefe würde die Lage unnötig zusätzlich destabilisieren, weshalb er tunlichst aussen vorzuhalten ist und bestenfalls als Zweifel an der Sinnhaftigkeit des eigenen Zweifelns wiedereingeführt werden darf. Denn schliesslich hat die öffentliche Debatte angesichts der Probleme der Zukunftsfähigkeit gesellschaftlicher Praxis besseres zu tun als vereinzeltem Knarzen im Fundament zu lauschen.

Und dennoch: aus erkenntnistheoretischer Perspektive sind die meisten der gegenwärtigen Diskussionen über Form und Inhalt wissenschaftlicher Tätigkeit und schulischer Ausbildung im Hinblick auf das gesellschaftliche Verwertungsinteresse nicht auf der Höhe des Problems. Denn es geht schlicht und schwer um die Blindheit gegenüber der eigenen Blindheit, oder wie Niklas Luhmann einmal treffend und mit deutlichem Bezug auf Heinz von Foerster resumierte, um das Problem, dass ein Beobachter nicht sieht, dass er nicht sieht, was er nicht sieht, weil er nicht sieht, dass er die Unterscheidung nicht sieht, die das bewirkt.

Mit Heinz von Foerster begann ich zu erlernen, dass dieses Problem nicht zu lösen, aber doch zu handhaben ist, vorausgesetzt, man entwickelt die Fähigkeit, die Blindheit gegenüber der eigenen Blindheit wahrzunehmen. Kurz gesagt wird das Selbstreflexionsvermögen geschärft, sowie das Bewusstsein für die Schwierigkeiten, die einen aus den wundersamen rekursiven Schleifen anspringen, welche sich entfalten, wenn man versucht sich selbst als Beobachter beim Beobachten zu beobachten. Ich begann zu erahnen, welche Befreiung das Denken erfährt, das nicht länger an "objektive" Wahrheit als Produkt irrtumsbereinigter kollektiver Wahr-Nehmung gekettet ist. Aber ich spürte auch einen gewaltigen Druck, einen Druck zu einer neuen Bescheidenheit, die einem nach dem Abschied vom ontologisch gesteuerten Beobachtungsschema wahr/falsch abverlangt wird. Eine Bescheidenheit durchaus von der Art, die meiner Meinung nach alle Texte von Heinz von Foerster kennzeichnet, und die stets begleitet wird von einem humorvollen Augenzwinkern, sich selbst nicht so ernst, v.a. aber sich nicht so wichtig zu nehmen. Leider wissen es Wissenschaft und Gesellschaft besser, der Volksmund wusste es immer schon: "Bescheidenheit ist eine Zier, doch es geht auch ohne ihr."

So ist es denn vielleicht just diese leise, bescheidene Art, mit der Heinz von Foerster diese erkenntnistheoretische Wendung von der Frage "was ist" zur Aufforderung "beobachte den Beobachter" - und das heisst zunächst einmal "beobachte Dich selbst!" - eingeführt hat, die verhindert, dass diese fundamentale Verschiebung in einer breiteren Öffentlichkeit Gehör findet. Zu laut scheint das Geschrei um Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld, als dass ein Zuhören möglich wäre. Aber es bleibt immer der "kleine Weg", immer die Möglichkeit, selbst täglich ein wenig dazu beizutragen, den Dialog von objektiven Wahrheitsansprüchen und denunzierenden Irrtumsanzeigen freizuhalten und das Zusammenleben friedvoller und umgänglicher zu gestalten.

Wir haben immer die Wahl. Wir sind verdammt frei zu sein."

Vielleicht muss es einmal deutlich gesagt werden: entgegen aller öffentlichen Verlautbarungen zielt auch heute noch ein Großteil der Bestrebungen von Elternhaus, Schule, Hochschule, Beruf und Gesellschaft darauf ab, das Prinzip "Zwang" zu erlernen, zu akzeptieren und kontinuierlich zu reproduzieren. Zwang stabilisiert die Verhältnisse, ohne Zwang geht es nicht. So erlernen wir Sachzwänge, personelle Zwänge, politische Zwänge, wirtschaftliche Zwänge, private Zwänge usw. treffend zu erkennen und je nach Situationszwang gezielt einzusetzen.

Derart zwanghaftes Verhalten artikuliert sich in gesellschaftlich etablierten Exkulpationsroutinen wie "ich hatte keine Zeit", "mir sind die Hände gebunden", "uns fehlen die Mittel", v.a. aber "I had no choice", oder in Form der Klassiker: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders". Belohnt wird vor allem die Konzentration der Energie auf einen möglichst elaborierten Nachweis der Zwangslage, in der man oder die Gesellschaft sich jeweils aktuell befindet. Die Beliebtheit dieses Verfahrens beruht auf der sorgsam verdeckt gehaltenen Paradoxie, dass Freiheit gewinnt, wer sich dem Zwang unterwirft. Zwang macht frei von der Verantwortung, die sich lästig anschleicht, sobald man nur über die Vermutung nachdenkt, es bestünde vielleicht doch eine Wahl, und sei es zunächst "nur" die, zwischen Zwang und Freiheit zu wählen. Von da an gibt es kein Zurück. Alles Handeln wird zur Qual, zur Qual der Wahl, die nun Entscheidung verlangt wo bislang programmierte Ausführung genügte, und die nun von einem einfordert, die Verantwortung zu übernehmen, die vormals die Verhältnisse zu tragen hatten. Aber all das weiss man und hat gelernt, sich davor zu hüten.

Durch Heinz von Foerster habe ich das Prinzip "Wahl" in einer Radikalität kennengelernt, vor der viele - und auch ich immer wieder - zurückschrecken. Mit diesem Prinzip Wahlfreiheit hat er mir ein Denkwerkzeug, mehr noch, einen Ansatz zu einer inneren Haltung mit auf den Weg gegeben, an dessen Zweischneidigkeit ich mir täglich die Zähne ausbeisse. Angefangen bei der Schwierigkeit, das Wahlprinzip im Alltag konsequent durchzuhalten und nicht in Zwangsroutinen zurückzufallen, über die Kunst, auch aus "klassischen Zwangslagen" befreiende Wahlmöglichkeiten herauszufiltern, bis zu dem Punkt, täglich entscheiden und dafür die Verantwortung übernehmen zu müssen.

Andererseits - und das erneuert stets zur rechten Zeit mein Vertrauen in das Wahlprinzip - komme ich immer wieder in den Genuss der Früchte dieser Haltung. Für mich liegt das Geheimnis wohl in der Fähigkeit, jede Wahlmöglichkeit als Geschenk anzunehmen und nicht ständig auf den Zwang zur Wahl zu schielen, in der Gabe, jede Entscheidung als tiefen Atemzug zu nehmen, der Kraft gibt, die Freiheit, in die man entlassen wurde, verantwortungsvoll zu füllen. Eine Fähigkeit, von der ich im Übrigen noch weit entfernt bin.

Mit Heinz von Foerster lernt man in meinem Augen ferner, von "Vorsicht: Restriktion!" auf "Hallo Option!" umzuschalten. Man erhält einen Blick für den Nutzen für alle Beteiligten, wenn man von der defensiven Strategie, angestrengt zu beweisen, warum etwas nicht gehen kann, auf die spannende Suche nach der Antwort auf die Frage umstellt, wie es doch geht, wenn man kurz gesagt das Motto wählt: "geht nicht" gibt's nicht. Überflüssig zu erwähnen, dass man im Nebenertrag ein Geschick dafür entwickelt, die eine Strategie von der anderen zu unterscheiden und sich vom Heer der Bedenkenträger nicht beeindrucken zu lassen.

Und schliesslich geniesse ich es, mich täglich in der Unterstellung zu üben, dass alles immer auch anders sein könnte und dass dieses "anders" deshalb stets mitgedacht werden darf. Das bringt einen mitunter gehörig auf Abwege, kostet Zeit und Mühe und macht manchmal einsam. Aber es beeinträchtigt in keiner Weise dieses wunderbare Gefühl, eben dadurch am Leben zu sein und nicht vom Leben (wer immer sich dahinter verbirgt) algorithmisch abgearbeitet zu werden.

"Act always as to increase the number of choices."

Heinz von Foersters Begabung, Gedankenfülle derart hoch zu komprimieren, dass sie an wenigen Schlüsselsätzen kondensiert, ist von Wittgenstein'scher Grösse und hat mich besonders mit einem Satz beeindruckt, den ich lange Zeit nur vor mir hertragen konnte, ohne ihn auch nur annähernd zu be-greifen: "Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten grösser wird." Immerhin war ich schon genug damit beschäftigt, mich erst einmal in der Handhabung des Grundprinzips "choice" zu üben. Da blieb für mühselige Rechnereien mit "numbers of choices" keine Zeit mehr. Bis mich der Verdacht beschlich, dass das Eine nicht ohne das Andere zu haben ist, vor allem, wenn man beginnt zu begreifen - und es scheint entscheidend zu sein, gerade darauf hinzuweisen - dass nicht so sehr die Anzahl der eigenen Wahlmöglichkeiten gemeint ist, als vielmehr die aller Beteiligten und Betroffenen. Erst diese versteckte Implikation verleiht dem Satz sein Gewicht und macht ihn zu der grossen Herausforderung, die einen - hat man sich einmal darauf eingelassen - jeden Tag aufs Neue anstarrt.

Man ahnt die Tiefe des Abgrundes, in den man blickt. Denn beteiligt und betroffen sind stets alle, die Partnerin, die Familie, das berufliche Umfeld usw.; der Nachbar genauso wie der Teilnehmer im Strassenverkehr. Da begann ich zu zweifeln ob der Last der Verantwortung, die sich da vor mir aufzutürmen drohte und suchte einen Ausweg aus dem Dilemma, indem ich mir eine Interpretation dieses Satzes von Heinz von Foerster zurechtlegte, von der ich nur hoffen kann, dass er sie mir durchgehen lässt: es geht nicht darum die Verantwortung für alle Beteiligten und Betroffenen zu übernehmen, sondern "nur" darum, der Verantwortung für den Erhalt ihrer Wahlmöglichkeiten gerecht zu werden.

Heinz von Foerster zum Dritten:
Zur Kontaktschwäche der BWL

Wer sich nach der Bedeutung von Heinz von Foerster in der BWL und für die BWL umsieht, dem dürfte es nicht schwer fallen, sich der These anzuschliessen, dass sein Gedankengut, allen voran die erkenntnistheoretische Figur des >>Beobachters<< nur langsam und eher durch die Hintertüre Eingang in das Denken der Zunft findet.

Nicht dass das Fach den Namen Heinz von Foerster gar nicht zu buchstabieren wüsste. Auch finden sich im betriebswirtschaftlichen Theoriegestrüpp eine Reihe von Hinweisen (meist Fussnoten), die auf ihn verweisen. Letztlich ist es dem Fach jedoch bis dato nicht gelungen, die nachfolgend skizzierten Spuren, die allesamt von Heinz von Foerster ausgehen, konsequent zu verfolgen und auf seine Figur des >>Beobachters<< hin zu bündeln:

  • Erste Spur - Konstruktivismus: Was Avantgarde sich nennt, zum Konstruktivismus sich bekennt. So oder ähnlich könnte eine Kurzformel für die Kontaktversuche lauten, die die Betriebswirtschaftslehre in Richtung Heinz von Foerster unternommen hat. Einzelne prominente Vorstösse, z.B. aus St. Gallen, verdecken jedoch nur das grundsätzliche Problem, dass nach wie vor ungeklärt ist, wie man die Betriebswirtschaftslehre - heute und auf breiterer Basis - überhaupt noch von der Relevanz einer Erkenntnistheorie überzeugen könnte, die vom Fach schon seit den 1980er Jahren nicht mehr als die grosse Überraschung gehandelt wird. Ohne dass im einzelnen geklärt wäre, von welchem Konstruktivismus eigentlich die Rede sein soll, genügt zumeist ein lapidarer Hinweis auf die diversen Rezeptionsphasen im Fach. Aber weder über den Erlanger Konstruktivismus noch über den social constructionism kommt man den konstruktivistischen Leitideen des Foersterschen Beobachters auch nur einen entscheidenden Schritt näher. Dann schon eher über die Autopoiesis, die ohnehin viele für das Synonym und die Begründung für die bis dato in der BWL nicht mehrheitsfähigen "erkenntnistheoretischen Foerstereien" halten.
  • Zweite Spur - Autopoiesis: mit der Autopoiesis betrat die Betriebswirtschaftslehre einen Weg, der sie, hätte Sie ihn zurückverfolgt, ebenfalls zu Heinz von Foerster und dem Beobachter geführt hätte. Im üblichen Tagesgeschäft des Faches wurde und wird jedoch die Autopoiesis bis heute meist mit nur einem, bestenfalls zwei Namen verbunden: Humberto Maturana und Francisco Varela. Nur wer sich genauer auskennt, weiss um den Einfluss von Heinz von Foerster auf die Entwicklung der Autopoiesis. Ausserdem bestand das Verwertungsinteresse der Betriebswirtschaftslehre bei all dem Rummel, den sie in den letzten 10-15 Jahren um die Autopoiesis in sozialen, genauer gesagt organisationalen Zusammenhängen veranstaltet hatte, von Anfang an primär in einer organisationstheoretischen Aktualisierung der festgefahrenen Autonomiedebatte und weniger darin, mit der Autopoiesis des Beobachters an den eigenen epistemologischen Grundfesten zu rütteln. So ist es ebenso verständlich wie bedauerlich, dass was so hoffnungsvoll autopoietisch begonnen hatte, bald auf Nebenkriegsschauplätzen und in Lehrbuchnischen der Organisationstheorie schlussverhandelt, m.a.W. als episodisch ad acta gelegt wurde, und sich die Türe zu Heinz von Foerster wieder schloss.
  • Dritte Spur - Kybernetik: ein Blick auf das betriebswirtschaftliche Verständnis von Kybernetik genügt, um zu sehen, dass die Debatte um die Kybernetik zwar nicht abgeschlossen ist, im Hinblick auf Heinz von Foersters >>Beobachter<< aus mindestens zwei Gründen als nachhaltig blockiert angesehen werden muss: zum einen durch die vielleicht verständliche allgemeine Remanenz kybernetischer Altlasten als Folge der langen Tradition seit Norbert Wiener, zum anderen und wohl noch mehr aufgrund der nachhaltigen Verankerung der klassischen Kybernetik im St. Galler Systemansatz und dessen starker Stellung als Wissenschaftsprogramm in der Betriebswirtschaftslehre.
    Die Wende in der Kybernetik hin zur Kybernetik zweiter Ordnung in ihrer Bedeutung für den Beobachter (nicht für die Kybernetik!), v.a. für die Beobachtung von Beobachtern, die Beobachtung zweiter Ordnung als Selbst- und Fremdbeobachtung, diese Wende, die Heinz von Foerster auf so wundervoll radikale Weise vollzogen und in seinen Texten so anschaulich beschrieben hat, wurde bislang von der Betriebswirtschaftslehre - und dort ironischerweise besonders vom Systemansatz - weitgehend übersehen.
  • Vierte Spur - Laws of Form: dass wir die Verbreitung der Laws of Form im deutschsprachigen Raum in erster Linie dem Engagement von Dirk Baecker verdanken, ist unbestritten. Ebenso unstrittig ist jedoch, dass wir die erstmalige Entdeckung und den Hinweis auf die Bedeutung der konstruktivistischen Logik des Spencer Brownschen Buches, m.a.W. die Verwertbarkeit eines den "soft sciences" scheinbar so fern stehenden mathematischen Kalküls für erkenntnistheoretische Fragen in jedem Fach erneut keinem geringeren verdanken als Heinz von Foerster. Die Betriebswirtschaftslehre hat Foersters Wink bis heute mehrheitlich ignoriert und die Relevanz des Kalküls der Form für die Erkenntnistheorie, speziell für Foersters Konstruktivismus und seine Kybernetik zweiter Ordnung kaum erkannt. Noch immer lassen sich die Arbeiten im Fach, die mit den Laws of Form zu Werke gehen, an zwei Händen abzählen.

Zusammengefasst stehen wir in der Betriebswirtschaftslehre in der Tat ganz am Anfang, so sehr, daß der Mainstream im Fach noch nicht einmal gerüchteweise von den erkenntnistheoretischen Umrüstungen vernommen hat, die sich das Fach wird zumuten müssen. Nur sehr zögerlich tastet sich die Disziplin an dieses Grossprojekt heran. Dies obendrein, wie es scheint, mehr auf Umwegen als im direkten Zugriff, denn es fällt auf, dass das Fach gegenwärtig mit Niklas Luhmanns Systemtheorie versucht nachzuholen, was es an Heinz von Foersters Figur des Beobachters versäumt hat. Systemtheoretisch mögen diese Importoffensiven der Betriebswirtschaftslehre einige längst überfällige Aktualisierungen einbringen, erkenntnistheoretisch kommt die Umstellung auf breiter Front auf diese Weise aber wohl nicht in Gang. Zu schwer fällt vielen im Fach der Umweg über Luhmann, der Durchblick, v.a. aber der Durchgriff durch Luhmanns gigantischen Theorieapparat, obwohl Foersters Fussspuren auch dort unübersehbar sind und Luhmann selbst nie einen Hehl aus den Ursprüngen seines Theoriebaukastens gemacht hat. Auch hier könnte eine intensivere Beschäftigung mit Foersters Texten helfen.

Es bleibt abzuwarten und aus meiner Sicht zu hoffen, dass die Betriebswirtschaftslehre früher oder später, besser früher, anhand der vielen Spuren den direkten Weg zu Heinz von Foerster konsequent zu Ende geht und ihm die Stellung einräumt, die ihm zukommt: als der erkenntnistheoretische Riese, auf dessen Schultern stehend Beobachtungen möglich werden, die eher auf der Höhe der zentralen Frage sind, die die Betriebswirtschaftslehre laufend von der Praxis zu hören bekommt: "siehst Du was, was ich nicht sehe?"

Bibliographie

[1] Foerster, H.v. (1993) KybernEthik. Merve Verlag, Berlin.

[2] Foerster, H.v. (1997) Entdecken oder Erfinden. Wie lässt sich Verstehen verstehen? In: Gumin, H. und Meier, H. (Hrsg.) Einführung in den Konstruktivismus, 3. Aufl. Piper, München, pp. 41-88.

Prof. Dr. Wolfgang Winter
International Management
University of Cooperative Education Heidenheim
Herrsching a. Ammersee, im Juni 2000

Heinz von Foerster Festschrift