"Meine Lehre ist, daß man keine Lehre akzeptieren soll":
Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen - eine Buchbesprechung

Dirk Baecker
die tageszeitung, 16. Juni 1998

Fast vierzig Jahre hat Heinz von Foerster an seiner Kybernetik der Kybernetik gearbeitet. Getreu seiner Einsicht, daß in den meisten Büchern nur Käse steht, obwohl sie nie den Mut haben, dann auch "Käse" drüberzuschreiben, hat er nie eigene Monographien geschrieben, sondern Beiträge für Tagungen verfaßt und Tagungsbände herausgegeben. Das erste Buch aus seiner Feder, "Observing Systems" (1981), ist eine von Francisco Varela betreute Aufsatzsammlung. Und auch die drei deutschen Bücher, "Sicht und Einsicht" (1985), "Wissen und Gewissen" (1993) und "KybernEthik" (1993) sind Aufsatzsammlungen. Jetzt ist ein neues Buch von ihm erschienen, "Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen", das zum ersten Mal ein Buch aus einem Guß ist und vielleicht einmal sein Hauptwerk genannt wird. Aber natürlich handelt es sich auch jetzt nicht um einen Text, für den Heinz von Foerster ganz monologisch als Autor geradestehen würde. Sondern es ist ein Protokoll eines Gespräches, zu dem Albert und Karl H. Müller, zwei Sozialwissenschaftler und Mitglieder des "Wiener Kreises", Heinz von Foerster überreden mußten. Sie wollten mit diesem Gespräch die von Foerstersche "Denk-Maschine" konstruieren und ließen sich von diesem Gedanken auch durch von Foersters Einwand nicht abbringen, daß dies prinzipiell nicht möglich sei.

Den Brüdern Müller ist es gelungen, ein Buch vorzulegen, das eine der gelungensten und aufregendsten Einführungen in die Kybernetik darstellt, die ich mir vorstellen kann. Eine Einführung zudem, die tatsächlich den Charakter einer Denk-Maschine hat, denn sie liest sich wie eine Sammlung von Parabeln, an denen zu lernen wäre, wie wir anders als gewohnt über uns nachdenken könnten.

Auch das Publikationsprinzip, unter das Heinz von Foerster sein Werk gestellt hat, wird durch dieses Buch nicht verletzt, sondern auf das Allerschönste bestätigt. "Schreibe nur", so hört man ihn sich sagen, "wenn dir klar ist, an welchem Tanz du teilnehmen willst." Sein Leben lang sucht von Foerster das Gespräch. Er schreibt nicht und er liest auch nicht, wenn beides nicht Teil eines Gespräches ist. Das gilt auch für die bahnbrechenden Aufsätze aus den sechziger und siebziger Jahren, in denen er die sogenannte Kybernetik zweiter Ordnung aus der Taufe gehoben hat und im Gespräch mit Leuten wie Jean Piaget, Gregory Bateson und George Spencer-Brown und mit Kollegen und Studenten am Biological Computer Laboratory an der University of Illinois eine Erkenntnistheorie entwickelt hat, die diesen Namen verdient, weil sie in der Theorie der Erkenntnis als Frage nach der Erkenntnis mit vorkommt.

"Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen": Das ist ein Satz aus dem Tao-te-king von Lao-tse und damit ein eigenartiger Titel für ein Buch, das im Untertitel, "Eine Selbsterschaffung in 7 Tagen", die Genesis zugleich zitiert und zurückweist. Nach wie vor geht es um eine Schöpfungsgeschichte in sechs Tagen und um die Ruhe am siebten Tag. Aber was hat es mit diesem "Selbst" auf sich, das sich erschafft und von dem in der Bibel keine Rede ist? Schaut man im Alten Testament noch einmal nach, stößt man auf den merkwürdigen Umstand, daß die Schöpfungsgeschichte zweimal hintereinander erzählt wird, einmal unter dem Titel "Genesis" und dann unter dem Titel "Paradies". Erst beim zweiten Mal kommen Namen ins Spiel, mit dem der Mensch die Geschöpfe des Himmels und der Erde ruft. Und erst jetzt werden das Leben, der Regen und der Baum der Erkenntnis erwähnt, von dessen Früchten zu essen dem Menschen bei Strafe der Vertreibung aus dem Paradies verboten ist.

Heinz von Foersters "Denk-Maschine", deren Konstruktion unmöglich ist, weil sie nichts Geringeres erfordern würde, als Heinz von Foerster einen zweiten Heinz von Foerster an die Seite zu stellen, ist die Antwort auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Genesis und Paradies. Wir leben im Zustand der Vertreibung aus dem Paradies, gebären unter Beschwerden und arbeiten im Schweiße unseres Angesichts. Aber wir haben der Welt Namen gegeben. Wir sind die Geschöpfe, die die Welt geschaffen hat, um sich selbst zu beobachten. Darum ist der Satz von Lao-tse, den auch George Spencer-Brown als Motto seiner "Gesetze der Form" gewählt hat, das A&O jeder Selbsterkenntnis: Die Namen sind der zweite Schritt, der erst möglich ist, wenn der Anfang bereits stattgefunden hat. Und dieser Anfang hat keinen Namen. Wir können nichts über ihn wissen. Heinz von Foerster führt durch den Tunnel des Paradieses den Satz von Lao-tse in die Bibel ein und hebelt damit ihren Versuch aus, dem Anfang den Namen "Gott" zu geben. "Gott" ist kein Name. "Gott" ist die Einsicht in die Unfähigkeit, dem Anfang einen Namen geben zu können.

Aber was dann? Wenn es keine Fremderschaffung gibt, bleibt nur die Selbsterschaffung. Aber sie ist eine Selbsterschaffung, die damit rechnen muß, daß die Welt bereits angefangen hat. Wie erschafft man sich selbst, wenn das Spiel bereits im Gang ist? Eine tolle Frage! Ich kann sie mir nur selbst beantworten. Kopieren gilt nicht, obwohl jeder weiß, daß es nicht zu vermeiden ist. Ich fange als Kopie an und schaffe mich in dem Maße neu, in dem es gelingt, mich als Kopie gleichsam abzutragen, ohne Aussicht allerdings auf eine "Identität", die ich mir irgendwann bescheinigen könnte.

An den sechs Tagen, an denen von Foerster mit den Müller Brüdern sprach, erzählt er Geschichten und Parabeln, die alle auf das eine Ziel zulaufen, nur noch Metaphern der Weltbeschreibung und Welterfindung zu akzeptieren, die es niemandem erlauben, sich aus der Verantwortung für sich selbst (und nur damit auch: für andere) herauszustehlen. Jedes Mittel ist dafür recht, die Thermodynamik ebenso wie die Neurophysiologie, die Mathematik rekursiver Funktionen ebenso wie die Sprachtheorie, der Witz ebenso wie die Etymologie der Wörter.

Keine dieser Parabeln soll hier verraten werden. Der Leser darf ebensowenig aus der Verantwortung entlassen werden, sich dieses Buch, wenn er will, selber anzueignen, wie es dem Rezensenten erspart werden darf, in seiner anderweitigen Arbeit zu zeigen, was mit diesen Parabeln zu machen ist. Aber der eine Hinweis soll gegeben werden, daß der Verzicht auf den Anfang, über den man nichts wissen kann, dazu führt, an die Stelle der Ontologie, mit der wir aufgewachsen sind, eine Ontogenetik treten zu lassen, an die wir uns um unsertwillen allmählich gewöhnen sollten. Heinz von Foerster setzt das Foerstersche Rasiermesser an und verzichtet auf alle Erklärungsprinzipien. An die Stelle der Reden von Ursache und Wirkung, Anfang und Ende, Stimulus und Response, Instinkt und Intention usw. usf. tritt die Frage nach stabilen Rekursionen. Was heißt das?

Wenn wir darauf verzichten, anzunehmen, daß die Welt voller Dinge, Eigenschaften und Attribute ist, und statt dessen annehmen, daß sie voller Prozesse ist, deren Anfang unbekannt ist, dann stehen wir nicht mehr vor der Selbstverständlichkeit, sondern vor dem unglaublichen Phänomen, daß Frösche Frösche sind, Liebe Liebe und Geld Geld. Kann es sein, daß wir auch dafür selbst verantwortlich sind? Heinz von Foerster lädt dazu ein, sich auf das Spiel mit diesen Rekursionen einzulassen, um sie zu variieren, um sie auf die Probe zu stellen, um sie zu drehen und zu wenden nach allen Regeln der Kunst und mit all dem vor allem: um sie fortzusetzen, denn sie sind unser Leben. "Und wenn der Kleine trotzig nachfragt: 'Aber Papa, warum?', dann gibst ihm eine 'Watschen'."

In einem weiteren Interviewband hat Pörksen die Rolle dieses Kleinen übernommen. Er fragt trotzig nach und fordert von von Foerster nicht Parabeln, sondern Argumente. Damit tut sich von Foerster schwer. Die Akademismen sind seine Sache nicht. Er interessiert sich mehr für die Konsequenzen, die immer schon in den Fragestellungen stecken. Pörksen erhält keine Watschen, aber wieder und wieder wird ihm vorgeführt, auf welches Denken er sich mit seinen Fragen einläßt. Welche Antwort ihn denn zufriedenstellen würde, fragt ihn von Foerster zurück, und macht ihn so darauf aufmerksam, daß eine Frage zu stellen, meist schon heißt, mit einer bestimmten Antwort zu rechnen, die einem in den längst ausgemachten Kram paßt. Willst du sein, zu wem du dich machst, indem du fragst, was du fragst, und auf die Antworten wartest, die du schon kennst - so könnte man die Erkenntnisfigur umschreiben, in die die Dialogkunst von Heinz von Foerster den Gesprächspartner und den Leser hineinlockt. Wäre es nicht viel interessanter zu erfahren, was ein anderer zu erzählen hat?

Auch in diesem Band erzählt von Foerster seine Parabeln und entwickelt jene präzisen Formalismen der Nichttrivialmaschinen, der rekursiven Operationen und des Errechnens neurophysiologischer Prozesse, von denen er sagt, daß sie auch jene Menschen erreichen sollen, die behaupten, sie hätten alles verstanden. "Es ist die vermeintlich allumfassende Gültigkeit der Erklärungen, die ich auf eine begründbare Weise in Zweifel ziehen und irritieren möchte. Wenn ich das Gefühl für das Wunder, dem wir ununterbrochen begegnen, wieder sichtbar machen könnte, dann wäre ich sehr glücklich." Für jene seiner Zeitgenossen, die ein für allemal die Frage geklärt sehen möchte, ob wir unsere Welt "nur" erfinden oder ob wir in der Lage sind, sie zu erkennen, hat Heinz von Foerster sogar ein kleines Theaterstück geschrieben. Vorhang auf. Man sieht: einen Baum, eine Frau und einen Mann. Der Mann zeigt auf den Baum und sagt laut und theatralisch: 'Dort steht ein Baum!' - Darauf die Frau: 'Woher weißt Du, daß dort ein Baum steht?' - Der Mann: 'Weil ich ihn sehe!' - Darauf die Frau mit einem kleinen Lächeln: 'Aha.' Der Vorhang fällt.


© Dirk Baecker. Published at the Radical Constructivism Homepage with permission of the author.
Page created and enriched with links: 25 Feb 2001 by Alex Riegler